Richard Parkes Bonington

Heute (25.10.2010) vor 209 Jahren wurde er geboren (oder vor 208 Jahren, so genau weiß man es nicht), er ist nicht alt geworden. 1828 ist er in London gestorben. Wir haben ihn alle geliebt, wird Delacroix Jahrzehnte später über den englischen Maler sagen. Er hatte ihn im Louvre getroffen: Im Louvre sah ich einen hochgewachsenen Jüngling in kurzer Jacke, der wie ich still Aquarellstudien betrieb, meist nach flämischen Landschaften…Keiner der Modernen hat vielleicht vor ihm diese Leichtigkeit in der Ausführung besessen, die aus seinen Arbeiten, vor allem den Aquarellen, sozusagen Brillanten macht, die  – unabhängig von Thema oder Imitation – dem Auge schmeicheln, es bezaubern.

Richard Parkes Bonington ist ein Meister des Aquarells gewesen, und er und Delacroix haben sich in der Zeit, in der sie zusammenarbeiteten, sicher gegenseitig beeinflusst. Damals im Sommer 1825, als er in England war, hat Delacroix auch Reiten gelernt (und von da an spielen Pferde auf seinen Bildern auch eine Rolle). Das mit dem Reiten finde ich bei Delacroix ein wenig erstaunlich, weil er gerade im Vorjahr den Tod seines Freundes Géricault zu beklagen hatte, der an den Folgen eines Reitunfalls gestorben war. Delacroix bewundert die Bilder von Constable und Turner und lernt die Maler Sir Thomas Lawrence, David Wilkie und William Etty kennen. Und er sieht in London englische Dandies, was für einen Dandy wie Delacroix vielleicht das größte Erlebnis der Englandreise ist.
Die Franzosen mögen Bonington, mit fünfzehn durfte er schon im Louvre Bilder kopieren, und auf dem Salon von Paris 1824 hat er eine Goldmedaille gewonnen. John Constable übrigens auch. Es wird häufig gesagt, dass Bonington diese wunderbaren vor-impressionistischen Aquarelle erfunden hat (die zum großen Teil die französische Küste und nicht die englische Küste zeigen). Aber das stimmt nicht ganz.

Nehmen wir einmal dieses Bild. Als Thomas Girtin das malt, da ist Bonington noch gar nicht geboren. Und kurz nach Boningtons Geburt wird in Norwich die Norwich School gegründet, und es gibt jetzt viele, die so ähnlich malen wie Richard Parkes Bonington.

Einer heißt François Louis Thomas Francia, er ist der Lehrer von Bonington. Er kommt aus Calais, wohin die Familie Bonington gerade gezogen ist (Calais ist ja damals fest in englischer Hand), er kennt Thomas Girtin und imitiert ihn. Er hat Girtin in der „Akademie“ von Dr Thomas Monro kennengelernt. Dr Monro ist der Arzt des armen kranken Königs George III und er unterhält eine kleine private Kunstakademie, wo er junge Künstler fördert. Unter anderem einen Mann namens Joseph Mallord William Turner. Und er ist auch der Arzt des geisteskrank gewordenen John Robert Cozens, der als erster diese romantischen Landschaftsaquarelle gemalt hat. John Constable hat über Cozens gesagt, dass er the greatest genius that ever touched landscape sei. François Francia ist bei dem Kunstamateur Dr Monro in der besten Gesellschaft, die halbe englische romantische Landschaftsschule ist hier. Wenn ich sagte, dass Francia den Thomas Girtin imitiert, dann ist das ein wenig untertrieben. Man könnte auch sagen, dass er einen schwunghaften Handel mit nachempfundenen Girtins betreibt. Und da bekommt er ganz gut hin, wie man an dem Bild unten sehen kann.

Natürlich kommt er nicht an John Sell Cotman heran, der einer meiner wirklichen Lieblingsmaler ist, John Constable hin oder her. Und ich nehme mal an dieser Stelle, damit es nicht zu verwirrend wird, die frühen watercoloursvon Turner von der Betrachtung aus. Die kleine Kunstgeschichtsvorlesung wird sonst heute morgen zu lang. Aber ich komme darauf noch einmal zurück. Wir merken uns einmal einen Augenblick, dass dieser François Louis Thomas Francia für Bonington das Bindeglied zur englischen Landschaftsmalerei ist. Und ähnlich wie sein Lehrer, wird Bonington ein Händchen dafür haben, das alles so leicht hinzutupfen. Was seinem Freund Delacroix irgendwann missfällt. So wie Francia beinahe echte Girtins produziert, so könnte Boningtons Malerei in einer Formel erstarren. Delacroix spricht da von dem, was seinem Freund so leicht von der Hand geht, als von einem touche coquette.

Eigentlich brauchte der von mir geschätzte Cotman nichts anderes zu machen als das hier. Das ist schon perfekt. Und ist in dieser modernen Sehweise seiner Zeit beinahe ein Jahrhundert voraus. Das ist es, was ihn so faszinierend macht. Wenn man sich in seinem Werk nicht auskennt – oder ihn gar nicht kennt – dann hätte man Schwierigkeiten, sein Werk zeitlich einzuordnen. Er wird die dunkleren Farben, wie zum Beispiel von der Greta Bridge, aufgeben. Seine Farbpalette wird heller werden, und da nehmen die Kunsthistoriker dann doch einen Einfluss von Bonington an. Wie man vielleicht auf diesem Bild sehen kann.

Oder auch nicht, es ist auf dem Höhepunkt der englischen Aquarellmalerei eigentlich sehr schwierig, die Künstler auseinanderzuhalten. Bis auf einen frühen Cotman, den erkennt man sofort.

Bonington folgt bei seinen luftigen Aquarellen einer eigentlich schon alten Formel, die die Holländer erfunden haben. Und die Formel heisst: lege den Horizont ganz tief! Dann hat man viel Platz für den Himmel. Für licht en lucht, wie der Maler Hendrik Weissenbruch das genannt hat. Und was die Haager Schule am Ende des 19. Jahrhunderts wieder entdeckte, was ihre holländischen Malerverwandten schon Jahrhunderte vorher konnten. Und was die Engländer um 1800 vor ihnen entdeckten, licht en lucht. Der zweite Teil der Zauberformel heißt: begrenze das Bild nicht!

Nicht irgendwelche Bäumchen oder Häuser links und rechts, die wie ein Bilderrahmen im Bild das Dargestellte einrahmen. So wie das Claude Lorrain (oben) immer macht. Das ist ja schön und gut, und die Engländer haben ein Jahrhundert lang Lorrains für ihre Schlösser gekauft (die Queen hat immer noch die meisten), aber jetzt ist Romantik. Jetzt ist Entgrenzung angesagt.

Und diese Formel, der Bonington folgt, funktioniert nicht nur an der Nordseeküste, diese Zauberformel funktioniert auch im Mittelmeer. Sie sehen es auf diesem Bonington, tiefer Horizont, links und rechts abgeschnitten. Und auch keine Betrachterfiguren oder Tiere (wie die Kühe von Jakob Philipp Hackert) im Vordergrund. Diese adriatische Küste ist nun wieder von Richard Parkes Bonington, ungefähr um 1820 gemalt. Kein Aquarell, Öl auf Karton. Und dennoch beinahe durchsichtig in der Stimmung. Natürlich kann Bonington auch Figuren malen (Fischer am Strand wie auf dem Bild Fischmarkt, Boulogne kommen immer gut an), schließlich hat er bei dem Baron Antoine Jean Gros studiert. Und wenn’s sein muss, malt er auch Tiere, wie auf dem Bild Near QuilleboeufDas in dem schönen BuchPresences of Nature: British Landscapes 1780-1830 von Louis Hawes seitenverkehrt abgebildet ist. Das ist ein Katalogbuch des Yale Center of British Art, und die besitzen das Bild. Die sollten doch eigentlich wissen, wie das Bild aussieht. Die Karriere eines Kunsthistorikers beginnt mit einem richtig herum eingelegten Dia, hat Ernest Gombrich einmal gesagt, als es einem Studenten des Warburg und Courtauld Institute partout nicht gelingen wollte, die Bilder seines Referats seitenrichtig auf die Leinwand zu zaubern.

Es wäre ja schön, wenn ich Richard Bonington als den Maler im Gedächtnis behalten könnte, der das wunderbare Bild da ganz oben gemalt hat. Aber es gibt einen zweiten Richard Parkes Bonington. Der malt historische Szenen. Das ist ja jetzt im 19. Jahrhundert Mode, ist auch ein wenig die Pest des viktorianischen Zeitalters. Wahrscheinlich ist es der Einfluss seines Freundes Delacroix, der ihn dazu bringt, Szenen aus Literatur und Geschichte zu malen. Das geht ja auch bei Delacroix nicht immer gut. Das Bild mit der Freiheit auf den Barrikaden und Der Tod des Sardanapal sind O.K., aber Die Entführung der Rebecca hätte er besser lassen sollen (auch wenn da ein Pferd drauf ist). Erstaunlicherweise malt Delacroix Ende der 1820er Jahre ganz ähnlich wie Bonington (oder vice versa)

Wenn ich ehrlich sein soll, so etwas möchte ich nicht für geschenkt haben. Das Bild ganz oben von der Mündung der Somme, das in der National Gallery hängt, das würde ich jederzeit klauen. Aber diesen Henri III., der Don Juan d’Austria empfängt, der muss nicht sein, den kann die Wallace Collection in London gerne behalten. Obgleich es interessant sein würde, wenn man ihn neben zwei Bilder von Delacroix hängen würde, die zur gleichen Zeit entstanden sind: Quentin Durward et le Balafré und das Bild von Cromwell dans le château de WindsorDie beide auf eine exzessive Walter Scott Begeisterung von Delacroix zurückgehen (den Bonington seit 1816 auch schon illustriert hatte).

Wenn man das geschickt hängt, würde bestimmt tagelang niemandem auffallen, das unter all den Delacroix‘ ein Bonington hängt. Das wär doch einmal eine Idee: wir deklarieren die alle um, Henri IV, François I mit Marguerite von Navarra, Anne Page (aus Shakespeares Merry Wives of Windsor) und wie sie alle heißen. Was nach Delacroix aussieht, bekommt ein Schildchen, auf dem Delacroix steht. Oder: 2 𝄞♪♰. Das ist ein kleiner Scherz des Meisters, ich kriege es mit dem Computer nicht so hin, die Note muss ein a sein, also das la in der Skala do-re-mi-fa-so-la-di-do. Dann liest sich das auf Französisch deux-la-croix

Und nachdem der Museumsführer diesen kleinen Scherz gemacht hat, verlassen wir jetzt in unserem musée imaginaire den Saal mit den echten und falschen Delacroix‘ (in den mit den englischen Landschaftsaquarellen aus der Zeit von 1790 bis 1830 werden wir noch einmal zurückkehren) und schauen uns noch einen echten Richard Parkes Bonington an, so wie ich ihn mag.

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