Giovanni Morelli

Der Name Giovanni Morelli (hier links von Lenbach gemalt) sagt heute vielen nichts mehr, zu seinen Lebzeiten war das anders. Er wurde am 25. Februar 1816 in Verona geboren, seine hugenottische Familie stammte aus Südfrankreich. Er war ein außergewöhnlicher Mann. Er hat Medizin studiert, aber nie als Arzt praktiziert. Aber an der Uni München hat der Dr. med. Morelli anatomische Vorlesungen gehalten. Er war beim italienischen Risorgimento dabei und hat mit der Waffe in der Hand gegen die Österreicher gekämpft. Er war auch Gesandter der provisorischen italienischen Regierung bei der Frankfurter Bundesversammlung im Jahre 1848. Deutsch konnte er perfekt, er hatte viele Freunde in der Berliner und Münchener Intelligenz. Daneben war er auch noch Schriftsteller und Übersetzer. Als es ein vereinigtes Italien gab, wurde er Abgeordneter für Bergamo, später war er Senator und beschäftigte sich mit der italienischen Kulturpolitik.

Neben dem Mediziner und Politiker Morelli gibt es noch den Kunstkenner Morelli, der die Morelli Methode erfunden hat. Seine Bücher schrieb er auf deutsch unter dem Namen Ivan Lermolieff (eine kaum verhüllte Anspielung auf den Namen Giovanni Morelli). Die Kunstwissenschaft steckte damals noch in ihren Anfänge. An Röntgengeräte, Woodsches Licht, Dendrochronologie und FT-IR Spektroskopie zur Altersbestimmung von Gemälden war noch nicht zu denken. Man konnte schriftliche Quellen zu einem Bild heranziehen. Wenn es sie gab. Der Rest war Kennerschaft, etwas was viele Kunsthistoriker in dieser ersten Phase der Kunstgeschichte auszeichnete. Was wären Wilhelm von Bode oder Bernard Berenson ohne ihre Kennerschaft, Intuition und Urteilskraft gewesen? Heute lernen ja manche einen Katalog auswendig, um eine schöne Frau, die sie in eine Gemäldegalerie begleiten, vor den Bildern zu beeindrucken. Lachen Sie nicht, ich kenne Beispiele für solches Verhalten.

Das Schönste ist mir mit einem australischen Professor passiert, den ich für einige Tage betüddeln musste und in ein Kunstmuseum mitnahm. Während ich mich mit seiner Gattin unterhielt, schlich er sich zur nächsten Bilderwand, lernte einen Namen auswendig, kam wieder zurück und sagte ganz nonchalant Ah. Dr Jay, isn’t that a fine Philipp Hackert over there? Der dachte, ich merke das nicht. Der Mann war ein richtiger Lügenbaron, ein Wort das jetzt ja eine neue Bedeutung gewonnen hat. Wahrscheinlich wird die noch zu definierende Maßeinheit dafür auch demnächst 1 gbg (1 Guttenberg) heißen.

Aber solche „Kenner“ meine ich nun nicht. Ich meine schon eher Leute wie von Bode oder Berenson (der elegante Herr links), den alle Welt BB nannte. Obgleich der sich häufig genug in seinem Leben geirrt hat und mit der Liaison, die er mit dem englischen Kunsthändler Joseph Duveen einging, seinen Ruf sehr beschädigt hat. Gefälligkeitsgutachten gegen gutes Geld und solche Dinge. Und dennoch, wir würden wahrscheinlich all die Maler der italienischen Renaissance nicht kennen, wenn Berenson den Bildern nicht Namen zugewiesen hätte. Wenn sich Berenson später von Morellis Methoden öffentlich abgewandt hat, verdankt er Morelli (den er noch kennengelernt hatte) doch viel.

Seine Methode formuliert Morelli erst im Alter, bis dahin schreibt er einen wunderbar essayistischen Stil voller Witz und Humor, elegant parlierend. So zum Beispiel über seinen Freund Wilhelm von Kaulbach und dessen Bild Hunnenschlacht (links): Als ich neulich in Kaulbach’s Atelier war, kamen mehrere Frauenzimmer auch hinzu, und da fragte denn eine davon: ‚Wie viel Figuren sind wohl darauf?‘ – So dumm und albern diese Frage damals klang, so treffend wäre sie aus dem Munde eines Verständigen; denn so viele Figuren wie schon da sind, so könnten doch noch mehrere Tausende angebracht werden, ohne daß die Composition gewinnen und verlieren würde, was aber in der Composition eines Raffael, eines Giulio Romano oder eines Michelangelo nie der Fall ist; bei ihnen hat jede Figur ihre hohe Bedeutung, d. h. ihre Compositionen sind rein historisch, die von Kaulbach aber genremäßig. Muss man über Kaulbach mehr sagen?

Vor dreißig Jahren hat der italienische Historiker Carlo Ginzburg einen interessanten ☞Aufsatz veröffentlicht, der im Titel Morelli, Dr. Freud und Sherlock Holmes hatte. You know my method, sagt Sherlock Holmes zu Dr Watson. Und der Dr. Morelli ist jetzt der erste in der Kunstwissenschaft, der eine Methode hat. Die sogar Sherlock Holmes (oder seinen Schöpfer) beeindruckt. Das Bild da oben hielt man in Dresden für ein Werk von Giovanni Battista Salvi, genannt Sassoferrato. Und man glaubte, dass es eine Kopie nach Tizian sei. Bis der Dr. Morelli kam und sagte, dass es ein Giorgione sei. Und bis heute steht der Name Giorgione unter dem Bild.

Morellis Methode ist – und darin ist er Sherlock Holmes ähnlich – eine Betrachtung der kleinen Details. Nicht die ganze Komposition, nicht die großen Gesten, die kann jeder Maler von einem anderen kopieren. Morelli geht auf die bisher bei der Bildbetrachtung vernachlässigten Details, Hände, Füsse, Ohren. Der Kunsthistoriker Edgar Wind hat in Art and Anarchy über die Methode gesagt: Morelli invites us to identify a great artist, not by the power with which he moves us, nor by the importance of what he has to say, but by the nervous twitch and the slight stammer which are just a little different from the quirks of his imitators.

Morelli hat niemals behauptet, und da haben ihn seine Kritiker wohl bewusst missverstehen wollen, das dies alles sei. Es ist eine Vorstufe zum Sehen. Wenn wenn man die kleinen Dinge sieht, wird man auch die großen sehen können. Im Vorwort zu Die Werke italienischer Meister in den Galerien von München, Dresden und Berlin. Ein kritischer Versuch sagt Morelli: Meine ‚kritischen Auslassungen und Bemerkungen‘ machen nicht den mindesten Anspruch darauf, irgendwie Vollkommenes zu bieten. Meine Noten sind vor den Bildern selbst, currenti calamo, und ursprünglich ohne alle Absicht auf Veröffentlichung gemacht; auch bin ich mir wohl bewusst, dass meine oft sehr kühnen Urteilssprüche nicht als das letzte Wort gelten können. Das ist nun nicht nur eine captatio benevolentiae, er meint das durchaus so.

Natürlich kommt für einen Kunsthistoriker hinzu, dass er sehr viele Bilder kennt und (wie Sherlock Holmes) eine gute Intuition besitzt. Aber die Detailbetrachtung sei, sagt Morelli, eine der wichtigsten ersten Stufen bei der stilkritischen Zuschreibung eines Gemäldes. Sigmund Freud war von Morelli begeistert, auch wenn er ihn bei seiner Interpretation des Moses von Michelangelo ein wenig falsch interpretiert hat. Doch er sah große Ähnlichkeiten zwischen Morellis Methode und der Psychoanalyse.

Man kann das Sehen und die Detailkenntnis trainieren. Als ich noch Kunstgeschichte studierte, besaß jeder Student große DIN A6 Karteikästen voller Postkarten. Und Studenten fragten sich ständig ab, indem sie ihrem Gegenüber für wenige Sekunden eine Postkarte aus dem Kasten hochhielten. In meiner Doktorprüfung schob mir mein Professor die Abbildung eine Gemäldes über den Tisch, auf der alles abgedeckt war bis auf wenige Quadratmillimeter, die den Fuß eines Möbelstücks zeigten. Ich habe nicht lange gezögert und Maître de Flémalle, Merode Altar, rechter Seitenflügel gesagt. Das hat ihm gefallen. Er hätte mir an dem Tag auch den leicht gekrümmten Zeigefinger von Botticellis Venus geben können, ich hätte ihn erkannt.

Morelli hat sich im Gegensatz zu seinen deutschen Kollegen nie als Kunsthistoriker verstanden, eher als einen Kunsthändler und Kunstsammler. Und für die sind solche Kenntnisse lebenswichtig. Oder sie brauchen wie Lord Duveen einen Bernard Berenson, der das für ihn macht. Heute scheint ein Kunstwerk nur noch dafür da zu sein, um bei Sotheby’s oder Christie’s Sensationspreise zu erzielen, auf Postkarten verkauft oder im Labor auf seine Farbschichten hin analysiert zu werden. Vielleicht sollten wir einfach mal wieder Morelli, diesem genialen Außenseiter der Kunstwissenschaft, folgen und das Sehen von Kunstwerken lernen.

Giovanni Morellis wichtigste Schriften sind über diese ☞Internetseite von arthistoricum zugänglich.

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