Christian Rohlfs

Der Maler Christian Rohlfs ist heute (8.1.2011) vor 73 Jahren gestorben. Einen Tag vor seinem Tod hatte man ihn aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen. Malverbot hatte der 89-jährige da schon länger.  Man hatte auch Rohlfs‘ Bilder in der berüchtigten Ausstellung Entartete Kunst gezeigt, 412 seiner Bilder wurden dann aus deutschen Museen ausgesondert. Heute sind seine Sonnenblumen und seine Canna indica immer noch beliebter Wohnzimmerschmuck, man kann sie bei Amazon bestellen. Sonnenblumen gehen ja immer gut. Auch wenn man nichts von Van Gogh weiß, aber seine Sonnenblumen kennt man.

Maler werden häufig sehr alt, Tizian soll hundert geworden sein, sie durchleben ganze Epochen. Rohlfs, zum Figurenmaler ausgebildet, beginnt mit Genre- und Historienmalerei, wendet sich dann der Landschaftsmalerei zu, wird einer der führenden Vertreter des deutschen Realismus. Mit fünfzig Jahren (und da ist der gescheiterte Kunstmaler Adolf Hitler gerade zehn Jahre alt) bricht er mit allem, was er gelernt hat. Unter dem Einfluss von Munch und der Franzosen wendet er sich der neuen Malerei zu. Und wenn die Nazis ihn verbieten, ist Rohlfs schon kein Impressionist mehr, sondern ist einer der prominentesten Vertreter des Expressionismus geworden. Es gibt wenige Maler, in deren Werk solch verschiedene Stile zu finden sind.

Es sind Zufälle, die wir auch Schicksal nennen können, die sein Leben bestimmen. Der Bauernjunge, der aus einem Baum fällt und sich dabei das Bein so schwer verletzt, dass er zwei Jahre das Bett hüten muss, war nicht zum Maler geboren. Aber da ist dieser Arzt, der ihm Zeichenblock und Stift bringt, damit das Kind sich beschäftigt. Und als der erkennt, dass sein Patient Talent hat, erzählt er seinem Schwager davon. Der heißt Theodor Storm, und er wird dem jungen Rohlfs den Kontakt zu einem Berliner Schriftstellerkollegen vermitteln, der auch ein Maler ist. Und diesem Ludwig Pietsch, der uns in Wie ich Schriftsteller geworden bin: Der wunderliche Roman meines Lebens das farbenprächtigste Bild vom intellektuellen Berlin gemalt hat, verdankt Rohlfs weitere Förderung. Er wird in Weimar studieren, wo man damals den Franzosen und der Schule von Barbizon erstaunlicherweise nicht feindlich gegenübersteht. Sein Studium wird durch eine lange Krankheit (das damals verletzte Bein muss amputiert werden) unterbrochen. 1889 wird er die ersten Bilder von Monet sehen, die der Kunstkritiker Emil Heilbut von Paris nach Weimar gebracht hatte.

Durch die Vermittlung von Henry van de Velde wird Rohlfs den Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus kennenlernen und wird nach Hagen ziehen (obgleich er sein Atelier in Weimar noch bis 1904 behält), und diese Stadt wird für seine zweite Lebenshälfte seine neue Heimat. Zu seinem achtzigsten Geburtstag wird es dort 1929 ein Christian Rohlfs Museum geben. Ja, und dann kommen die Nazis, die Anfeindungen, die öffentliche Brandmarkung als entartet, das Malverbot. Er stirbt am 8. Januar 1938 in seinem Studio, das ihm Osthaus 1901 in dem neu gegründeten Folkwang Museum eingerichtet hatte.
Zwischen dem Steinbruch bei Weimar weiter oben und der expressionistischen Gebirgslandschaft liegen Jahrzehnte und Welten. Den Steinbruch in Weimar, ein völlig alltägliches, eigentlich für die Malerei „unwürdiges“ Motiv, hat er mehrfach gemalt. Die Kunsthalle Kiel, die viele Bilder von Rohlfs hat, hat auch eins davon. Man merkt der Braun-in-Grau Malerei sicherlich den Einfluss von Gustave Courbet an. Ich kenne da inzwischen jede Spalte in der Kalksteinwand, weil es einmal wochenlang das Thema im Colloquium des Kieler Ordinarius für Kunstgeschichte Hans Tintelnot war. Die Begeisterung von Titelnot konnte ich nicht teilen, ich fand das Bild langweilig. Aber das Colloquium jeden Montag morgens um acht in der Kunsthalle (zu der Zeit kriegt man heute keinen Studenten in die Uni) war toll, weil hier alles in den kleinen Hörsaal geschleppt wurde, was Kunsthändler dem Museum gerade anboten. Der Weimarer Steinbruch von 1887 war nur das Vergleichsobjekt zu einem Bild, das die Kunsthandlung Klihm aus München der Kunsthalle zum Kauf angeboten hatte. Hieß Bäume am Flußufer. Das Aufregende an dem Bild war, dass es ganz klar unter dem Einfluss von Van Gogh entstanden war. Wenn man ein Schildchen Van Gogh drunter befestigt hätte, hätte das niemand angezweifelt. Deshalb hat es Tintelnot dann auch gekauft.

In die Zeit dieses Colloquiums fiel auch der Besuch des Herzogs von Edinburgh. Wochenlang wurde diskutiert, welche Bilder man Philip ins Hotelzimmer hängen sollte. War natürlich Emil Nolde (wie Nolde malen kann Rohlfs auch, wie man an dieser Amazone sehen kann), den ich nicht ausstehen kann. Ist aber auf Hotelwänden sehr plakativ. Ich hatte für Carl Friedrich Grögers reizendes Kinderportrait des Erbprinzen Alexander von Schleswig-Holstein gestimmt, das die Kunsthalle seit wenigen Jahren besaß. Zumal der auch noch mit Philip verwandt war. Aber nein, es musste partout Nolde sein. Wir hatten die Noldes kaum an der Wand, als Philip schon im Zimmer war. Er war sehr nett, aber ich wußte vor Verlegenheit nicht, wo ich hingucken sollte. Also habe ich auf seine Schuhe geguckt. Schöne weinrot-braune hochpolierte Schuhe, wahrscheinlich von John Lobb. Passten in der Farbe prima zu seinem bordeauxfarbenen Rolls-Royce draußen im Hof. Immer wenn ich den Namen Christian Rohlfs höre, denke ich nicht an seine rote Canna oder an die Sonnenblumen, sondern an die Schuhe von Prince Philip.

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