Albert Bierstadt

Das Bild haut mich jedes Mal um. Monumental groß (zwei Meter zehn mal 3,61) dieser Sturm in den Rocky Mountains, den der Deutschamerikaner Albert Bierstadt ein Jahr nach dem Ende des Bürgerkriegs gemalt hat. Was Cecil B. de Mille für Hollywood ist, ist Albert Bierstadt für die amerikanische Malerei. Drei Jahre nachdem er von einer Expedition in den amerikanischen Westen zurückgekehrt war, hatte Bierstadt das Bild gemalt, das er A Storm in the Rocky Mountains – Mt. Rosalie nannte. Mount Rosalie heißt zwar heute Mount Evans (nach einem Gouverneur des Staates), aber Bierstadt hatte ihn damals nach der Gattin von Fitz Hugh Ludlow benannt, die er nach ihrer Scheidung von Ludlow geheiratet hat. Bierstadt ist eins der Mitglieder der wissenschaftlichen Expedition von Colonel Frederick W. Lander (es sind auch noch andere Maler und Photographen dabei), da kann man schon mal einen Berg nach der Geliebten benennen, die haben ja alle noch keine Namen. Natürlich gibt es heute auch einen Mount Lander und einenMount Bierstadt. Viele der Berge wird Bierstadt malen, was einen Journalisten ironisch sagen läßt: Albert Bierstadt has coyrighted the principal mountains. Wer sich kein Bild eines Bergs der Rocky Mountains leisten kann, kauft sich einen Kupferstich, den Edward Bierstadt von den Gemälden des Bruders gemacht hat. Heute sind die Berge von Bierstadt noch ➱teurer als damals. Der Mount Bierstadt liegt übrigens neben dem Mount Rosalie, da sind Albert und seine Rosalie ewig beieinander.

Er hat den schneebedeckten Berg auch etwas größer gemacht als er wirklich ist – was tut man nicht alles für schöne Frauen. Rosalie wird von den Zeitgenossen als hübsch und flirtsüchtig beschrieben. Albert Bierstadt ist schwer verliebt in die Frau seines Freundes Fitz Hugh Ludlow, mit dem er diesen Trip in den Westen macht. A Storm in the Rocky Mountains – Mt. Rosalie ist eigentlich kein Landschaftsbild, sondern ist eine überdimensionale Liebeserklärung in Cinemascope und Technicolor. Was Bierstadt malt, ist kein vor der Natur gemalter Realismus, dies ist noch eine romantische Vision des Westens nach den Gesetzen der klassischen Landschaftsmalerei. Und alles in falschen Farben. Bierstadt malt die Natur (nach seinen photographischen Konserven, seine beiden Brüder waren Photographen, da liegt der Griff zur Kamera nahe) nicht so wie sie ist, sondern wie sie sein soll.

Aber natürlich fertigt er vom Gewitter und dem Mount Rosalie erst einmal an Ort und Stelle eine Skizze an, wie sich ein Begleiter erinnert:He said nothing, but his face was a picture of intense life and excitement. Taking in the view for the moment, he slid off his mule, glanced quickly to see where the hack was that carried his paint outfit, walked sideways to it and began fumbling at the lash-ropes, all the time keeping his eyes on the scene up the valley…. “I must get a study in colors; it will take me fifteen minutes!” He said nothing more. It was indeed a notable, a wonderful view. In addition to the natural topographic features of the scene, storm-clouds were sweeping across…from north-west to south-east…. Eddies of wind from the great chasm following up the face of the cliff were again caught in the air-current at its crest and drove the broken clouds in rolling masses through the storm-drift…. Soft hailstones were falling [and]… rays of sunlight were breaking through the broken, ragged clouds and lighting up in moving streaks the falling storm…. Bierstadt worked as though inspired. Nothing was said by either of us. At length the sketch was finished to his satisfaction. The glorious scene was fading as he packed up his traps. He asked: “There, was I more than fifteen minutes?” I answered: “Yes, you were at work forty-five minutes by the watch!

Die Sache mit der Scheidung von Rosalie bringt wenig später das Protokoll des englischen Hofes zur Verzweiflung. Königin Victoria will das Bild unbedingt sehen, das der englische Ingenieur William Kennard kaum das es fertig war für 25.000 Dollar (was heute dem zehnfachen entspricht) gekauft hatte. Allerdings vermeidet sie nach dem Tod ihres Gatten Albert öffentliche Auftritte, und so muss Bierstadt das Bild zu ihrem Landsitz Osborne House auf der Isle of Wight bringen. Er bringt natürlich seine frisch angetraute Rosalie mit. Geschiedene Frauen werden zwar bei Hofe nicht empfangen, aber die königliche Schaulust siegt über moralische Bedenken. Mrs Bierstadt wird von der Königin empfangen und darf zum Essen bleiben.

Als der heute vor 181 Jahren in Solingen geborene Albert Bierstadt zwei Jahre alt war, haben seine Eltern zusammen mit seinen sechs Geschwistern in Rotterdam das Schiff Hopevon Kapitän Howland aus New Bedford bestiegen. Die Hope ist ihre Hoffnung auf ein besseres Leben. Bierstadt wird später nach Deutschland zurückkehren, weil ein entfernter Verwandter, der Düsseldorfer Maler Johann Peter Hasenclever, ihm eine Ausbildung als Maler versprochen hatte. Als er in Düsseldorf ankommt, ist Hasenclever gerade gestorben, aber seine Freunde nehmen den jungen Deutschamerikaner auf. Er freundet sich auch mit Emanuel Leutze an. Der ist in Amerika schon berühmt, weil er das Bild ➱Washington Crosses the Delaware gemalt hat. Das ist ja auch ein monumentales Bild. Und monumentale Bilder werden das Markenzeichen von Bierstadt werden, wenn er wieder in Amerika ist. Mit diesen Bildern hatte er schon in Europa begonnen, wie die Ansicht von Luzern (oben) zeigt. Wenn Sie die Alpen mit den Rocky Mountains da oben vergleichen, kann man kaum einen Unterschied erkennen.

Was Bierstadt malt, kommt bei den Neureichen des Gilded Agegut an. Vor allem bei denen, die jetzt dank des zündenden Schlagworts Manifest Destinymit dem Wilden Westen ihr Vermögen machen. Also Eisenbahnkönige wie James J. Hill, den man den The Empire Builder nennt.  Aber auch in Europa, das er mit seiner Gattin zwei Jahre lang bereist, wird er berühmt. Man behandelt ihn beinahe wie einen Staatsgast, die Bierstadts sind ein Teil der internationalen Schickeria der Belle Epoque. Das ist das Leben, dass der lebenslustigen Rosalie gefällt: in London die Königin besuchen, in Rom Franz Liszt besuchen, ihn Paris stolz dabei sein, wenn Albert die Légion d`Honneur erhält. Aber das kann nicht ewig so weiter gehen, so können wir im deutschen Wikipedia Artikel zu Albert Bierstadt lesen: Der Tod seiner Frau 1883 und andere Schicksalsschläge belasteten den alternden Künstler, der vereinsamt und mittellos im Jahre 1902 in New York verstarb. Bis auf die Daten mit Rosalies Tod (sie litt an Schwindsucht und lebt deshalb die letzten Jahre meist auf den Bahamas) und Bierstadts Tod ist hier alles falsch.

Es gibt Schicksalsschläge, sein Landhaus mit dem schönen Namen Malkasten (eine Reminiszenz an Düsseldorf) brennt 1882 ab, viele ➱Bilder verbrennen. 1883 stirbt seine geliebte Rosalie, 1885 erklärt Bierstadt seine Zahlungsunfähigkeit. Das ist ein geschickter Schachzug seines Anwalt, der damit einen Schuldenschnitt erreicht, weil Bierstadt sich mit den abenteuerlichsten Spekulationen verzettelt hat. Ich lasse das hier mal weg, aber dass er den Präsidenten McKinley zu überreden suchte, dass die USA die Insel Korfu kaufen sollten, das sollte doch erwähnt werden. Er mag zwar nominell mittellos sein, aber er lebt weiter im großen Stil. Und von Vereinsamung kann kaum die Rede sein, denn er hatte gleich nach dem Tod seiner Frau eine reiche Bankierswitwe geheiratet, die Millionärin Mary Hicks Stewart. Soviel zum Thema vereinsamt und mittellos.

Aber er ist nicht mehr der beliebte Künstler, der er zwei Jahrzehnte lang war. Der Publikumsgeschmack hat sich geändert, die Millionäre kaufen jetzt alte Meister aus Europa und neue französische Impressionisten. Die aus dem Boden schießenden Museen kaufen alles in Europa auf, was der Markt hergibt, die Goldschicht des Gilded Age wird immer dicker. Amerikanische Museen kaufen keine amerikanische Kunst, irgendwann schämen sie sich sogar für die Werke amerikanischer Maler, verbannen sie in den Keller oder verkaufen sie zum Schleuderpreis. Auch A Storm in the Rocky Mountains – Mt. Rosalie hat in England ein ähnliches Schicksal. Wird aber 1974 wieder gefunden und sofort vom ➱Brooklyn Museum gekauft. Denn plötzlich hat die amerikanische Malerei des 19. Jahrhunderts, insbesondere die ➱Hudson River School wieder Konjunktur.

Im Jahr der Zweihundertjahrfeier der Unabhängigkeitserklärung wurden auf dem amerikanischen Markt 14 Bierstadts verkauft, die insgesamt 77.000 Dollar brachten. Aber schon wenige Jahre später hatte sich der Wind gedreht, 1983 brachte The Last of the Buffalo (den das Auswahlkomitee für den Pariser Salon 1888 abgelehnt hatte) schon einen Preis von 720.000 Dollar. Bierstadt konnte auf dem Höhepunkt seiner Karriere verlangen, was er wollte. Er verlangte das Zehnfache von dem, was seine Kollegen von der Hudson River School für ein Landschaftsbild nahmen. Er brauchte das Geld, um seinen Lebensstil zu finanzieren. Und er brauchte den aufwendigen Lebensstil – das bildete er sich jedenfalls ein – um neue Kunden aus der Welt der Millionäre zu bekommen. Gut, ➱Anders Zorn (der natürlich hundert Mal besser malte als Bierstadt) fuhr auch einen Rolls Royce. Aber er blieb auf dem Teppich, blieb in seinem Herzen immer der schwedische Bauernjunge. Und hinterließ in seinem Testament ein riesiges Vermögen. Albert Bierstadt hinterlässt kein Vermögen, er hinterlässt nur seine Bilder. Er liegt auf dem Friedhof von New Bedford begraben, dem Ort, an dem seine Familie mit der Hope angekommen war.

Heute liebt man ihn wieder in Amerika. Heute kann man keinen Bierstadt mehr für einen Appel und ein Ei kriegen. Unter einer Million Dollar tut sich da nicht viel. Das Bild ➱Indians Spear Fishing wurde 2008 bei Christie’s für über sieben Millionen Dollar verkauft. Das hier ist nicht das Ergebnis eines Attentats auf Bierstadts Bild Bridal Veil Falls (oben), das ist moderne Kunst! Die NewYorker Künstlerin ➱Valerie Hegarty hat sich die Bridal Veil Falls als Vorlage für eine schräge Installation genommen. Ja, warum nicht. Ist auf jeden Fall witziger als eine  Fettecke von Beuys.

Das beste Buch zu Leben und Werk von Albert Bierstadt ist Gordon Hendricks’ Albert Bierstadt: Painter of the American West.  Es gibt ➱hier eine nette Internetseite, und hier eine Seite, die versprich ➱The Complete Works zu zeigen. Da wäre ich vorsichtig, man weiß gar nicht, wie viel Bilder er gemalt hat. Aber diese fünfhundert Bilder reichen auch schon aus, um den Betrachter optisch zu erschlagen.

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2 Antworten zu Albert Bierstadt

  1. Nils Pooker schreibt:

    Albert Bierstadt fand ich persönlich in seiner Konsequenz auch immer interessanter und überzeugender als Asher B. Durand oder Church. Und dabei konnte er es besser, als seine Werke vermuten lassen. Man ahnt die Fähigkeiten, die dann dem Geschäftssinn entgegenstanden. Vor knapp zwei Jahren fand ich den Bericht zu einem Bild von 1869, das dem europäischen Realismus und dem Düsseldorfer Malschülern Achenbach näher stehen als der Hudson River School. Aber damit ließen sich offensichtlich die Wünsche einer verwöhnten Ehefrau nicht mal in den USA ausreichend finanzieren:

    http://bo.st/cLGV4r

  2. Pingback: Bob Ross: Kunst als “happy little accident” › KUNST.mi.mol.een.utgeben

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