John Constables Wolken

 

Hat jemand schönere Wolken gemalt als Constable? Wenn man sich Weymouth Bay anschaut  werden einem viele Wolken auf Landschaftsbildern als kümmerlicher Ersatz erscheinen. Die mittelalterlichen Maler hatten es noch einfach, ein schöner goldener Hintergrund reichte aus, mehr braucht man vom Himmel nicht zu sehen. Aber irgendwann schleicht sich die Landschaft, die uns umgibt, doch auf die Bilder. Goldene Hintergründe sind dann eines Tages nicht mehr modern (spätestens bei den Brüdern Limbourg), man will Wolken und die grünen holländischen Wiesen im Hintergrund. Landscape into Art hat Kenneth Clark (später Sir Kenneth, dann Lord Clark of Saltwood) sein Buch über diesen Vorgang genannt. Kenneth Clark ist Englands beliebtester Kunsthistoriker gewesen, Millionen von Engländern haben seine Fernsehsendungen gesehen. Heute hat bei der BBC Simon Schama diese Rolle, der mit Landscape and Memory auch ein wunderbares Buch über unsere Rezeption der Natur geschrieben hat. Wir haben in Deutschland niemanden, der annähernd an Leute wie Clark oder Schama heranreichen kann. Wir sind die Nation der Dichter und Denker.
Die Engländer lieben ihre Natur, die Engländer lieben John Constable. Zu dessen Lebzeiten allerdings nicht. Nur zwanzig Bilder verkauft er während seines Lebens in England, nach Frankreich verkauft er mehr als zwanzig Bilder in wenigen Jahren. Und über seinen Einfluss auf die französische Malerei, Impressionisten inklusive, wollen wir hier gar nicht reden. Turner hat großen Erfolg, Constable bleibt arm. Turner hat es nicht nötig, wie Constable eines Tages Wirtshausschilder zu malen (I have received a commission to paint a Mermaid for a sign for an Inn in Warwickshire…no small solace to my previous labours at landscape for the last 20 years. However, the Lady may help to educate my children). Der viktorianische Kunstkritiker und Millonär John Ruskin verehrt Turner und kauft seine Gemälde, für Constable hat er kein Lob und kein Geld übrig. Und gegen das Urteil des moralinsauren viktorianischen Kunstpapstes kann kein Genie bestehen. Es wundert mich immer wieder, dass jemand, der einen solch schlechten Geschmack wie Ruskin hatte, überhaupt Turner gut finden konnte. Aber das negative Urteil von Ruskin hat natürlich weitreichende Folgen.
So erwähnt in einem Artikel über die englische Kunstszene im Quarterly Review ein gewisser Lord Francis Egerton ein Jahr nach Constables Tod den Namen Constable überhaupt nicht mehr. Egerton, der später Lord Ellesmere heißt, ist der Sohn des Herzogs von Sutherland, des reichsten Mannes von England. Dessen trauriger Ruhm besteht darin, das er im großen Stil etwas betrieben hat, was man im 18. und 19. Jahrhundert so nett als highland clearances bezeichnet. Sein Sohn wird einer der größten Kunstförderer der viktorianischen Zeit. Aber eben nicht für John Constable. Das einzige, was die beiden verbindet, ist ein Rahmenmacher namens John Smith, den Constable wegen seiner Qualität schätzt und der auch für Egerton Bilder rahmt.
Einer der wenigen, der Constables Talent ganz früh erkennt und ihn zeitlebens fördert, ist Benjamin West, der gute Mensch aus Pennsylvania. Der ist jetzt Präsident der Royal Academy. Er rät dem jungen Constable, eine gut dotierte Stelle als Zeichenlehrer an einer Militärakademie nicht anzunehmen, weil sie ihn in seiner künstlerischen Entwicklung behindern würde. Und obgleich Constable Wests Historienbilder scheußlich findet, für diesen Rat ist er ihm seinen Lebtag lang dankbar.
Wenn Constable in der Natur malt, vergisst er, dass es Bilder und Landschaftsmalerei gibt. Er hat den Blick des Naturwissenschaftlers auf den Himmel und die Wolken, notiert sich auf der Rückseite von Skizzen alle Details von Wolken und Wetter. Painting is a science and should be pursued as an inquiry into the laws of nature, sagt Constable in einer Vorlesung in der Royal Institution, Why, then, may not be landscape painting be considered a branch of natural philosophy, of which pictures are but the experiments? Das sagt der Mann, der Thomas Forsters Buch über atmosphärische Erscheinungen so kenntnisreich mit Kommentaren verziert hat, dass man erkennen kann, dass er Luke Howards Forschungen sehr gut kannte. Der Londoner Apotheker Howard ist Hobbymeteorologe, irgendwann hat er sein System der Wolken perfektioniert und wird damit berühmt, The Godfather of Clouds. Goethe wird ihm zu Ehren unter dem TitelHowards Ehrengedächtnis kleine Wolkengedichte schreiben. Und wenn man mehr über Luke Howard wissen will, dann sollte man das charmante Buch The Invention of Clouds von Richard Hamblyn lesen. Und einen Band mit Bildern von John Constable griffbereit haben.
Ein englischer Meteorologe namens John E. Thornes hat mit seinem Buch John Constable’s Skies etwas gewagt, auf das die Kunsthistoriker so nicht gekommen wären. Er nimmt Constable beim Wort, dass die Landschaftsmalerei eine Naturwissenschaft sei und setzt Constables Bilder in Relation zu allen bekannten meteorologischen Daten. John Constable’s Skies ist ein erstaunliches Buch, und man kann dem Professor Thornes nur dankbar dafür sein. In der Bibliographie der benutzten Literatur findet sich auch ein Buch eines deutschen Kunsthistorikers, das weithin unbeachtet geblieben ist, Kurt Badts John Constable’s Clouds, 1950 in London erschienen. Da ist der jüdische Emigrant noch in London, erst 1952 kehrt er in die Bundesrepublik zurück. Badt ist einer der originellsten deutschen Kunstschriftsteller des 20. Jahrhunderts gewesen, aber er bekommt keinen Professorenposten in der Adenauerrepublik. Oder, wie es Metzlers Kunsthistoriker Lexikon so schön formuliert: Dem nicht habilitierten Badt ermöglichte das restaurative Wissenschaftssystem der 50er Jahre keine universitäre Wirksamkeit. Man versteckt sich heute auch noch in der Sprache der Wissenschaft hinter solchen Euphemismen und setzt den Satz nicht mit und das ist eine Affenschande fort. Denn in einer Zeit, in der ein Hans Sedlmayr vom Verlust der Mitte schwafelt und sich von diesem Buch zigtausend Exemplare verkaufen, wird niemand ein Buch über die Wolken von John Constable lesen. Constable und Badt scheinen beide nicht in ihre Zeit zu passen.
Die Holländer des 17. Jahrhunderts haben eine Zauberformel für die Landschaftsmalerei gefunden, den tief liegenden Horizont. Da bleibt dem Maler viel Platz für den Himmel. Da bleibt ihm auch Platz für kleine revolutionäre Experimente wie in der Seelandschaft mit Regenwolke. Was kann man da noch sagen? Vielleicht Wow? Klicken Sie es an, es wird dann noch größer.

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