Henry Fuseli

Das ist er, gemalt von James Northcote. Für einen Augenblick wirft das Sonnenlicht unter der Wolke einen Scheinwerferstrahl auf das Gesicht. Licht und Dunkelheit, die dieses Portrait charakterisieren, sind auch das wiederkehrende Thema bei dem Maler Henry Fuseli, der eigentlich Johann Heinrich Füssli heißt. Aber das können die Engländer so schlecht aussprechen. Die Engländer müssen sich in diesen Tagen sowieso an viele deutsche Namen gewöhnen: Friedrich Händel, Angelika Kauffmann, Johann Christian Bach (den sogar Gainsborough malt), Balthasar Denner. Im London des 18. Jahrhunderts steppt der Bär, da muss man als Künstler einfach hin, wenn es einem in der Schweiz zu eng wird.

Füssli hat sich den neuen Namen eigentlich nicht wegen der Engländer gegeben, er hat ihn in seiner Zeit in Italien angenommen, weil er etwas italienischer wirken wollte. Doch er ist in England seit er 24 ist, da musste der frischgebackene Theologe aus der Schweiz fliehen, weil er zusammen mit Lavater und Hess ein politisches Pamphlet gegen den korrupten Landvogt Felix Grebel veröffentlicht hatte. Eigentlich stand ihm der Sinn nicht nach der Malerei, aber seine Übersetzung von Winckelmann und sein Artikel über den geliebten Rousseau blieben von der Öffentlichkeit unbeachtet. Da ist er dann dem Rat von Sir Joshua Reynolds gefolgt, sich auf die bildenden Künste zu werfen. Denn der hatte bei den wenigen Zeichnungen, die Füssli ihm gezeigt hatte, sofort gesehen, dass dieser junge Mann Talent hat. Etwas von mir? Komm, hier ist etwas trockne Eitelkeit: um der grösste Maler meiner Zeit zu sein, habe ich, sagt Reynolds, nichts zu tun, als für ein paar Jahre nach Italien zu gehn, schreibt Füssli nach dem Gespräch an Lavater. Er geht nach Italien. Den Einfluss der Fresken Michelangelos mit allen Pathosformeln kann man überall bei ihm sehen. Die Datierung dieses trompe-l’oeile Bildes oben ist nicht ganz sicher, es kann sein, dass er es als Zehnjähriger gemalt hat. Die Zeichnungen in der Jugendmappe im Kunsthaus Zürich zeigen auf jeden Fall schon eine große Reife. Ich will ein Mahler seyn wenn ich kann, weil es das stärkste Mitel in meiner Gewalt ist, wie ich hoffe Gutes zu thun, hat er in aus London in die Schweiz geschrieben.

Füssli ist ein hervorragender Zeichner, als Maler ist er nur Mittelmaß. Er hatte es nie für nötig befunden, den handwerklichen Teil der Ölmalerei zu erlernen. Was er technisch nicht beherrscht, gleicht er durch Originalität aus. Sein Werk lebt von mythologischen und literarischen Anspielungen. Obgleich diese vielleicht nicht so tiefgehend sind. Mit einem Ausstellungsbesucher (der den Maler nicht erkennt) entspinnt sich vor einem Bild Füsslis folgender Dialog: Pray, Sir, what is this picture? – It is the bridging of Chaos; the subject from Milton. – No wonder I didn’t know it, for I never read Milton, but I will. Woraufhin Füssli sagt: I advise you not. For you will find it a d—d tough job.

Füssli, der nachdem er den verehrten Rousseau getroffen hatte, seiner calvinistischen Religion Adieu gesagt hatte, sucht auch die Nähe zu allen Intellektuellen (und zu englischen Bankiers). Er macht auch in der Royal Academy Karriere, sein Einfluss auf eine ganze Generation britischer Künstler ist nicht zu unterschätzen. Er ist häufig sarkastisch und verletzend, aber dennoch mögen ihn seine Studenten, weil sie erkennen, dass er im Grunde ein guter, sanfter Mensch ist.

Es gibt zwei Künstler, die ihn geradezu anbeten. Um den einen kümmert er sich leider nicht weiter. Der heißt William Blake, und alle machen einen Bogen um ihn, weil der ein wenig sonderlich ist. Füssli auch. Dennoch, er hat sicherlich einen Einfluss auf Blake. Der zweite heißt Benjamin Haydon, eine komische und tragische Figur der englischen Kunstgeschichte. Haydon kommt mit 18 Jahren nach London und will unbedingt Maler werden. James Northcote, der wie er aus Plymouth ist, sagt zu ihm Heestorical peinter! why, yee’ll starve, with a bundle of hay under your head. Haydon ist ein sehr schlechter Maler, er wird auch häufig im Schuldgefängnis sein. Aber er ist ein scharfsichtiger Kunstkritiker, der beinahe alle seine Kollegen hasst (und sie ihn). Zehn Jahre bevor er Selbstmord begeht sagt er über seinen ehemaligen Lehrer Füssli: Ich fand in ihm die groteske Mischung von Literatur, Kunst, Skeptizismus, Unzartheit, Gottlosigkeit und Güte…Schwache Geister zerstörte er. Die hielten seinen Witz für Vernunft, seine Indezenz für Lebensart sein Fluchen für Männlichkeit und seine Ungläubigkeit für Geistesstärke; aber er war tief bewandert in schöner Literatur und besaß die Kunst, junge Menschen mit hohen und großen Ideen zu inspirieren.

Drei Viertel von Northcotes Füssli Portrait liegen im Dunkeln. Wie die Kunst von Füssli, eine visionäre Alptraumwelt. Es ist eine Kunst der schwarzen Romantik (so der Titel des großartigen Buches von Mario Praz), die in geballter Form in einer Füssli Ausstellung ein wenig schwer zu ertragen ist. Goethe, der eigentlich in seinem Kunstgeschmack nicht der sicherste Kritiker ist, hatte sicher Recht, wenn er ihn als genialen Manieristen, der sich selbst parodiert bezeichnet (er hat seine negative Beurteilung Füsslis später aber abgemildert). Füssli hat auch – und das passt Mario Praz natürlich vorzüglich – eine noch dunklere Seite, femmes fatales und sadistische Erotik. Was Haydon trocken, aber treffend mit the Engines of Fuseli’s Mind are Blasphemy, Lechery and blood. His women are all whores, and men all banditti kommentiert.

Henry Fuseli, RA, wurde heute (7.2.2011) vor 270 Jahren als Johann Heinrich Füssli in Zürich geboren. Er starb 1825 in London. Die beste Übersicht über sein Werk ist der Katalog der Hamburger Ausstellung von 1974, einer Werkschau in der groß angelegten Ausstellungsreihe Kunst um 1800. Die Ausstellung wanderte damals an die Tate Gallery weiter. Der Besucherrekord der Reihe lag mit 220.000 Besuchern natürlich (wie könnte es anders sein?) bei der Caspar David Friedrich Ausstellung. In die schöne William Blake Ausstellung haben sich leider nur noch 20.000 Besucher verirrt.

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