Charles Willson Peale

Der Maler Benjamin West führt einige Gäste durch sein Londoner Studio, als die ein wenig durch Handwerkerlärm erschreckt werden. Das, sagt West, sei nur the ingenious Mr. Peale, der so nebenbei alles im Haushalt von West repariere. Sein amerikanischer Landsmann war noch keine Woche in London, da hatte er bei West schon die Holztreppe und mehrere Türen repariert. Er wird auch Wests Lieblingspalette reparieren, die der Meister schon in den Müll geworfen hatte. West wird sie danach bis zu seinem Lebensende benutzen. Deringenious Mr. Peale ist eigentlich aus Amerika nach London gekommen, um bei seinem berühmten Landsmann das Malen zu lernen. Denn West, dessen Vorfahren mit William Penn nach Amerika gekommen waren, hat es in London geschafft. Der Historienmaler, der nach Reynolds der zweite Präsident der neugegründeten Royal Academy wird, ist der Lieblingsmaler des Königs. Manchmal ist er sogar der einzige Freund des Königs George III, wenn der wieder seine Phasen der Umnachtung hat. Leider hat Alan Bennett ihn nicht in The Madness of King George hineingeschrieben. West ist Quäker, und er ist ein guter Mensch. Er wird sich rührend um junge Maler kümmern. Vor allem um seine amerikanischen Landsleute, die jetzt wie Peale zu ihm kommen, und die die American School of Painting in London begründen.

Charles Willson Peale lernt jetzt bei West richtig malen. Vorher war er Sattelmacher gewesen, hatte Schnupperkurse bei John Hesselius und John Singleton Copley genommen. Jetzt haben ihm reiche Gönner die Schiffspassage nach London bezahlt. Er ist daneben ein Tüftler, ein Multitalent. Wird tausenderlei nützliche und unnütze Dinge erfinden. Wird ein Gebiss für George Washington anfertigen, nicht das berühmte, über das Robert Darnton den bezaubernden Essay George Washington falsche Zähne geschrieben hat. Nein, eins für zwischendurch im Unabhängigkeitskrieg. Da ist Peale Hauptmann der Miliz von Pennsylvannia und ist in vielen Gefechten an Washingtons Seite, ist beim Übergang über den Delaware und dem Winterlager in Valley Forge dabei, wo der Baron von Steuben Washingtons Armee den preußischen Drill beibringt. Dass er Washington gut kennt, wird sich für Peale auszahlen. Denn wenn der Krieg gewonnen ist und das ganze Land Portraits von Washington haben will, dann sitzt Washington am liebsten bei seinem alten Kriegskameraden Modell für diese Bilder. Er sitzt dann in einem Stuhl (den man in der Höhe verstellen kann), den Benjamin West Peale zum Abschied in London geschenkt hat. Einmal glaubt er die Söhne des Malers im Studio zu sehen und sagt Guten Abend, meine Herren.

Aber das ist nur ein Bild, trompe l’oeil Malerei. Peales Studio wird zu einer Fabrik von Washington Bildern. Auch sein Bruder James malt jetzt, hauptsächlich Kopien von Peales berühmtemWashington at Princeton. Das Bild ist vor Jahren für den Preis von 21.3 Millionen Dollar verkauft worden, der höchste Preis, der je für ein amerikanisches Porträt bezahlt wurde. Viele von Peales vielen Kindern werden auch Maler. Es bliebt ihnen nichts anderes übrig, weil ihr Vater sie Rembrandt, Rubens, Rapahelle und Tizian getauft hat. Wenn es mal eine Tochter ist, heißt sie Angelica Kauffmann nach der berühmten Malerin. Peales Washington at Princeton gilt als das ikonische Bild des Revolutionshelden, nur Gilbert Stuarts berühmtes unvollendetes Atheneum Portrait kann ihm diesen Platz streitig machen.

Es ist heute auf den 1 Dollar Banknoten. Stuart, der mehr als 70 Kopien davon angefertigt hat, pflegte sie als my hundred dollar bills zu bezeichnen. Peale hat beinahe so viele Washington Portraits gemalt wie Stuart. Er kann, zugegeben, nicht so hervorragend in der grand manner des swagger portraits malen, aber dafür gelten seine Bildnisse als lebensechtere Portraits.

Aber bei der Revolution dabei gewesen zu sein und ein berühmter Maler zu sein, das reicht Charles Willson Peale nicht aus. Er wird auch ein dilettierender Naturwissenschaftler sein, irgendwie ist er einRenaissance Man. Er wird das erste Mastodon Americanus ausgraben (mit Hilfe von Gerätschaften für deren Bereitstellung der Präsident Thomas Jefferson sorgt) und ausstellen Und er wird das erste naturkundliche Museum Amerikas begründen. Er wird sich 1822 stolz malen, wie er einen roten Samtvorhang hebt, der den Blick auf seine Sammlungen (und das Mastodon im Bild rechts) freigibt.

Einige Knochen vom Mastodon sind im Vordergrund plaziert. Die Palette des Malers liegt auf einem Tisch mit einer grünen Decke. Das Bild scheint zu sagen: Seht, dies kann ich alles malen, das alles habe ich geschaffen! Leider wird nach Peales Tod der größte Teil des Museums verkauft, unter anderem an P.T. Barnum. Das ist der Mann, der das amerikanische Schowgeschäft ins Rollen bringt. Mit Washingtons angeblicher negro mammy (angeblich 161 Jahre alt). Was im Geiste der Aufklärung begonnen wurde, wird jetzt Show Business. Diesen Weg Amerikas hat Neil Postman in seinem BuchAmusing Ourselves to Death nachgezeichnet. Es wäre für Amerika besser gewesen, wenn die Nation mehr Charles Willson Peales und weniger P.T. Barnums gehabt hätte.

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