Washington

David Hackett Fischer: Washington’s Crossing (Pivotal Moments in American History) 
Nein, die deutsche Garnison feierte nicht volltrunken Weihnachten als sie von Washingtons kleiner Armee überrascht wurden. Und der Übergang über den Delaware sah in der Wirklichkeit auch anders aus als auf dem berühmten Bild von Emmanuel Leutze.
Der Doyen der amerikanischen Historiker, David Hackett Fischer, hat sich die ersten Siege von Washingtons Armee bei Trenton und Princeton als Thema genommen. Nicht dass dies wirklich bedeutende Schlachten des Unabhängigkeitskrieges gewesen sind, Saratoga wäre das, vielleicht sogar das Gefecht von Cowpens. Aber sie sind, wie der Reihentitel sagt Pivotal Moments in American History. Sie sind psychologisch von ungeheurer Bedeutung und geben der zusammengewürfelten Armee und ihrem Oberkommandierenden Selbstvertrauen. Fischer hat alle Figuren dieses Dramas aus den Archiven geholt (der 200-seitige Appendix macht diese Leistung deutlich), von General Howe bis zum kleinen hessischen Soldaten, und hat sie zum Leben erweckt. Nicht nur das Militär, auch die Zivilbevölkerung wird vor unseren Augen wieder lebendig. Es gelingt dem Autor, uns das Geschehen so plastisch zu vermitteln, dass wir als Leser das Gefühl bekommen, an der Jahreswende 1776 zu 1777 hier dabeigewesen zu sein.
Aber so exzellent das Buch ist, es fehlt ihm irgendwie das letzte Flair. Barbara Tuchmann schreibt in The First Salute aufregender (obgleich ihre Leistung als Historikerin da nicht so groß ist) und auch Christopher Hibbert ist spannender. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Fischer kein Militärhistoriker ist. In diesem Fall hätte es ihm nicht geschadet, wenn er etwas weniger in Archiven gewühlt hätte und etwas mehr vom englischen Meister der military history, John Keegan, gelernt hätte. Und manchmal sind auch bedeutende Historiker betriebsblind. Wenn Fischer von einem Studenten namens Seume in hessischen Diensten berichtet, dann hat man nicht das Gefühl, dass er weiß, wer dieser J.G. Seume wirklich ist. Wir in Deutschland kennen diesen Seume schon. Aber trotz dieser Mäkeleien bleibt es ein 5 Sterne Buch. Und wenn der Leser vielleicht den ganzen wissenschaftlichen Apparat nicht lesen mag, die Teile über das Ereignis in der bildenden Kunst sollte er unbedingt lesen.
Denn da ist Fischer wirklich gut, wenn er alle Bilder dieses Ereignisses detailliert interpretiert. Emmanuel Leutze monstergroßes Bild verstellt etwas den Blick auf die anderen Bilder, die amerikanische Maler von diesem Ereignis gemalt haben. Und das nicht nur die Kunstmaler, seine Betrachtung reicht bis in die Popular Culture (wie oben auf der Currier and Ives Lithographie) oder in die moderne Malerei wie hier in Sandow Birks Bild North Swell, wo die Surfer in den gleichen Posen verharren wie Leutzes Bootsbesatzung.

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