John Trumbull

John Trumbull ist Augenzeuge der Schlacht von Bunker Hill gewesen. Allerdings kann er das hier gar nicht gesehen haben, was er so detailversessen gemalt hat. Denn in diesem Augenblick der Schlacht, als General Joseph Warren tot zu Boden fällt, liegt zwischen Trumbull und der Charleston Halbinsel eine Menge Wasser. Dennoch hat der junge Colonel Trumbull in dieser Schlacht gewisse Verdienste. Er ist zwar noch kein Maler, aber er kann sehr gut Karten zeichnen, und die aufrührerischen Amerikaner vertrauen hier (wie auch bei ⥤Ticonderoga) auf die Karten von John Trumbull.

Der weiß gekleidete Herr, der da leblos am Boden liegt, ist Dr Joseph Warren. Er wurde heute vor 270 Jahren geboren. Angeblich war er der erste tote Soldat der Amerikaner in ihrem Unabhängigkeitskrieg. Stimmt wahrscheinlich nicht, macht sich aber für die politische Symbolik immer gut, wenn es ein Prominenter ist. Er ist natürlich heute auch bei Facebook. Man kann da auch seinen zertrümmerten Schädel sehen, der von einer englischen Kugel getroffen wurde. Ich weiß nicht, was dieser ganze Quatsch soll.

Auf dem Portrait hier oben, 1765 von John Singleton Copley gemalt, sieht Dr. Warren noch ganz anders aus. Es ist ein sehr konventionelles Bild von Copley, nicht zu vergleichen mit wirklich großen Bildern aus dieser Zeit wie dem Portrait von ⥤Nathaniel Hurd oder dem berühmten ⥤Knaben mit dem Eichhörnchen. Aber dennoch ist natürlich ein schwacher Copley immer noch hundertmal besser als jedes Bild von John Trumbull.

Der Professor der Kunstgeschichte Theodore Sizer, der auch Trumbulls Autobiography herausgegeben hat, hat einmal den Namen Meissonier im Zusammenhang mit Trumbull erwähnt. Und obwohl dessen Portrait des Sergeanten (Kunsthalle Hamburg) hundert Jahre nach dem Tod von General Warren gemalt ist, es wird uns klar, was er meint. Alles tot und leer, aber diese Großartigkeit in Kleinigkeiten. Detailliert bis zur Hundenase. Ach, wie ist der süß, sagen ältere Damen, wenn sie vor dem Bild stehen. Wir sollten realistische Wauwis nicht mit großer Kunst verwechseln. Große Künstler malen kleine Hunde so wie John Constable das auf der Ölskizze von Willy Lott’s House tut. Zwei Farbtupfer, und das ist es.

Dies Bild hier zeigt auch einen John Trumbull, das ist aber nicht der Maler, sondern sein Cousin der Dichter. Theodore Sizer ist in seinem John Trumbull Katalog von 1950 sehr diplomatisch bezüglich des künstlerischen Ranges der Bilder von Trumbull. Das muss er wohl sein, denn er ist Professor in Yale gewesen und betreute die Trumbull Sammlung. Die haben in New Haven die größte Sammlung von Trumbull Bildern. Die hat Trumbull 1831 der Universität im Tausch gegen eine lebenslange Rente vermacht. Damals dachte man in der Universitätsspitze, dass man ein gutes Geschäft gemacht hätte, denn Trumbull war schon 75 Jahre alt. Er sollte sich aber noch zwölf Jahre seiner Rente erfreuen. Als der Maler 1831 diesen Deal mit der Universität Yale machte, konnte er sich rühmen, der dienstälteste noch lebende Stabsoffizier der Revolutionsarmee zu sein.

Trumbull kommt aus einer vornehmen Familie, sein Vater war der Gouverneur von Connecticut. Er war der erste Gouverneur einer englischen Kolonie, der sich gegen den englischen König stellte. Trumbull hat in Harvard studiert, das hat ihm nicht so furchtbar viel an Bildung gebracht, weil die heute weltberühmte Universität damals noch eine bessere Lateinschule war. Aber er hat dort Verbindungen geknüpft, und von guten gesellschaftlichen Verbindungen wird sein Leben bestimmt sein. Sie verhelfen ihm zu einer Stelle als Washingtons Adjutant und als Diplomat in der Kommission von John Jay, der den Frieden mit England aushandelt. Sein hervorragendes Französisch verdankt er nicht der Universität, sondern einer aus Kanada vertriebenen Familie von Acadians namens Robichaud. Es ist ihm in Paris sehr nützlich, wenn er Jacques-Louis David und Madame Vigée-Lebrun kennenlernt.

Wenn man sich Trumbulls Bilder anschaut, vom Tod des General Warren bei Bunker Hill (oben) bis zur Abdankung Washingtons als Oberbefehlshaber (links), dann bekommt man den Eindruck, dass er seit der Declaration of Independence bei jedem wichtigen Ereignis der amerikanischen Revolution dabei war. Was natürlich nicht stimmt. Seine Dienstzeit in der Revolutionsarmee beträgt knapp zwei Jahre (seine Zeit als Washingtons aide-de-camp nur wenige Wochen), da kündigt der junge Oberst. Weil angeblich seine Ernennungsurkunde falsch datiert ist, die Herren sind da sehr ehrpusselig. Congress ist greatly piqued at the style and manner of your demand heißt es an einer Stelle des langen Briefwechsel im März 1777. Wenn man diesen wortreichen Briefwechsel liest, kann man nur erstaunt sein, zu welch bürokratischem Unsinn die Herren während des Freiheitskrieges noch Zeit finden.

Auf dem Bild vom Tod des Generals Montgomery bei Quebec (links) liegt Schnee und es gibt die Andeutung einer das dramatische Ereignis unterstreichenden Landschaft. Dies Bild ist eins der wenigen Bilder, das eine innere Dramatik zeigt, denn viele seiner Bilder sind nur in schöner Isokephalie aufgereihte Köpfe, an denen unten Uniformen dran hängen. Oder Pferde, wie auf dem Bild von Cornwallis Kapitulation bei Yorktown (das fünfte Bild von oben). Das Bild von General Montgomery ist (ebenso wie das Bild von Bunker Hill) 1786 in London gemalt, wo Trumbull bei Benjamin West erst richtig Malen gelernt hat. Und man merkt ganz deutlich den Einfluss von West. In diesen Bilden bekommt Trumbull etwas hin, was schon in die Richtung der romantischen Malerei zielt. Aber nur solange Benjamin West mit Rat (und wahrscheinlich auch mit Tat) in der Nähe ist.

In Landschaften ist Trumbull nicht gut. Obgleich er nach dem Revolutionskrieg alle Schlachtfelder bereist hat, sieht der Hintergrund auf seinen patriotischen Gemälden beinahe immer gleich aus. Erstaunlicherweise hat er doch eine Vielzahl von Landschaftsbildern gemalt. Wie diese Norwich Falls von 1806. Wirft die Landschaftmalerei um Jahrhunderte zurück. Sieht aus wie naive Malerei. Die Niagara Fälle hat er mehrfach gemalt, an der neuen Mode des American Sublime will auch er teilhaben.

Ich lasse seine Niagara Fälle mal weg und zeige stattdessen lieber die wunderbaren Niagara Fälle von Thomas Chambers. Wenn schon naive Malerei, dann auch richtig. Über Chambers schreibe ich gerne irgendwann noch einmal (und ich habe das mit dem Luminismus auch nicht vergessen), den finde ich zu zu schön.

Wenn Trumbull in dem Stil der Bilder von General Warren und General Montgomery weitergemacht hätte, hätte er einer der ersten Maler der amerikanischen Romantik werden können. So wird er ein langweiliger Historienmaler und Portraitist. Und er wird im Alter immer quengeliger und nörgeliger. 1817 hat man ihn zum Präsidenten der American Academy of the Fine Arts gewählt, eine katastrophale Entscheidung, die sofort zu einer Art Sezession der amerikanischen Künstler führt.

Aber so konservativ akademisch Trumbull auch geworden ist, er hat doch ein Auge für wirkliche Kunst. Er ist einer der ersten, die dem jungen ⥤Thomas Cole ein Bild abkaufen, und er sorgt auch dafür, dass sich erste Mäzene für Cole interessieren. Wenn ich bösartig wäre, würde ich sagen, dass das seine größte Leistung als Künstler ist. Hier darf ich das vielleicht, in Amerika darf man das nicht sagen. Da ist er ein großer Künstler. Weil er die Revolution gemalt hat. Und die ersten sechs Präsidenten persönlich gekannt hat. Weil seine Bilder schon zu Ikonen geworden sind. Und weil sein Bild der Declaration of Independence auf der Rückseite der Zwei Dollar Note ist. Legen Sie sich die unter Glas, und Sie haben preiswert einen kleinen Trumbull.

Er hat sich auch einmal in seinem Heimatort Lebanon (Connecticut) als Architekt betätigt und diese Kirche (oben) gebaut. 1938 ist das Gebäude bei einem Orkan eingestürzt, aber man hat es nach den Plänen von Trumbull wieder aufgebaut. Bevor Sie das jetzt für große Architektur halten, muss ich leider sagen, dass es nur eine mickrige Kopie von James Gibbs Londoner Kirche St Martin-in-the Fields (links) ist. Dem Prototyp für beinahe alle Kirchen in Neuengland. Geben Sie bei Google Bilder mal New England Churchesein, und sie werden sofort verstehen, was ich meine. Wenn die Amerikaner schon ihre Revolution machen und bei der Kapitulation von Lord Cornwallis angeblich The world turned upside down gespielt wurde, hier bei den Kirchen ist die englische Welt noch in Ordnung.

Nachdem ich nun die ganze Zeit den armen John Trumbull schlecht gemacht habe, muss ich doch noch etwas erwähnen, dass er eins wirklich beherrscht. Und das ist die Miniaturmalerei. Damit wird man in diesem heroischen Zeitalter nicht berühmt, mit Bildern wie dem Tod des General Warren wird man berühmt. Aber Benjamin West in London hat das sofort erkannt, dass dieser etwas arrogante junge Ex-Colonel mit seinem Empfehlungsbrief von Dr Benjamin Franklin, der wegen eines Unfalls in Kindertagen auf einem Auge so gut wie blind ist, ideal begabt für die Miniatur ist. Er solle niemals etwas malen, was größer als 25 mal 30 Inch sei, rät ihm Benjamin West. Hätte er nur auf diesen Rat gehört. Aber die Schlacht von Bunker Hill kann man schlecht auf einem solch kleinen Format unterbringen. Doch seine Miniaturen von Jefferson (oben) oder Martha Washington (unten) haben etwas, was den meisten seiner Bilder fehlt: wirkliches Leben.

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