David Wilkie


Also wenn Sie so richtig schön modern wohnen wie hier, dann muss es natürlich ein David Wilkie sein, der da auf die weiße Projektionsfläche gehängt wird. Das Bild (The Chelsea Pensioners Reading the Gazette of the Battle of Waterloo) zeigt die Veteranen in draußen vor dem Haus, die die Nachricht vom Sieg Wellingtons bei Waterloo erfahren. Von dem Bild war man in England 1822  begeistert. Offensichtlich heute immer noch, man kann es in allen Größen (meistens made in China) als Kopie kaufen, wird wahrscheinlich nach Quadratmetern berechnet. Als der Schotte David Wilkie bei seinen historischen und Genrebildern angekommen ist – und das ist es ja, was sich in England im 19. Jahrhundert verkauft – hat man längst vergessen lassen, wie gut er am Anfang seiner Karriere war.

Also damit meine ich so etwas, dieses Selbstportrait, das er mit zwanzig Jahren gemalt hat. Altmeisterlich, ein touch von Rembrandt, hat auch auch ein wenig von Sir Thomas Lawrence. Dessen Nachfolger als Hofmaler wird er eines Tages werden, geadelt wird er auch. Es hat allerdings etwas gedauert, angeblich hatte in der Royal Academy nur sein Freund William Collins für ihn gestimmt. Collins ist ein Landschaftsmaler, der eigentlich technisch gut ist, aber sich schnell an den süßlich-sentimentalen Zeitgeschmack des Jahrhunderts anpasst. Und dann solche Bilder wie Rustic Civility von 1833 produziert.

Das kommt beim Publikum gut an – Kinder kommen ja immer gut an –  ein Indiz dafür ist, dass seine Bilder am Ende des Jahrhunderts höhere Preise im Kunsthandel erbringen als die Bilder von Constable und Turner. Manche Bilder sind so beliebt, dass er sie mehrfach malen muss. Auch dieses, das Original hatte der Herzog von Devonshire gekauft, aber der Sammler John Sheepshanks wollte unbedingt eine Kopie haben. Die hängt heute im Victoria und Albert Museum, weil Sheepshanks seine riesige Gemäldesammlung 1857 dem Museum geschenkt hatte. Und wenn Sie jetzt fragen, worin die rustic civility des Bildtitels besteht, und Sie keinerlei Höflichkeit in dem Bild entdecken können, dann achten Sie doch einmal auf den Schatten im Vordergrund. Das ist der Schatten eines Reiters, die kiddies haben ihm höflicherweise das Tor aufgemacht, damit er nicht vom Pferd abzusteigen braucht.

William Collins wird seinen Sohn nach seinem Freund Wilkie nennen, Wilkie Collins. Der wird kein Maler, der wird auch nicht in den Teehandel gehen, wie sein Vater das gerne hätte, der wird Schriftsteller. Er schreibt auch 1848 eine Biographie über seinen Vater Memoirs of the Life of William Collins, Esq., R.A. und wird einer der berühmtesten und beim Publikum beliebtesten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Er erfindet, wenn man so will, mit The Moonstone den englischen Detektivroman. Auf jeden Fall ist T.S. Eliot dieser Meinung gewesen, als er den Roman the first, the longest, and the best of modern English detective novels.. in a genre invented by Collins and not by Poenannte. Da wird niemand widersprechen, der Wilkie Collins gelesen hat (The Woman in White ist auch sehr zum empfehlen). Collins ist, im Gegensatz zu seinem Freund Charles Dickens, schnell in Vergessenheit geraten, weil seine Romane immer weniger Spannung und immer mehr soziale Anliegen enthielten. So dass der Dichter Charles Algernon Swinburne spotten konnte What brought good Wilkie’s genius nigh perdition? Some demon whispered – ‚Wilkie! have a mission. Aber er wird eine Renaissance erleben, nicht zuletzt wegen T.S. Eliot.

Bei uns in Deutschland ist es Arno Schmidt gewesen, der Collins aus dem Dornröschenschlaf geweckt hat. Durch seinen Essay Der Titel aller Titel! (in Der Triton mit dem Sonnenschorm: Großbritannische Gemütsergetzungen) und die Übersetzung von The Woman in White. Allerdings muss man dazu sagen, dass dies nicht die erste deutsche Übersetzung war. Schon 1862 war er von einem gewissen Dr. C. Büchele übersetzt worden (der auch die damals berühmte schwedische Erfolgsautorin Marie Sophie Schwartz übersetzte), und 1891 erschien eine zweite Übersetzung von Marie Scott bei Karl Prochaska in Wien (die man noch antiquarisch finden kann). Arno hat diese Übersetzungen angeblich nicht gekannt. Was ich bei seiner penetranten philologischen Besserwisserei nicht so ganz glauben kann. Aber sei es wie es sei, die Übersetzung von The Woman in White wurde zu einem Bestseller in Deutschland. Man kann ihn immer noch im Buchhandel erhalten und lesen. Aber ich finde, wenn man Wilkie Collins noch gar nicht kennt, dann sollte man mit The Moonstoneanfangen, es ist der bessere Roman. Und wenn Sie eine deutsche Wilkie Collins Fanpage brauchen, dann klicken Sie hier.

Ausser dem Namen hat Wilkie Collins nichts von David Wilkie, und das ist auch gut so. Der Schotte war nämlich ziemlich langsam im Kopf. Der hätte niemals in seinem Leben 30 Romane, mehr als 60short stories und 14 Theaterstücke (davon eins in Zusammenarbeit mit Dickens) fertig gekriegt. Er liebte zwar das gesellige Beisammensein mit anderen Malern, verstand aber ihre Witze und Anspielungen meistens erst sehr viel später. Wilkie’s mind was very slow, but fixed itself pertinaciously on any subject, and this led him to brood on whatever struck him. Like all Scotsmen, he was not alive to pun or equivoque. We have heard Sir Augustus Wall Calcott tell curious stories of his lack of readiness, schreiben Richard und Samuel Redgrave in A Century of British Painters. Und dann erzählen sie natürlich eine Geschichte, wo Wilkie erst auf dem Nachhauseweg die Pointe einer Geschichte begreift, die Stunden vorher erzählt wurde. Der Designer und Maler Richard Redgrave, R.A., hat zusammen mit seinem älteren Bruder Samuel diese Geschichte der englischen Kunst 1866 veröffentlicht. Es ist eins der erstaunlichsten Bücher zur englischen Kunst, das mit Hogarth, Reynolds und Gainsborough beginnt und mit William Dyce endet. Viele der Maler haben die beiden Brüder noch persönlich gekannt, und man muss ihnen lassen, dass viele ihrer Urteile auch nach beinahe anderthalb Jahrhunderten noch Bestand haben. Der Kunstverlag Phaidon hat das Buch in der Reihe Landmarks of Art History 1947 wieder auf den Markt gebracht, 1981 gab es eine zweite Auflage. Es ist immer noch lieferbar, bei Amazon neu für 45,99 und gebraucht ab 4,12 €. Wer sich für die englische Kunst in ihrer großen Zeit interessiert, sollte sich diese kuriose Goldmine der Information nicht entgehen lassen. Und natürlich bekommt Sir David Wilkie darin ein ganzes Kapitel.

Und hier präsentiere ich zum Schluss noch ein Bild von Sir David Wilkie, das eigentlich erstaunlich ist. Und zeigt, dass er das Malen noch nicht verlernt hat. Bei George IV hatte er sich ja mit diesem idealisierten Portrait mit der schottischen Verkleidung eingeschleimt, aber seinen Nachfolger William IV, den hat er kurz vor seinem Tod aufregend modern gemalt (vergleichen Sie das Bild einmal mit diesem hier). Das ist nicht mehr geschönt, wie die vielen anderen Bilder, die Wilkie von William IV angefertigt hat. Das könnte Jahrzehnte später von John Singer Sargent oder Anders Zorn gemalt worden sein. Hier ist der Sailor King (er hatte mehr als die Hälfte seines Lebens bei der Royal Navy verbracht und konnte fluchen wie ein Matrose) nicht hinter Roben versteckt, hier ist er ganz er selbst.

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