Conegocheague

Das Wort da oben reimt sich auf dig, falls Sie jetzt wissen wollen, wie man es ausspricht. Das wissen wir von dem Dichter Philip Freneau, weil es in seinem Gedicht Nabby, the New-Yok House-Keeper, to Nanny, Her Friend in Philadelphia heißt:
This Congress unsettled is, sure, a sad thing, 
Seven years, my dear Nanny, they’ve been on the wing ; 
My master would rather saw timber, or dig, 
Than see them removing to Conegocheague, 
Where the houses and kitchens are yet to be framed. 
The trees to be felled, and the streets to be named ; 
Of the two, we had rather your town should receive ‚em — 
So here, my dear Nanny, in haste I must leave ‚em..

Aber der Kongress zieht da wirklich hin, nach Conococheague (wie die heutige Schreibweise lautet). Ja gut, es heißt heute eher Washington. Aber bevor es George Washington gab, war es natürlich noch nicht Washington. Obgleich es schon einen schönen anderen Namen hat. Rom hat ein Grundbesitzer mit klassischer Bildung seine Ländereien hier am Goose Creek genannt. Und den Witz mit Goose Creek und Tiber (wie man das Flüsschen jetzt nennt), den kann der Dichter Thomas Moore nun 1804 nicht auslassen, wenn er an seinen Freund Dr Thomas Hume aus Washington schreibt:

In fancy now, beneath the twilight gloom,
Come, let me lead thee o’er this second Rome!
Where tribunes rule, where dusky Davi bow,
And what was Goose-Creek once is Tiber now!
This embryo capital, where Fancy see
Squares in morasses, obelisks in trees;
Which second-sighted seers ev’n now, adorn,
With shrines unbuilt and heroes yet unborn.
Though naught but woods and Jefferson they see,
Where street should run and sages ought to be.

Dass der irische Arzt Thomas Hume (der wenig später Militärarzt in Wellingtons Armee sein wird) seinen Landsmann Thomas Moore kennt, weiß Wikipedia mal wieder nicht. Moore ist auch ein Brieffreund von Lord Byron, der ihn auch zum Verwalter seines Nachlasses macht. Jetzt ist er auf Dienstreise von den Bermudas nach Kanada, und da guckt man sich auch schon mal dieses neue Washington an, wo es eben nichts als Wälder und Jefferson zu sehen gibt. Das ist nun ein klein wenig bösartig (der Mann, von dem wir alle bestimmt die Letzte Rose des Sommers kennen, neigt dazu), ein wenig mehr steht da jetzt schon.

Also zum Beispiel das Weiße Haus, in dem seit dem Jahre 1800 der amerikanische Präsident wohnt (George Washington ist der einzige Präsident, der dort nicht gewohnt hat). Dafür hat man heute vor 218 Jahren den Grundstein gelegt. Dieses Datum markiert den Baubeginn der Stadt, die wir als Washington kennen. Ein Jahr später beginnt man mit dem Bau des Capitols, nicht nur bei der Namensgebung orientiert sich die junge Republik mit Capitol, Senat und Senatoren am klassischen Rom. Ein Haus für den Präsidenten zu haben, schön und gut, aber ein Capitol als symbolische Repräsentation des Staates ist natürlich viel wichtiger.

Am liebsten würde Thomas Jefferson das selbst entwerfen, der ist ja Hobbyarchitekt und hat sein berühmtes Monticello und die Universität von Virginia gebaut. Aber jetzt ist er Minister und für den Bau Washingtons zuständig, da verträgt sich das nicht so mit dem Amt, dass man sich selbst beauftragt. Man macht eine Ausschreibung, aber so viele Architekten gibt es in Amerika noch nicht. Eigentlich gibt es (außer Jefferson) nur drei: Benjamin Henry Latrobe, Charles Bulfinch und James Hoban. Die haben jetzt gut zu tun, denn jeder Staat will ein repräsentatives Gebäude im neuen römischen (oder griechischen) Stil haben.Es gibt da auch noch den Major Charles Pierre L’Enfant, den Washington mit dem Vermessen der neuen Traumstadt beauftragt hat. Den kennt er seit dem Revolutionskrieg, der war in Valley Forge mit dabei, den schätzt er als einen tüchtigen Ingenieur und Landvermesser. Damit kennt Washington sich aus, denn Landvermesser hat er gelernt. Und er hat auch einen Blick für gutes Land. Seit dem French and Indian War hat er überall Land gekauft. So sind die Großgrundbesitzer aus Virginia, überall Grundbesitz, aber nie Bares in der Tasche. Als er Präsident wird, muss er sich das Geld für die Reise nach New York leihen. Beim Ankauf des Landes für die Bundeshauptstadt hat sich Washington mal wieder wie ein kühl kalkulierender Landkäufer gezeigt und alle Spekulationskäufe im Keim erstickt.
L’Enfant macht einen Plan für Washington, und er hat auch schon einen grandiosen Plan für Präsidentenpalast und Capitol (nach ihm hätten die fünfmal größer werden müssen), aber er kann auf den Tod nicht mit der ihm vorgesetzten Kommission zusammenarbeiten. Washington schmeißt ihn raus, und der Major Andrew Ellicott wird den Plan für die Stadt Washington fertigstellen. Alles schön geometrisch, viele kleine Quadrate, nichts Revolutionäres. Vergleichen Sie es doch mal mit diesem Plan.

Das ist Mannheim, und diese Idee mit dem Gitternetzwerk ist schon beinahe zweihundert Jahre älter als der Plan von L’Enfant. Man mag zwar die neue Welt sein, aber mit diesem Konzept des Städtebaus ist man wieder bei den Idealen der Renaissance. Man wird im übrigen dieses grid iron system für ganz Amerika übernehmen.

Aber – während der Architekt James Hoban am Weißen Haus werkelt – haben wir immer noch keinen Architekten für das Capitol. In dieser Situation ist man einem Außenseiter und Hobbyarchitekten, dem englischen Arzt Dr William Thornton, richtig dankbar, als er anfragt, ob er noch einen Plan für das Capitol nachreichen könne. Dr Thornton ist erst seit fünf Jahren Bürger der Vereinigten Staaten, er ist nicht nur Arzt und Hobbyarchitekt, er ist auch ein Erfinder. Ein Multitalent, davon gibt es in dieser Zeit in Amerika eine ganze Menge, Thomas Jefferson, Benjamin Franklin, Charles Willson Peale. Nicht zu vergessen Sir Benjamin Thompson, Reichsgraf von Rumford. Ich glaube, die tauchen irgendwann alle noch einmal hier auf, besonders der Reichsgraf von Rumford.

Auf dem Papier sieht der Entwurf ja ganz nett aus (es gefällt besonders Jefferson, weil es ihn an seine Tage in Paris erinnert), allerdings fehlt dem Hobbyarchitekten jede handwerkliche Praxis. Und er verkracht sich auch kurz nach Baubeginn mit den professionellen Architekten (wie zum Beispiel Stephen Hallet), die ihm zur Seite stehen. Also baut James Hoban das Capitol zu Ende, der ja eh nebenan am Weißen Haus zu tun hat. Man holt ihn übrigens zwanzig Jahre später wieder, nachdem die Engländer das Weiße Haus im Krieg von 1812 angezündet haben.

Als Jefferson ins Amt kommt, macht er seinen Freund Benjamin Henry Latrobe zum Leiter aller öffentlichen Bauten in Washington. Dadurch bekommt das Capitol dann doch einen einheitlichen Stil.

Man hätte ja anders bauen können, wie zum Beispiel der Governor’s Palace in Williamsburg (oben) oder das Old Colony House in Newport.

Bevor man dieser weißgestrichene Antiken-Gigantomanie verfallen ist (die ersten Präsidenten werden sich beklagen, dass das Weiße Haus viel zu groß ist, um darin zu wohnen), hat man ja ein Jahrhundert lang schlichte, funktionale Häuser im Georgian Style gebaut. So etwas hätte es für den Präsidenten ja auch getan. Oder, noch schlichter, das Blair House, in dem Präsident Truman gewohnt hat, als das Weiße Haus nach dem Krieg von Grund auf renoviert wurde.

In der gleichen Zeit, als William Thornton sich mit dem Architekten Stephen Hallet (der auch einen Entwurf für das Capitol eingereicht hatte) um die endgültige Form des Capitols streitet, also bevor man beide feuert und James Hoban holt, entsteht in Hancock in Massachusetts ein ganz eigentümliches Bauwerk. Es ist ein Haus der Shaker, einer Gruppe, die seit dem Jahr der Unabhängigkeitserklärung in Amerika ist. Diese religiöse Gruppe möchte möglichst unauffällig sein. Ihr Gemeindehaus in Shirley (Mass.) bauen in sie in der Nacht, um die Nachbarn nicht zu stören. Sie werden in ihrer Architektur (und in ihren Möbeln) zu einer stillen, unterkühlten Funktionalität finden.Form follows function, lange bevor es diesen Satz gibt. Irgendwie gefällt mir dieses meetinghouse viel besser als die ganze Zuckerguss Architektur von Washington.

Über jay

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