Carl Blechen

 

Vor zwanzig Jahren hat man in Berlin etwas Erstaunliches hinbekommen. Zwar waren die beiden Deutschlands offiziell noch voneinander getrennt, aber man hat eine gemeinsame Blechen Ausstellung veranstaltet, zum 150. Todestag des Malers. Alte und Neue Nationalgalerie haben ihre Bestände in einer Doppelausstellung gezeigt und ein gemeinsames Katalogbuch produziert: Carl Blechen: Zwischen Romantik und Realismus. Blechen ist einer der erstaunlichsten deutschen Maler im 19. Jahrhundert, er passt eigentlich gar nicht in die Zeit. Sein Nachruhm ist auch außer bei Sammlern und Kunsthistorikern nicht so groß gewesen wie der von Caspar David Friedrich. Aber Max Liebermann, der ein gutes Auge und einen scharfen Verstand hatte, hat gesagt: Er war ein begnadeter Maler von Gottes Gnaden. Einer der wenigen Auserwählten, der nicht nur zu den Besten seiner Zeit gehörte …, sondern auch auf die Besten seiner Zeit, wie auf Menzel, einen entscheidenden Einfluß ausgeübt hatte.

Also dies ist kein Blechen, aber der Berliner Kunstsammler Julius Freund (der Vater der Photographin Gisèle Freund), der Blechen sammelte, hatte ihn als echten Blechen gekauft. Blechen hat zwar auch die Kreidefelsen und die Stubbenkammer auf Rügen gemalt (lesen Sie ➱hier mehr dazu), aber die Bilder sehen etwas anders aus als das von Caspar David Friedrich. Erst 1920 hat der Kunsthistoriker Kurt Karl Eberlein das Bild als Caspar David Friedrich identifiziert. Das ist seine beste kunsthistorische Tat gewesen, alles andere von Eberlein ist nationalsozialistischer Unsinn. Gisèle Freund hat gesagt, dass sie unter diesem Bild geboren wurde, was vielleicht nicht so ganz stimmt, aber das Bild hing bei den Freunds über dem Sofa im Wohnzimmer. Julius Freund hat das Bild, weil es nun kein Blechen mehr war, 1930 an Oskar Reinhart verkauft, und in der Sammlung Reinhart hängt es immer noch.

Es ist ja nicht so, dass Blechen keine schönen Landschaften malen könnte, wie dieses Bild von 1830 zeigt. Das ist der Park der Villa d’Este, Blechen ist da in Italien gewesen, und seine Landschaften werden jetzt lichtdurchflutet. Haben schon einen impressionistischen touch, lange vor der Erfindung des Impressionismus. Das Bild hat auch etwas Theatralisches, es wirkt wie eine Bühnendekoration, man merkt hier, dass Blechen einmal Bühnenmaler am Theater gewesen ist. Den Posten hat er auf die Fürsprache von Schinkel bekommen, der ja auch ein sehr guter Bühnenmaler gewesen ist. Schinkel wird auch 1831 dafür sorgen, dass Blechen die Stelle eines Professors für Landschaftsmalerei an der Berliner Akademie der Künste bekommt, einer sehr genialen Art der Naturauffassung wegen.

Das ist auch kein Blechen, aber es könnte einer sein. Dies ist Adolph Menzels vor-impressionistisches Balkonzimmer von 1845. Den Einfluss, den Blechen auf den Jüngeren gehabt hat, kann man hier spüren. Aber das Bild da unten, das ist einwandfrei ein Blechen, obgleich es wie Emil Nolde aussieht. Zu dieser Phase seines Werkes ist Menzel (der ➱hier einen Post hat) leider nie mehr zurückgekehrt.

Blechen kann auch schöne Wolken malen, die manchmal wie die Wolken von ➱John Constable aussehen, er hat auch die ersten Zeichen der Industriellen Revolution gemalt und mit dem Walzwerk bei Neustadt-Eberswalde ein neues Bildthema für die deutsche Malerei geschaffen. Menzel wird ihm darin folgen. Leider ist das Bild von der Bucht von Rapallo (unten) in keinem guten Zustand, und die Qualität dieser Abbildung (vor allem der Farben) ist auch nicht  besonders gut. Aber man man doch ahnen, dass Blechen hier Turner oder Constable näher ist als dem deutschen Biedermeier.

Bilder von Turner hat Blechen in Rom gesehen, wo Turner 1828 drei Bilder ausgestellt hatte. Joseph Anton Koch, bei dem Blechen in Rom wohnt, findet das alles nur schrecklich. Über Turners Vision der Medea äußert er sich drastisch mit dem lateinischen cacatum non est pictum. Doch was kann man von einem Langweiler, dessen bestes Bild der Schmadribachfall ist, anders erwarten? Aber Blechen, der erkennt Turners Genie sofort. Adolph Menzel wird elf Jahre später ein ähnliches Erlebnis vor den Bildern von Constable haben.

Blechen ist in seiner Zeit durchaus als Künstler respektiert worden, die Geschichte von dem armen verkannten Genie, die immer wieder erzählt wird, ist wohl nicht ganz wahr, schon Lichtwark hat darauf hingewiesen. Natürlich gibt es Kritik beim Publikum, das diese neue Malerei nicht versteht (so die Spenerschen Zeitung 1832: Es ist nicht ganz leicht, sich der eigentümlichen Auffassung des Herrn Professor Blechen zu akkomodieren), natürlich wird das bühnenbildmäßig Theatralische kritisiert. Auch die Vielzahl der literarischen Anspielungen überfordert manchmal das Publikum. Blechen ist mit Büchern aufgewachsen, der Vater unterhält eine Leihbibliothek, indem er aus seiner großen Bibliothek Bücher ausleiht. Blechen hat es nicht leicht, vor allem nachdem er seine Stelle als Theatermaler gekündigt hat, nachdem er sich mit der Operndiva Henriette Sontag gezofft hatte. Aber es gibt durchaus Berliner Sammler, die Bilder von Blechen kaufen. Und Fontane mochte Blechen, sein Versuch einer Blechen Monographie ist allerdings leider ein Fragment geblieben. Fontane interessiert sich natürlich für Blechen, weil er der Vater unserer märkischen Landschaft ist. Ganz besonders scheint ihn das Bild Das Semnonenlager (das nach dem Krieg leider verschollen geblieben ist) zu interessieren, von dem er auch eine Skizze angefertigt hatte: Also nicht absolut original, nicht vom Monde gefallen. Nichtsdestoweniger ist es und bleibt es etwas sehr Bedeutendes. Es gehört doch immer noch sehr viel Originalität und sehr viel Mut dazu, angesichts eines Poussin auf den Gedanken zu kommen: ich will die zwei Meilen vor den Toren Berlins gelegenen Müggelberge zum Rang einer historischen Landschaft erheben. Und nachdem dieser künstlerisch große Gedanke gefaßt war, war es immer noch ein ganz Besonderes, ihn so auszuführen, wobei dahingestellt bleiben mag, was das Schwerere war: die Triviallandschaft in eine aparte Landschaft zu erheben, oder aber, nachdem dieser Prozeß geschehen war, die heroisch gewandelte Landschaft mit solcher Staffage zu erheben.

Aufträge vom preußischen Hof gibt es kaum, außer den beiden Bildern, die das Innere des Palmenhauses zeigen. Und da versucht der König noch den Preis zu drücken, aber Schinkel steht Blechen wieder einmal bei, Blechen erhält 200 Friedrichsdor. Das ist damals viel Geld, aber die Bilder sind es auch wert. Nur Fontane mäkelte: Die Palmenhausbilder sind sehr schön und wohl kaum übertroffen. Aber doch eigentlich langweilig.

Die Schwierigkeiten Blechens liegen darin, dass er Landschaftsmaler ist. Und dafür gibt es in Preußen kein so rechtes Publikum. Wenn man die feine Berliner Gesellschaft malt, und Militärparaden mit ganz vielen Pferden malt wie ➱Franz Krüger (der deshalb auch Pferde-Krüger heißt), dann kann man in der Berliner Gesellschaft reüssieren. Als Landschaftsmaler nicht. Wenn man die Berliner Architektur malt wie Eduard Gaertner, dann werden die Bilder auch von König Friedrich Wilhelm III. gekauft. Bedenken wir, dass auch John Constable kaum vom englischen Publikum gekauft wird und anfängt, Wirtshausschilder zu malen. Bedenken wir auch, dass die Epoche jetzt eigentlich Biedermeier heißt. Und das Biedermeier ist nicht modern, mit Ausnahme seiner Möbelkunst. Denn mit Künstlern wie Moritz von Schwind, Ludwig Richter oder Carl Spitzweg, die ja alle der Inbegriff des Deutschtums sind, hat Blechen nichts gemein. Berührungspunkte gäbe es allenfalls zu dem Berliner Architekturmaler Eduard Gaertner. Das Bild unten zeigt Gaertners Blick auf die Oper Unter den Linden.

Um Gaertner hat man sich ja lange auch nicht gekümmert, aber seit der Berliner ➱Eduard Gaertner Ausstellung von 2001 gibt es zumindest über ihn ein 464-seitiges Katalogbuch. Die Kunstgeschichte hat sich für die Gesamtheit der Berliner Malerei im 19. Jahrhundert erst sehr spät interessiert. Erst 1990 erschien das voluminöse Buch von Irmgard Wirth Berliner Malerei im 19. Jahrhundert, da kann man Wolf Siedler nur dankbar sein, dass er das verlegt hat.

Es ist ein wenig traurig, dass es nicht genügend gute Bücher über Carl Blechen gibt. Bei Amazon kann man Reproduktionen seiner Werke kaufen, das Amalfi Skizzenbuch, aber dann hört es auch schon auf. So bleibt der Katalog der Berliner Ausstellung von 1990, den es noch antiquarisch gibt, noch das Beste zu Carl Blechen. Seit diesem Jahr gibt es einen neuen Katalog seiner Skizzen, weil die Alte Nationalgalerie im Januar eine Ausstellung der Amalfi Skizzen veranstaltet hat. Und die sind ja, so Theodor Fontane, das Schönste: Am größten und genialsten ist er wohl in seinen Skizzen…Darunter befinden sich die entzückendsten Sachen…Eine merkwürdige Gabe des mit ein paar Strichen Festhaltens, des Erkennens und Treffens des charakteristischen Punktes in der Landschaft tritt einem aus all diesen Skizzen entgegen.

Carl Blechen, der am 29. Juli 1798 in Cottbus geboren wurde, ist am 23. Juli 1840 in Berlin gestorben, im Sterberegister ist ein hitziges Fieber angeben. Ein kurzes Leben, dessen Ende von einer Geisteskrankheit überschattet war. Anzeichen von Schwermut, Depressionen und Angstzustände haben sich schon früher bemerkbar gemacht. Er hat das wohl geerbt, sein Vater hatte 1821 Selbstmord begangen. Irgendwie war das für Blechen ein Zeichen, seine bürgerliche Karriere aufzugeben. Er hatte Bankkaufmann gelernt, weil seine Eltern das Geld für das Studium nicht aufbringen konnten. Nach der Lehre war er ein Jahr als Freiwilliger in einem Garde Pionier Bataillon gewesen, danach die Anstellung in der Bank, das hätte eine bürgerliche preußische Karriere werden können. Aber dann wirft Blechen all das weg, studiert zuerst nebenbei, beginnt zu reisen. Besucht Johan Christian Claussen Dahl (und wahrscheinlich auch Caspar David Friedrich) in Dresden. Und findet in Schinkel einen Freund, der ihn das Leben lang fördert.

Was da im Hintergrund in dieser romantischen Amalfi Landschaft so raucht, ist das, was die romantische Literatur etwas euphemistisch einen ➱Eisenhammer nennt, vulgo eine Fabrik. Man mag das Bild romantisch konventionell nennen. Man kann sicher auch den Einfluß des Bühnenmalers Blechen auf den Landschaftsmaler Blechen sehen. Dennoch ist es malerisch in einer ganz anderen Liga als Kochs Schmadribachfall, weil Blechen ein Maler des Lichts ist. Joseph Anton Koch bestenfalls einer der genauen Linie. Was der in Rom lebende Österreicher Joseph Anton Koch niemals gemalt hätte – und auch niemals hinbekommen hätte, das ist ein solches Bild:

Blechen hat es aus dem Fenster seines Hauses in Berlin in der Kochstraße 9 gemalt. Theodor Fontane hat gesagt, dass er das Bild gern in seinem privatesten Raum gehabt hätte. Das Original hat schönere Farben, ich finde das ja ein bisschen ärmlich vom Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, wo ich diese Abbildung geklaut habe, dass die nicht mal eine farbgetreue Abbildung ins Netz stellen können.

Als ich klein war, habe ich meinem Opa aus seiner Bibliothek zwei Bildbände (vorübergehend) entwendet. Der eine war großformatig und enthielt hauptsächlich deutsche Historienmalerei. Der verschaffte mir eine souveräne Kenntnis einer Malerei, für die sich Kunsthistoriker normalerweise schämen. Ich meine jetzt solche Bilder wie Franz von Defreggers Andreas Hofer (obgleich ich im Internet sehe, dass es da immer noch Interesse für das Bild gibt, wahrscheinlich wohnen die alle in Bayern) oder Richard Knötels Heldentod des Prinzen Louis Ferdinand bei Saalfeld. Das andere Buch von Opa war etwas kleiner im Format, eine Geschichte der deutschen Malerei. Es enthielt von Blechen (leider waren alle Bilder nur in Schwarzweiß) das Bild der Villa d’Este. Mich faszinierte der fremdartige Name, aber noch mehr die Malerei. Und ich wußte damals ganz genau: so muss Malerei sein, so wie Carl Blechen! Nicht wie Richard Knötel. Ich war damals sechs. Ich habe meine Meinung bis heute nicht geändert.

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3 Antworten zu Carl Blechen

  1. Nils Pooker schreibt:

    Zum grandiosen Blechen gibt es (ebenfalls) eine Münchener Dissertation als PDF, wenn auch mit vielen technischen Aspekten. Kennen Sie wahrscheinlich schon, aber vielleicht nicht alle Leser:

    Direkter Link:
    http://edoc.ub.uni-muenchen.de/11753/1/Sack_Friederike.pdf

    • jay schreibt:

      Lieber Herr Pooker, Vielen Dank fr den Hinweis, das schaue ich mir gerne an. Mein Haupt-Blog ist SILVAE (http://loomings-jay.blogspot.com), den Blog bei wordpress habe ich nur aus SILVAE kopiert. Ich bin da immer ein wenig hin- und hergerissen, was die weiterfhrenden Literaturangaben betrifft. Als Wissenschaftler, der ich in meinem Berufsleben war, wrde ich sie natrlich machen. Aber als Blogger, der ich jetzt als Ruhestndler bin, schrecke ich da ein wenig zurck. Sie haben da mit dem Hinweis auf die Mnchener Diss vorhin einen Finger in die Wunde gelegt. Ich habe mich als Blogger dafr entscheiden und die groen Zahlen von Lesern, die SILVAE lesen scheinen mir recht zu geben nicht so wissenschaftlich zu schreiben. Aber manchmal habe ich dabei ein ungutes Gefhl. Mit herzlichen Grssen Ihr Jens P. Becker (Jay)

  2. Nils Pooker schreibt:

    Hallo Herr Becker,

    Ihr ungutes Gefühl ist völlig unbegründet. Das sind natürlich nur meine 2 Cent. Es entspricht ja gerade dem Charakter eines Blogs, diesen Mut zur Lücke zuzulassen. Die Kommentarfunktion ist ein Zeichen für diesen Mut und Blogs waren die ersten Schritt zur direkten Partizipation im Medium Web, die unter dem idiotischen Begriffen „Mitmach-Web“ oder „Web 2.0“ bekannt wurde. Ich glaube nicht, dass viele Leser die PDF lesen werden, das muss mir im Umkehrschluss aber auch kein ungutes Gefühl bereiten. Dieses Web 2.0 reicht bekanntlich von nichtssagender Geschwätzigkeit in Blog-Kommentaren oder Twitter-Meldungen bis hin zur Kollaboration bei anspruchsvollen wissenschaftlichen Projekten. Die Grauzone dazwischen ist genaugenommen herrlich bunt.
    SILVAE lese ich natürlich auch mit großem Genuss. Speziell zum Thema Kunst habe ich bisher noch kein anderes Blog mit derart hohen inhaltlicher Relevanz und vergleichbarer Schreibqualität gefunden wie Ihr „vita brevis, ars longa“. Besser kann man es nicht machen. Ein Schritt weiter Richtung Wissenschaft wäre eher eine Verschlimmbesserung.

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