Franz Krüger

Der Volksmund nennt ihn Pferde-Krüger, weil er so gut Pferde malen kann. Wenn es sein muss auch ganz viele Pferde. Und ganz viele Menschen. Und ganz akkurat. Wie zum Beispiel bei diesem Bild einer Parade auf dem Opernplatz in Berlin. Hat er fünf Jahre lang dran gemalt.

Hier ist nicht nur Preußens militärischer Stolz gemalt, sondern auch normales Straßenleben, ein Bettler, ein Schusterjunge. Und viele Hunde. Und eine berühmte Schauspielerin, Karoline Bauer, im weißen Kleid. Die wird einen Prinzen aus dem Hause Coburg heiraten, aber der lässt sich von ihr scheiden, wenn er als Leopold I König der Belgier wird. Hinter Karoline steht eine Gruppe von Künstlern, die berühmtesten ihrer Zeit: Johann Gottfried Schadow, Carl Joseph Begas, Karl Friedrich Schinkel, Karl Wilhelm Wach, und Christian Daniel Rauch. Schinkel ist der Herr mit dem Zylinder, der uns sein Gesicht zuwendet, direkt über den kunstvollen Locken von Karoline Bauer. Die Sängerin Henriette Sontag (mit einem riesigen Hut) ist auch auf dem Bild, rechts neben ihr sitzt der Geiger Niccolo Paganini. Sie überragt, passend für eine gefeierte Opernsängerin, alle anderen Personen, weil sie in ihrer Kutsche steht. Suchen Sie sie nicht auf diesem Bild, man hat leider den rechten Bildrand beschnitten.

Franz Krüger hat sich auch unter die Zuschauer gemalt, in einem braunen Reitrock mit schwarzem Zylinder. Natürlich zu Pferde, das erwartet man vom Pferde-Krüger. Es ist für das Jahr 1824 doch ein klein wenig erstaunlich, dass es im Vordergrund vorne rechts ein großes bürgerliches Gleichgewicht zu dem preußischen Militärgepränge gibt und dass offensichtlich Krügers Interesse viel stärker auf der Darstellung des bürgerlichen Berlins liegt als auf den preußischen und russischen Majestäten.

Die Soldaten, die hier über die Prachtstrasse Unter den Lindenmarschieren, sind die Soldaten des 6. Brandenburgischen Kürassier Regiments. Dessen Chef ist der russische Großfürst Nikolaus, der wenig später als Nikolaus I russischer Zar wird. 1817 hatte er die Prinzessin Charlotte geheiratet, da macht man ihn gleich zum Chef der Brandenburgischen Kürassiere. Und hier auf dem Bild zeigt er seinem Schwiegervater Friedrich Wilhelm III stolz seine Soldaten.
Preußen schafft sich jetzt, nachdem man Napoleon besiegt hat, seine neue Identität durch Architekten und Maler. Der König ist für viele eine Enttäuschung, seit die Königin Luise tot ist. Er kauft zwar manchmal einen Caspar David Friedrich, aber ein richtiger Förderer der Künste ist er nicht. Die Architekten, die ihm das neue Berlin bauen, die fördert er schon. Und die Maler, die es dann malen.

Das ist wieder ein Bild von Franz Krüger, diesmal ohne Pferde. Es zeigt Prinz August von Preußen, einen Neffen des Alten Fritz. Er ist einer der Gönner und Förderer von Franz Krüger. Er kann sich in Generalsuniform malen lassen, weil er mal in einem richtigen Krieg war. Im Gegensatz zu seinem Verwandten, der jetzt König ist, der trägt auch immer Uniform, aber er war nie im Krieg. Er steht im gelbseiden ausgeschlagenen Empfangszimmer (das von Schinkel eingerichtet wurde) seines Palais in der Wilhelmstrasse, den Generalsmantel sorgfältig achtlos über einen Stuhl drapiert. Und er blickt mit diesem Feldherrnblick in die Ferne. Wohin? Nach Paris? Er schaut auf jeden Fall von der Dame auf dem Bild an der Wand weg, die ihn anzuhimmeln scheint. Die Dame ist die berühmte Madame Récamier, gemalt von François Gérard. Sie hat ihm dieses Bild, das es unten noch etwas größer gibt, geschenkt. Er war ja unsterblich in sie verliebt. Ich schwöre bei meiner Ehre und meiner Liebe, das Gefühl, das mich an Juliette Récamier bindet, in all seiner Reinheit zu bewahren, alle durch die Pflicht gebotenen Schritte zu unternehmen, um mich ihr durch das Band der Ehe zu verbinden, und keine Frau zu besitzen, solange ich die Hoffung habe, mein Geschick mit ihrem zu vereinen, hat er geschrieben.

Sie hat aber vielen Männern schöne Äugsken gemacht, sich aber nie an einen gebunden. Auch nicht an August. Er kriegt zwar nicht die Frau, aber dafür ihr Abbild. Madame Récamier wird es irgendwann für Jahre ausleihen, damit davon Kopien und Kupferstiche gemacht werden können. Nach dem Tod des Prinzen August wird sie es zurückerhalten. Er hat nie geheiratet, hatte aber genügend Lebensgefährtinnen (und auch genügend Kinder).

Es gibt zu dieser Liebesgeschichte noch eine parallele Liebesgeschichte, und die betrifft den Adjutanten des Generals August von Preußen. Das ist ein junger Offizier von etwas zweifelhaftem Adel, Jahrgangsbester der neuen Militärakademie, von Scharnhorst empfohlen. Er heißt Carl von Clausewitz. Als Adjutant des Prinzen gerät der Leutnant jetzt in die höfische Welt und lernt die junge Marie Sophie von Brühl bei einem Souper im Palais des Prinzen Louis Ferdinand kennen und lieben. Also, für den Fall, dass Sie sich in dieser Gesellschaft nicht auskennen: die junge Gräfin Brühl ist eine Enkelin des sächsischen Kanzlers, nach dem die Brühlschen Terrassen benannt sind. Und Louis Ferdinand ist der Preußenspross, der Klaviermusik komponiert, die Beethoven ganz ordentlich findet (man kann sie heute noch auf CD bekommen). Er ist der Held der Gesellschaft, ist in allen literarischen Salons zuhause. Fontane wird über ihn dichten:


Sechs Fuß hoch aufgeschossen,
Ein Kriegsgott anzuschaun,
Der Liebling der Genossen,
Der Abgott schöner Fraun,
Blauäugig, blond, verwegen,
Und in der jungen Hand,
Den alten Preußendegen –
Prinz Louis Ferdinand.


Manchmal kriegt es der gute Theodor Fontane ja mit der Preußenverehrung über den Kopp, der wirkliche Louis Ferdinand war wohl ein klein wenig anders. Weibergeschichten und Schampus. Nach Zeugnis vom Freiherrn von der Marwitz:  Im Jahr 1806 trank er nichts anderes als Champagner und fing damit an, sowie er aufstand, so daß er vormittag gewiß schon mit sechs Bouteillen fertig war und den Tag über ein Dutzend nicht hinreichte. Der militärisch völlig unerfahrene Louis Ferdinand wird in dem Gefecht von Saalfeld, das der Schlacht von Jena und Auerstädt vorausgeht (und eine militärische Katastrophe war), von einem französischen Kavalleristen vom Pferde gehauen. Napoleon hätte ja lieber einen lebenden Preußenprinzen als Gefangenen gehabt.

Den wird er bekommen, und der heißt Prinz August von Preußen. Der war nämlich mit seinem Regiment in den Sümpfen der Uckermark versackt (ich sage jetzt nichts zu der Sphinx der Uckermark) und von den Franzosen gefangen genommen worden. Sein Adjutant (inzwischen Stabskapitän) Clausewitz beobachtet mit Rührung, dass der Marschall Joachim Murat Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hat. Napoleon belässt den leicht am Bein blessierten Preußenprinzen (er trägt bei dem Gespräch mit Napoleon am lädierten Bein einen Pantoffel) zuerst in Berlin, zum Jahresende befiehlt er ihn nach Paris. Prinz August und Clausewitz reisen mit der Kutsche, ohne Militäreskorte. Wohin sollten sie auch ausbüxen? Europa gehört jetzt Napoleon. Für den jungen Liebenden Clausewitz bedeutet dies wieder die Trennung von Marie. Als Napoleon die beiden nach dem Tilsiter Frieden freilässt, muss August ja noch unbedingt diesen Abstecher über Coppet zu Madame de Stael machen. Und dort die Frau treffen, nach der ein Möbelstück heißt. Und Clausewitz hasst jetzt seinen Chef, er wäre jetzt so gerne in Berlin bei seiner Marie. Das Leben in der französischen Gefangenschaft hatte Clausewitz‘ französische Sprachkenntnisse verbessert, ihn aber nicht zu einem Bonvivant gemacht wie den Prinzen August. Er besässe zu viel an Gravitaet, urteilt ein Zeitgenosse über Clausewitz, ein kaltes, stolzes, höhnisches Wesen war ihm zur Natur geworden. Und seine Marie, die eine englische Mutter hat, hat ihn zum Franzosenhasser gemacht.

Franz Krüger wird nicht nur seinen Gönner Prinz August, sondern die halbe Königsfamilie malen, mit Pferd oder ohne. Er wird auch über die Last dieser vielen Portraits stöhnen, etwas das ihm Friedrich Wilhelm III nicht so recht verzeiht. Einmal malt sich Franz Krüger ganz frech als Bürgerlichen neben einem Preußenprinzen mit aufs Bild, und das ist ein sehr kleines und sehr intimes Bild.

Es ist eins seiner schönsten Bilder. Der Prinz Wilhelm (der später Wilhelm I sein wird) im Vordergrund und Krüger sind gleich alt, aber irgendwie hat sich Krüger hier ein wenig jünger gemacht. Der Preußenprinz wirkt älter als seine neununddreißig Jahre. Er trägt sehr elegante Hosen und sitzt auch elegant zu Pferde, das ganze Ensemble ist duftig gemalt, mit einem schönen Himmel. Und den Staub, den die Pferde aufwirbeln, hat Krüger auch nicht vergessen. Das Bild hängt heute in der Berliner Nationalgalerie.

An die muss ich immer zurückdenken, wenn ich irgendwo den Namen Franz Krüger lese. Wie zum Beispiel auf der Wikipedia Seite, die mir sagt, dass er heute an einem 10. September geboren wurde. Vor einem halben Jahrhundert war ich mit einer Freundin, die später leider viel zu früh verstorben ist, eine Woche in Berlin. Wir bewegten uns von Museum zu Museum. Wir hatten noch kein Abitur, aber ihr war klar, dass sie Kunst studieren würde. Mir war klar, dass ich Kunstgeschichte studieren würde. Und an diesem schönen Spätsommertag, als wir auf der Museumsinsel landeten, konnte ich es wieder einmal nicht lassen, den Mini-Kunsthistoriker herauszulassen und gab vor jedem Bild meine Kommentare ab. Als wir bei Franz Krüger angekommen waren, gesellte sich eine vierköpfige Familie aus Sachsen zu uns, die irgendwie den Eindruck hatten, dies sei eine offizielle Museumsführung. Bei der Nennung von Pferde-Krüger nickten sie schon alle fachmännisch mit den Köpfen, und als ich dann noch hinzufügte, dass Krüger bei einem Landschaftsmaler namens Kolbe gelernt hatte, den man den Eichen-Kolbe nannte (weil er immer so schöne Eichen in seine Bilder malte), waren sie von mir begeistert. Pferde-Krüger und Eichen-Kolbe, das kann man sich leicht merken. Und dann zur Krönung noch die Geschichte, dass Krüger am Anfang seiner Karriere Kohlezeichnungen von Pferden und Stallburschen gemacht hat, für fünf Groschen das Bild. Die Geschichte stimmt wahrscheinlich nicht, kommt aber immer gut an. Am Ende des Nachmittags war die Gruppe, die wir von Saal zu Saal mitschleppten auf etwas über zwanzig Leute angewachsen. Meine Freundin hatte die ganze Zeit über Schwierigkeiten, nicht vor Lachen loszuprusten. Ein schwedisches Diplomatenehepaar mit einem verzogenen Gör gab mir zum Schluss sein ganzes DDR Blechgeld. Sie glaubten wohl, einem jungen DDR Bürger damit einen großen Gefallen zu tun.

Krüger hat noch ein ähnliche Ereignisbilder mit Paraden und Huldigungen gemalt, er erstickte ja beinahe in Aufträgen. Hatte aber eine Vielzahl von begabten Schülern, die für ihn manchmal den Landschaftshintergrund, markante Bauwerke oder hübsche Uniformen malte. Das war zu Rembrandts Zeiten nicht anders, Krüger hat aber niemals die Mitarbeit seiner Schüler geleugnet. Ob manche der Architekturwerke auf seinen Bildern von dem Berliner Maler Eduard Gaertner stammen, ist unter Kunsthistorikern heute eine Streitfrage. Krüger liebte Tiere, er hatte ja auch als Tiermaler angefangen, später malt er die grossen Tiere Preußens. Kaum einer seiner Zeitgenossen ist nicht von ihm porträtiert worden. Ich stelle einmal an den Schluss ein Bild von ihm aus dem Jahre 1819, dass mich immer fasziniert hat. Es heißt Ausritt zur Jagd.

Es gibt dazu in der Nationalgalerie noch ein gleich großes (oder gleich kleines) Bild, das Heimkehr von der Jagd heißt und erschöpfte Windhunde und Pferde zeigt, die in den Stall geführt werden. Hier bei der Ausritt zur Jagd haben wir einen winterlichen, nebligen Morgen, an dem der junge Offizier seine Windhunde so elegant an der Leine führt. Der Wind lässt seinen Mantel und den Pferdeschweif dekorativ flattern. Ein Dandy zu Pferde, zehn Jahre früher hätte er in dieser Pose nach dem französischen Feind Ausschau gehalten wie auf Krügers Bild Preußischer Reitervorposten im Schnee von 1821, das in der Sammlung Reinhart in Winterthur ist.

Am besten gefällt mir der frierende Hund unten links. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Krüger insgeheim ein kleiner bürgerlicher Revolutionär ist, obgleich er mit der 48er Revolution nichts zu tun haben wollte. Aber auf dem Bild der Parade interessiert uns (und ihn) eigentlich nur das bürgerliche Berlin. Der Schusterjunge mit seinen Stiefeln ist liebevoller gemalt als der König. Die Feldherrnpose des Prinzen August im Salon wirkt nur lächerlich. Und der militärische Dandy mit seinen Windhunden ist das letztlich auch. Die preußischen Offiziere auf dem Bild von 1821 haben wenig Heldenhaftes an sich, der Hund links im Bild ist interessanter. Vielleicht habe ich jetzt eine neue kleine Theorie, auf die noch keiner gekommen ist? Wahrscheinlich wohl nicht, die Berliner Krüger Ausstellung von 2007 „preußisch korrekt, berlinisch gewitzt“: Der Maler Franz Krüger scheint etwas Ähnliches angedeutet zu haben, wenn ich die Besprechung der Ausstellung von Gerhild Komander richtig verstehe: Die Kunstkritiker beklagten Krügers mangelnde Kreativität, die großen Ideen fehlten ihm, hieß es. Die Bürgerschaft der Stadt jubelte, als sie sich in den Bildern des Künstlers wiederfand. Der Maler brach – aus dem Stand, ohne Vorbild – mit der höfischen Bildordnung. Der reaktionären Haltung des Königs und der preußischen Politik desVormärz setzte er das – noch – verdeckte bürgerliche Selbstbewußtsein entgegen. Die Berlinerinnen und Berliner, Maler, Architekten, Schauspielerinnen und Verwaltunsgbeamte fanden sich nicht nur als Schaulustige der Paraden wieder, sondern nahmen den Platz von Adel und königlicher Familie ein. Dem König – Friedrich Wilhelm III. – fehlte die intellektuelle Einsicht in die sozialen Veränderungen, die Krüger subtil und geistreich ins Bild setzte.

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