Niedersachsenstein

Die Niedersachsen sind sturmfest und erdverwachsen. Sagt das Niedersachsenlied. Die Niedersachsen aus Herzog Widukinds Stamm haben ein eigenes Lied. Sie haben auch, was viele nicht wissen, einen eigenen Stein, den Niedersachsenstein. Der steht in Worpswede auf einem Berg, also was man da im Moor so einen Berg nennt. Der Weyerberg ist mal gerade 54 Meter hoch. Der Niedersachsenstein ist noch nicht so alt, das Niedersachsenlied aber auch nicht, sie stammen beide aus den zwanziger Jahren. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg sucht man offensichtlich nach Symbolen regionaler Identität.

Das seltsame adlerähnliche Gebilde aus roten Ziegeln wurde von dem Bildhauer und Maler Bernhard Hoetger entworfen, der seit 1914 in Worpswede wohnt. Als er bei Rodin in Paris war, hatte er Paula Becker-Modersohn kennengelernt. Deren Onkel Oskar Becker hatte mal versucht, den König von Preussen zu ermorden. Da hatte ihr Vater seine Beamtenstelle verloren und war von Dresden nach Bremen gezogen, wo die junge Paula in einer Ausstellung die Malerei der Künstlerkolonie Worpswede kennenlernte. Das kleine Kaff im Moor Worpswede ist neuerdings eine Künstlerkolonie. Solche ländliche Künstlergemeinschaften gibt es jetzt überall in Europa, eine der ersten war Barbizon in Frankreich. Bernhard Hoetger ist als Bildhauer berühmt, aber so etwas Großes hat er noch nicht gebaut. Er dilettiert jetzt auch als Architekt und wird berühmt dafür werden, dass er das Kaffee Worpswede baut (das im Volksmund nur Kaffee Verrückt heißt). Und die Böttcherstrasse in Bremen. Das alles baut er mit dem Geld seines Mäzens, des Bremer Kaffeekönigs Ludwig Roselius, der den koffeinfreien Kaffe HAG erfunden hatte.
Zuerst sollte das Siegesmal im Heldenhain ein überdimensionaler Jüngling sein, aber dann hat man Planung und Bau erst einmal eingestellt. Und nach dem verlorenen Krieg mochte Hoetger kein Siegesmal mehr bauen, sondern wollte stattdessen ein Friedensmalbauen. Als das Denkmal aus rotem Ziegelstein (die einzige expressionistische Freiplastik in Deutschland) im Entstehen war, waren die Worpsweder nicht mehr so begeistert. Der Maler Fritz Mackensen (einer der Mitbegründer der Künstlerkolonie) führte eine Protestbewegung mit dem Schlachtruf Nie-der-Sachsenstein! Nieder-Sachsenstein! an. Und Bremens Vorzeigedichter Rudolf Alexander Schröder sprach von Scheuel und Greuel und fordert den Abriss des Kunstwerkes. Aber irgendwie ist das 18 Meter hohe (das ist ein Drittel der Höhe des Weyerbergs) steinerne Monster doch noch fertig geworden. Es war nur ein bisschen peinlich, das bei der Eröffnung Karikaturen des Kunstwerks aus der Feder von Hoetger auftauchten.

Niemand wußte so recht, was der steinerne Klotz bedeuten sollte. Bis Hoetger in einer schriftlichen Erklärung sagte, dass er das Denkmal aus einer neuen Sehnsucht zur Natur und einer Sehnsucht nach Erlösung konzipiert hatte: Das Denkmal ist aus dieser neuen Sehnsucht geformt. Ein Vogel, der die Flügel ausbreitet und sich zur Sonne erhebt, ist das Gefühlsmoment, das mich leitete. Der Auferstehungsgedanke und die Sehnsucht nach Frieden und Aufbau erfüllt heute die Zeit. Für meinen Opa, kaisertreuer Hauptmann im Ersten Weltkrieg, war es aber ein Kriegerehrenmal. Er sah das gar nicht gerne, dass ich als kleiner Pöks (oder Muschepunt, wie man in Bremen in einem Platt ut de Franzosentiid so schön sagt) auf dem Ding herumkraxelte. Habe ich dann auch aufgegeben, das Ding war schon arg bröckelig geworden.

Hoetger hat seltsame Dinge entworfen, wie diesen Lichtbringer über dem Eingang der Böttcherstrasse in Bremen. Aber angesichts der einfallslosen modernen Architektur wirkt sein skurriler Expressionismus schon wieder schön. Und falls Sie zufälligerweise mal in Worpswede sind, sollten Sie unbedingt im Kaffee Verrückt einen Kaffee HAG trinken und danach den Niedersachsenstein bewundern. Na ja, den restaurierten Jugendstilbahnhof und Vogelers Barkenhoff sollte man auch noch mitnehmen.

Für diejenigen, die sich jetzt auf eine Kunstreise vorbereiten wollen, habe ich noch zwei Literaturtips: Guido Boulboullé und Michael Zeiss haben mit Worpswede: Kulturgeschichte eines Künstlerdorfes (DuMont 1989) die beste Kulturgeschichte des Künstlerdorfes geschrieben. Und Worpswede Intern: Drucksachen aus 100 Jahren (Barkenhoff Stiftung 1989) bietet die schönste Materialsammlung. Beide Titel sind noch in kleinen Zahlen bei Amazon und dem ZVAB erhältlich.

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