Caspar David Friedrich

Als die Kunsthalle Hamburg Anfang der siebziger Jahre das frisch erworbene Bild Wanderer über dem Nebelmeer im Treppenhaus der Kunsthalle präsentierte, hielt ich es für eine Fälschung. Dieser grüne Mantel (das Bild war frisch gereinigt), einfach nur scheußlich. Kam mir vor wie Pop Art. Damals war  das Buch von Robert Rosenblum, das eine Beziehung zwischen der romantischen Malerei und der Pop Art herstellt, noch nicht erschienen. Nach Rosenblum führt eine direkte Linie vom Tetschener Altar zu Mark Rothkos Kapelle in Houston.

Ich habe sowieso meine Schwierigkeiten mit Caspar David Friedrich. Wenn ich, wie die Photographin Gisèle Freund, die Kreidefelsen von Rügen im Kinderzimmer gehabt hätte (das Original, keine Abbildung), wäre mein Verhältnis zu ihm vielleicht anders. Gisèle Freunds Vater hatte das Bild in dem Glauben gekauft, dass es ein Blechen sei. Blechen finde ich viel besser als Friedrich, da bin ich mir eins mit Theodor Fontane. Der konnte sich für Blechen begeistern, Friedrich interessierte ihn nicht weiter. Goethe konnte Caspar David Friedrich nicht ausstehen: Die Bilder von Maler Friedrich können ebensogut auf den Kopf gesehen werden. Cool, Friedrich als früher Baselitz. Nun ist Goethe zwar ein dilettierender Zeichner, hat aber in Fragen der bildenden Kunst nicht den besten Geschmack. Also, jemand der einen Nachruf auf Hackert schreibt und den darin über den grünen Klee lobt. Wo das einzige, was Hackert halbwegs hingekriegt hatte, seine Kühe waren. Kühe interessieren Friedrich nicht so sehr, die haben nicht den Ewigkeitswert seiner Bilder. Die Kuh in Anbetracht des Mondes ist nicht von C.D. Friedrich, obgleich ein solches Bild im Internet herumspukt. Friedrichs Bilder haben immer eine metaphysische Transzendenz. Steht auch so bei Wikipedia. Wenn nicht jedesmal metaphysische Transzendenz auf einem kleinen Schild an dem Bild stehen würde, könnten wir vieles auch für grauenhaften Kitsch halten. Also Bilder wie Das Kreuz im Gebirge (auch Tetschener Altargenannt), Das Kreuz im WaldKreuz und Kathedrale im Wald. Man muss sich vor diesen Bildern immer ganz klar machen: Caspar David Friedrich und John Constable sind Zeitgenossen! Aber er ist ja der Maler der deutschen Seele, und gegen ihn darf man genau so wenig sagen, wie gegen die betenden Hände von Dürer. Der Maler aus Greifswald, den alle seine Bewunderer vielleicht etwas falsch verstanden haben, ist heute vor 170 Jahren gestorben.

In seinen letzten Jahren war er schon etwas wunderlich, über ihm hängt schon seit ein paar Jahren eine dicke trübe Wolke geistig unklarer Zustände, schreibt Carl Gustav Carus 1829 über ihn. Da reden er und Friedrich schon nicht mehr miteinander. Friedrich tut sich schwer mit der wirklichen Welt. Und wir in Deutschland tun uns schwer mit Friedrich. Weil man ja wegen seiner metaphysischen Transzendenz nicht Böses gegen ihn sagen darf. Obgleich das die Zeitgenossen schon getan haben, als er den Tetschener Altar ausstellte. Der preußische Kammerherr Wilhelm Basilius von Ramdohr fand in der Zeitung für die elegante Welt im April 1809 diesen ganzen, auf den Effekt gerichteten religiösen Mystizismus unerträglich. Der Kunstschriftsteller von Ramdohr war noch dem Geist der Aufklärung verhaftet, da hat man es nicht so mit romantischem Kitsch. Friedrich hat dem Herrn von Ramdohr diese Attacke auf seine Kunst nie verziehen. Er hat auch, wie so viele Künstler, seine Kritiker nicht gemocht und aus dem, was sie sagten und schrieben, nie etwas gelernt. Gegen die Selbstinszenierung von Mark Rothko mit seiner Kapelle in Houston, hätte von Ramdohr auch etwas zu sagen gewusst.

Aber es gibt noch einen ganz anderen Grund, weshalb Friedrich so festzementiert in die deutsche Innerlichkeit ist. Als ich in der Kunsthalle Hamburg 1974 die große Caspar David Friedrich Ausstellung besuchte (der Genauigkeit halber habe ich sie viermal besucht, eigentlich nicht wegen Friedrich, sondern wegen des schönen Gefühls, dass mein frischer Mitgliedsausweis des Hamburger Kunstvereins mir freien Eintritt bescherte), bemerkte ich zwei ältere Damen, die sehr deutsch aussahen. Also so, wie man in den dreißiger Jahren aussah, mit Dutt und silbernen germanischen Spangen, die die graue Lodenjacke zusammenhielten. Die beiden Damen hatten beide einen Katalog in der Hand. Allerdings war es nicht der Katalog der Hamburger Ausstellung von 1974. Ihre Kataloge hatten deutlich sichtbar Adler und Hakenkreuz vorne drauf.

Und da bin ich an einem point of no return. Friedrich kann nichts dafür, dass ihn die Nazis vereinnahmt haben, das ist klar. Ebenso wenig wie Hölderlin. Aber es ist natürlich seine auf den Effekt gerichtete Inszenierung und Theatralität (wie in Der Mönch am Meer,Der Wanderer über dem NebelmeerZwei Männer in Betrachtung des Mondes), die sich wie eine leere Bühne geradezu anbietet, mit neuer Bedeutung gefüllt zu werden. Und so wird der Mönch am nordischen Meer zum blonden arischen  Helden, einsam und faustisch am Strand. Und die angedeutete Symbolik Friedrichs für den preußischen Freiheitskampf in manchen seiner Bildern, wird jetzt zu einer nationalen Symbolik eines Volkes ohne Raum umgedeutet. Heute können wir den Chasseur im Walde eher mit Stalingrad in Beziehung setzten. Hundert Jahre nach Friedrichs Tod schreibt ein gewisser Dr. Kurt Karl Eberlein, der langvergessene Meister ist neuerwacht und lebt mit seiner unvergänglichen Kunst wieder unter uns. Aber ehrt und liebt ihn auch sein Volk schon genug? Lebt er auch in unserer Jugend wirklich fort? Kennt man ihn und sein Werk wirklich so, wie es jeder große Meister verdient? Seit zwanzig Jahren habe sich der Doktor gemüht, Friedrichs Geheimnis zu verstehen. Er habe habe manches zu seiner Kunde beigetragen, aber erst durch den Nationalsozialismus ist vielerlei in Frage und Antwort geklärt worden. Und dann bedankt er sich bei den größten Caspar David Friedrich Exegeten: dem Führer, Alfred Bäumler und Josef Strzygowski. Der Kunsthistoriker Josef Strzygowski ist heute glücklicherweise vergessen. Den „Führer“ und Bäumler, den Begründer des antisemitischen Kampfbundes für deutsche Kultur, die kennt man noch.

Das ist das Problem bei einer Kunst, die eine Botschaft und eine verschlüsselte Bedeutung haben will: jedermann kann die Botschaft anders lesen. In die Ölskizze Willy Lott’s House von 1811 hat John Constable einen kleinen schwarz-weißen Hund auf den Sandweg getupft.

Niemand käme auf die Idee, diesem kleinen Wauwi eine tiefere Bedeutung zuzuweisen. Constable kann einfach so Wolken malen, bei Friedrich haben Nebel, Mond und Sonne eine symbolische Bedeutung. Und deshalb lieben die Deutschen ihn, weil wir es mit der tieferen Bedeutung haben. Die Engländer mögen sich für Hunde und Wolken begeistern, wir brauchen den Tiefsinn. Ich mag viele Bilder von Caspar David Friedrich. Und kann (und möchte) sie als Bilder sehen, nicht als Botschaften. Das muss erlaubt sein.

Das da oben ist nicht von Caspar David Friedrich, das ist Carl Blechen (das Bild ist nicht typisch für Blechen, es gibt viel schönere Bilder von ihm). Dafür hat der gescheiterte Kunstmaler aus Braunau am Inn 380.000 Reichsmark bezahlt. Es war die teuerste Erwerbung für das geplante Kunstmuseum in Linz. Die 380.000 Reichsmark kamen nicht aus Hitlers Tasche, und der größte Teil der Kunst war das, was wir heute Beutekunst nennen. Die dramatische Inszenierung ist wohl das, was Hitler angezogen hat. In seiner Reichskanzlei hing Arnold Böcklins Toteninsel, mehr an Inszenierung geht nicht.

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