Louis Henry Sullivan

Der amerikanische Architekt gilt vielen als Vater der Moderne, als der Erfinder des Hochhauses. Sein Satz form follows function wird heute noch von jedem Yuppie aufgesagt, der sich eine Corbusier Liege gekauft hat. Für die meisten Produkte, die mit diesem schönen Satz beworben werden, gilt der Satz nicht. Auf jeden Fall nicht für die Alessi Kaffeekanne. Und für vieles von Sullivan auch nicht. Wir verstehen diesen Satz ja heute nach Adolf Loos‘ Diktum Ornament ist Verbrechenund nach dem Bauhaus als einen Verzicht auf Ornament und Dekoration. Aber so hatte Sullivan es wohl nicht gemeint, denn Ornament gibt es bei ihm massenhaft. Wenn Sie sich den Film auf YouTube anschauen, zu dem es ganz unten einen Link gibt, werden Sie sehen, dass dieser Mann geradezu ein Ornamentfreak ist. Nichts von den kalten weißen Wänden von Le Corbusier oder dem Bauhaus – Art Nouveau de Luxe!

Das wäre ja nun ein hübsches schlichtes Bankgebäude, aber das schreckliche Ornament über der Tür ist nicht zu übersehen.Form follows function? Der Satz mit form follows function findet sich in einem Aufsatz über Hochhäuser im Jahre 1896, wo es heißt: It is the pervading law of all things organic and inorganic, Of all things physical and metaphysical, Of all things human and all things super-human, Of all true manifestations of the head, Of the heart, of the soul, That the life is recognizable in its expression, That form ever follows function. This is the law.

Klingt ein wenig pathetisch und opak. Sullivan ist eigentlich heimlich Dichter. Oder Philosoph. Er schreibt immer so. Er hat schon früh Ralph Waldo Emerson gelesen, und das hat ihn für den Rest des Lebens beeinflusst (seinen Schüler Frank Lloyd Wright übrigens auch). Sullivan schreibt jetzt um 1896 viel Theoretisches und baut weniger. Die große Finanzkrise von 1893 hat auch die Bauwirtschaft erfasst. Die Zusammenarbeit mit seinem Kompagnon Dankmar Adler ist zerbrochen. Die Zeit bis zu seinem Tod 1924 sind dreißig Jahre des unaufhaltsamen Abstieges von Louis Henry Sullivan. Seine Ehe scheitert, er attackiert alle seine Berufskollegen, hängt nur noch an der Flasche. Zuletzt wohnt der Architekt, der so viele Häuser gebaut hat, in einem Hotelzimmer. Ein Büro hat er nicht mehr, weil er die Miete nicht mehr bezahlen kann. Immerhin wird sein Schüler Frank Lloyd Wright dafür sorgen, dass er ein schönes Grabmal bekommt.

Auf dem selben Friedhof, nicht weit von dem Grab von Sullivan, liegt Richard Nickel begraben. Der hatte sein Leben lang für den Erhalt der Bauwerke von Sullivan gekämpft und alles photographiert, was der Abrissbirne geweiht war. Sein Photoband Richard Nickel’s Chicago: Photographs of a Lost City kündet davon. Es ist tragisch, dass er bei Photoarbeiten in der im Abriss befindlichen Börse von Chicago zu Tode gekommen ist.

Die Krise von 1893 macht dem Büro von McKim, Meade und Whitenicht viel aus, die bauen jetzt halb Amerika um, im schönen Stil der École des Beaux-Arts von Paris (das Weiße Haus haben sie auch umgebaut). Aber diese Firma hat eine Konstellation, die Adler und Sullivan nicht haben.

Charles Follen McKim hat die solide Ausbildung, Stanford White kann hervorragend mit den Millionären umgehen, und William Rutherford hält die Firma zusammen, oder, wie er so schön sagte kept his partners from making damn fools of themselves. Das hier links ist das Capitol von Rhode Island von McKim, White und Meade. Wie das Weiße Haus, nur stromlinienförmiger. Seit der Entwurf 1892 inAmerican Architect veröffentlicht wurde, will jetzt jeder Staat sowas haben. Kriegen sie auch, wenn Sie mal einen Blick auf das Capitol von Missouri werfen. Neben solchen Bauten bauen sie vornehmlich für die Millionäre des Gilded Age. Es ist sicherlich ein Schlag für die Firma, wenn der Lebemann Stanford White von dem durchgeknallten Millionär Harry Kendall Thaw im Madison Square Garden (den er selbst gebaut hatte) erschossen wird. Diese Geschichte einschließlich des Prozess des Jahrhunderts (das damals noch nicht so alt ist) ist dann später in Doctorows Roman Ragtime hineingewandert. Aber die Firma von McKim, Meade und White wird weiter bestehen.

Louis Henry Sullivan ist auch in Paris an der École des Beaux-Arts gewesen. Von den Lehren Eugène Viollet-le-Ducs hat er mitgenommen, dass man auch Eisen in der Architektur verwenden kann (Viollet-le-Duc verwendet es für neo-romanische und neugotische Bauten), Sullivan wird es für Hochhäuser verwenden (der Stahlpreis ist gerade gesunken). Er ist nicht der erste, der das jetzt in Amerika macht, William Le Baron Jenney hatte das schon vorgemacht. Das da unten ist das Wainwright Building in St. Louis, der erste Wolkenkratzer, den Adler und Sullivan bauen.

[Waintwright+Building,+in+Saint+Louis,+Missouri,+USA+-+side.jpg]

Klare Formen, aber doch überall mit Ornamenten (aus der Kirchenarchitektur) verziert. Das kann Sullivan nicht lassen. Dennoch ist die Konstruktion ein großer Wurf: His solution to the skyscraper problem did not come easily. Frank Lloyd Wright, his principal assistant at the time, remembered how Louis Henry Sullivan struggled over the facade composition, leaving the office for long walks, throwing away sketch after sketch, until finally Louis Henry Sullivan burst into Wright’s room and threw a drawing on the table. „I was perfectly aware of what had happened,“ Wright recalled. ‚This was Louis Henry Sullivan’s greatest moment – his greatest effort. The ’skyscraper as a new thing beneath the sun, as an entity with virtue, individuality and beauty all its own, was born“. Sullian wird für den Bierbrauerkönig Ellis Wainwright nicht nur dieses Gebäude bauen, sondern auch für die jung verstorbene Gattin von Wainwright ein Grabmal bauen, das im Volksmund das Taj Mahal von St. Louis heißt.

Chicago ist jetzt die Spielwiese der amerikanischen Architekten, eine Stadt, die gerade abgebrannt ist, muss man wieder aufbauen. Von daher bekommt die Chicago School of Architecture eine Bedeutung, die sie ohne den Brand von Chicago nicht gehabt hätte. Wenn wir all die Hochhäuser jetzt mal beiseite lassen, dann ist das Originellste, was Sullivan baut, ein Bankgebäude. 1906, als er beinahe pleite ist, bekommt er von dem kunstinteressierten Bankier Carl K. Bennett den Auftrag, ein Gebäude für für die National Farmer’s Bank in Owatonna (Michigan) zu entwerfen. Und Sullivan baut ihm eine Bank, wie es noch keine gab. Auf keinen Fall neo-klassizistisch, was McKim, Mead und White bauen, wirft die amerikanische Architektur um eine halbes Jahrhundert zurück, sagt Sullivan. Er ist jetzt in Amerika beinahe der einzige Architekt, der nicht neo-klassizistisch baut.

So etwas wollte Bennett auch haben, alle Banken (und es gibt um 1900 sehr viele in den USA) sehen gleich aus, alle neo-klassizistisch, aber die in Owatonna ist ganz anders. Als sie 1908 fertig ist, pilgern Architekten und Architekturstudenten aus der ganzen Welt nach Owatonna (und Sullivan wird in den nächsten Jahren nichts als Banken in kleinen Kaffs im Mittleren Westen bauen). Innen drin ist es eine Symphonie von Farben und Dekoration. Eine kleine Kathedrale des Kapitalismus. Schauen Sie mal eben hier hinein, zwar klägliche Kameraarbeit, aber man bekommt einen kleinen Eindruck. Das Schrägste allerdings sind in diesem Feuerwerk von Art Nouveau zwei Wandgemälde von einem Wiener namens Oskar Gross, auf einem sind ganz platt realistische Kühe drauf. Wahrscheinlich hat die Landbevölkerung das so gewollt.

Louis Henry (oder Henri) Sullivan ist am 3. September 1856 in Boston geboren und am 14. April 1924 in Chicago gestorben. Der Zürcher Architekt Hans Frei hat 1992 beim Artemis Verlag ein Buch über Sullivan veröffentlicht, das offensichtlich für Studenten konzipiert ist und das keinen Leser überfordert (auch wenn er nicht Architektur oder Kunstgeschichte studiert hat). Es ist als Einführung sehr gut geeignet. Die schönste kleine Geschichte der amerikanischen Architektur ist (auch wenn sie nur ein eingeschränktes Thema verfolgt) Baldur KöstersPalladio in Amerika. Das Internet ist nett zu Sullivan, es gibt hunderte von Photos (auch die Chicago Photos von Richard Nickel sind dort gut dokumentiert), und eine Vielzahl von Videos. Ich möchte unbedingt dies hier empfehlen, mit der Musik von George Gershwins Rhapsody in Blue, das einen Eindruck in den plüschigen Art Nouveau Ornamentsrausch von Sullivan gibt. Hervorragend gemacht, in zehn Minuten weiß man alles über ihn.

Link

Der finnische Architekt Alvar Aalto hat einmal eine bemerkenswerte Geschichte über Frank Lloyd Wright erzählt, der in einem Vortrag in Milwaukee folgendes sagte: Wissen Sie, meine Herrschaften, was ein Ziegelstein ist? Er ist eine Bagatelle, er kostet 11 Cents, er ist ein wertloses banales Ding, das aber eine besondere Eigenschaft hat. Geben Sie mir diesen Ziegelstein und er wird sofort umgewandelt in den Wert seines Gewichts in Gold. Und Aalto fährt fort: Es war vielleicht das einzige Mal, dass ich so brutal und demonstrativ einem Publikum sagen hörte, was Architektur ist. Architektur ist, den wertlosen Stein zu einem goldenen Stein umzuwandeln. Im Gegensatz zu seinem Schüler hat Louis Sullivan das nicht hinbekommen.

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