Horace Walpole

Ich finde ja die Neugotik ein wenig scheußlich, aber dies hat natürlich Charme. Ist auch eins der ersten Bauwerke in diesem Stil. Es liegt an der Themse und gehört dem Schriftsteller Horace Walpole (der heute – 24.9.2010 – Geburtstag hat), der die kleine Villa, die er 1747 gekauft hatte, wenige Jahre später unbedingt zu einem little gothic castle umbauen musste. Es gibt vor Strawberry Hill zwar schon Bauwerke in diesem neuen altgotischen Stil, aber die zählen nicht, weil es sogenannte sham ruins sind. Ein gewisser Sanderson Miller hat sich schon darauf spezialisiert, weil reiche Bauherren gerne eine kleine gotische Ruine im Park haben wollen. Das da unten ist die künstliche Ruine von Hagley Hall. Walpole war von dem Bauwerk begeistert.

Und es sind nicht nur diese künstlichen Ruinen (wer nicht soviel Geld hat, um Sanderson Miller zu bezahlen, lässt sich eine Ruine aus Pappmaché in den Garten stellen) in den Landschaftsgärten, auch in der Literatur sind Gräber und Ruinen jetzt en vogue wie der Erfolg von Edward Youngs The Complaint, or Night Thoughts on Life, Death and Immortality oder Robert Blairs The Grave zeigt.

Doch Strawberry Hill ist nicht nur eine sham ruin, sondern ein richtiges kleines Schloss im neugotischen Stil. Das erregt natürlich Aufsehen. Es kommt jetzt eine neue Sorte Mensch nach Twickenham: der Tourist. Eine Erfindung des Englands des 18. Jahrhunderts. Walpole lässt sie alle rein, er ist so stolz auf sein Bauwerk, er liebt es, von Menschen bewundert zu werden. Obgleich er sich in Briefen an seine Freunde und in seinen Aufzeichnungen ständig über sie beklagt, er ist in seinen dreitausend Briefen eine der berühmtesten Tratschtanten des Jahrhunderts: The first day a company came to see my house, I felt…joy. I am now so tired of it, that I shuddder when the bell rings at the gate. It is as bad as keeping an inn, and I am often tempted to deny its being shown, if it would not be ill-natured to those that come, and to my housekeeper. Ganz besonders kann er die französischen Besucher nicht ausstehen, aber auch all die anderen hoi polloi, die ständig etwas kaputt machen: Two companies had been to see my house last week, and one of the parties, as vulgar people always see with the end of their fingers, had broken off the end of my invaluable eagle’s bill, and to conceal their mischief, had pocketed the piece.

Man kann den Adler, der bei Grabungen nahe der Caracalla Thermen ausgegraben wurde, noch auf dem Kupferstich sehen, der dekorativ von der Tischkante auf Reynolds Portrait von Walpole herunterhängt. Die Besucher, die Walpole auch als customers bezeichnet, werden immer mehr. Walpole wird ein kunstvolles Buchungs- und Eintrittskartensystem für die Öffnungszeiten von Mai bis Oktober ersinnen, es gibt jetzt auch eine Art Hausordnung (die wird es beim Fürsten Pückler auch geben). Kinder sind nicht willkommen (visitors are desired not to bring children), und Ansichtskarten und Speiseeis werden auch noch nicht verkauft, aber ansonsten ähnelt das alles schon ziemlich den Regularien, die Touristen  heute bei englischen Landsitzen finden. Aus dem appointment book der Jahre 1784 bis 1796 kann man schließen, dass im Jahr zwischen 250 und 300 Besucher in Strawberry Hill auftauchen. Auf  größeren Landsitzen wie Wilton House bei Salisbury, das dem Earl of Pembroke gehört, werden zu der Zeit schon zweitausend Besucher gezählt. Die haben aber auch einen riesigen Park, den hat Strawberry Hill nicht. Der neuen Landschaftsgartenkunst wird sich der Besitzer allerdings nicht verschliessen. Walpole, der einmal gesagt hat The whole secret of life is to be interested in one thing profoundly and in a thousand things well, wird einen einflussreichen Essay über den Landschaftsgarten schreiben.

Das sind jetzt nicht nur Landhäuser, die zur Schau gestellt werden, damit die Besucher die Architektur und die Bilder an der Wand bewundern. Es wird jetzt ein ganzer Lebensstil zur Schau gestellt, man zeigt, dass man taste hat. Bisher hatte das Wort etwas mit dem Essen zu tun, jetzt wird es zu einer ästhetischen Kategorie. Und Walpole wird in seinem Strawberry Hill die Dinge ausstellen, die er sammelt, viertausend Objekte (die Zeichnungen, Drucke und Bücher nicht mitgezählt). Der abbott of Strawberry Hill (wie er sich einmal bezeichnet hat) wird zum Bühnenbildner seiner eigenen Geschmackswelt, lange bevor Andy Warhol auf einen solchen Gedanken gekommen ist.

Am liebsten sind dem berühmten Horace Walpole natürlich berühmte Besucher. Wie James Boswell, die Schrifstellerin Fanny Burney oder die Schauspielerin Mrs Siddons. Und natürlich der berühmte Gartenarchitekt Humphry Repton. Den Herzog von Marlborough mit Gattin und den Erzherzog von Österreich, auch mit Gattin, wird Walpole persönlich durch sein kleines Schloss führen. Als er noch jung war, hat er Besucher auf dem Landsitz seines ungeliebten Vaters herumgeführt, er kennt sich darin aus. Wenn die Besucher nicht so prominent sind, führt ein Diener die Besucher herum und Horace Walpole verkrümelt sich in ein Gartenhäuschen. Oder beobachtet die Besucher aus einem Versteck heraus.

James MacLaine wird Strawberry Hill nicht besuchen, aber er wird Walpole einen Brief schreiben. James MacLaine ist auch eine Berühmtheit, er ist ein Gentleman Highwayman. Er soll das Vorbild für Macheath vulgo Mäckie Messer sein, was aber nicht sein kann. Als John Gays Beggar’s Opera erscheint, ist MacLaine erst vier Jahre alt. Er hat Walpole im Hyde Park überfallen und beraubt, und seine Pistole ist aus Versehen losgegangen. Jetzt entschuldigt er sich brieflich bei Walpole. Und bietet ihm die Beute zum Rückkauf für vierzig Guineas an. Walpole hat die ganze Sache sehr sportlich genommen und ist MacLaine nicht böse gewesen (I wish him no ill), er hat ihn sich auch nicht (im Gegensatz zu ganz London) in der Todeszelle besichtigt, wo MacLaine wie ein wildes Tier ausgestellt wurde.
Einen berühmten Besucher wird Walpole nicht mehr kennenlernen, und das ist unser Fürst Pückler, der natürlich bei seinem jahrelangen Englandaufenthalt auch Twickenham besucht hat: Auf einem Spazierritt mit M … kamen wir zufällig in einer reizenden Gegend nach Strawberryhill (Erdbeerhügel) einem von Horace Walpole gebauten Schloß, dessen er so oft in seinen Briefen erwähnt, und das man seitdem in nichts geändert und wenig bewohnt hat. Es ist der erste Versuch des Modergothischen in England, ganz im Clinquan-Geschmack jener Zeit, das Steinwerk in Holz nachgeahmt, gar Vieles – was glänzt, ohne Gold zu seyn. Doch sieht man auch mehrere gediegnere Kunstschätze und manche Curiositäten. Zu den ersteren gehört unter andern ein prächtiges mit Juwelen besetztes Gebetbuch voll Zeichnungen Raphaels und seiner Schüler, zu den letzteren der Hut des Cardinals Wolsey, ein sehr ausdrucksvolles Portrait der Madame du Deffant, der blinden und geistigen Geliebten Walpoles, und ein Bild der berühmten Lady Montague in türkischer Kleidung. Also das Wort modergothisch für gothic revival gefällt mir ausnehmend gut. Pücklers Vorgänger in Punkto Englandverehrung, Leopold von Anhalt-Dessau, hatte sich gleich in Wörlitz von Erdmannsdorff etwas Ähnliches bauen lassen und damit die Neugotik nach Deutschland gebracht.
Und von da an ist das mit dem gothic revival gar nicht mehr aufzuhalten. Ein ebenso scheußlich-schönes  Pseudoschloss steht vor den Toren Bremens in Leuchtenburg. Ein Bremer Kaufmann, der mit einer Engländerin verheiratet war, hat es ein Jahrhundert nach Strawberry Hill hier Lowther Castle nachgebaut (na ja, nicht das ganze Schloss Lowther Castle, sondern nur einen Seitenflügel). Riesiger Park drumherum. Später hat er es an einen gewissen George Albrecht verkauft, dessen Enkel Ernst hier geboren wurde. War mal Ministerpräsident von Niedersachsen (und ist der Vater von Ursula von der Leyen). Später hat die Familie es verkauft, diente dann der Lufthansa als Pilotenschule, heute ist es Hotel. Natürlich ist der Park nicht mehr so herrlich vergammelt wie in meiner Jugend, das Haus sah damals so aus, als ob alle Edgar Wallace Filme da drin gedreht worden seien. Heute sind da diese barbarisch neumodischen Fenster drin. Da würde Dieter Wieland, der Autor von Bauen und Bewahren auf dem Lande, einen Herzinfarkt kriegen, wenn er das sehen müsste.
Dieser George Albrecht ist übrigens der Schwiegersohn des reichsten Bremers des 19. Jahrhunderts gewesen, des Barons Ludwig Knoop, der sich auch eine Vielzahl schöner Schlösser gebaut hat. Leider sind Schloss Mühlental und Schloss Kreyenhorst längst abgerissen, aber den schönen Knoops Park von Wilhelm Benque, den gibt es immer noch. Das Hotel Herrenhaus Leuchtenburg sieht heute wie eine Yuppie Scheune aus und hat nichts mehr von diesem schönen Schauer, den das Schwarzweißphoto von Lowther Castle da oben ausstrahlt.
Denn mit solchen Bildern verbinden wir ja den Schauerroman. Und da bin ich, nach diesem kleinen Schlenker über das Weiterwirken von Strawberry Hill in Wörlitz und Bremen, doch wieder bei Horace Walpole. Weil er nicht nur diesen modergothischen Landsitz gebaut hat, sondern auch noch gleich passend dazu die gothic novel erfunden hat. The Castle of Otranto heißt der 1764 anonym erschienene Roman, auf den alle Schauerromane zurückgehen. Inzwischen kennen wir die Zauberformel alle: ein schauriges Schloss, efeuüberwachsen, Nacht, jagende Wolken am Himmel, von Zeit zu Zeit ein blasser Mond, schreiende Käuzchen, eine unschuldige Schönheit durch Kellergewölbe irrend, verfolgt von einem Bösewicht (gothic villain) aus alter adliger Familie und so weiter ad infinitum. Auf dem Titelblatt suggeriert uns Walpole, dass dies eine Übersetzung aus dem Italienischen ist. Dort spielt der Roman auch, den Italienern traut man ja alles zu. Alle englischen Schauerromane der ersten Phase spielen nicht in England, und der gothic villain (von der Natur gezeichnet durch Entstellungen, Narben oder dämonische Augen) ist immer ein Ausländer.
Ich besitze eine italienische Fassung von Il castello di Otranto, gedruckt in London 1795. Das ist natürlich nicht das Original, weil es kein italienisches Original gibt, aber diese Ausgabe hat in der Geschichte der gothic novel doch ihre Bedeutung. Der Übersetzer ist ein gewisser Gaetano Polidori, ein italienischer Schriftsteller, der nach London emigiert ist. Wir können schon davon ausgehen, dass sein Sohn John Polidori Pappis Übersetzung gelesen hat. Dieser John Polidori wird der Arzt und Reisebegleiter von Lord Byron werden, und er wird mit The Vampyre auch einen Schauerroman schreiben. Damals als die ganze romantische Dichterclique beim Dauerregen in der Villa Dioati sitzt und sie beschließen, alle einen Schauerroman zu schreiben. Dem schlechten Wetter verdanken wir Frankenstein. Meine italienische Version von Walpoles Roman kostet (wie ich gerade im ZVAB herausgefunden habe) bei einem englischen Händler 330 ₤, dafür würde ich sie auch verkaufen.
Dass unsere Dichterclique (Byron plus Leibarzt, Shelley und Gattin) in Italien ist, ist kein Zufall. Der Italienaufenthalt ist für den gebildeten Engländer als Teil der Grand Tour spätesten seit den Tagen von Horace Walpole sozusagen de rigeur. Sonst mag man die Italiener ja nicht so, aber jetzt heißt es vede Napoli e poi Muori. Und natürlich Rom, um (wie auch Walpole) antike Skulpturen und Bilder zu kaufen. Da warten schon ganze Fälscherwerkstätten auf die englischen Touristen, um ihnen garantiert echte Salvator Rosas zu verkaufen.
Die jungen englischen Gentlemen, wie zum Beispiel James Boswell, lassen sich auch häufig malen. Boswell gibt dafür einem schottischen Landsmann fünfzehn Pfund. Dieser George Willison studiert noch, deshalb der niedrige Preis. Bei den Stars der Malerszene wie Pompeii Batoni (links sein Portrait von John Staples 1773) kostet das schon mal das zehnfache. Natürlich gibt es in Italien jetzt auch den einen oder anderen Deutschen, wie diesen Herrn da oben, aber die Engländer sind da noch in der Mehrheit. Irgend muss der Herr da oben ja seine Zeilen her haben, die er in Faust II Mephistopheles sagen lässt:
Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,
Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
Gestürzten Mauern, klassisch-dumpfen Stellen;
Das wäre hier für sie ein würdig Ziel.

Die Briten haben jetzt ein festes Programm, und was Mephistopheles aufzählt gehört natürlich dazu. Und die Alpen, die muss man natürlich gesehen haben. Weil sie sublime sind, und sublime ist jetzt in. Seit Edmund Burke diesen Traktakt über Sublime and Beautiful geschrieben hat. Unglücklich nur, dass der kleine fette Schoßhund von Walpole, ein Spaniel namens Tory (was ja ein passender Witz für den Sohn eines Premierministers ist, der den Whigs angehört) von einem Wolf gefressen wird, kaum dass er ihn mal ein paar Schritte watscheln lässt. Da kann man die Landschaft gar nicht richtig geniessen. Walpole hat dieses Hündchen geschenkt bekommen. Der Reisebegleiter von Walpole, Thomas Gray, bemerkt hierzu, dass es ein odd accident enough gewesen sei. Er ist dreiundzwanzig und war mit Walpole in Eton. Er ist noch nicht der berühmte Dichter, der er eines Tages sein wird. Sonst hätte er bestimmt sofort ein Gedicht auf den Tod des kleinen fetten Spaniels geschrieben. Denn knapp zehn Jahre später, als Walpoles Lieblingskatze Selima auf der Jagd nach Goldfischen ersoffen war, da hat Thomas Gray (jetzt ein Dichter) dann doch schon eine Ode geschrieben: Ode on the Death of a Favourite Cat, Drowned in a Tub of Gold Fishes. Jahre später wird sich ein drittklassiger Dichter namens Edward Burnaby Greene in seinem Gedicht Ode on the Death of a Favorite Spaniel Dog auch des Todes von Tory annehmen. Wenn man so berühmt ist wie Walpole, dann werden auch die Haustiere literaturwürdig. Obgleich das Gedicht eher ein wenig unfreiwillig komisch ist, wenn Sie wollen, können Sie es hier nachlesen. Interessant ist aber, dass 1775 – beinahe zwanzig Jahre nach Burkes A Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful – sich seine Terminologie voll durchgesetzt hat. An Wörtern wie lone grandeurtremendous heightprecipice und unfathomed void kann man erkennen, dass der Autor seinen Burke gelesen hat. Ob das Erhabene nun die richtige Kategorie ist, um das Äquivalent von Paris Hiltons Handtaschenhund abzufeiern, ist eine andere Frage. Über Walpoles Katze Selima hat Christopher Frayling gerade eine kleine Kulturgeschichte Horace Walpole’s Cat vorgelegt. Das hätte ich auch schreiben können, aber ich bin Katzenhasser.

Das Victoria und Albert Museum hatte in diesem Jahr eine Ausstellung zu Walpoles Strawberry Hill. Die Ausstellung ist leider schon vorbei, den Katalog kann man aber immer noch kaufen. Horace Walpole’s Strawberry Hill. Herausgeber Michael Snodin und Cynthia Roman. Yale University Press, 2009. 384 Seiten, 368 Abb., 69,99 bei Amazon.

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