Alfred Lichtwark

Alfred Lichtwark hat heute (14.11.2010) Geburtstag, das sollte uns einer Erwähnung wert sein. Es hat im 19. Jahrhundert, in der Anfangsphase der deutschen Kunstgeschichte und der organisierten Museumsarbeit bedeutende Figuren gegeben, aber kaum eine wie Lichtwark. Er war ein Museumsmann wie Hugo von Tschudi oder Wilhelm von Bode, aber wie diese beiden war er nicht nur ein manischer Sammler. Max Liebermann, der mit ihm befreundet war, hat über ihn gesagt: Im Gegensatz zum einseitigen Kunstgelehrten, der sich in sein Spezialfach vergräbt und sich für sonst nichts auf der Welt interessiert, gab es für Lichtwark nichts, was mit Kultur zusammenhängt, wofür er sich nicht interessierte. Kultur war ihm Veredelung des Menschen und das Streben nach Kultur das Ideal seines Lebens. Und nicht nur das, der Sohn mittelloser Eltern glaubt daran, dass die Kunst nicht einer intellektuellen oder gesellschaftlichen Schicht gehört, sondern dass sie Besitz der gesamten Nation sei. Und dass das Museum der Ort der Volksbildung sei. Und dass schon die Schule zum Sehen von Kunst erziehen müsse.

Schon Gottfried Semper hatte anlässlich der Londoner Weltausstellung 1851 die öffentlichen Sammlungen als die wahren Lehrer eines Volkesgepriesen. In dem Jahr ist der aus Sachsen geflohene Revolutionär Semper (der Haftbefehl gegen ihn wird erst 1863 aufgehoben, aber Semper wird niemals nach Dresden zurückkehren. Auch nicht, wenn nach seinen Plänen die zweite Semperoper gebaut wird) beim Aufbau des South Kensington Museum beschäftigt, für dessen Bau er auch einen Entwurf einreicht. Das South Kensington Museum heißt heute Victoria und Albert Museum. Und unter Henry Cole hat man in London schon längst das wahr gemacht, von dem Alfred Lichtwark Jahrzehnte später noch träumt. Die Engländer haben eben mehr Kultur. Sagt auch Lichtwark in einer programmatischen Schrift von 1887. Der Deutsche sei zwar  dem Franzosen und dem Engländer an Wissen nicht unterlegen, aber an der Lebenskultur. Das beginnt im Äußerlichen, schlecht sitzende Kleidung und ungehobelte Manieren (an dieser Stelle muss man natürlich fragen: hat sich da etwas geändert?), aber damit hält sich Lichtwark nicht lange auf. Die Bildung des Geschmacks und die Bildung des Auges sind sein Ziel. Richtiges Sehen lernen. Da muss schon die Schule Erziehungsarbeit leisten, damit man Kunstwerke richtig betrachten kann.

Er wird auf dieses Programm immer wieder zurückkommen, er ist der erste große Kunstpädagoge, den wir jetzt haben. Wilhelm von Bode sammelt die beste Kunst der Welt für das preußische Berlin, Lichtwark will alle für die Kunst begeistern. 1886 wird er Direktor der Hamburger Kunsthalle, und Hamburg hätte keinen Besseren wählen können. Er wird Hamburger Maler sammeln und als erstes den Thomasaltar von Meister Francke für die Kunsthalle kaufen. Den hatte die Kaufmannschaft der Englandfahrer-Gesellschaft damals in Auftrag gegeben. Ihr Schutzheiliger war Thomas von Canterbury, den wir auch als Thomas à Becket kennen. Der hat nicht nur ein großes Nachwirken als Heiliger. Was wäre die Literatur ohne ihn? Chaucers Canterbury Tales, T.S. Eliots Murder in the Cathedral und Anouilhs Becket wären nicht geschrieben worden. Die Anglophilie der Hamburger setzt offensichtlich schon im 15. Jahrhundert ein, für die Kaufleute der Englandfahrer Gesellschaft musste es eben ein englischer Heiliger sein.

Aber Lichtwark wird auch die zeitgenössische Moderne kaufen. Wie Wilhelm von Bode ist er jetzt ständig unterwegs. Darüber berichtet er der Kommission der Verwaltung der Kunsthalle in seinen Reisebriefen. Die sind, von seinem Nachfolger Gustav Pauli herausgegeben, auch heute noch eine wunderbare Lektüre. Man kann sie (zweibändig 1924 bei Georg Westermann erschienen) heute noch antiquarisch finden. Es gibt neben Wilhelm von Bodes Mein Leben (am besten in der exzellent kommentierten Ausgabe des Nicolai Verlages) nichts Besseres, das einem ein Bild der Kunstwelt der Belle Epoque vermittelt. Alfred Lichtwark ist kein wilhelminischer Bildungsspießer, in den Reisebriefen schreibt ein wacher, scharfer Geist. Nicht ohne Humor. So sein aus Berlin vom 16. Juni 1892 datierter Brief: Die Ausstellung ist diesmal sehr trist und infolgedessen wenig besucht. Aufseher und Katalogverkäuferinnen sehen aus, als wäre das Ganze für sie veranstaltet. Sie unterhalten sich über drei Säle hinweg und singen die goldene Abendsonne zweistimmig. Begegnen sich zwei Besucher – par impossible – so zuckt ihre Hand nach dem Hut, wie man in der Wüste Sahara mit jedem Landsmann fraternisieren würde. Aber trotzdem hat mir die Ausstellung im innersten Herzen nicht mißfallen. Sie hat etwas Beruhigendes, denn man sagt sich bei gutem Gewissen, 80 Procent gehen einen nichts an.


Wir wollen nicht ein Museum, das dasteht und wartet, sondern ein Institut, das tätig in die künstlerische Erziehung unserer Bevölkerung eingreift, hat Lichtwark erklärt. Und kämpferisch hat er seine Haltung vertreten, um die Stadt der reichen Pfeffersäcke zu einer Kunststadt zu machen. Schon bald hatte er den Spitznamen eines Kunstbürgermeisters, und sein Freund Liebermann nannte ihn gar denPraeceptor Germaniae. Er gründete auch eine Sammlung von Bildern aus Hamburg und vergab Aufträge mit Hamburger Motiven an Liebermann, Bonnard, Vuillard, Slevogt (oben) und Corinth. Wegen einer Vielzahl von Impressionisten bekam die Ausstellung im Volksmund die Bezeichnung Schreckenskammer. Das sind schon Banausen, da in Hamburg. Lichtwark war voller Zorn auf den Widerstand gegen seine Ankaufspolitik, so schrieb er 1911 an seinen Nachfolger Gustav Pauli: hier herrscht eine Horde von Kaisern und sie sehen alle nur das rote Tuch des Modernismus, das mir aus der Tasche hängt. Heute können sie in Hamburg nur ewig dankbar sein, dass sie einmal einen Kunstbürgermeisters besessen haben, dem das rote Tuch des Modernismus aus der Tasche hing.

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