Eugène Boudin

Der kleine Oscar hasst das Gymnasium, auf das seine Eltern ihn geschickt haben. Aber er kann sehr gut zeichnen, seine Karikaturen von Lehrern und Honoratioren von Le Havre sind bald stadtbekannt. Mit fünfzehn Jahren hat er in den Hafenstadt schon eine gewisse Berühmtheit. Als er siebzehn ist, sind seine Kunstwerke im Schaufenster eines Ladens für Bilderrahmen, Malerartikel und Schreibpapier zu sehen. Oscar steht vor dem Fenster und hört sich die bewundernde Kommentare der Vorübergehenden an. Es stört ihn lediglich, dass da noch andere Bilder im Schaufenster sind, Landschaftsbilder, die der kleine Oscar nicht ausstehen kann. Er wird den Maler dieser Strand- und Seebilder in dem Laden kennenlernen, und der wird ihn von den Karikaturen wegbringen und zur Landschaftsmalerei führen. Der kleine Oscar wird weltberühmt werden.

Wir kennen ihn heute als Claude Monet, aber für seine Eltern hieß er immer nur Oscar. Der Mann, der sein Lehrer war, ist weniger bekannt. Als ich vor Jahrzehnten dies Bild vom Strand von Deauville als eine große Kunstpostkarte erhielt. habe ich sofort ein Passepartout darum gebastelt und das Ganze in einen kleinen Rahmen getan. Es steht seit Jahrzehnten auf einem Bücherregal in meinem Wohnzimmer, und obgleich viele Bilder in diesen Jahren einen anderen Platz bekommen haben oder ganz von den Wänden verschwunden sind, das sonnenlichtdurchflutete Bild vom Strand von Deauville hat immer seinen gleichen Platz behalten. Ich habe mich um den Maler nicht besonders gekümmert. Obwohl ich ihn hätte kennen sollen, denn ich hatte John Rewalds Geschichte des Impressionismus natürlich gelesen. John Rewald heißt eigentlich Gustav Rewald, er hatte in den dreißiger Jahren an der Sorbonne über Cézanne promoviert. Sein Doktorvater Henri Focillon war eigentlich Spezialist für mittelalterliche Kunst, aber er hat das Thema, das vielen nicht dissertationswürdig erschien, angenommen. Weil er einer der außergewöhnlichsten Kunsthistoriker seiner Zeit war. Und so begann die Karriere von John Rewald, der mit seinem in den USA geschriebenen Werk The History of Impressionism zum Vasari des Impressionismus wurde.

Der Maler, ohne den der kleine Oscar Claude vielleicht nichts geworden wäre, kam auch aus Le Havre. Sein Vater war dort Hafenlotse, und in dem Alter, in dem der junge Monet schon ein Meister der Karikatur ist, arbeitet der junge Eugène Boudin als Schiffsjunge auf einer Hafenfähre. Sein Vater hat dann in Le Havre die Kunsthandlung aufgemacht, die sein Sohn dann übernahm. Und in der er dann eines Tages den jungen Oscar Monet kennengelernt hat. Boudin hatte in seiner Kunsthandlung zuvor schon eine Vielzahl anderer Maler kennengelernt, die es in diesen Jahren an die Küste der Normandie zieht. Einer davon war Johan Jongkind, ein Vorreiter des Impressionismus, der dem jungen Amateurmaler Boudin empfahl, en plein air zu malen.

Und diese Botschaft gibt Boudin an Monet weiter. Der ist zuerst skeptisch, begleitet dann aber Boudin in die freie Natur. Mit unendlicher Geduld übernahm Boudin nun meine Erziehung. Langsam öffneten sich meine Augen, und ich begann, die Natur wirklich zu begreifen; zugleich lernte ich auch, sie zu lieben. Später wird Monet über Boudin sagen: Wenn ich Maler geworden bin, so geschah dies dank Eugène Boudin.

Es sind nicht nur die Maler, die es im Second Empire an die französische Küste verschlägt. Auch die feine Gesellschaft findet die Badeorte, seien es die alte Fischerorte wie Trouville oder völlig neue Anlagen wie Deauville, jetzt chic. Auch die Kaiserin Eugenie kommt mit ihrem Gefolge nach Trouville (oben).Wenn Boudin 1859 seine kleinformatigen Seestücke im Pariser Salon ausstellt, werden sie das Interesse von Charles Baudelaire erwecken. Der geradezu rhapsodisch über die Wolken von Boudin schreibt: Ces études, si rapidement et si fidèlement croquées d’après ce qu’il y a de plus inconstant, de plus insaisissable dans sa forme et dans sa couleur, d’après des vagues et des nuages, portent toujours, écrits en marge, la date, l’heure et le vent; ainsi, par exemple: 8 octobre, midi, vent de nord-ouest. Si vous avez eu quelquefois le loisir de faire connaissance avec ces beautés météorologiques, vous pouvez vérifier par mémoire l’exactitude des observations de M. Boudin. La légende cachée avec la main, vous devineriez la saison, l’heure et le vent. Je n’exagère rien. J’ai vu. A la fin tous ces nuages aux formes fantastiques et lumineuses, ces ténèbres chaotiques, ces immensités vertes et roses, suspendues et ajoutées les unes aux autres, ces fournaises béantes, ces firmaments de satin noir ou violet, fripé, roulé ou déchiré, ces horizons en deuil ou ruisselants de métal fondu, toutes ces profondeurs, toutes ces splendeurs, me montèrent au cerveau comme une boisson capiteuse ou comme l’éloquence de l’opium.

Der Genauigkeit halber sollten wir natürlich sagen, dass Boudin, den Corot den König des Himmels genannt hat, nicht der erste war, der so schöne Wolken gemalt hat. Denn schon drei Jahrzehnte zuvor, konnte man im Pariser Salon die Werke von Constable sehen. Und es gibt da noch einen weithin unbekannten Schweizer Maler namens Johann Jakob Ulrich, der auch im Pariser Salon ausstellte, der sehr schöne Himmel gemalt hat. Von dem Hamburger Johann Jakob Gensler und seinem Bild vom Strand bei Blankenese ganz zu schweigen. Oder von den Wolkenstudien Christen Købkes. Der Impressionismus ist noch nicht erfunden, aber den Himmel haben die Maler längst entdeckt, wie der schöne Katalog des Bucerius Kunst Forums ➱Wolkenbilder: Die Entdeckung des Himmels (2004) gezeigt hat.

Aber lassen wir mal für heute Eugène Boudin den Titel König des Himmels mit seinen Wolken, die die éloquence de l’opium haben. Ob seine Seestücke auf Sie so wirken wie auf Charles Baudelaire, können Sie auf dieser ➱Seite testen, auf der man alle Bilder von Eugène Boudin sehen kann.

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