Moritz von Schwind

Ich bin ein lebendes Beispiel dafür, dass man mit den Bildern von Moritz von Schwind aufwachsen kann, ohne größere Schäden davon zu tragen. Vom lebenslangen Hass auf ihn wollen wir nicht reden. Vom Hass auf Ludwig Richter, Schnoor von Carolsfeld, Rethel, Cornelius – und wie die deutschen Kleinmeister (die das Bürgertum für große Künstler hielt) von Spätromantik und Biedermeier so heißen – auch nicht. Während andere mit Micky Maus Heften aufwuchsen, wuchs ich mit der gezeichneten Märchenwelt der deutschen Romantik auf. Eigentlich war das ja nur eine andere Form der Comics. Denn die Kunst von Moritz von Schwind ist die Kunst des Zweidimensionalen, eine Kunst der Linie und der Koloration. Und damit ist er den Comics näher als der wirklichen Malerei.Mein Großvater besaß, wie wahrscheinlich viele aus seiner Generation, eine großformatige Moritz von Schwind Mappe. Denn Moritz von Schwind war zu seiner Zeit der beliebteste deutsche Maler, neben Ludwig Richter und Carl Spitzweg. Wir Deutsche haben schon einen seltsamen Geschmack. Die Mappe durfte ich betrachten, aber nur, wenn ich mir vorher die Hände gewaschen hatte. Große Kunst verlangt nach einer weihevollen Attitüde. Zumindest nach gewaschenen Patschhändchen.

Ich verstand diese Bilder nicht. Die Historienmalerei des 19. Jahrhunderts in den anderen Bildbänden konnte man ja noch versuchen zu verstehen, weil dahinter eine Geschichte stand. Wenn Friedrich der Große auf Menzels Bild im Schloss von Lissa Bonsoir messieurssagt, dann gab es eine Geschichte dazu. Aber was sollte dieser Einsiedler, der die Rosse zur Tränke führt? Es war eine fremde Welt von Einsiedlern, Felsen, viel deutschem Wald, Rittern und Zwergen. Manches fand ich nur lächerlich. Wie diesen Waldschrat mit den großen Holzpantinen, der Rübezahl sein sollte. Ich wußte nicht, ob ich mich fürchten oder ob ich lachen sollte. Und dann diese scheußlichen Wichtel auf dem Bild vom Ritt Kunos von Falkenstein. Die Bilder hatten für mich auch nichts mit den Sagen und Märchen zu tun, die sie illustrierten. Denn jeder Leser malt sich beim Lesen seine eigenen Bilder, und meine Bilder im Kopf sahen ganz anders aus als die von Moritz von Schwind.

Der Münchener Kunsthistoriker Rudolf Oldenbourg spricht 1922 in seinem Buch über Die Münchener Malerei im 19. Jahrhundert enthusiasmiert über Schwinds Märchenillustrationen: Schwinds Märchenbilder sind dank ihrer lauteren Poesie im Bewußtsein unseres Volkes mit dem Märchenschatz der Brüder Grimm schon eng verwachsen. Wie jene schlichten Erzählungen besitzen sie die elementare Anschaulichkeit, die uns das kindliche sinnige Gebilde mit der unverdorbenen Schaulust und inneren Teilnahme des Kindes aufnehmen läßt und wer immer ohne Vorurteil ihnen gegenübertritt, wird die Wirkung dieses Jungbrunnens an sich erfahren. Also, diese Finger hier weigern sich jetzt, das weiter abzutippen. Ist ja ebenso wenig auszuhalten wie Schwinds Illustrationen. Und meine unverdorbene Schaulust und innere Teilnahme muss damals irgendwie ganz anders geartet gewesen sein. Heute sowieso.

Zwischen Moritz von Schwinds Waldbildern und Albrecht Altdorfers Heiligem Georg liegen mehr als vierhundert Jahre deutscher Waldbesessenheit, aber ich beschloss schon früh, dass ich eher anfangen würde, die Blätter im Wald von Altdorfers Bild zu zählen, als die Bilder aus Opas Sammelmappe für große Kunst zu halten. Moritz von Schwinds Ritter, Einsiedler, Erdwichtel und Waldschrate leben immer im Wald. Nicht in irgendeinem Wald. Im deutschen Wald. Über den die Männerchöre immer noch singen Wer hat dich, du schöner Wald aufgebaut so hoch da droben und der jetzt vom Waldsterben bedroht ist.

Mit dem Wald stirbt wahrscheinlich auch unser großer deutscher Mythos, an dem sich das 19. Jahrhundert abarbeitet, Dichter, Märchensammler und Maler. Damit meine ich jetzt nicht Rotkäppchen oder Hänsel und Gretel im Walde, sondern diesen großen nationalen Mythos, mit dem der Wald seit der Romantik verflochten wird. Hermann der Cherusker, der die Römer im Wald schlägt, Siegfried, der den Lindwurm erschlägt und im Drachenblut badet und diese Sachen. Und wenn in Kleist Hermannschlacht Hermann am Ende sagt:Ihr aber kommt, ihr wackern Söhne Teuts, /Und laßt, im Hain der stillen Eichen, /Wodan für das Geschenk des Siegs uns danken! – /Uns bleibt der Rhein noch schleunig zu ereilen, /Damit vorerst der Römer keiner /Von der Germania heil’gem Grund entschlüpfe, dann wird natürlich im Wald gefeiert. Bevor man beschließt nach Rom selbst mutig aufzubrechen! /Wir oder unsre Enkel, meine Brüder!/ Denn eh‘ doch, seh ich ein, erschwingt der Kreis der Welt/ Vor dieser Mordbrut keine Ruhe,/ Als bis das Raubnest ganz zerstört, /Und nichts, als eine schwarze Fahne,/ Von seinem öden Trümmerhaufen weht! Daraus ist dann doch nichts geworden.

Diese drei Herren jagen keine Drachen oder Lindwürmer, sie sind Freiheitskämpfer, die auf die Franzosen warten. Damit sie die im deutschen Wald besiegen können, wie eins Hermann der Cherusker die Römer. Das geht bei Invasoren bekanntlich nur im Wald. Davon träumten sie im Hürtgenwald am Jahresende 1944 auch noch. Das Bild ist nicht von dem Ritter von Schwind – so etwas Politisches kriegt der nicht zustande –  es ist von Georg Friedrich Kersting, einem Freund von Caspar David Friedrich. Der auf diesem Bild seine gefallenen Freunde (rechts der Dichter Theodor Körner) aus dem Lützowschen Corps verewigt hat. Über die ein anderer aus dem Lützowschen Corps dichtete:
Mancher mußte da hinunter
Unter den Rasen grün,
Und der Krieg und Frühling munter
Gingen über ihn.

Wo wir ruhen, wo wir wohnen:
Jener Waldeshort
Rauscht mit seinen grünen Kronen
Durch mein Leben fort.

Der Dichter heißt Joseph von Eichendorff, und er hat in dieser Zeit den schönsten deutschen Wald in die deutsche Literatur hineingeschrieben (Adalbert Stifter lasse ich jetzt mal beiseite). Glücklicherweise nicht nationalistisch. Und ideologiefrei. Und dafür bin ich ihm ewig dankbar.
Moritz Ludwig von Schwind wurde heute (21.1.2011) vor 207 Jahren in Wien geboren. Da kämpfte Österreich noch gegen Napoleon, wenig später waren sie (und Bayern) auf Napoleons Seite. Als Schwind nach München zog, war der Kampf gegen Napoleon schon gewonnen und statt des Kaisers herrschte der Fürst Metternich in Europa. Als Moritz Schwind 1871 starb, gab es zum ersten Mal ein ganzes Deutschland, Bayern inklusive. Und alle Deutschen lasen deutsche Märchen, die im deutschen Wald spielten, mit den Illustrationen von Moritz von Schwind. Die Maler aus Österreich sind schon schicksalhaft für uns.

Ich sollte wohl noch sagen, dass Simon Schama in seinem großartigen Buch Nature and Culture (Der Traum von der Wildnis: Natur als Imagination) auch eine ganze Menge über den deutschen Wald sagt. Aber so schlau er auch ist, und so sehr ich ihn bewundere, erlaubt er sich da auch einen ganz, ganz schlimmen Fehler. Er suggeriert dem Leser, dass die Publikation Altdeutsche Wälder der Brüder Grimm etwas mit dem deutschen Wald zu tun hat. Und da er gerade dabei, ist den deutschen Wald und den Nationalgedanken miteinander zu verknüpfen, werden dieAltdeutschen Wälder mit der Völkerschlacht von Leipzig in Verbindung gebracht. Aber als Besitzer eines Blogs der SILVAE heißt, muss ich Professor Schama sagen, dass die Altdeutschen Wälder nichts mit dem deutschen Wald zu tun haben. Wälder bedeutet hier das gleiche, was es in den einzelnen Kritischen Wäldchen von Herders Kritischen Wäldern bedeutet. Und in den Silvae des Statius. Und bei Jay.

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