Richard Oelze

 

Heute vor 110 Jahren wurde der deutsche Maler Richard Oelze geboren. Dieses Bild heißt Erwartung, es ist sein berühmtestes (und bekanntestes) Bild. Es befindet sich im Besitz des Museum of Modern Art in New York. Oelze hatte es 1935/1936 gemalt und es 1936 an die Julien Levy Gallery New York verkauft. Von dieser Galerie kaufte das MOMA 1940 das Bild. Der Direktor Alfred H. Barr hatte Oelze in den dreißiger Jahren in Paris kennengelernt, weil man ihm erzählt hatte, dass es da einen seltsamen Deutschen gäbe, der Maler sei. Redete mit niemandem (er konnte auch kein Wort Französisch), trug immer schwarz, schien nur nachts aus dem Haus zu gehen und liebte Bahnhöfe. Er verhält sich nicht nur in Paris so, sondern auch später, als er in Worpswede wohnt, ändert sich sein seltsames Verhalten kaum.

Alfred H. Barr (Bild), der gerade das MOMA aufbaut (so wie gleichzeitig sein Kollege Lloyd Goodrich das ➱Whitney Museum aufbaut), besucht den geheimnisvollen Deutschen, der kein Wort mit ihm redet, sondern nur ein Bild nach dem anderen vor Barr auf die Staffelei stellt. Barr will dieses Bild haben, das Erwartung heißt, kauft aber erst einmal die Zeichnung, die Frieda heißt. Hätte Barr nicht die Kaufoption auf Erwartung angemeldet, hätte Oelze es vielleicht übermalt. Das hat er mit vielen seiner Bilder getan. Nachträglich hat man viel symbolische Bedeutung in das rätselhafte surrealistische Bild hineingelesen. Vor allem deutschen Interpreten erschien es später wie eine Vorausdeutung des Nationalsozialismus, viele Interpreten sehen in der Betrachtung des Himmels durch die Figurengruppe auch eine Erwartung göttlicher Botschaften.

Die Figurengruppe, die hier in den Himmel schaut, scheint zu wissen, was sie sieht. Man begrüßt den Fortschritt, symbolisiert durch den Zeppelin. Aber der Himmel ist schon ein wenig unheimlich, oder? Und dann diese leeren Straßen und Fenster, hinter denen kein Leben zu sein scheint. Dies Bild ist beinahe zeitgleich mit dem Bild von Oelze entstanden, es wurde von dem Niederländer Carel Willink gemalt. Und ich hätte hier noch einen Himmel aus dem dreißiger Jahren:

Wiederum Carel Willink 1934 (im gleichen Jahr ist der Zeppelin gemalt), wiederum ein geheimnisvoller Himmel, ein schwarzer Gewitterhimmel, vor dem es noch für einen Augenblick so ein kaltes Restlicht der Sonne gibt. Die Maler können jetzt alle geheimnisvolle Himmel malen. Wenn wir einen Augenblick an Edward Hopper in Amerika denken (der in der Zeit, als Alfred Barr den Oelze kauft, von seinem Kollegen Goodrich massenhaft für das Whitney angekauft wird), der malt so ähnliche Stimmungen. Die Kunstgeschichte hat es sich angewöhnt, diesen Bildern ein kleines Schild anzupappen, auf dem SurrealismusNeue Sachlichkeit oder Magischer Realismus steht (in Italien steht da pittura metafisica drauf). Das ist natürlich eine Plattitüde, dass die Maler jetzt in den dreißiger Jahren geheimnisvolle Himmel malen können, Maler konnten immer geheimnisvolle Himmel malen.

Hier habe ich das kalte weiße Licht vor einer Gewitterwand noch einmal: Das ist eine Kopie nach Ruisdaels Judenfriedhof, der in Dresden hängt (die Dresdener Version ist dunkler als die von Detroit), gerade weil der Erhaltungszustand des Bildes unvollkommen ist, betont er das Geheimnisvolle des Originals umso mehr. Es ist ein Trick der Maler, Geheimnisse in den Himmel hineinzulegen.

Nehmen wir, auch aus den dreißiger Jahren, Franz Radziwill (der ➱hier einen Post hat), der ein ganz alltägliches Motiv, einen Wasserturm in Bremen verfremdet (auch beunruhigend menschenlos). Und natürlich wieder dieses Licht, ohne das Licht hätte das Bild keine Geheimnisse, wäre es nur Realismus. Aber jetzt ist der magische Realismus angesagt, und da haben sie es in Paris (Oelze) oder am Jadebusen (Radziwill), in Brüssel (Magritte) oder in Ferrara (de Chirico) alle drauf, geheimnisvolle Himmel zu malen. In dem Bild von Oelze scheint es eine Gruppe von Städtern auf das Land, in die Natur, verschlagen zu haben. Sie tragen Mäntel und Hüte in der Mode der dreißiger Jahre, eigentlich ist es eine Art Hutversammlung. Bowler, Borsalinos und Kapotthüte. Und Damen in Pelzmänteln.

Alle abgewandt, wir können ihre Reaktionen auf das Ereignis am Himmel nicht sehen. Bis auf einen, der uns ein leeres Gesicht zuwendet, blicken sie alle in den geheimnisvollen (Gewitter-) Himmel, diese anthropomorphen Wattebällchen (die irgendwie ähnlich auf vielen Bildern wiederkehren). Und da ist dieses geheimnisvolle Licht. Ich weiß auch nicht, was es bedeutet, es beunruhigt mich nur, dass sich alle möglichen Internetseiten, die hart an der Kante der Esoterik segeln, der Deutungshoheit über dieses Bild sicher sind, und dass es zahlreiche (sehr zahlreiche) Seiten gibt, bei denen eine Unterrichtseinheit im Fache Religion mit diesem Bild anfängt.

Ich hätte noch einen sehr schönen Willink (wann sieht man diesen interessanten Maler schon einmal?), der mich immer fasziniert hat. Ein Porträt seiner neuen Lebensgefährtin Wilma Jeuken, die er 1933 nach der Scheidung von seiner ersten Frau heiratete. Und das Bild hat wieder einen tollen Himmel. Als nach der Besetzung Hollands durch die Deutschen die pittura metafisica Malerei nicht mehr so sehr gefragt war, ließ Willink den metaphysischen Teil einfach weg und malte realistische Portraits. Damit kam er ganz gut durch den Krieg.

Richard Oelze war von Paris nach Worpswede gezogen und wurde gleich 1939 eingezogen. Es ist mir immer ein Rätsel, wie dieser zutiefst unsichere und ängstliche Mann die sechs Jahre als Soldat überstanden hat. Er hat ja auch nie über sich gesprochen (es gibt auch keinerlei ästhetischen statements von ihm). Nach Krieg und kurzer amerikanischer Gefangenschaft ist er nach Worpswede zurückgekehrt. Hat da aber auch mit keinem geredet. Vor allem mit dem Nazi Fritz Mackensen nicht, der ja noch im Mai 1945 Worpswede mit dem Maschinengewehr verteidigen wollte. Und dann die einrückenden Engländer mit dem Hitlergruß willkommen hieß, woraufhin die Limeys ihm als erstes die Bilder in seiner Villa von der Wand geschossen haben. Selbst in einem Künstlerdorf voller Exzentriker bleibt Oelze ein Aussenseiter, er lebt am Rande des Existenzminimums. Irgendwann haben die Dörfler ihn nachts auf der Dorfstraße verprügelt.

Zu dem Zeitpunkt galt er außerhalb Deutschands als einer der bedeutendsten deutschen Maler, von den fünfziger Jahren an häufen sich die Preise und die Auszeichnungen. Und so jemanden verprügeln sie in Worpswede nach einem Wortstreit. Den Roman Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel über Worpswede von Moritz Rinke hätte das Lesepublikum nicht gebraucht. Worpswede schreibt sich seinen eigenen Roman. Oelze ist da 1962 weggezogen und auf ein Gut bei Hameln, das seiner Lebensgefährtin Ellida Schargo von Alten gehörte, gezogen. Ich kann nur hoffen, dass er da noch ein wenig glücklich gewesen ist und aufgehört hat, sich vor dem Rascheln der Blätter und den Lichtreflexen in der Natur zu fürchten. Er ist da nach langer schwerer Krankheit 1980 gestorben.

Das Photo von Richard Dodenhof aus dem Jahre 1948 zeigt Oelze dreifach, einmal auf dem Ölbild, einmal im Spiegel und einmal im Profil. Wir können uns aussuchen, wer der wirkliche Richard Oelze ist. Zu Richard Oelzes Erwartung gibt es in der Reihe von Fischers Kunststück einen kleinen Band von Renate Damsch-Wiehager. Die schönste Übersicht über alle Sorten von Realismus der dreißiger Jahre vermittelt der bei Prestel 1981 erschienene Katalog Realismus zwischen Revolution und Reaktion 1919 -1939, der die deutsche Ausstellung (ursprünglich im Pariser Centre Pompidou) in Berlin begleitete.

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Eine Antwort zu Richard Oelze

  1. Wolf-Dietmar Stock schreibt:

    Großartig und faszinierend, was sie alles wissen und wie sie es auch auch ästetisch schön gestaltet rüberbringen, dass es ein Hochgenuss ist, Ihnen beim scheinbar belanglosen Plaudern zuzuhören. Es spricht im Unterton eine gute Auffassung vom Leben mit, die ich schätze.
    Wären sie nocht so verbloggt, würde ich Ihnen sofort einen Autorenvertrag für ein Worpswede-Buch zusenden.

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