Wilhelm von Bode

Mit Julius Caesar, Napoleon und Bismarck hat man ihn verglichen. Wilhelm II hat ihn geadelt, ihn zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Titel Exzellenz gemacht und ihm den Kronenorden Erster Klasse verliehen. Ein Jahr vor seinem Tod hat er auch noch den Pour le Mérite bekommen. An Ehrungen hat es ihm also nicht gefehlt. Am 2. August 1872 hatte er, damals noch ein schlichter Dr. Wilhelm Bode, seinen Dienst als Direktorialassistent in Berlin angetreten. 1890 war er  Direktor der Gemäldegalerie, 1905 Generaldirektor. Da hatte er gerade das Kaiser Friedrich Museum auf der Museumsinsel in Berlin gegründet, das heute seinen Namen trägt.

Ich bin von Geburt Niedersachse, Braunschweiger, von so reiner, gutbürgerlicher Herkunft, wie sich wenige andere rühmen oder wenigstens es nachweisen können. Meine Vorfahren väterlicherseits waren meist Gelehrte oder Beamte. So beginnt er seine Memoiren, die schlicht Mein Leben heißen. Sie sind ein faszinierendes Dokument der preußischen Kulturszene der Gründerzeit. Sie sind kein Lesevergnügen in der Art, in der Alfred Lichtwarks Reisebriefe oder Gustav PaulisErinnerungen bei aller Gelehrsamkeit dem Leser durch Humor und Wärme ein Vergnügen gewähren. Und wenn ich ehrlich sein soll, sind mir Lichtwark und Pauli auch viel lieber als der Condottiere des preußischen Kunsterwerbs.

Die Kunst der Beredsamkeit sei ihm nicht gegeben, schreibt er. Deshalb ist er auch nach wenigen Sitzungen aus dem Tunnel über der Spree wieder verschwunden. Was für Fontane eine Heimat war, ist es für Bode keinesfalls. Wenn man etwas über das Berlin in dieser Zeit lesen will, dann sollte man Fontane lesen. Oder das BuchWie ich Schriftsteller geworden bin: Der wunderliche Roman meines Lebens von Ludwig Pietsch, ein Buch, für das mir im Augenblick die Adjektive des Lobes ausgehen. Deshalb zitiere ich mal eben Fontane, der über Ludwig Pietsch sagte, dass er nicht nur über einen stupenden Reichtum an Anschauungen innerhalb aller Gebiete des Lebens und der Kunst verfüge, nein, er beherrscht diesen Besitz auch derartig, daß er jeden Augenblick mit größter Leichtigkeit darüber Verfügung hat. Klingt nach dem Motto für meinen Blog

Das alles liegt Bode fern. Der hat Jura studiert, bevor er Kunsthistoriker wurde. Man schmeckt es durch. Hier spricht ein Machtmensch, der immer den Eindruck vermittelt, dass er ein Herr ist. Wie ein großer Herr, der zu nachlässig ist. Hoheit zu mimen, hat der Kunstkritiker Karl Scheffler über ihn gesagt. Diese Sozialfigur des Herrn ist ja hierzulande ein wenig inVergessenheit geraten. Der letzte, der öffentlich für sich reklamierte, ein Herr zu sein, war Fritz J. Raddatz. Und das ist ja nun wirklich ein bisschen peinlich. Man sagt so etwas nicht. Und einen Porsche fahren und bei Karlchen in Kampen rumsitzen, das tut auch kein wirklicher Herr.

Wilhelm Bode hat wahrscheinlich in seinem Leben mehr Feinde als Freunde gehabt, aber was schert ihn das, wenn er die besten Kontakte zum Kaiser hat? Sein Kollege Max J. Friedländer hat von einem genial einseitig auf Bereicherung der staatlichen Sammlungen gerichteten Ehrgeiz gesprochen. Karl Scheffler hat ihn als halb preußischer Geheimrat, halb ein Konquistador der Renaissance, ein schmaler, großflächiger Kopf mit allen Kennzeichen verfeinerter Willenskraft, mit seinem Falkenprofil, stark ausgebildeten Unterkinn und kühlen hellen Augen beschrieben. In seinen Memoiren rechnet er mit allen seinen Gegnern ab, selbst der letzte Absatz ist unversöhnlich: Daß ein solches Gebaren auf unser ganzes Fach und seine Vertreter übel nachwirken muß und daß daher zwischen solchen »art critics« und den wirklichen wissenschaftlichen Arbeitern und Beamten der Kunstsammlungen das Tischtuch zerschnitten werden muß, wird hoffentlich bald erkannt und befolgt werden. Ich selbst habe mir von vornherein redliche Mühe gegeben, dahin zu wirken, obgleich ich mir sagte, daß ich dadurch die Zahl meiner Gegner nur noch vermehren und die mit dieser Clique zusammenarbeitende Presse noch mehr gegen mich einnehmen würde. Vor allem habe ich von unseren Museen Leute mit solcher Gesinnung fernzuhalten oder nötigenfalls zu entfernen gesucht. Bode kritisiert hier, dass Kunstkritiker und Kunsthandel Hand in Hand arbeiten, um die Preise hochzutreiben. Kennt man bis heute. Ist auch ein klein wenig bigott, denn er selbst hat sich in diesen Spielchen sehr gut ausgekannt und mit Gefälligkeitsgutachten für Händler den Marktpreis von Kunstwerken hochgetrieben (und dafür vom Händler anderes billiger bekommen).

Dass Mein Leben mit diesem unschönen Ton endet liegt daran, dass es gar nicht fertig ist. Bode ist nur bis zum Jahre 1910 gekommen, von den Jahren bis 1929 gibt es einen kurzen Entwurf im Manuskript. Aber auch dieses Manuskript endet mit dem Ton der Enttäuschung, die Welt, in der er groß und mächtig geworden ist, ist zerbrochen. Er hat drei Kaisern gedient, mehr als ein halbes Jahrhundert die Berliner Museen geprägt. Mit der Weimarer Republik kann er nichts anfangen. Nur in der Belle Époque konnte er existieren. Mit der Malerei, die es jetzt gibt, kann er auch nichts anfangen. Er kann sich damit trösten, dass er die Berliner Museen aus dem Provinziellen zur Weltgeltung geführt hat – und dafür werden ihm die Besucher sicher heute noch dankbar sein. Er hat gekauft und gekauft.Ein Jäger und kein Angler, hat Friedländer über ihn gesagt. Bei aller Kennerschaft, die ihn auszeichnet, hat er sich auch manchmal furchtbar getäuscht. Zum Beispiel bei der Flora Büste, die er für ein Werk Leonardos hielt, dafür hat er 185.000 Goldmark ausgegeben und hatte dann nur einen internationalen Kunstskandal an der Backe.

Es war nicht sein Geld, das er ausgab. Das unterscheidet ihn von seinem großen Konkurrenten, dem amerikanischen Bankier John Pierpont Morgan, über den er in seinen Memoiren sagt: Ohne Kenntnisse auf irgendeinem Kunstgebiet, ohne besonderen Geschmack oder natürliche Begabung, selbst ohne gute Ratgeber hat der merkwürdige Mann allein durch seine Mittel und die Freigebigkeit, mit der er sie ausgab, wie durch seine Klugheit und sein Zielbewußtsein in wenigen Jahren Sammlungen zusammengebracht, welche denen der großen alten Museen zum Teil nahekommen, in der einen oder anderen Richtung sie wohl gar übertreffen. Und das alles in einer Zeit, in der es angeblich zu spät ist, um noch an Sammeln zu denken! Sein Zaubermittel war das Geld, er scheute sich nicht, für Kunstwerke das Doppelte, ja das Zehnfache und mehr von dem, was bisher für den höchsten Preis galt, auszugeben, und seine Zauberlehrlinge waren die Kunsthändler, die er meist mit Geschick auswählte und mit noch größerem Geschick an sich fesselte. Als er 1913 für den einen von Respekt getragenen Nachruf schreibt, warnt er vor dem Ausverkauf der deutschen Kunst ins Ausland. Doch dieser Prozess ist jetzt nirgends mehr aufzuhalten. Das Geld regiert die Welt, und die amerikanischen Millionäre des Gilded Age wollen sich mit ihren Kunstkäufen einen kleinen Zipfel vom Mantel der Unsterblichkeit sichern. Nach dem Ersten Weltkrieg wird Joseph Duveen einen beispiellosen Ausverkauf der englischen Kunst nach Amerika organisieren.

Bode war schon als Kind kränklich, eigentlich war er sein ganzes Leben lang krank – das ist die andere Seite des Ehrgeizes. Sein Lebensbericht hat einen Subtext, in dem er seine Krankheiten schildert, die die medizinischen Koryphäen der Zeit ratlos sein lassen. Freud hätte seine Freude an Bodes medizinischen Lebenserinnerungen gehabt. Aber das wird für Bode niemals ein Hindernis sein, er dirigiert die Berliner Museen auch vom Krankenbett aus und lässt sich ihm Krankenstuhl zu einem Empfang bei Se. Majestät rollen. Die Rücksichtslosigkeit, die ihn in vielen Dingen kennzeichnet, ist auch eine Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst. Wobei es bei ihm ein wenig erstaunlich ist, wenn er andere als rücksichtslos charakterisiert, wie zum Beispiel den heimlichen Kultusminister Preußens Friedrich Althoff. Ohne den wäre aus dem preußischen Größenwahn des Wilhelminismus wahrscheinlich gar nichts geworden. Ich meine das nicht unbedingt abwertend, ich habe vor preußischen Ministerialbeamten wie Friedrich Althoff und Carl Heinrich Becker den größten Respekt – man vergleiche die nur einen Augenblick lang mit Frau Schavan.

Wilhelm Bode (auf dem Photo rechts, der elegante Dandy in der Mitte ist Max J. Friedländer) wurde heute vor 165 Jahren geboren. Seine Memoiren gibt es seit 1997 in einer wissenschaftlich edierten Ausgabe, deren geradezu unersetzlicher Kommentarband 464 Seiten stark ist. Recht gut ist auch, aus der Feder eines Museumsmannes, Wilhelm von Bode. Zwischen Kaisermacht und Kunsttempel von Manfred Ohlsen. S.N. Behrmanns Buch über Joseph Duveen (Duveen und die Millionäre), das man antiquarisch sehr preiswert bekommen kann, lohnt auch die Lektüre.

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