John French Sloan

Kaum habe ich ➱letztens (als ich über die Brooklyn Bridge schrieb) gesagt, ich würde mal gerne über die Maler schreiben, die der New Yorker Ash Can School zugerechnet werden, da bietet sich mit dem 140. Geburtstag von John French Sloan eine schöne Gelegenheit. Denn Sloan ist ein Maler, den ich immer gemocht habe. Dieser Name Ash Can School ist eine etwas abwertende Bezeichnung eines Journalisten für eine Gruppe von Malern (die den Namen The Eight vorziehen), die aus Philadelphia nach New York gekommen sind. Der charismatische Mittelpunkt der Gruppe ist sicherlich Robert Henri. Der ist in diesem Blog schon einmal erwähnt worden, weil er der Lehrer von ➱Edward Hopper gewesen ist. Und weil er Josephine Verstille Nivison (Hoppers spätere Ehefrau) als junge Kunststudentin gemalt hat. Henri und Sloan sind lebenslang miteinander befreundet.

Leider findet sich über die Unterhaltung, die Sloan und Henri beim Abendessen in John Sloans Küche im November 1908 haben, nur ein einziger Satz in Sloans Tagebuch:[Henri] spoke of the strange freaks of the Salon d’Automne in Paris, says that the Eight exhibition was much more notable. Eine ähnliche Haltung zur zeitgenössischen französischen Kunst finden wir im gleichen Jahr bei der amerikanischen Malerin Mary Cassatt. Die war von ihrer Freundin Mrs Montgomery Sears zu einer Abendgesellschaft zu Gertrude Stein geschleppt worden, weil die meinte, dass Mary Cassatt und Gertrude Stein viel gemeinsam zu besprechen hätten. Schließlich kommen beide aus Alleghenny (heute Pittsburgh). ➱Sarah Sears komt aus einer der feinsten Familien von Boston und hat einen Millionär geheiratet, Mary Cassatt kommt auch aus einer Millionärsfamilie. Gertrude Steins Familie, das sei der Vollständigkeit halber hinzugefügt, hat auch sehr viel Geld. Kaum ist Mary Cassatt im Salon der Frau aus ihrem Heimatort, da ist sie auch schon wieder draussen: I have never my life seen so many dreadfulpaintings in one place! I have never sen so many dreadful people gathered together and I want to be taken home at once.

Was da an den Wänden hängt, sind Picasso, Cezanne und Matisse. Das Gleiche, was Robert Henri bei seinem Besuch der Herbstausstellung in Paris 1908 so scheußlich fand. Die amerikanische Avantgarde hat jetzt einen etwas anderen Geschmack als die Europäer. Und die Eight aus Philadelphia sind jetzt die amerikanische Avantgarde. Sie haben natürlich auch einen etwas anderen Geschmack als die Millionäre des Gilded Age. Furchtbar viel Bilder wird John Sloan in seinem Leben nicht verkaufen.

Ich sollte vielleicht zu dem Tagebuch von Sloan noch etwas anmerken. John Sloan hatte seine Frau Dolly in einem Bordell kennengelernt. Eines Tages hatte ihm ein Arzt vorgeschlagen, dass er, um seine Frau von ihrer Trunksucht und der Angst abzubringen, dass er sie verlassen würde, ein geheimes Tagebuch beginnen sollte. Und das natürlich offen liegen lassen sollte, und lauter nette Dinge über seine Frau hineinschreiben sollte. Sloans Aufzeichnungen über die New Yorker Kunstszene zu Anfang des 20. Jahrhunderts haben also ihren Anfang in einer psychotherapeutischen Maßnahme. Das faszinierende Dokument wurde 1965 zum ersten Mal veröffentlicht. Ist leider zur Zeit vergriffen, soll aber im Januar des nächsten Jahres wieder auf den Markt kommen (Bruce St John New York Scene: 1906-1913: John Sloan).

John Sloan malt, wie viele der Eight, die ➱Großstadt New York. Die nicht so eleganten Teile jenseits der Fifth Avenue. What infinite use Dante would have made of the Bowery! hat Theodore Roosevelt in einem originellen ➱Essay gesagt. Und er hebt Walt Whitman hervor, der das wirkliche New York in seiner Lyrik beschrieben hat. Die Maler aus Philadelphia, die beinahe alle als Illustratoren von Zeitschriften und Magazinen begonnen haben, sind jetzt nach dem Tod von Walt Whitman seine legitimen Erben als Kommentatoren des amerikanischen Lebens.

Ebenso wie die muckraker, der Beginn dessen, was wir heute so schön investigativen Journalismus nennen. Obgleich John Sloan sein ganzes Leben lang irgendwie links ist, in eine Propagandakunst möchte er nicht hineingezogen werden: I was never interested in putting propaganda into my paintings, so it annoys me when art historians try to interpret my city life pictures as ’socially conscious.‘ I saw the everyday life of the people, and on the whole I picked out bits of joy in human life for my subject matter. Er hat ja auch einige Jahre in der Redaktion von The Masses mitgearbeitet, aber die drei Jahre von 1913 bis 1916 waren für beide Seiten unbefriedigend. Und wann geht es schon mal gut, wenn sich Malerei und Propaganda vermischen? Bei Heinrich Vogeler (gleich alt wie Sloan) ist es malerisch eine Katastrophe.

Im Gegensatz zu dem an Zola geschulten Naturalismus von Stephen Cranes Roman Maggie, A Girl of the Streets ist Sloanes Version der Bowery vielleicht nicht die von Dante, aber irgendwie netter. Man kann es nicht sentimental nennen, aber er möchte in allem noch etwas Gutes entdecken, wie man folgender Tagebucheintragung entnehmen kann: Doorways of tenement houses, grimy and greasy door frames looking as though huge hogs covered with filth had worn the paint away and replaced it with matted dirt in going in and out. Healthy faced children, solid legged, rich full color to their hair. Happiness rather than misery in the whole life. Fifth Avenue faces are unhappy in comparison. Das sieht natürlich in den Photographien von Jacob Riis in ➱How the other Half Lives ganz anders aus.

Aber ich bin John Sloan immer dafür dankbar gewesen, dass, er sozialistische oder kommunistische Partei hin oder her, sich immer sein malerisches Auge für die Dinge des Alltags bewahrt hat. Und einer Welt, die die französischen Maler des Lichts nie wirklich interessiert hätte, diese Bilder abgerungen hat. Und natürlich auch deshalb, weil in seiner Malerei die Anfänge für die Bilder von Edward Hopper liegen. Hopper ist – finden Sie nicht auch, dass beinahe alles auf dieser Seite wie Edward Hopper aussieht? – nur nicht so nett mit den Gegenständen seiner Malerei. Wo die Menschen auf den Bildern von Sloan Teil eines quirligen Großstadtlebens sind, und die jungen Mädchen auf dem Dach oder die junge Frau beim Wäscheaufhängen irgendwie ein kleines stilles Glück ausstrahlen, sind Hoppers Menschen immer einsam. Und unglücklich. Aber das war eben, wie seine Frau in langen Ehejahren feststellen musste, sein Naturell. John Sloane aber liebt (wie Woody Allen) die Großstadt New York. Er ist ein Flaneur, ein ➱Voyeur auf der Suche nach dem malerischen Sujet, I am in the habit of watching every bit of human life I can see about my windows, but I do it so that I am not observed at it … No insult to the people you are watching to do so unseen.

Ich weiß nicht, ob das pschotherapeutische Tagebuch dafür verantwortlich war oder nicht. Aber John Sloans Ehe mit der kleinen irischen Freizeitnutte Dolly, die seine Freunde liebevoll Sloan’s outboard motor nannten (weil sie ihn immer antrieb), hat genau so lange wie die Ehe von Edward Hopper und Joe Nivison gehalten. till death us do part. 

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