Aby Warburg

Neuerdings zitiert ihn jeder. Aby Warburg, der heute vor 145 Jahren geboren wurde, ist der Übervater der Cultural Studies geworden. Keiner weiß so recht was das ist, aber Cultural Studies sind en vogue. Warburg auch. Er hat sich einmal als Amburghese di cuore, ebreo di sangue, d’anima Fiorentino bezeichnet. Sagte auf jeden Fall seine Assistentin Gertrud Bing, die Aby Warburg auf einer Italienreise kurz vor seinem Tod begleitet hat. Die promovierte Philosophin wird vier Jahre nach dieser Reise die Warburg Bibliothek, die größte private Kunstbibliothek der Welt, vor dem Zugriff der Nazis nach ⥤London retten. Brauchte man damals zwei Frachtschiffe für. Wikipedia hat mal gerade sechs Zeilen für sie übrig. Der Artikel über Verona Pooth ist länger. Können wir Wikipedia als Zustandsmesser unserer Kultur betrachten?

Ich weiß jetzt nicht, wie ich von Verena Pooth auf Elisabeth Bronfen komme, vielleicht liegt es daran, dass beide so hemmungslos ins Licht der Öffentlichkeit drängen. Obgleich Frau Bronfen bei ihrem ersten Auftritt bei Thomas Gottschalk, als sie ihr Buch Nur über ihre Leiche vorstellte, das Licht scheute. Sie erbat sich ein nur von Kerzen beleuchtetes Studio und trat dann ganz in Schwarz auf. Nicht Prada Schwarz, echter Goth Auftritt. Abby Sciuto wäre begeistert gewesen. In einem ihrer neuesten Elobarate, das Crossmappings heißt, beginnt sie gleich mit einem Zitat von Aby Warburg. Der Rezensent der Neuen Zürcher Zeitung kommentierte das leicht säuerlich und hoch ironisch: „Unter dem dunkel surrenden Flügelschlag des Vogel Greif erträumten wir – zwischen Ergreifung und Ergriffenheit – den Begriff vom Bewusstsein.“ Es ist kein Geringerer als Aby Warburg, den die Zürcher Anglistikprofessorin Elisabeth Bronfen sich als Schirmherrn ihrer versammelten Essays erwählt. Fruchtbar gemacht werden soll Warburgs kulturwissenschaftliche Methode, aus dem Speicher des kulturellen Gedächtnisses Bildformeln der Vergangenheit herauszulösen und diese in ihren Pathosgesten zu kartografieren. Bronfen übernimmt Warburgs Methode, nennt sie nun aber, etwas zeitgemässer, Crossmapping. Dieses Bronfensche „Crossmapping“ kartografiert Werke von Woody Allen und Nobuyoshi Araki bis Billy Wilder und Hannah Wilke. Kunst und Film, Bilder und Literatur, Fotografie und Imagination: Alles ist visuelle Kultur und ergo Objekt der Kultur-Kartenleserin.

Und genau das ist es, was mich so irritiert. Jeder akademische Dünnbrettbohrer wirft neuerdings mit dem Namen Aby Warburg und Begriffen wie Ikonographie und Ikonologie nur so um sich. Die meisten haben Warburg nie gelesen. Lassen Sie uns die kulturellen und subkulturellen Motten, die irgendwann im Lichte der Scheinwerfer verglühen werden, vergessen und wieder zur Seriosität zurückkommen. Zu Gertrud Bing und zu Aby Warburg (oben). Nein, das ist jetzt kein Scherz, das ist der berühmte Hamburger Kunsthistoriker im Jahre 1896 in Oraibi in Arizona mit einer Maske der Schlangentänzer. Und der Kopfschmuck hat schon seine Bedeutung. Wenn er nicht zu einer indianischen rituellen Zeremonie gehören würde, hätte Warburg ihn auch so aufgesetzt, er liebte die kleinen Scherze. Er besaß großes schauspielerisches Talent und wäre, wie er zu sagen pflegte, Schauspieler geworden, wenn er nicht so klein (1,59) gewesen wäre. Nach dem Willen seiner Eltern hätte er die Bank übernehmen sollen oder Rabbiner werden sollen. Angeblich hat er seinem Bruder sein Erstgeborenrecht gegen die Zusicherung verkauft, dass der ihm alle zukünftigen Buchrechnungen bezahlt.

Denn er wollte partout Kunsthistoriker werden, ein Studienfach, das damals in den Kinderschuhen steckte. Seine Dissertation über Botticelli ist 49 Seiten lang (länger waren die Doktorarbeiten damals noch nicht), aber sie bedeutete für die Wissenschaft eine neue Richtung, die ⥤Ikonologie. Denn hinter all den Bewegungen und Gebärden auf einem Bild steckt ein Geflecht von literarischen Zitaten. Und wann immer es Botticelli um die Darstellung leidenschaftlich bewegten Lebens ging, greift er auf antike Formen zurück. Die Renaissance war für Warburg die Übergangsepoche zwischen Antike und Moderne, und es ging ihm darum – wie den Kunsthistorikern der späteren Warburg Schule – zu zeigen, welche Bedeutung diese Pathosformeln hatten. Seinem Professor Carl Justi (dessen Buch über Velazquez man heute immer noch mit Gewinn lesen kann) war das Grenzüberschreitende von Warburgs Denken etwas unheimlich. Für Justi war Kunstgeschichte damals noch Künstlergeschichte, und so schickte er den jungen Warburg für die Promotion zu Hubert Janitschek nach Straßburg, der heute zu Unrecht als Kunsthistoriker etwas vergessen ist (Wikipedia kennt ihn auch nicht).

1921 kam Warburg wegen schwerster psychischen Probleme in die Heilanstalt Bellevue im schweizerischen Kreuzlingen. Die psychiatrischen Größen der Zeit rätselten darüber, ob es sich um eine Schizophrenie oder eine manisch-depressive Erkrankung handelte. Aber die Zeit in Kreuzlingen bei Dr. Binswanger, einer Art Zauberberg der Psychiatrie, hat eine Besserung gebracht. Um seinen Ärzten zu beweisen, dass er zur Normalität zurückgekehrt sei, wollte Warburg vor den Patienten einen kunsthistorischen Vortrag halten, für dessen Thema er die Schlangenrituale der amerikanischen Pueblo Indianer wählte, die er siebenundzwanzig Jahre vorher kennengelernt hatte. Dieser Kreuzlinger Vortrag ist bis heute ein bedeutendes Dokument von Warburgs Denken. Nicht erwähnt in dem Vortrag wird die Bedeutung des Rauschmittels ⥤Peyote, das bei diesen Ritualen sicherlich eine bedeutende Rolle spielte.

Es ist der Vortrag eines Grenzgängers, der von Mythen und Ritualen über die Laokoon Gruppe bis zum Blitzableiter von Benjamin Franklin und den Flugmaschinen der Brüder Wright führt. Aber ein Grenzgänger ist Warburg immer gewesen, selbst den Resten antiker Ikonographie auf Briefmarken ist er einmal in einem Vortrag nachgegangen. Für seine kunsthistorischen Beweisgänge eines Atlas der ⥤Mnemosyne hat er alles mögliche herangezogen. Schriftliche Quellen wie Briefe, Testamente und Handelskorrespondenzen, Kunstwerke und Gebrauchsgegenstände der Volkskunst. Das macht in der Literaturwissenschaft der so genannte New Historicism neuerdings auch, und ist sehr stolz darauf. Ohne zu bedenken, dass solch fachübergreifende Ansätze von Warburg und seinen Schülern längst gemacht worden waren.

Die Zusammenhänge, die Warburg in Bildern sah, spiegeln sich auch in seiner Bibliothek wider (die ab 1905 halb-öffentlich war). Bücher wurden nach dem Gesetz der guten Nachbarschaft aufgestellt, um auf diese Weise die Verbindungen zu zeigen, die von der Kunst zur Religion, von der Religion zur Literatur, von der Literatur zur Philosophie führten. So wurden die Bücher als Problemstellungen und Wegweiser zu deren Lösung aufgestellt, wie es Warburgs Schüler Fritz Saxl so nett formulierte, der in London gemeinsam mit Gertrud Bing den Warburg Nachlass betreute. Einen Bibliothekar, der mit den Preußischen Instruktionen oder dem Dewey Klassifikation groß geworden ist, würde das in den Wahnsinn treiben. Es ist vielleicht von schöner Symbolik, dass in dem Haus, an dem die Lettern KBW (Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg) prangten, noch eine andere Vernetzung herrschte. Nicht nur die der Themen und Formen. Es gab nämlich sage und schreibe 28 Telephone im Haus.

Für mich gehörte die Lektüre von Warburg und seinen Nachfolgern zu meinem Kunstgeschichtsstudium, aber nicht alle Professoren erwähnten damals Namen wie Warburg oder Panofsky. Die jüdischen Emigranten waren, und es ist etwas beschämend, das schreiben zu müssen, bei vielen Fachwissenschaftlern in den sechziger Jahren noch verpönt. Auf dem ersten deutschen Kunsthistorikertag 1948 auf Schloss Brühl wurde in keiner Rede und in keinem Referat auf die Vertreibung der jüdischen Elite der deutschen Kunsthistoriker eingegangen. ⥤Wolfgang J. Müller, ohne den ich in den sechziger Jahren nicht auf Warburg und Panofsky gekommen wäre (alles was ich weiß, verdanke ich Wolfgang J. Müller und meinem Freund Peter H. – und natürlich, dass ich jedem Hinweis nachgegangen bin und alles gelesen habe), hat mir einmal anvertraut, dass ihm seine Brieffreundschaft mit Panofsky schwere berufliche Nachteile gebracht hatte.

In Hamburg hat man Aby Warburg nicht vergessen. Noch 1936 hatte der von Nazis 1933 sofort entlassene Hamburger Kunsthallendirektor Gustav Pauli keine Scheu, Aby Warburg in seinen Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten zu würdigen. 1980 haben die Hamburger Kunsthistoriker Werner Hofmann, Georg Syamken und Martin Warnke unter dem Titel Die Menschenrechte des Auges die Vorträge der Gedenkfeier zum 50. Todestags Aby Warburg veröffentlicht. Es ist ein wichtiges Buch für das Verständnis des Mannes, den die Hansestadt Hamburg zu einem der ersten Professoren für Kunstgeschichte an der neu gegründeten Universität gemacht hatte. Wichtig ist auch, da ich gerade bei Buchempfehlungen bin, das Buch von Ernst H. Gombrich Aby Warburg: Eine intellektuelle Biographie. Der Kreuzlinger Vortrag ist unter dem Titel Schlangenritual: Ein Reisebericht in einer sehr schönen kommentierten Ausgabe bei Wagenbach erschienen. Und in der Kunsthalle Hamburg gibt es noch die nächsten 14 Tage die Ausstellung Die entfesselte Antike. Aby Warburg und die Geburt der Pathosformel in Hamburg. Und vergleichen Sie doch mal eben diese beiden Bilder da oben, die um hunderte von Jahren auseinanderliegen. Fällt Ihnen was auf? That’s what it’s all about.

Na ja, ganz so einfach ist es natürlich nicht, denn auf dem Stich von Raimondi (nach Raffael) ist natürlich noch mehr drauf, was auch interpretiert werden will. Aber ich lasse das mal beiseite. Als Warburg 1895-96 die USA bereist, ist das nach der Hochzeit seines Bruders in New York nicht die Bildungsreise eines Kunsthistorikers zu den schnell zusammengerafften Kunstsammlungen der Millionäre des Gilded Age. Der Materialismus der High Society der Ostküste ödet ihn an, aber sein Bruder schafft dem Zivilisationsmüden eine Verbindung zur Smithsonian Institution, Warburg lernt die Anthropologen James Mooney und Frank Hamilton Cushing kennen. Anthropologen tragen in jenen Tagen zu einer Neudefinition des Begriffes Kultur bei. Am Trinity College in Cambridge schreibt James George Frazer sein gewaltiges Werk The Golden Bough. Heute kann man Berührungspunkte zwischen dem Werk von Frazer und Warburg sehen.

Der liebe Gott steckt im Detail, hat Warburg einmal gesagt. Und wie Arno Schmidt Zettelkästen gefüllt. Und sich natürlich immer wieder verzettelt. Es ist nicht auszudenken, was aus seinen Systemen geworden wäre, wenn er einen Computer gehabt hätte. An der Humboldt Universität Berlin und der Leuphana Universität Lüneburg arbeitet man inzwischen an so etwas, das den schönen Namen ⥤Hyper Image bekommen hat. Das hätte Warburg (hier einmal ohne Maske) sicher gefallen.

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