Anton Raphael Mengs

Kardinal Alessandro Albani ist einer der wichtigsten italienischen Kunstsammler im 18. Jahrhundert, ohne ihn wäre unser Winckelmann nichts, den füttert er durch. Dafür kümmert der sich zusammen mit seinem Freund Raphael Mengs um die Ausgestaltung der neuen Villa Albani (oben). Es ist eine Tragödie für den Aristokraten und Diplomaten Albani, der nebenbei noch irgendwie Kardinal ist, dass er nun erblindet ist. Ist für jeden eine Tragödie, aber für einen Kunstsammler sicher noch schlimmer.

Er kann den jungen Engländer aus Amerika, der ihm seinen Antrittsbesuch macht, nicht sehen. Er hat da wohl auch etwas verwechselt, er hält ihn für einen Indianer, der nach Rom gekommen ist, um die klassische Malerei zu studieren. Diesem Indianer Stereotyp wird Benjamin West dann auch voll gerecht, wenn er angesichts der Apollo Statue ausruft: My God, how like it is to a young Mohawk warrior! Benjamin West ist in Rom, um die Malerei zu erlernen. Und das tut er bei dem damals berühmtesten Maler in Rom, Anton Raphael Mengs. Über den und über seine einjährige Lehrzeit bei Mengs wird er sich zeitlebens nur positiv äußern. Pompeo Batoni, nach seiner eigenen Ansicht der berühmteste Maler Roms, hat eine ganz andere Meinung über Mengs. Er kann ihn nicht ausstehen. Aber West wahrt seine Distanz zu Batoni, wenn er beklagt, dass die italienischen Malerkollegen talked of nothing, looked at nothing but the works of Pompeo Batoni.

Anton Raphael Mengs ist heute vor 232 Jahren in Rom gestorben. Er wurde 1728 zu Aussig in Böhmen, wohin sich der Vater, wie es scheint, mehr aus Menschenscheu als des Sommeraufenthalts wegen zurückgezogen, geboren. Sein Vater war sächsischer Hofmaler, er war aus Kopenhagen an den Dresdener Hof gekommen. Ismael Mengs war Jude (hatte sich aber protestantisch taufen lassen), das behindert damals seinen Erfolg als Hofmaler nicht. Sein Sohn wird irgendwann zum Katholizismus konvertieren. Ist wahrscheinlich nützlicher, wenn man für den spanischen König arbeitet. Ausserdem wollte seine italienische Gattin das so haben. Ein gewisser Theodor Fritsch schreibt in seinemHandbuch der JudenfrageDie wichtigsten Tatsachen zur Beurteilung des jüdischen Volkes: Erst mit Anton Rafael Mengs (1728-1779) tritt ein jüdischer Künstler auf, der eine höhere Wertung zuläßt, ohne allerdings eine typisch jüdische Gesinnung im Bildaufbau oder Inhalt erkennen zu lassen. Da kann man nur fragen so what?

Theodor Fritsch ist von Beruf Antisemit gewesen. Friedrich Nietzsche hat sich über ihn notiert: Neulich hat ein Herr Theodor Fritsch aus Leipzig an mich geschrieben. Es giebt gar keine unverschämtere und stupidere Bande in Deutschland als diese Antisemiten. Ich habe ihm brieflich zum Danke einen ordentlichen Fußtritt versetzt. Dies Gesindel wagt es, den Namen Z[arathustra] in den Mund zu nehmen! Ekel! Ekel! Ekel! Dem kann man nur beipflichten, es macht keinen Sinn, wie Fritsch es tut, aus Mengs einen jüdischen Maler machen zu wollen. Für Benjamin West ist seine Herkunft als Quäker sein Leben lang wichtig, für Anton Raphael Mengs sind seine jüdischen Wurzeln kaum von Bedeutung. Selbst seine Feinde unter seinen Zeitgenossen in Rom, die ihm von Trunksucht bis zur unerträglichen deutschen Pedanterie alles mögliche vorwerfen, reden nie von einer jüdischen Herkunft. Wenn etwas für ihn wichtig war, dann war es seine furchtbare Jugend, in der er von seinem Vater (oben) gequält und misshandelt wurde. Diese Zeit hat eine lebenslange Unsicherheit bei ihm hinterlassen. Er hat sogar seinem Vater, als er sein erstes Geld als Maler verdiente, eine von diesem geforderte Aufwandsentschädigung für die Zeit der Prügelei und Züchtigung gezahlt, die Ismael Mengs Erziehung nannte. Dies ist die Zeit, in der Rousseau seinen Emile schreibt. Und seine Kinder im Findelhaus abgibt,

Der Inbegriff aller beschriebenen Schönheiten in den Figuren der Alten findet sich in den unsterblichen Werken Herrn Anton Raphael Mengs, ersten Hofmalers der Könige von Spanien und von Pohlen, des größten Künstlers seiner, und vielleicht auch der folgenden Zeit. Er ist als ein Phoenix gleichsam aus der Asche des ersten Raphael erweckt worden, um der Welt in der Kunst die Schönheit zu lehren, und den höchsten Flug menschlicher Kräfte in derselben zu erreichen. Schreibt Winckelmann (oben) in seiner Geschichte der Kunst des Alterthums im Jahre 1764. Winckelmann und Mengs waren jahrelang unzertrennlich, was Winckelmann über die Kunst schrieb, setzte der Malerphilosoph Mengs in die Kunst um. Ihre Nähe geht sogar so weit, dass Mengs seinem Freund seine eigene Frau anbietet, als der mal kurzfristig Interesse am anderen Geschlecht zeigt.

Oder, wie es eine ältere Quelle beschreibt: Der originelle Mengs, der unsere Helden seiner Gewohnheit zuwider mit Artigkeit empfing,“stand selten vom Tisch auf, ohne berauscht zu sein.“ Das Bild dieser kleinen Künstlergesellschaft wäre unvollkommen, wenn nicht Mengs‘ Frau, zugleich sein Modell, die schöne Margaretha Guazzi, eine geborene Römerin, erwähnt würde, mit welcher Winckelmann später, als Mengs in Spanien weilte, ein höchst sonderbares, wenn auch nicht gerade in letzter Instanz ehebrecherisches Verhältnis unterhielt. Winckelmanns Briefe enthalten ausführliche Bekenntnisse über den Handel, in dem auch Mengs eine eigentümliche Rolle spielt und der interessante, allerdings nicht erhebende Einblicke ins Labyrinth der menschlichen Seele gestattet.

Aber dann schreckt Winckelmann doch zurück und kehrt, wie er schreibt, auf den Pfad der Tugend zurück. Sprich, hübschen jungen Italienern. Irgendwann haben sich die beiden Busenfreunde dann entzweit und nie mehr miteinander geredet. Der Anlass dafür war das Fresko Jupiter küsst Ganymed, das Winckelmann sofort als echt antik identifiziert. In Wirklichkeit hatte es sein Freund Mengs im Stil der in Pompeji gefundenen Fresken gemalt. Wahrscheinlich war Winckelmann auch deshalb sauer, weil er geträumt hatte, das Fresko an Friedrich II. von Preußen zu verscherbeln, von dem er glaubte, dass der seine Freude an homoerotischen Themen hätte.

Ossian, Chatterton, Jupiter küsst Ganymed: man lebt in einer Zeit der Fälschungen. Mengs ist beileibe nicht der einzige, der antike Kunst fälscht, das ist in Italien schon ein Volkssport geworden. Von den ganzen gefälschten echt griechischen Plastiken und den gefälschten Salvator Rosas, die die römischen Händler den englischen Bildungsreisenden andrehen, wollen wir nun mal gar nicht reden. Und die ganze Griechenverherrlichung von Winckelmann ist doch auch nur eine Fälschung. Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke, ich kann’s nicht mehr hören. Der Mann war nie in Griechenland, hat nie die Originale gesehen, immer nur die römischen Kopien. Aber den Klassizismus hat er erfunden.

Was die Engländer im übrigen neo-classicism nennen. Damit wir die Begriffe noch ein wenig verwirren. Denn vom Klassizismus, den manche auch Pseudo-Klassizismus nennen, des 18. und 19. Jahrhunderts bis zu den spielerischen Formen der Postmoderne ist es nur ein kleiner Schritt auf dem Wege einer definitorischen Verwirrung. Das hier zum Beispiel ist kein englischer neo-classicism des 18. Jahrhunderts. Obwohl es so aussieht. Das ist Quinlan Terrys Richmond Riverside Development, und hinter den Fenstern sind Großraumbüros und Parkplätze. Ich wollte mit diesem Beispiel nur einmal vor Augen führen, das häufig Klassik nur Fassade ist.

Ganz Europa betrauerte den zu früh verstorbenen Künstler, der zwar nicht das Genie eines Raphaels besaß, aber doch die höchste Vollendung erreichte, die das Studium zu geben vermag; oft war er zu ängstlich in dem letztern, eine Folge seiner sclavischen Erziehung. Das steht dreißig Jahre nach seinem Tod im Brockhaus. Wirkliche Begeisterung klingt anders. Auf diesem letzten Selbstportrait ein Jahr vor seinem Tod blickt uns ein unendlich trauriger Mensch an. Seine Frau ist kurz zuvor gestorben. Es ist ein ausdrucksstarkes Bild, das ist man von Mengs nicht gewohnt. Seine Portrait mögen klassisch oder klassizistisch sein, aber sie leben nicht. Das Shrimp Girl von Hogarth lebt, alle Königinnen und Herzoginnen, die Mengs malt, sind irgendwie tot. Er gilt in Italien als der größte Maler seiner Zeit (wir lassen jetzt mal Pompeo Batoni weg), und er kann doch niemals Menschen so lebendig malen, wie das seine englischen Kollegen Reynolds und Gainsborough können. Die keine Malerphilosophen sind und nicht den Klassizismus erfinden.

Mengs arbeitet langsam, er hat keinen sicheren Strich, das war schon Benjamin West aufgefallen. Vielleicht hat er immer noch Angst, vom Vater verprügelt zu werden, weil es es ihm nicht recht machen kann. Aber kurz vor dem Tod gelingt ihm ein erstaunliches Bild, das schon beinahe aussieht wie ein Modigliani. Das Bild einer unbekannten Dame ist unvollendet geblieben – und das ist auch besser so.

Die Geschichte hat den berühmten Anton Raphael Mengs, der einstmals am spanischen Hof Tiepolo vorgezogen wurde, schnell vergessen. Auch die Kunsthistoriker (mit Ausnahme der Professorin Steffi Roettgen) kümmern sich kaum um ihn. Außer in Dresden, da wo er seine Karriere begonnen hat, da hat es vor zehn Jahren eine Mengs Ausstellung gegeben: Mengs: Die Erfindung des Klassizismus. Der Katalog von Steffi Roettgen ist exzellent, aber leider ziemlich vergriffen. Ich habe natürlich einen, weil mir Astrid einen geschenkt hat. Die weiß schon, dass ich zum Klassizismus eine Hassliebe habe.

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