Hinrich Wrage

 

Ja, so sieht das da aus. Die Ecke kenne ich, habe ich auch schon mal photographiert. Falls Sie nicht wissen sollte, wo das ist, das ist der Dieksee in der Holsteinischen Schweiz. Der Künstler, der Hinrich (oder Hinnerk) Wrage heißt, hat da gewohnt. Das hieß damals noch Gremsmühlen, wurde dann Malente-Gremsmühlen und heißt heute Bad Malente-Gremsmühlen. Die haben da auch eine Hinrich Wrage Straße in der Gegend, wo er gewohnt hat. Wo er seine Malschule mit Blick über den Dieksee hatte, ist heute alles zugebaut mit Altersheimen und Reha-Zentren. Der unverbaubare Seeblick ist natürlich am Ufer noch da. Und sieht ein Jahrhundert später immer noch so aus. Ein Haus mit Seeblick könnte Wrage heute wohl nicht mehr kaufen, die sind alle im Besitz von Hamburger Millionären, die da am Wochenende mit ihrem Daimler anrauschen und ihre rote Hamburger Flagge am Fahnenmast hochziehen.

Wrage kommt wie ähnlich Christian Rohlfs aus ärmlichen Verhältnissen, ihre Jugend auf dem Land verläuft sehr ähnlich. Wie Rohlfs leidet der kleine Wrage unter einem verkrüppelten Bein und muss jahrelang das Bett hüten. Man bringt ihm ein Bilderbuch und er sagt Moder, dat kann ick ok. Und zeichnet alles nach. Auch die Kinderbibel, die ihm der Pastor bringt. Aber an der Stelle hören die beiden Parallellebensläufe auch schon auf. Wrage wird in Kiel eine Lehre als Porzellanmaler machen (was für einen Maler nicht die schlechteste Ausbildung ist) und die Gewerbeschule besuchen. Danach geht er an die Düsseldorfer Akademie und wird Schüler des berühmten Oswald Achenbach. Später zieht es ihn zu Theodor Hagen nach Weimar und noch später wird er Meisterschüler von Karl Gussow an der Münchener Akademie. Vor dem Krieg von 1864 wären Maler aus Schleswig-Holstein zum Studium nach Kopenhagen gegangen, Louis Gurlitt und Carl Ludwig Jessen wären da Beispiele. Nach der Erstürmung der Düppeler Schanzen bleibt eine neue Generation von Malern wie Hinrich Wrage, Christian Rohlfs, Hans Peter Feddersen und Hans Olde im Deutschen Reich.

Eine Reise Wrages nach Sylt bringt eine Vielzahl von Dünenlandschaften als Ergebnis. Auf Sylt sind jetzt die Maler als erste, die Hamburger Millionäre sind da noch nicht angekommen. Und an Gosch, den Fischbrötchen McDonald, denkt glücklicherweise noch keiner. Dem haben ja gerade die Rügener den Krieg erklärt. Aus gegebenem Anlass kann ich dazu nur sagen: bevor Sie bei Gosch ein Fischbrötchen essen, sollten Sie das wunderbare Kapitel Gastronomie in Benjamin von Stuckrad-Barres Buch Deutsches Theater lesen! Wenn die Maler jetzt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Freiluftmalerei entdecken und es sie in kleine Kaffs oder an die Küste zieht, wo die Landschaft besonders malerisch ist, kommt irgendwann die Schickeria hinterher. Und dann ist der Ort plötzlich in, die Grundstückspreise steigen und der Ort wird zersiedelt. So trägt die Landschaftsmalerei zur Umweltzerstörung bei.

Es ist kein Zufall, dass Hinrich Wrage nach Sylt kommt. Eugen Dücker, der Nachfolger Achenbachs in Düsseldorf, hetzt jetzt seine Studenten geradezu auf die verlassene Nordseeinsel (gleiches wird Eugen Bracht in Berlin tun). Das hier ist ein Selbstportrait von Eugen Dücker beim Malen an der Ostsee, ein Bild, das mir von all den Bildern Dückers immer am besten gefallen hat. Es könnte genau so von einem Franzosen sein, Dücker ist der französischen Freiluftmalerei sehr nahe. Wrage ist davon aber ein Stück weg, wie man auf diesem Bild von Sylt sehen kann.

Strand auf Sylt ist das größte seiner Sylt-Bilder. Es hängt heute in der Kieler Kunsthalle. Die hat es 1873, gleich als es fertig war, vom Künstler gekauft. Das ist sicherlich eine gute Entscheidung gewesen, vielleicht besser als die, Anton von Werner mit dem sechs Quadratmeter großen Riesenbild Moltke und sein Generalstab vor Paris zu beauftragen. Das wurde auch 1873 fertig. Wrage hatte Strand auf Sylt in München (wo er es nach den Skizzen aus Sylt auch gemalt hat) ausgestellt und seinen ersten großen Publikumserfolg damit gehabt. Vom Erlös des Verkaufs und mit einem gleichzeitig gewährten Stipendium gönnt er sich eine Italienreise. Die ihn aber nicht sonderlich beeinflusst hat, sein Malstil verändert sich nicht. Strand auf Sylt ist ein monumentales Bild, einszwanzig mal zwei Meter, es kommt einem aber größer vor, wenn man davor steht. Macht wahrscheinlich der breite Goldrahmen. Es zeigt eine Gruppe von Inselbewohnern, die gerade ein gestrandetes Boot vom Strand nach Hause bringen. Strandräuberei – da hat sich ja auf Sylt nicht so viel geändert.

Die zeitgenössische Kunstkritik lobte besonders die Darstellung der Fischer, die in dieser unwirthbaren Wüste kein Wetter scheuen, die dürftigen Gaben, welche das unersättliche Meer ausgespieen, zu ihrer Wohnstätte zu schaffen und sich nutzbar zu machen. Auch die Genauigkeit der Wiedergabe der örtlichen Tracht wurde gelobt. Fischer und Landleute haben jetzt in der Malerei Hochsaison. Tracht auch. Wenn ich daran denke, wie viel Zeit ➱Winslow Homer mit dem Malen von Fischer- und Meeresszenen in England (hier eine davon) vertrödelt hat. Was hätte er da nicht nicht alles malen können! Aber viele Maler haben jetzt ihre Schwierigkeiten, sich aus den Fängen des Zeitgeschmacks und der braunen Soßenhaftigkeit der Leinwände zu befreien. Den Weg, den Max Liebermann und Thomas Herbst beschreiten, den wagt Hinnerk Wrage nicht zu Ende zu gehen. Selbst sein schleswig-holsteinischer Landsmann und Studienfreund bei Achenbach und Hagen, ➱Hans Peter Feddersen, hat da mehr Mut zu einer Malerei des Lichts. Von den Malern in Ekensund und ➱Skagen wollen wir jetzt mal gar nicht reden.

Man redet 1873 über die Sylter Strandräuber und ihre Tracht, aber man redet nicht über das Licht. Und das handhabt Wrage (wie auch oben in dem Bild von der Hohwachter Bucht) wirklich souverän, ansatzweise schon impressionistisch. Ich lasse jetzt einmal die Interpretation beiseite, dass der Weg der Inselbewohner vom Dunkel ins Licht symbolisch für die Autobiographie Wrages ist. So etwas schreiben Kunsthistoriker, wenn ihnen sonst nix zu einem Bild einfällt.

Dieses Bild zeigt die Stadt Kiel gesehen von Neumühlen-Dietrichsdorf. Was da links so ganz idyllisch an den Rand gekleckst ist, ist der Komplex der Howaldtswerke-Deutsche Werft, was damals hier oben Kiserliche Warf hieß. Es herrscht reger Schiffsverkehr auf der Kieler Förde. Die Marineakademie (heute Sitz der Landesregierung) rechts am Bildrand und die Garnisonskirche werden durch das Licht besonders hervorgehoben. Sie in dunkle Regenwolken zu hüllen, wäre wahrscheinlich zur Zeit Wilhelm II. lèse majesté gewesen. Wir sind im Jahre 1899, das Flottenwettrüsten hat längst begonnen. Aber auf diesem Bild ist von den Plänen von Wilhelm II und Großadmiral Tirpitz nichts zu sehen (die Garnisonskirche und die Marineakademie mal ausgenommen). Das Schiff in der Mitte der Kieler Förde ist kein Kriegsschiff, sondern der Postdampfer Prinz Waldemar auf dem Wege nach Dänemark. Das Schiff auf der Slipanlage der Howaldtswerke wird auch kein Kriegsschiff werden. Des Kaisers schimmernde Wehr ist nirgendwo zu sehen. Die Munitionslager der Kaiserlichen Marine auf dem Ostufer sind auch kaum zu sehen. Dafür aber Himmel satt, mit nach holländischem Vorbild tief gelegtem Horizont. Dazu ein wenig Kieler Fördewasser und die Schwentinemündung. Und ganz viel Wiesen und Koppeln nördlich der Schwentinemündung, und diese auch schön von der Sonne beleuchtet.

Wenn sich jemals ein Bild der Wirklichkeit verweigert hat, dann ist es diese Ansicht von Kiel. Der Satz, dass Deutschlands Zukunft auf dem Wasser liegt, hat sich wohl noch nicht bis Malente herumgesprochen. Vielleicht macht Wrage das in dieser Zeit genau richtig, dass er nach Gremsmühlen an den Dieksee gezogen ist. Da gibt es keine Kaiserliche Marine, da gibt es nur die Dampfer der 5-Seen-Fahrt und Segelboote. Im Jahre 1910 – als sich Wrages schleswig-holsteinische Malerkollegen Christian Rohlfs und Hans Olde schon längst allen französischen Stilrichtungen hingegeben haben – schreibt ein Journalist aus dem Großherzogtum Oldenburg nach dem Besuch des Studios über Wrage:

Ein himmelhohes Atelier mit den prächtigsten Bildern nahm mich ganz in Anspruch. Die Geheimnisse des tiefen holsteinischen Buchenwaldes, der Zauber der baumbekränzten dunklen Seespiegel, die weltverlassene Einsamkeit der Bergmoore, die scharfe Luft an den meerumbrandeten Nordseeinseldünen, die Schauer der grauen Vorzeit an Hünensteinen, all das schaut dort auf hundert großen Leinwandtafeln von der Wand, in einer Technik, fast zu gediegen und kraftvoll für den Geschmack der Gegenwart, ohne je in Manier oder verdrängerische Absicht zu verfallen, mit einer unbestechlichen Ehrlichkeit der Natur in hingebender Liebe abgelauscht. Der Buchenstamm, den Wrage malt, hat Kern und Kraft, sein Sonnenschein leuchtet mit warmem Scheine, und seine Meerwellen strömen förmlich salzigen Seeduft aus. Es ist eine Kunst, von den Modewandlungen der letzten Jahrzehnte unberührt, die nur darauf ausgeht, die großen Eindrücke der Natur treu und rein widerzuspiegeln und sich durch eine hochgerichtete Kunst davon zu befreien. Ja, so schreibt man um 1910 über Kunst, nicht nur der Dr. Wilhelm von Busch.

Hinrich Wrage, der heute vor 168 Jahren geboren wurde, hat eine Malerin geheiratet. Wilhelmine Stahl war eigentlich eine Schülerin des Hamburger Malers Carl Oesterley, sie war für einige Malstunden in die Malschule von Wrage nach Malente gekommen. Das scheint man von Hamburg aus gerne zu machen, auch die Hamburger Malerin Molly Cramer ist für kurze Zeit bei Wrage gewesen. Wilhelmine Wrage hat mit der Eheschließung die Malerei aufgegeben und erst im Alter von siebzig Jahren wieder damit begonnen. Ihr Sohn Klaus Wrage ist auch Maler geworden und ist (wie so viele Maler) sehr alt geworden. Die Kunstgeschichte hat Hinrich Wrage ein wenig stiefmütterlich behandelt. Aber immerhin hat das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum Gottorf 1998 im Kloster Cismar eine Ausstellung der Landschaftsbilder von Wrage veranstaltet. Der Katalog von Jan Drees ist antiquarisch noch zu finden.

Postscriptum (2012): Unter dem Titel „… von Schaffensfreude beseelt“: Der Maler Hinrich Wrage (1843-1912) gibt es in Eutin im Ostholstein-Museum vom 20.5.-19.8.2012 eine Wrage-Ausstellung.

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