John Singer Sargent

So kennen wir ihn eigentlich nicht. Das ist Henry James als junger Mann. Das Bild wurde 1862 von John La Farge gemalt. In Newport. Das ist jetzt eine sehr vornehme Gegend. Die Vanderbilts, Wideners und Astors haben hier Sommerhäuser. Und die Familie von Henry James wohnt hier, John La Farge, der die Schwester der Malerin Lilla Cabot Perry geheiratet hat, auch manchmal. Die amerikanische High Society des Gilded Age ist natürlich in die Literatur gewandert, Edith Wharton (wenn man so will eine Schülerin von Henry James) hat das gesellschaftliche Leben in Newport in ihrem Roman The Age of Innocence beschrieben. Henry James kennt den Maler, denn John La Farge ist mit seinem Bruder befreundet. Der ist noch nicht der berühmte Psychologe und Philosoph William James, der studiert damals noch Malerei.

So kennen wir Henry James. Das Bild von John Singer Sargent aus dem Jahre 1913 (1915) hängt heute in der National Portrait Gallery London. Henry James hat es immer geliebt, all large and luscious rotundity, by which you may see how true a thing is, schreibt er an Rhoda Broughton (die Nichte von Sheridan Le Fanu). Beleibtheit ist jetzt ein Statussymbol. Es ist eine stolze Pose, in der er sich malen lässt. Dies könnte ebenso das Bild eines robber baron des Gilded Age sein. Es ist eigentlich ein sehr konventionelles Bild von John Singer Sargent. Es hat nichts von dieser expressiven quirkiness seiner beiden Portraits von Robert Louis Stevenson.
Sargent wollte das Bild nicht malen, er hatte sein Studio in London schon vor Jahren für die Öffentlichkeit geschlossen. Das Portraitieren der Reichen und Schönen der Welt, mit dem er so erfolgreich war, ekelte ihn langsam an. Er war jetzt Landschaftsmaler geworden. Doch dieser Auftrag kam von Henry James‘ Freunden in England, 269 insgesamt, die dafür 500 Pfund für das Geschenk zum siebzigsten Geburtstag gesammelt hatten (was damals sehr viel Geld war. Die einzelne Spende sollte fünf Pfund nicht überschreiten). Und Henry James kannte er sein Leben lang. Der hatte sich immer als sein großer Gönner aufgespielt, seit er ihn 1884 kennengelernt hatte: The only Franco-American product of importance here strikes me as young John Sargent the painter, who has high talent, a charming nature, artistic and personal, and his civilized to his finger-tips. He is perhaps spoilable – though I don’t think he is spoiled. But I hope not, for I like him extremely.Henry James wollte, als er davon hörte, den ganzen Plan mit dem Bild zuerst verhindern, fügte sich dann aber. Verhindert hat er allerdings einen Plan von Edith Wharton, unter den amerikanischen Freunden (und da ging es um sehr viel höhere Spenden, nämlich mindestens 500 $) für ein Automobil zu sammeln. Was soll er mit einem Automobil? Edith Wharton kann Auto fahren (sie ist mit dem Auto durch ganz Frankreich gefahren), Henry James nicht. Edith Wharton hat Henry James häufig durch England kutschiert. In ihrer Autobiographie A Backward Glance hält sie eine Episode fest, die die Langatmigkeit des Schriftstellers sehr schön illustriert:The most absurd of these episodes occurred on another rainy evening when James and I chanced to arrive at Windsor long after dark. […] While I was hesitating and peering out into the darkness James spied an ancient doddering man who had stopped in the rain to gaze at us. ‘Wait a moment, my dear—I’ll ask him where we are’; and leaning out he signalled to the spectator.
‘My good man, if you’ll be good enough to come here, please; a little nearer—so,’ and as the old man came up: ‘My friend, to put it to you in two words, this lady and I have just arrived here from Slough; that is to say, to be more strictly accurate, we have recently passed through Slough on our way here, having actually motored to Windsor from Rye, which was our point of departure; and the darkness having overtaken us, we should be much obliged if you would tell us where we now are in relation, say, to the High Street, which, as you of course know, leads to the Castle, after leaving on the left hand the turn down to the railway station.’
I was not surprised to have this extraordinary appeal met by silence, and a dazed expression on the old wrinkled face at the window; nor to have James go on: ‘In short’ (his invariable prelude to a fresh series of explanatory ramifications), ‘in short, my good man, what I want to put to you in a word is this: supposing we have already (as I have reason to think we have) driven past the turn down to the railway station (which in that case, by the way, would probably not have been on our left hand, but on our right) where are we now in relation to…’
‘Oh, please,’ I interrupted, feeling myself utterly unable to sit through another parenthesis, ‘do ask him where the King’s Road is.’
‘Ah—? The King’s Road? Just so! Quite right! Can you, as a matter of fact, my good man, tell us where, in relation to our present position, the King’s Road exactly is?’
‘Ye’re in it’, said the aged face at the window
.

So sehr sich Sargent am Anfang von der Freundschaft Henry James‘ geschmeichelt fühlt, der sein Protegé auch in jeder öffentlichen Diskussion (zum Beispiel bei der um das Bild von Madame X) verteidigt, so sehr geht ihm der alte Besserwisser mit den Jahren auf die Nerven.

Gut, Henry James hatte ihm den Weg in die englische High Society geebnet, und sein Artikel in Harper’s Magazine war für die Karriere förderlich, aber Sargent wünscht sich doch, dass dieses Gluckenverhalten von James endlich mal aufhört. Henry James fühlt sich dazu berufen, den von Sargent gemalten Personen vor den Sitzungen Ratschläge zu erteilen. So Mrs Mahlon Sands (oben), der er schrieb: Cultivate indifference…be as difficult for him as possible; and the more difficult you are the more the artist will be condemned to worry over you, repainting, revolutionizing, till he, in a rage of ambition and admiration arrives at the thing. Sie hält sich an diese Ratschläge, und das, was Henry James hier empfiehlt, können Frauen ja auch gut. Und John Singer Sargent denkt sich, was ist bloß mit dieser Tussi los?

Nein, Sargent geht diesen Auftrag mit sehr gemischten Gefühlen an, die erste von neun Sitzungen wird im Mai 1913 sein. Da war der Geburtstag schon vorbei, das erste Geschenk für das Geburtstagskind war eine goldene Schale. Passend für jemanden, derThe Golden Bowl geschrieben hat. Mit der Überreichung der goldenen Schale, die eigentlich nur etwas ist, was die Engländer einen porringernennen (und eigentlich ist sie auch nur aus Silber), wird auch die Schenkung des Portraits angekündigt. Für die sich James Bedingungen vorbehält: es soll nur eine Leihgabe sein, nach seinem Tod soll es dem englischen Volk gehören. Henry James lebt seit Jahrzehnten in England und wird 1915 offiziell ein Engländer werden. Deshalb hängt es heute in der National Portrait Gallery. Er hat einmal gesagt However British you may be, I am more British still. Wenn das Portrait in der National Portrait Gallery hängt, dann hat er das auf jeden Fall bewiesen.

Sargent hat auch eine Bedingung. Wenn ihm selbst das Bild nicht gefällt, behält er sich vor, es zu vernichten. Er wird es nicht tun, das Bild gilt heute als eins seiner Hauptwerke. Die 500 Pfund behält Sargent nicht. Er gibt sie dem jungen Bildhauer Francis Derwent Wood, damit der eine Büste von Henry James anfertigt. Dieses Photos ist wahrscheinlich im Studio des Bildhauers  entstanden. Das würde auch die Kleidung von James erklären, der ja sonst ein Musterbeispiel für korrekte Kleidung ist. Das Photo ist aus dem gleichen Jahr wie das schmeichelhafte Portrait von Sargent. Das Gesicht von James wirkt hier aufgeschwemmt. Wenn wir in das Tagebuch von 1913 schauen, finden wir die Namen von einem halben Dutzend Ärzten, die die Angina pectoris und das Lungenödem des Patienten in den Griff zu bekommen versuchen.

Sargent hat noch eine zweite Bedingung: Henry James muss zu jeder Sitzung einen Begleiter mitbringen, damit der sich mit James unterhalten kann. So kann sich Sargent auf das Malen konzentrieren und braucht sich keine Kommentare über das Wesen der Kunst von Henry James anzuhören. Also so etwas wie It is art that makes life, makes interest, makes importance… and I know of no substitute whatever for the force and beauty of its process. Henry James hat es nicht weit bis zu Sargents Studio in der Tite Street in Chelsea, er ist gerade in die Carlyle Mansions gezogen. Sie sind jetzt beinahe Nachbarn.Die Kohlezeichnung (oben) hatte Sargent im Jahr zuvor von Henry James gemacht, er war nicht glücklich mit ihr (man fragt sich, warum eigentlich nicht?). Dieses Gemälde sollte und musste besser werden. In seinen Tagebüchern hat Henry James nichts über die Entstehung des Bildes festgehalten. Hier findet sich nur der Name des Malers und eine Uhrzeit. Am Dienstag, dem 24. Juni 1913 steht da: sat to Sargent for last time. Die 269 Gratulanten bekommen eine Photographie des Bildes, die von Sargent und James signiert wurde und dürfen es zum Ende des Jahres in einer privaten Ausstellung sehen. Henry James ist die drei Tage im Dezember, an denen das Bild gezeigt wird, in der Tite Street anwesend. Natürlich hat Sargent sein altes Studio behalten, auch wenn es jetzt eigentlich nicht mehr für Portraits gebraucht. Es ist vorher das Studio von Whistler gewesen
Wenn das Bild einer größeren Öffentlichkeit präsentiert wird, ist es sogleich Gegenstand eines Skandals. So meldet die New York Times am 5. Mai 1914: LONDON, May 4. — One of THE NEW YORK TIMES’S correspondents chanced to be in Gallery No. 3 of Burlington House at 1:15 P.M. to-day, when an elderly militant suffragette slashed with a hatchet the presentation portrait of Henry James, by John S. Sargent, R.A., the celebrated American painter, which was acknowledged on all hands to be the greatest picture of this year’s exhibition of the Royal Academy. Militante Suffragetten sind ja in dieser Zeit die Pest. Man fragt sich, ob die Hannah Duston des Jahres 1697, die Leslie Fiedler die Great WASP [White Anglo-Saxon Protestant] Mother of Us All genannt hat, wieder auferstanden ist. Die Dame gibt ihren Namen mit Mary Wood an, aber in Wirklichkeit heißt sie wohl Mary Aldham (auf dem Photo oben links). Den Bericht der Londoner Times kann man ☞hier nachlesen. John Singer Sargent wird die Leinwand reparieren und die Spuren des kleinen Hackebeils übermalen (aus dem Grunde habe ich oben zwei Jahreszahlen, 1913 und 1915, für das Portrait genannt).
Zwischen dem Portrait von La Farge und dem Portrait von Sargent liegt ein halbes Jahrhundert, liegt sein ganzes Schriftstellerleben. Und was für ein Werk! Romane (sehr lange Romane), Kurzgeschichten, Briefe, Tagebücher, Literaturkritik. Als ich so jung war wie Henry James auf dem Bild von La Farge, hatte ich eine schwere Henry James Phase, habe beinahe alles von ihm gelesen. Damals hatte ich noch nicht Fritz Güttingers wunderbaren Essay Gänseblümchen in Silbervasen (in dem Band Ein Stall voll Steckenpferde) gelesen, in dem es heißt: Für die wenigen, die Henry James lesen, ist er Gegenstand eines Kultes, der an geistige Selbstquälerei grenzt und schlechthin unbegreiflich ist. Und noch pointierter: Henry James ist entschieden, was auf  englisch ein acquired taste genannt wird, etwas, worauf jeder zuerst mit Widerwillen reagiert, um es nach langer, beharrlicher Selbstüberwindung schließlich doch genießbar zu finden (Beispiele: moderne Musik, Spinat, Frühaufstehen).

Wenn wir ihm auf dem Portrait von Sargent noch einmal in die Augen schauen (und die Assoziation mit dem Spinat vergessen – aber das werden wir nie mehr können!), wer ist er wirklich? Irgendwie erscheint er mir immer leicht blasiert und oberflächlich zu sein. Abschätzend, distanziert. my younger and shallower and vainer brother is already in the Academy, wird William James in seinem Brief schrieben, in dem er die Mitgliedschaft in der American Academy of Arts and Letters ablehnt. Selbst wenn er das spöttisch ironisch meint, irgendwas davon bleibt hängen. Ich habe diesen Satz nie vergessen, und ich lese das shallow und vain immer in das Gesicht von Henry James hinein.Meine schwere Henry James Phase ist lange vorüber. Ich weiß, dass ich seine langen Romane kein zweites Mal lesen würde, da würde es sich eher lohnen, Prousts Recherche ein drittes Mal zu lesen. I can’t read Henry James. I mean, literally, my brain gets about half-way through a tortuous sentence, and says ’stop wasting my time with this‘. It’s not perfect prose, I think he tries to express too much and his ability to communicate buckles under the strain schreibt ein Kommentator namens dellamirandola im einem Blog des Guardian. Vielleicht hat er (oder sie) Recht. Von Henry James‘ Zeitgenossen kann ich Thomas Hardy und Joseph Conrad wieder und wieder lesen, James nicht.


Und deshalb bin ich wahrscheinlich auch der Falsche, um Lesetips zu geben. Ich kann allerdings auf eine gute Henry James Seite im Netz hinweisen (und auf eine schöne John Singer Sargent Virtual Gallery). The Turn of the ScrewDaisy Miller und Portrait of a Ladymuss man auf jeden Fall gelesen haben. Aber ich mochte damals auchThe Asperns Papers und The Spoils of Poynton. Wenn man erst einmal angefangen hat, Henry James gut zu finden, wird man sich mit geistiger Selbstquälerei entschliessen, auch den nächsten und übernächsten Band zu lesen. Denn für das Suchtverhalten des Lesers gilt sicher der Vierzeiler, den John Bayley einmal irgendwo notiert hat:
In Heaven there’ll be no algebra,
No learning dates or names,
But only playing golden harps
And reading Henry James.Henry James ist heute (28.2.2011) vor 95 Jahren gestorben.
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