The Peacable Kingdom

 

Lamm und Löwe einträchtig nebeneinander, Kinder spielen zwischen Raubkatzen. Und klein im Hintergrund steht der Quäker William Penn. Er hat gerade einen Vertrag mit den Indianern unterzeichnet. Verträge mit Indianern! Davon können die Ureinwohner Amerikas ja nur träumen. Das Bild ist von dem Quäker Edward Hicks. Dies ist eine der frühen Versionen, es ist 1826 gemalt. Er hat diese Szene immer wieder gemalt. Man weiß nicht, wie viele Bilder es gibt, man schätzt, das es achtzig (oder hundert) gewesen sind. Immer ein wenig anders in den Details, aber beinahe immer mit William Penn im Hintergrund. Bei der Gestaltung dieser Szene greift Hicks auf ein bekanntes Bild eines amerikanischen Malers zurück, der auch in einer Quäkerfamilie aufwuchs.

Benjamin Wests Bild William Penn’s Treaty with the Indians when he founded the Province of Pennsylvania in North America ist natürlich  Historienmalerei im grand style, das will Hicks‘ Gemälde nicht sein. Für ihn, wie für viele Quäker, ist das Bild von West längst zu einem Symbol des Friedens geworden. West war nicht der erste, der dieser Szene malerische Gestalt verleiht. Schon sieben Jahre vorher gab es ein Bild von Jean Michel Moreau. Das ist damals in Deutschland recht bekannt geworden, da es von Heinrich Guttenberg 1789 in Kupfer gestochen wurde. Ich wollte den Namen G., erst recht nach seinem beschämenden Abgang, eigentlich nicht mehr erwähnen. Aber den Heinrich Guttenberg muss ich erwähnen, da er zu dieser Zeit ein sehr populärer Kupferstecher ist und dies die Zeit ist, in der sich die Kenntnis von Bildern über Kupferstiche verbreitet. Andererseits ist der kleine Gag mit dem bürgerlichen Kupferstecher Guttenberg und adligen Abkupferer von und zu Guttenberg zu verlockend, als dass ich ihm widerstehen könnte.

Auch von Benjamin Wests Bild hat es einen weit verbreiteten Kupferstich gegeben, den der Graveur John Hall für den Londoner Verleger John Boydell 1775 fertiggestellt hatte. Man kann bei diesem Bild von Hicks (diesmal nur William Penn ohne Löwen, Lämmer und Kiddies) sehen, dass Hicks nach dem Kupferstich, nicht nach dem Gemälde gearbeitet hat. Es ist alles seitenverkehrt, die Indianer genau so wie die Pose von William Penn.

Das Bild beruht, und das war für den frommen Quäker Hicks selbstverständlich, auf einer Bibelstelle, auf Jesaja 11, 6-8 wo es heißt: Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen und der Pardel bei den Böcken liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden an der Weide gehen, daß ihre Jungen beieinander liegen; und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen. Der Sprung vom Alten Testament ins Amerika des William Penn fällt dem Quäker Prediger Hicks leicht, wie es überhaupt in Amerika dank der Puritaner und der sogenannten Typologie sehr gebräuchlich ist, Tagesereignisse aus der Bibel herzuleiten.

Hier sehen wir eine Version des Bildes, die The Peaceable Kingdom with the Leopard of Serenity heißt. Da ist die Menagerie der Tiere inzwischen sehr viel größer geworden. Das Bild ist vor wenigen Jahren bei Sotheby’s New York für beinahe 10 Millionen Dollar verkauft worden – Hicks verkaufte seine Bilder für zwanzig Dollar – da hängt aber noch ein Prozess dran. Der Käufer hat Sotheby’s verklagt, weil sie den Preis künstlich in die Höhe getrieben haben. Ja, es ist kein Friede unter den Menschen, der Friede ist nur auf dem Bild von Hicks. Und alle Ruhe und Gelassenheit der Welt ist in dem Leoparden in der Bildmitte. Dafür sind zehn Millionen Dollar doch nicht zu viel.

In der frühesten Fassung des Gemäldes (ca. 1820) ist die Gruppe von Kindern und Raubtieren noch sehr klein in der rechten Ecke untergebracht. Kunsthistoriker nehmen als gesichert an, dass Hicks die Tiergruppe mit dem Kind und dem Löwen von einem Kupferstich des englischen Malers Richard Westall abgeschaut hat. Und natürlich habe ich auch sofort eine Abbildung. Das ist ja das Schöne bei all den Bildern im Internet, dass man für einen kunsthistorischen Beweisgang (beinahe) immer die richtigen Bilder finden kann, die das Gesagte illustrieren.

Dies hier ist ein früher Hicks – ohne William Penn. Edward Hicks, der ein einträgliches Geschäft mit dem Bemalen von Kutschen, Wegweisern und Wirtshausschildern hatte, hat sich nicht wie seine Kollegen Benjamin West oder John Singleton Copley als ein Maler in der Welt der fine arts gesehen: If the Christian world was in the real spiririt of Christ, I do not believe there would be such a thing as a fine painter in Christendom. It appears clearly to me to be one of the trifling, insignificant arts which has never been of any substantial advantage to mankind. Obgleich es in Pennsylvania in dieser Zeit eine reichhaltige naive Volkskunst gibt, kann man keinerlei Verbindungen von Hicks zu diesen artists finden. Die Welt der Kunst scheint ihn – wie alle Quäker – nicht interessiert zu haben. Außer seinem Peacable Kingdom malt er selten anderes. Einmal George Washington, wie er den Delaware überquert. Und eine hübsche Arche Noah (Abbildung ganz unten). Ansonsten nur Farmen mit Kühen wie die Cornell Farm – ein rührendes Bild. Bei amazon.com als Reproduktion zu Preisen zwischen 16 und 136 Dollar zu bestellen.

Hier auf dem Bild, das sein Neffe Thomas Hicks als Sechzehnjähriger von ihm gemalt hat (da ist er das erste Jahr Schüler seines Onkels), ist er gerade wieder bei den Löwen in den rechten unteren Bildecke der Leinwand auf der Staffelei. Die beinahe manische Verbissenheit, mit der Edward Hicks sein Peacable Kingdom malt, hat einen Grund, es ist seine Flucht vor den Glaubenskämpfen in der Gemeinde der Quäker. In denen auch noch sein älterer Cousin Elias eine prominente Rolle spielt. Da ist man gerade hundert Jahre in der neuen Welt und will einen Musterstaat errichten – und dann so etwas. Da klammert sich Edward Hicks an die Vision des Jesaja und den Vertrag von William Penn mit den Indianern, die Vision eines gesellschaftlichen Gebildes, das eine wirkliche society of friends ist.

Er hat sein Bild beinahe immer mit einem eigenen Gedicht versehen. Manchmal (in der Tradition der Schildermaler) auf dem Rahmen, manchmal auf einer gedruckten Karte, die dem Käufer überreicht wurde:

The illustrious Penn his heavenly kingdom felt;

Then with Columbia’s native sons he dealt:

Without an oath a lasting treaty made,

In Christian faith beneath the elmtree’s shade.

Heute vor 330 Jahren hat der englische König Charles II William Penn alles Land von Maryland bis zum Delaware River als Kolonie übereignet. Er hatte Schulden bei Penns Vater, dem Admiral William Penn. 16.000 Pfund, was heute mehrere Millionen Pfund wären. Penn wollte sein neues Land zuerst New Wales nennen, dann Sylvania. Aber den Namen hat der König in Pennsylvania geändert. Das war William Penn ein wenig peinlich, weil die Leute glauben konnten, die Kolonie hieße nach ihm.

Die ideale Gesellschaft, die ihm vorschwebt, in der alle im Frieden leben, hält nicht so lange vor. Glaubenskämpfe werden die Kolonie erschüttern.Und es gibt Ärger mit den Nachbarn in Maryland, den Nachkommen von Cecilius Calvert, dem zweiten Lord Baltimore. Man kann sich nicht über den Verlauf der Grenze einigen. Da holt man sich zwei englische Astronomen und Landvermesser, Charles Mason und Jeremiah Dixon, die die berühmte Mason-Dixon Line durch die Wildnis ziehen. Dank Thomas Pynchons wunderbarem Roman Mason&Dixon wissen wir alles darüber.

Auf diesem Bild sind nun mal keine Löwen, kein leopard of serenity. Aber dennoch strahlt es Ruhe und Frieden aus. Alles liegt in einem geheimnisvollen Licht. Ob man dieses Licht in Pennsylvania findet? Oder ist es ein himmlisches Licht? Es wird eine Gruppe von amerikanischen Malern geben, deren künstlerisches Hauptmerkmal solch geheimnisvolles Licht ist. Man hat sie Luministen genannt. Einer dieser Luministen, Martin Johnson Heade, ist in Bucks County, in der Nachbarschaft von Edward Hicks aufgewachsen. Man nimmt an, dass er seinen ersten Malunterricht von dem Quäker Prediger Hicks bekommen hat. Ist Edward Hicks der Begründer des amerikanischen Luminismus? Wäre eine schöne Theorie, wird aber nicht funktionieren. Über die ➱Luministen schreibe ich irgendwann noch einmal. Als Appetitanreger gibt es schon mal ein Bild von Martin Johnson Heade mit einem geheimnisvollen Licht.

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