Washington Crossing the Delaware

 

Im Jahre 1850 vollendet der junge Emanuel Leutze in seinem Studio in Düsseldorf ein großes Bild. Es heißt Washington Crossing the Delaware und ist 3,48 mal 6,16 Meter groß. Die Bildgröße ist dem Gegenstand angemessen: Washington, der mit seiner kleinen Armee Weihnachten den eisigen Delaware überquert, die hessische Garnison überwältigt und in den folgenden Bataillen von Trenton und Princeton den überlegenen Engländern zeigt, dass er durchaus gegen die Übermacht bestehen kann. Der Anfang vom Ende der Herrschaft der Engländer in Amerika. Das Bild ist im Geiste der Revolution von 1848 gemalt, angeblich soll Leutze Ferdinand Freiligraths Gedicht Vor der Fahrt (aus der Sammlung Ça Ira! von 1846) im Kopf gehabt haben, als er sich an das Bild machte. In diesem Gedicht (zu singen nach der Melodie der Marseillaise) wird der Leser aufgefordert, auf ein Schiff zu gehen, das Revolution heißt. Washington, Kosciuszko, Franklin und Lafayette sind schon an Bord. Freiligrath wird auch in die Künstlergemeinschaft Malkasten, deren Erster Vorsitzender Leutze ist, aufgenommen, nachdem man 1849 die Statuten geändert hat. Nun ist die kurze deutsche Revolution leider schon vorbei, man malt ja auch lange an einem solchen Bild. Aber der Geist der Revolution ist noch da: in den fahlen Morgenhimmel, der Washington wie ein übergroßer Heiligenschein umgibt, hat Andreas Achenbach noch einen kleinen Morgenstern hineingemalt. Das Bild hätte in Werner Buschs Buch Das sentimentalische Bild hineingepasst, aber er hat es leider nicht behandelt. Dafür interpretiert er John Singleton Copleys Watson and the Shark, ein Bild, das kunsthistorisch vielleicht auch etwas mit Leutzes Bild zu tun hat.
Eindrucksvolle Reportagemalerei in beiden Fällen. Eine Bildgattung, die die Amerikaner Copley mit Watson and the Shark und The Death of the Earl of Chatham und Benjamin West mit dem Death of General Wolfe erfunden hatten. Der Deutschamerikaner Leutze ist davon nicht unbeeinflusst. Das große Bild verfehlt seine Wirkung nicht. Für den jungen Henry James ist no impression half so momentous as that of the epoch-making masterpiece of Mr. Leutze. Und in einer Grußadresse der amerikanischen Künstler an Leutze wird das Bild 1851 als the greatest production of the age, and eminently worthy to commemorate the grandest event in the military life of the illustrious man whom all nations delight to honor gefeiert.
Leutze hatte Schwierigkeiten, geeignete Modelle für sein Monumentalbild zu finden. Sein junger amerikanischer Kollege Worthington Whittredge kommt ihm gerade recht, kaum ist er in Düsseldorf, schon ist er auf dem Bild. Als George Washington und als Steuermann des Bootes. Er muss eine Kopie von Washingtons Uniform (die Leutze aus Amerika besorgt hatte) anziehen und stundenlang mit Hut, Schwert und Mantel still stehen. Whittredge konnte sich in seiner Autobiographie noch an die Stunden erinnern: I was nearly dead when the operation was over. They poured champagne down my throat and I lived through it. Für die Gesichtszüge von Washington orientierte sich Leutze an der Büste von Houdon. Whittredge und Achenbach malen ihm den Morgenhimmel. Für die Personen im Boot (die ein Querschnitt durch die junge Nation sind) hat Leutze Malerkollegen in Düsseldorf genommen, viele Amerikaner, für die Leutze ein Freund und Mentor wird.
Alles an dem Bild ist falsch, wie mäkelnde Historiker festgestellt haben. Es müsste Nacht sein (wie auf diesem Bild von Thomas Sully), kein Morgen, die Boote haben anders ausgesehen, die Flagge (die der spätere Präsident James Monroe hält) gibt es noch gar nicht, das Boot zeigt in die falsche Richtung und Eisschollen wie diese gibt es zwar auf dem Rhein, aber nicht auf dem Delaware. Zugegeben, das stimmt alles. Aber ähnlich wie Mark Twains Aufzählen von Fenimore Cooper’s literary offenses den Romanen von Cooper nicht ihre Wirkung nimmt, nimmt auch diese Kritik dem Gemälde nicht die Wucht.
Vielleicht hat alles eher so ausgesehen wie auf dem Gemälde von George Caleb Bingham, aber das ist nun lange nicht so dramatisch und heroisch. Wenn man die wahre Geschichte von Washington in jenen Tagen lesen will, dann sollte man David Hackett Fishers Washington’s Crossing zu Rate ziehen. Leutze hat in den folgenden Jahren noch mehrere Personengruppen mit Booten gemalt: Die Landung der Wikinger in AmerikaTizian auf der Laguneund das Preisbild des Neusser Männergesangvereins, die zum Teil ähnliche Kompositionen haben. Als sich Leutze 1851 nach Amerika verabschiedet, widmet ihm seine Künstlervereinigung „Malkasten“ ein Preislied (zu singen nach der Melodie von Stenka Rasin), das zeigt, dass sich revolutionäres Pathos und rheinische Fröhlichkeit durchaus verbinden lassen:
Hört ihr Leute das Gedichte
von dem grossen Wasserfluss
der in der Naturgeschichte
heisst der Delawarius.

Dieser fliesst in fernen Westen
zwischen Amerika und hier,
und an seinen wüsten Küsten
haust manch grauses Ungetier.

Es geschah vor vielen Jahren,
dass ein sich’rer Washington
über diesen Fluss gefahren
mit viel Pferden und Kanon!

Und er sprach zu seiner Bande
in gar grimmig bösem Ton:
Frisch, Gesellen, seid zu Hande
folget Eurem Washington!

Und man schiffte lustig weiter
mit Juchheisa didlumdei!
Schlug den Feind und sein‘ Begleiter
und Amerika war frei!

Gerade an demselben Tage
kam zur Welt ein kleines Kind,
und sieh‘ da, es war ein Knabe
welcher Leutze war genannt.

Dieser kleine Wunderknabe,
der das alles hat geseh’n,
hat mit seiner Künstlergabe
dieses Bild gemalt gar schön.

Welches man noch jetzt bewundert
an der Kölner Eisenbahn,
das geschah achtzehnhundert
fünfzig Jahre und noch ein.

Dass man das Bild 1851 in Köln bewundern kann, hat einen Grund, es gehört jetzt der Kölner Brandversicherung Colonia, die stellt es im Gürzenich aus. Das Bild war kaum fertig, da wurde es das Opfer eines Atelierbrandes. Danach stehen Washington und Monroe in einem seltsamen Nebel, der Rest des Bildes bleibt unbeschädigt. Leutze restauriert das Bild und macht sich sofort an das Anfertigen einer Kopie, die noch ein wenig größer wird (3,78 mal 6,47). Die Brandversicherung verkauft das Bild, nachdem es durch ganz Deutschland getourt ist (es wird Furore machen, Theodor Fontane fühlt sich bei seiner Überquerung des Limfjords an das schöne Leutzesche Bild erinnert), an die Kunsthalle Bremen. Leutze geht mit der Kopie nach Amerika, sie hängt heute im Metropolitan Museum in New York, eine kleinere Kopie befindet sich im Weißen Haus. Das Original bleibt vom Unglück und vom Feuer verfolgt, es verbrennt 1942 in einer Bombennacht. Englische Fliegerbomben, die letzte Rache der Engländer für den verlorenen Unabhängigkeitskrieg? Was hätten die amerikanischen Besatzungssoldaten 1945 gedacht, wenn es erhalten geblieben wäre und sie dieses Stück amerikanischer Geschichte hier hätten bewundern können? Immerhin haben die Amerikaner aus der Kunsthalle keine Stehbierhalle gemacht wie aus dem Bremer Rathaus, sondern wollten das Amerika-Haus hier unterbringen. Der Plan wurde aber wieder aufgegeben.
Heute scheint man sich in meiner Heimatstadt Bremen nicht mehr daran erinnern zu wollen, dass man dieses Bild jemals besessen hat. In dem im Internet zugänglichen Katalog der Gemälde der Kunsthalle Bremen ist es nicht gelistet. Und schon in der ersten Publikation der Kunsthalle nach dem Krieg, Museum – Heute von 1948, erwähnt der Kustos Dr. Günter Busch das Bild nicht. Er spricht zwar vom Brand der Bibliothek von Alexandria, dem Sacco di Roma, den Greueln des Dreißigjährigen Krieges und dem Verlust der Dürer Aquarelle, aber nicht von Emanuel Leutze. Und auch vierzig Jahre später ist in seiner sich ein wenig sehr beweihräuchernden Selbstdarstellung Die Kunsthalle in Bremen in Vier Jahrzehnten kein Satz über Leutzes Bild zu finden.
Die Tragödie dieses Bildes, vom Geiste der 48er Revolution bis zum Feuertod, wäre nichts ohne ein Satyrspiel. Im Jahre 1999 hat ein amerikanischer Schulleiter in Muscogee die Abbildungen vonWashington Crossing the Delaware, die in jedem amerikanischen Schulbuch sind, in dem Schulbuch übermalen lassen. Es ist nicht das Muskogee, über das Merle Haggard sein berühmtes Okie from Muskogee gesungen hat. Dies ist Muscogee County in Georgia. Was hat den Superintendent Guy Sims dazu bewogen, das Buch des Verlages Prentice-Hall zu zensieren? Es ist Washingtons Taschenuhr. Noch nicht die, die sein Freund Gouverneur Morris für ihn in Paris bei Lépine kauft, und die ihm Jefferson nach Amerika mitbringt. Dies ist noch eine englische Uhr, er trägt sie wie alle Gentlemen dieser Zeit, an einer Chatelaine unten an seiner Weste. Nun könnte diese Uhr bei der Pose, die Whittredge alias Washington beim Malen des Bildes eingenommen hat, so aussehen (und für die amerikanischen Moralwächter sieht es so aus), als wäre da etwas anderes im Schritt des Landesvaters zu sehen. Das ist nun wirklich so bescheuert, dass es wohl nur in Amerika passieren kann.

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