Robert Adam

Ich weiß jetzt nicht, ob das das richtige Ambiente zum Lesen von Büchern ist. Selbst wenn Sie dürften, würden Sie sich hier hinsetzen und Jane Austens Emma lesen? Teile des Filmes Emma wurden hier gedreht. Eine Vielzahl von Filmen wurden in den Räumen von Syon House gedreht, zum Beispiel Joseph Loseys AccidentThe Wings of the Dove und The Madness of King George. Syon House ist von Robert Adam für den Herzog von Northumberland im neuen klassizistischen Stil umgebaut worden. Inklusive der Innendekorationen. Für die ist Adams berühmt, vielleicht sogar berühmter als für seine Häuser. Während er drinnen arbeitet, baut der berühmte Capability Brown draußen einen seiner berühmten Landschaftgärten. Ein paar Jahrzehnte später, und wir wären in dem Theaterstück Arcadia von Tom Stoppard.

Was hier ein wenig aussieht wie der Blick in die Antikensammlung eines Museums, das sich Ludwig II. ausgedacht hat, ist lediglich die große Halle von Syon Hall. Wer Loseys ⟶Accident gesehen hat, wird sich an den Fußboden erinnern. Und wenn wir nicht an Dirk Bogarde und Michael York denken, werden wir natürlich sagen: neo-classicism. Als dessen wichtigster Vertreter in England in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gilt der Schotte Robert Adam ja gemeinhin. Aber so ganz einfach ist das auch nicht, Adam ist ein genialer Eklektiker, und wir finden beinahe alle Stilrichtungen des 18. Jahrhunderts (gothic revival inklusive) in seinem Werk.

Denn das hier sieht ja nun nicht gerade nach dem kühlen Klassizismus aus, hier könnte man Edgar Wallace Filme drin drehen. Man muss bei den Schlössern, die Robert Adam baut, allerdings bedenken, dass er häufig nur beauftragt wurde, ein älteres Gebäude umzubauen. Oxenfoord Castle ist kein Einzelfall, Wedderburn Castle sieht auch ganz schön mittelalterlich aus. Und dann sei noch daran erinnert, dass Teile der Innenarchitektur von dem neogotischen Vorzeigegebäude Strawberry Hill auch von Robert Adam sind. Wir müssen immer bedenken, dass Palladianism und neo-classicism nur Modeströmungen sind. Neben denen sich auch noch Chinoiserien und neugotische Einflüsse breitmachen. Die holländischen Einflüsse auf den Georgian Style lassen wir mal draussen vor. Es gibt keinen einheitlichen und einigenden Stil mehr, anything goes. Wenn ich es noch pointierter sagen sollte: eigentlich fängt der Historismus des 19. Jahrhunderts jetzt schon an. Wenn wir die architektonische Postmoderne dahingehend definieren, dass sie sich hemmungslos aus dem Baukasten aller existierenden Stile bedient, dann ist vielleicht Robert Adam der erste postmoderne Architekt.

Robert Adam (der heute Geburtstag hat) ist eigentlich keine Einzelperson, er ist eine ganze Firma, eine Familie. Seine Brüder James und John sind auch Architekten. Sein Vater William war Schottlands berühmtester Architekt (und gleichzeitig ein Bauunternehmer), da bleibt einem ja berufsmäßig nichts anderes. Zumal Architekten jetzt Konjunktur haben, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts scheint ganz England und Schottland zu bauen. Es gibt allerdings für die Adams auch genügend Konkurrenz. Zum Beispiel William Chambers, der Somerset House gebaut hat. Robert Adam mag seinen erfolgreichen schottischen Landsmann überhaupt nicht, diese Antipathie der Rivalen ist aber durchaus gegenseitig. William Chambers ist weit in der Welt herumgekommen, er hat die Architektur Italiens und Frankreichs studiert, und er er war mehrmals in China. Was man der zehnstöckigen Pagoda in Kew Gardens ansehen kann. Das englische Weltreich wächst in diesem Jahrhundert, und von den entferntesten Ecken der Welt findet allerlei seinen Weg nach England: Nankinghosen, Paisley Shawls und chinesische Kunst.

Als Robert Adam 1794 stirbt, wird sein Sarg von einer illustren Gesellschaft in die Westminster Abbey getragen: der Duke of Buccleuch, die Earls von Coventry und Lauderdale, Lord Stormont, Lord Frederick Campbell und Mr Pulteney. Mr Pulteney ist nicht wirklich ein Bürgerlicher, wenige Monate ist er (nach dem Tod seines Bruders) der fünfte Baronet Pulteney. Für seine Gattin hatte Adam Pulteney Bridge (oben) in Bath gebaut. Alle Sargträger sind Auftraggeber von Robert Adam gewesen, viele von ihnen haben architektonische Interessen – Robert Adam baut nicht für sie, er baut mit ihnen. Und natürlich folgt er den Wünschen seiner Auftraggeber. Obgleich er nichts für die Palladio Verehrung des Hobbyarchitekten Lord Burlington, für Architekten wie William Kent und seinen Landsmann Colen Campbell übrig hat und zurück zu den antiken Vorbildern will, die er in Rom studiert hat, unterscheiden sich seine Bauwerke nur unwesentlich von den Bauten des Palladianismus. Sagt auch ⟶Nikolaus Pevsner in seinem Buch Europäische Architektur.

Innen ist natürlich alles anders, da tobt sich der Innenarchitekt Adam mit verspielten Dekorationen (die eine Art englisches Rokoko sind), Möbel und Kaminen aus. Seine Kamine sind ganz besonders berühmt, die möchte jetzt jeder haben. Kann auch jeder, da die zweibändigen Works in Architecture der Brüder Adam die Möglichkeit für stilvolle Kopien bieten. Noch heute bieten englische Firmen Kaminummantelungen im Stil von Adam für das Wohnzimmer an (oben). Und wenn Sie hier hineinschauen, können Sie bei der Restaurierung des Robert Adam Kamins in Strawberry Hill zuschauen.

Man sagt über die Designer des Arts and Crafts Movement, des Jugendstils bis zum Bauhaus, dass sie nicht nur Häuser entworfen haben, sondern bis zur Türklinke auch die ganze Inneneinrichtung konzipierten. William Morris, Peter Behrens oder Adolf Loos werden immer genannt. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. In diesem Punkt werden die Adam Brüder sicher zu Vorreitern, denn bei ihnen bekommt man das Haus komplett. Mit Möbeln von Adam & Adam, Kronleuchter an der Decke inklusive. Und dieser Stil, den man auch Adamesque nennt, wird sich lange halten und in der Regency Epoche nur leicht modifiziert werden.

Das größte eigene Bauprojekt, die ⟶Adelphi Terrace werden für die Adams zum finanziellen Desaster. Das beginnt schon mal mit dem Baugrund an der Themse, uneben und hochwassergefährdet. Der Grundbesitzer, der Herzog von St. Albans verpachtet ihnen den Grund auf die in England üblichen 90 Jahre. Robert Adam kennt George Beauclerk, den dritten Herzog von St Albans, weil er ihm Roxburghe House am Hanover Square umgebaut hat. Allerdings gibt es keinen schriftlichen Vertrag und keine Baugenehmigung, und wenig später sitzt George Beauclerk auch noch in Brüssel im Schuldgefängnis. Er ist ein großer Büchersammler gewesen, aber daran kann es wohl nicht liegen, dass er jetzt pleite ist.

Und so geht das weiter mit den kleineren und größeren Katastrophen bei diesem luxurösen Großprojekt von elf nebeneinanderliegenden Häusern, die einen geschlossenen Komplex bilden. Irgendwann haben die Adam Brüder kein Geld mehr, da verkaufen sie alles mögliche auf einer Auktion (kaufen sich aber dabei heimlich vieles selbst zurück). Danach soll das Geld durch eine Lotterie hereinkommen. Es gibt auch nicht genügend prominente ⟶Mieter, obgleich viele Berühmtheiten wie der Schauspieler David Garrick hier einziehen werden. Zwar ist die Adelphi Terrace das erste klassizistisch Gebäude in London, aber es ist nicht das erste Großprojekt in London. Größere werden kommen, wie zum Beispiel John Nashs Cumberland Terrace oder Carlton House Terrace. Überall in London – und in fashionablen Orten wie Bath – werden in der Regency Zeit Terraces, Crescents und Squares (oben Adams ⟶Charlotte Square in Edinburgh) entstehen.

Einer der ersten, der in London auf die Idee gekommen ist, auf eigenem Grund und Boden kleine faubourgs entstehen zu lassen, war auch ein St Albans. Allerdings nicht der Herzog von St Albans sondern Henry Jermyn, der Graf von St Albans. Ich habe ihn ja schon einmal erwähnt, als ich über die ⟶Jermyn Street schrieb. Henry Jermyn hatte das Land von Charles II bekommen, auf dem eines Tages der St James’s Square, die Jermyn Street und die Regent Street sein würden. Charles Beauclerk bekam von Charles II auch etwas, nämlich den Herzogtitel von St Albans kurz nachdem der Graf von St Albans gestorben war. Damit erkannte Charles an, dass Charles Beauclerk sein Sohn war. Seine Mutter, die Schauspielerin Nell Gwynn, ist darüber sehr glücklich gewesen. Wenn Ihnen die Bibliothek da oben in Syon House nicht gefällt, wie wäre es mit dieser in Osterley Park? So richtig gemütlich ist das ja auch nicht.

Über Osterley Park schreibt Horace Walpole an die Gräfin von Upper Ossory: There is a hall, library, breakfast- room, eating-room, all chefs-d’oeuvre of Adam, a gallery 130 feet long, and a drawing-room worthy of Eve before the Fall. Mrs Child’s dressing-room is full of pictures, gold filigree, china, or japan. So is all the house und so weiter. Walpole ist bei seinem Besuch von Osterley im Jahre 1773 (das Haus ist noch nicht fertig) hin- und hergerissen. Bei seinem zweiten Besuch 1778 klingt das nicht mehr so begeistert.

The first chamber, a drawing-room, not a large one, is the most superb and beautiful that can be conceived, and hung with Gobelin tapestry, and enriched by Adam in his best taste, except that he has stuck diminutive heads in bronze, no bigger than a half-crown, into the chimney-piece’s hair. The next is a light plain green velvet bedchamber. The bed is of green satin richly embroidered with colours, and with eight columns ; too theatric, and too like a modern head-dress, for round the outside of the dome are festoons of artificial flowers. What would Vitruvius think of a dome decorated by a milliner? The last chamber, after these two proud rooms, chills you : it is called the Etniscan, and is painted all over like Wedgwood’s ware, with black and yellow small grotesques. Even the chairs are of painted wood. It would be a pretty waiting-room in a garden. I never saw such a profound tumble into the Bathos. It is going out of a palace into a potter’s field. Tapestry, carpets, glass, velvet, satin, are all attributes of winter. There could be no excuse for such a cold termination, but its containing a cold bath next to the bedchamber: — and it is called taste to join these incongruities!

Den letzten gehässigen Satz – it is called taste to join these incongruities! – hätte er mal lieber über die Eingangstür seines Hauses Strawberry Hill schreiben sollen.
Das beste deutschsprachige Buch zu den Adams ist Robert und Anne Rykwert: Robert und James Adam: Die Künstler und der Stil, 1987 bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erschienen. Es ist die deutsche Übersetzung von Brothers Adam: Men and the Style. Man kann das Buch (zum Beispiel im ZVAB) noch antiquarisch finden. Der Thames&Hudson Verlag hat in seiner vorzüglichen Reihe World of Art einen sehr schönen Band Scottish Architecture von Miles Glendenning und Aonghus MacKechnie.
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