Nicolas Poussin

Oskar Bätschmann: Nicolas Poussin. Landschaft mit Pyramus und Thisbe: Das Liebesunglück und die Grenzen der Malerei 

Was eine ideale Landschaft sein könnte, wird zu einem Schreckensszenario. Im unwirklichen Lichte, unter zuckenden Blitzen, fliehen Menschen. Ein Löwe fällt einen Reiter an, eine Frau stürzt auf einen männlichen Leichnam zu. Und unheimlich ruhig liegt ein See mit einer spiegelglatten Oberfläche da. Ein rätselhaftes Bild, das Nicolas Poussin 1651 gemalt hat. Ursprünglich war es eine Landschaft mit Gewittersturm, bevor der Künstler noch die tragische Geschichte von Pyramus und Thisbe auf die Leinwand brachte. Es ist das Schöne an der Reihe Kunststück des Fischer Verlags, dass in ihr die Rätsel, die viele Bilder bieten, von kompetenten Kunsthistorikern gelöst werden. Für die Interpretation des Bildes von Poussin hätte man keinen Besseren finden können als Oskar Bätschmann. Detektivisch, Schritt für Schritt, entschlüsselt er alle Komponenten des Bildes. Und zeigt allegorische Andeutungen wie Anspielungen auf die wetterwendische Glücksgöttin und den Bacchuskult auf. Schliesslich war das Bild für den Gelehrten Cassiano dal Pozzo gemalt, da mussten schon Bildungsanspielungen mit in die Landschaft. Alle Figuren, die man sieht, spielen ihre Rolle gemäß dem Wetter, schrieb Poussin an einen Malerfreund, dem er das Bild beschrieb, in dem er versucht hatte, einen Gewittersturm auf der Erde darzustellen, indem ich nach besten Gewissen und Können die Wirkung des ungestümen Windes nachahmte, ferner die von Finsternis erfüllte Atmosphäre. Das Bild ist auch eine Herausforderung an die Malerei. Erst Apelles, sagt Plinius, malte, was nicht zu malen möglich war: Donnerschläge, Wetterleuchten und Blitze. Nun ist von Apelles kein Werk erhalten, man muss Plinius glauben. Aber Poussin, der kann es, er macht in diesem vieldeutigen Werk vielleicht auch einen Kommentar zu den Zeitläuften. Ein Jahr nach dem Ende des dreißigjährigen Krieges schreibt er, dass es ein grosses Glück ist in diesem Jahrhundert zu leben vorausgesetzt dass man sich in einen kleinen geschützten Winkel setzen und die Komödie bequem verfolgen kann. Und nicht von Löwen angefallen wird.

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