Kunst

 

Die beiden Herren, die heute Geburtstag haben, sind schon lange tot. Sie haben sich nur ein einziges Mal gesehen, aber der ältere (Jahrgang 1834) hat einen großen Einfluss auf den Jüngeren (Jahrgang 1871) gehabt. Und es gibt da noch einen dritten, der schon 110 Jahre tot ist, der einen geradezu lebensverändernden Einfluss auf beide gehabt hat. Ich rede von James Abbott McNeill Whistler und ➱Marcel Proust. Und der dritte ist der englische Kunstschriftsteller ➱John Ruskin.

Das Bild da oben ist Whistlers Portrait des Philosophen Thomas Carlyle. Proust hatte einen Reproduktion davon in seinem Schlafzimmer hängen, in diesem Zimmer, in dem er A la recherche du temps perdu schrieb. Das Bild links ist auch ein Whistler. Es zeigt Robert de Montesquiou-Fezensac, der einer der größten Dandies seiner Zeit war, und der in zwei berühmte Romane hineingewandert ist. Er ist das Vorbild für Des Esseintes in Huysmans A rebours und für den Baron de Charlus in Prousts A la recherche du temps perdu. Whistler hat sein Bild Arrangement in Black and Gold genannt, er hat immer so extravagante Namen für seine Bilder. Der in Lowell (Massachusetts) geborene Whistler kam aus reichem Hause, bestand die Offiziersprüfung in West Point nicht und beschloss, Künstler zu werden. Zuerst in Paris, dann in London, zwischen beiden Städten wird er sein Leben lang hin und her pendeln. Whistler ist auch ein großer Dandy gewesen. Das Bild von Boldoni (dessen Bild von Montesquiou berühmter wurde als das von Whistler) zeigt ihn 1897 in elegantem Schwarz mit glänzendem Zylinder. Der kleine rote Farbfleck auf dem Revers ist die Rosette der Légion d’honneur, die Auszeichnung hat er seit 1892.

Whistler ist ein scharfzüngiger Mann, es ist sicher kein Zufall, dass ein Buch Whistlers den schönen Titel The gentle art of making enemies trägt (seine berühmte Ten o’clock lecture ist auch in diesem Buch). Der junge Exzentriker Oscar Wilde weicht nicht von seiner Seite, und man vermutet, dass viele von Wildes bonmots eigentlich von Whistler stammen. Whistlers Biograph Stanley Weintraub formuliert das mit Wilde had an ear for re-usable conversation noch sehr zurückhaltend. Der Schriftsteller und Zeichner George du Maurier (der Großvater von Daphne du Maurier), der auch witzige Karikaturen von Wilde gezeichnet hat, hat Whistler und Wilde in einer Ausstellung einmal am Arm gepackt und gesagt I say, which one of you two invented the other, eh? Der junge Oscar Wilde ist (ebenso wie Proust, der Whistler als Elstir in seine Recherche hineinschreibt) sehr von Whistlers Kunst beeindruckt, wie man in dem Gedicht In the Gold Room: A Harmony oder in den ersten Strophen von Impression du Matin sehen kann:

The Thames nocturne of blue and gold
Changed to a Harmony in grey:
A barge with ochre-coloured hay
Dropt from the wharf: and chill and cold

The yellow fog came creeping down
The bridges, till the houses‘ walls
Seemed changed to shadows and St. Paul’s
Loomed like a bubble o’er the town.

Auf solche nocturnes in blue and gold hat sich Whistler spezialisiert, wie sein Bild der Battersea Bridge, das auch den Titel Nocture in Blue and Gold trägt.

Es ist eins dieser Bilder, das die Kritik von John Ruskin hervorruft und zu einem der kuriosesten Prozesse der englischen Rechtsgeschichte führen wird. Der Prozess (in dem das Bild der Jury einmal aus Versehen auf dem Kopf stehend präsentiert wird) dauert ein Jahr, und obwohl Whistler Recht bekommt, wird ihn der Prozess finanziell ruinieren. In einer Besprechung von Whistlers Nocturne in Black and Gold: The Falling Rocket hatte Ruskin gesagt: For Mr. Whistler’s own sake, no less than for the protection of the purchaser, Sir Coutts Lindsay ought not to have admitted works into the gallery in which the ill-educated conceit of the artist so nearly approached the aspect of wilful imposture. I have seen, and heard, much of Cockney impudence before now; but never expected to hear a coxcomb ask two hundred guineas for flinging a pot of paint in the public’s face.

Das empfindet nun Whistler (der schon beleidigendere Dinge über die Kunst seiner Kollegen gesagt hat) als Beleidigung und verklagt Ruskin auf eintausend Pfund Schadenersatz. Er wird einen farthing (die kleinste englische Münze) zugesprochen bekommen. Die Londoner Kunstwelt hat ein Jahr lang ihre Sensation. Also wenn Sie jetzt einen Topf Farbe auf die Leinwand werfen, dann müssen Sie schon ganz schön üben, um ein solches Bild hinzukriegen.

Wenn ich irgendjemand nicht ausstehen kann (und da bin ich d’accord mit Whistler), dann ist das John Ruskin. Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, welchen Einfluss dieser Mann als Kunstkritiker im 19. Jahrhundert gehabt hat. Dabei hat er nix gelernt und auch nicht wirklich studiert. Aber er hat reiche Eltern, die ihm das Leben eines Kunstparasiten ermöglichen. Und da die Viktorianer in den Dingen der Kunst einen sauschlechten Geschmack haben, hören sie auf ihn. Weil er auch noch so moralisch und religiös ist, das lieben die Viktorianer in ihrer Verlogenheit ja auch. Dass er sexuell ein wenig abartig ist, passt da gut in das Bild des viktorianischen Gentlemans. Dass er in langen Phasen seines Lebens geisteskrank ist (der Prozess muss auch einmal unterbrochen werden, weil Mr. Ruskin das Gehirnfieber hat), passt da vielleicht weniger.

Ein einziges Mal irrt sich Ruskin nicht. Das ist, wenn er für Turner eintritt. Aber seine negativen Urteile über John Constable, bedeuten das finanzielle Aus für Constable. Für Whistler Jahre später wird Ruskin zum finanziellen Ruin, aber das ist vielleicht ganz gut für ihn. Er verkauft alles, was er besitzt und fährt (mit geliehenem Geld) für vierzehn Monate nach Venedig. Er trifft dort auf seinem amerikanischen Landsmann ➱Frank Duveneck (Sohn deutscher Einwanderer) mit seinen Studenten, und die Bewunderung der jungen Maler tut ihm gut. Er bringt Duveneck auch die Technik des Radierens bei. Seine erste Ausstellung in London (gemeinsam mit Duveneck) ist ein großer Erfolg. Der Impressionismus, für den Whistler seine eigene Sonderform gefunden hatte, setzt sich jetzt durch. Von dem Kunstkritiker Ruskin, der England ins Mittelalter zurückversetzen wollte (was ihm bei seinem Kampf für den neugotischen Stil ja teilweise geglückt ist), redet jetzt niemand mehr.

Ich kann verstehen, was Proust an Whistler begeistert. Ich bin in zwei Whistler Ausstellungen gewesen, und ich habe lange vor manchen Bildern gestanden (und war auch in Versuchung, eine kleine Radierung zu klauen). Aber was ich überhaupt nicht verstehen kann, ist die Frage, warum Proust von Ruskin begeistert ist. Er übersetzt den auch (nachdem er 1900 seinen Nachruf geschrieben hat). Was man so übersetzen nennt, Proust kann eigentlich kein Englisch, aber er findet jemanden (einmal seine Mutter) und bearbeitet dann künstlerisch diese Übersetzungen (wenn Sie alles darüber wissen wollen, dann sollten Sie Cynthia S. Gables Buch Proust as interpreter of Ruskin: The seven lamps of translation lesen). Wahrscheinlich ist es die Tatsache, dass Ruskin über die französischen Kirchen, die Proust liebte, geschrieben hat, was ihn zu Ruskin gezogen hat.

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Proust mehr über die Kleidung von Pariser Dandies oder die Kleider von Mariano  Fortuny versteht, als er von der Kunst versteht. Aber natürlich finden sich in seinem Werk nicht nur der Maler Elstir, sondern es gibt auch eine Vielzahl von Hinweisen auf berühmte Gemälde. Ich finde es eine ganz erstaunliche Sache, dass der amerikanische Maler Eric Karpeles es unternommen hat, alle in der Recherche erwähnten Bilder zu kommentieren. Finde ich viel wichtiger und witziger, als immer wieder das Thema Ruskin-Proust zu strapazieren. Karpeles‘ Buch Paintings in Proust: A Visual Companion to  In Search of Lost Time ist inzwischen auch schon auf deutsch erschienen.

Das Bild, um das es in dem Prozess Whistler gegen Ruskin ging, blieb für 200 Pfund unverkauft. Als der Richter Sir John Huddleston Whistler ungläubig fragte: The labour of two days, then, is that for which you ask two hundred guineas? antwortete Whistler: No. I ask it for the knowledge of a lifetime. An der Stelle gab es Applaus im Publikum. 1892 verkaufte Whistler das Bild für 800 Pfund. Manche Leser fanden die Literaturhinweise bei dem kleinen Faulkner Essay sehr nützlich und haben mich gefragt, ob ich das nicht häufiger machen könnte. Also gut, ich komme dem gerne nach. Von Zeit zu Zeit.

Ich halte die Biographie von Stanley Weintraub über Whistler immer noch für sehr lesbar (obgleich es eine neuere von Gordon H. Fleming gibt). John Walkers Buch in der Reihe The Library of American Art (Harry N. Abrams Verlag) ist antiquarisch noch zu finden, es lohnt sich wegen der Vielzahl der Abbildungen. Zu Marcel Proust kann ich nur sagen, dass man die Lektüre der Suche nach der verlorenen Zeit nicht ins Pensionsalter verschieben sollte, Proust hilft einem auch durchs Leben. Ich bin dankbar, dass ich ihn ganz früh gelesen habe. Und dann immer wieder. Wer Proust liest, muss weniger zum Arzt, hat jüngst Dr. Reiner Speck gesagt. Der Mediziner und Kunstsammler (der die größte Sammlung von Proust Briefen besitzt) muss es wissen. Aber wenn Sie Alain de Bottons charmantes Buch How Proust can change your life gelesen haben, werden Sie auch dran glauben.

Die besten Biographien über Proust sind von George Duncan Painter (1959 und 1965) und von Jean-Yves Tadié (1996 deutsch 2009). Sie dürfen hier meinem Urteil einfach glauben. Ich hoffe, dass nach all den netten Dingen, die ich über Ruskin gesagt habe, niemand die 38 Bände seines Werkes lesen wird. Der Phaidon Verlag hat 1959 das Beste von Ruskin in einem Band unter dem Titel The Lamp of Beauty herausgebracht, den Band gibt es (leicht aufgerüscht) heute immer noch. Von dem Hamburger Kunsthistoriker Wolfgang Kemp (der auch eine deutschsprachige Ausgabe von Ruskins Schriften ediert hat) hat es 1983 bei Hanser eine recht gute und sehr lesbare Ruskin Biographie gegeben (Tim Hilton zweibändige Biographie von 1985 und 2000 bei der Yale University Press gilt als das Standardwerk).

Lesen Sie auch: Jimmie Whistler

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