Joseph von Eichendorff

Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: »Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde, und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.« – »Nun«, sagte ich, »wenn ich ein Taugenichts bin, so ist’s gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.«

So fängt der Roman Aus dem Leben eines Taugenichts an. Der Weg in die Welt wird ihn nach Italien führen. Und wieder zurück nach Deutschland, wo er die allerschönste Frau, die er den ganzen Roman gesucht hat, endlich bekommt: Sie lächelte still und sah mich recht vergnügt und freundlich an, und von fern schallte immerfort die Musik herüber, und Leuchtkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über die Gärten, und die Donau rauschte dazwischen herauf – und es war alles, alles gut! Und bevor die Hochzeitsreise sie wieder nach Italien führt, muss er sich erst einmal vernünftig anziehen. Du mußt dich jetzt auch eleganter kleiden, sagt die allerschönste Frau, die, wie er endlich erfährt, Aurélie heißt. »Oh«, rief ich voller Freuden, »englischen Frack, Strohhut und Pumphosen und Sporen!« Der englische Frack muss jetzt sein, die Engländer bestimmen die Herrenmode, auch in der deutschen Romantik.

Ich finde den Satz Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig einen perfekten Romananfang. Als junger Student habe ich in einem Übersetzungskurs Englisch-Deutsch den ersten Absatz in einer Klausur auf Englisch bekommen. Da ich den Anfang auswendig konnte, habe ich ihn ihn hingeschrieben, wie ihn Eichendorff geschrieben hatte. Habe eine Fünf dafür bekommen. Den Dozenten finde ich heute noch voll bescheuert. Soviel zum Thema Übersetzungen. Der Taugenichts kommt mir in jedem Frühjahr in den Sinn, wenn der Schnee emsig vom Dache tröpfelt, häufig lese ich die Novelle dann noch einmal. Und ich habe gerade gemerkt, dass ich beinahe vor genau einem Jahr schon einmal über Eichendorff geschrieben habe. Was da steht, gefällt mir eigentlich immer noch. Wenn ich mir einen Scherz hätte machen wollen, hätte ich das mit dem copy&paste Verfahren hierher kopiert und leicht bearbeitet. Aber ich mache das nicht, ich schreibe auch nicht bei Richard Alewyn oder anderen schlaue Gedanken ab.

Der Taugenichts ist zeitlos. Auch politisch zeitlos, er ist erst nach den Befreiungskriegen geschrieben. Er ist auch nicht in Italien geschrieben, in Wien oder in Schlesien, sondern im kalten Norden. In Danzig. Niemand käme bei der Lektüre auf die Assoziation Ostsee. Über die Ostsee kann Eichendorff aber nicht schreiben. Das können Theodor Fontane oder Peter Wawerzinek. Eichendorff muss über so etwas schreiben: Da flimmerte es nur so vor meinen Augen: blitzende Kirchthurmspitzen, Morgenröthe, Vogelschall, Glockenklang u. Waldesrauschen, alles mährchenhaft durcheinander wie ein wunderbares, unermeßliches Reich, das ich mir erobern sollte.

Eichendorff, der preußische Beamte mit dem Doppelleben, täuscht uns immer ein wenig, wenn wir glauben, der Dichter lebte nur in der Welt der Gedichte in einem kühlen Grund, wo ein Mühlenrad geht und wo die Gesellen von Marmorbildern, von Gärten, die überm Gestein in dämmernden Lauben verwildern singen. Wir glauben manchmal, dass alles in der Waldwelt von Eichendorff unpolitisch ist, dass Eichendorff so in der schönen Romantik versunken sei, dass er nicht sieht, was um ihn herum vorgeht. Wir sehen ihn förmlich vor uns, wie er in seinem Zimmer im Schloss seiner Vorfahren nächtens mit der Feder in der Hand ans Fenster tritt.

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Nichts von der Szene, die ich mir da eben ausgedacht habe, ist wahr. Schloss und Ländereien sind längst verkauft, in diese Welt kann er nimmer zurück:

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr …



Und jedesmal sind wir beim Lesen gerührt und wollen da mitreisen in der prächtigen Sommernacht oder trauern den Verlusten des Lebens nach, die dort sind, wo die Wolken herkommen. So sehr es uns rührt, fragt man sich doch: sind es nur Worte? Wenn ich einmal eben eine kleine Stelle aus dem Novellenfragment Unstern zitieren darf: Als ich [noch gantz] verwirrt in meinem Zimmer umhersah, war das Licht tief heruntergebrannt, von draußen sah ein fremdes Land mit schneeflimmernden Gebirgszacken durch die Fenster herein, die Heimath war so fern, mein Haar ergraut, Vater und Mutter lange todt. – Das könnte einen toll machen – ich fange daher ohne weiteres mit dem Zweiten Kapitel an, denn warum ich beim Aufwachen grade schneebedeckte Gebirgszacken erblickt, kann der wißbegierige Leser erst im letzten Kapitel erfahren.

Hier werden die ferne Heimat und die toten Eltern ja schon beinahe als ironisches, beliebig wieder zitierbares Versatzstück behandelt. Vollends zu Ende des Ganzen, wo es heißt: Oder: Ich gehe nun durch die Residentz nach Ostindien, entdecke ein Land, das schon früher entdeckt ist, erwerbe ungeheueres Geld, werde aber, scheiternd auf dem Rückwege, allein mit allen meinen ungeheueren Schätzen auf eine wüste Insel verschlagen. Dort schreibe ich, alles dieses nieder u. gebe es einem vorbeifahrenden Schiffe mit. – Jedenfalls zu Ende irgend etwas Tiefes, wahrhaft: erschütterndes, so daß das Gantze ein grandioses Ende nimmt! –


Nicht immer ist in seiner Welt am Ende alles, alles gut. In Ahnung und Gegenwart ganz bestimmt nicht, wo es zum Schluss heißt:

Mir scheint unsre Zeit dieser weiten, ungewissen Dämmerung zu gleichen! Licht und Schatten ringen noch ungeschieden in wunderbaren Massen gewaltig miteinander, dunkle Wolken ziehn verhängnisschwer dazwischen, ungewiß ob sie Tod oder Segen führen, die Welt liegt unten in weiter, dumpf stiller Erwartung. Kometen und wunderbare Himmelszeichen zeigen sich wieder, Gespenster wandeln wieder durch unsre Nächte, fabelhafte Sirenen selber tauchen, wie vor nahen Gewittern, von neuem über den Meeresspiegel und singen, alles weist wie mit blutigem Finger warnend auf ein großes, unvermeidliches Unglück hin. Unsere Jugend erfreut kein sorglos leichtes Spiel, keine fröhliche Ruhe, wie unsere Väter, uns hat frühe der Ernst des Lebens gefaßt. Im Kampfe sind wir geboren, und im Kampfe werden wir, überwunden oder triumphierend, untergehn. Denn aus dem Zauberrauche unsrer Bildung wird sich ein Kriegsgespenst gestalten, geharnischt, mit bleichem Totengesicht und blutigen Haaren; wessen Auge in der Einsamkeit geübt, der sieht schon jetzt in den wunderbaren Verschlingungen des Dampfes die Lineamente dazu aufringen und sich leise formieren. Verloren ist, wen die Zeit unvorbereitet und unbewaffnet trifft; und wie mancher, der weich und aufgelegt zur Lust und fröhlichem Dichten, sich so gern mit der Welt vertrüge, wird, wie Prinz Hamlet, zu sich selber sagen: Weh, daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam! Denn aus ihren Fugen wird sie noch einmal kommen, ein unerhörter Kampf zwischen Altem und Neuem beginnen, die Leidenschaften, die jetzt verkappt schleichen, werden die Larven wegwerfen, und flammender Wahnsinn sich mit Brandfackeln in die Verwirrung stürzen, als wäre die Hölle losgelassen, Recht und Unrecht, beide Parteien, in blinder Wut einander verwechseln. Wunder werden zuletzt geschehen, um der Gerechten willen, bis endlich die neue und doch ewig alte Sonne durch die Greuel bricht, die Donner rollen nur noch fernab an den Bergen, die weiße Taube kommt durch die blaue Luft geflogen, und die Erde hebt sich verweint, wie eine befreite Schöne, in neuer Glorie empor. O Leontin! wer von uns wird das erleben!

Ich hatte diesen Roman vollendet, ehe noch die Franzosen im letzten Krieg Rußland betraten, hat Eichendorff geschrieben. Die Forschung streitet sich darüber. Man will aus der Stelle Kometen und wunderbare Himmelszeichen zeigen sich wieder, Gespenster wandeln wieder durch unsre Nächte herauslesen, dass Eichendorff davon erst im September 1812 im Oesterreichischen Beobachter gelesen hat. Aber was der Krieg ist, das weiß Eichendorff schon genau. Zuerst ist er als Freiwilliger bei den Lützowschen Jägern gewesen, später als Leutnant in einem Landwehr Bataillon. über die Lützowschen Jäger hat er geschrieben:

Mancher mußte da hinunter
Unter den Rasen grün,
Und der Krieg und Frühling munter
Gingen über ihn.

Wo wir ruhen, wo wir wohnen:
Jener Waldeshort
Rauscht mit seinen grünen Kronen
Durch mein Leben fort.

Aber über den Krieg hat er nicht geschrieben. Vielleicht ist das auch gut so. Wir haben es lieber, dass der erste Morgenstrahl durch das stille Nebeltal fliegt, dass wir das Posthorn im stillen Land hören, dass die Wälder leis‘ rauschen in der sternklaren Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff, der Dichter der deutschen Seele, wurde am 10. März 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor in Oberschlesien geboren. Das wenig bekannte Novellenfragment Unstern, aus dem ich zitiert habe, findet sich ☞hier.
Alle Bilder im Text sind natürlich von Caspar David Friedrich.

Über jay

Literatur-Kunst-Film-Mode-undsoweiter
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s