George Stubbs

Das ist jetzt nicht von George Stubbs. Dies seltsame Bild – soll man sagen Naive Malerei oder Hyperrealismus? – stammt aus dem Jahre 1833. Über den Maler Robert Burnard weiß man nicht so viel, außer dass er 1840 mit Frau und sechs Kindern nach Australien ausgewandert ist. Man hatte das Bild zuvor – und jetzt komme ich auf einem Umweg doch zu George Stubbs, der heute Geburtstag hat – dem Schweizer Jacques-Laurent Agasse zugeschrieben. Der seit ungefähr 1800 in London ist und nach dem Tode von Stubbs 1806 dessen Platz als Englands berühmtester Tiermaler einnimmt. Sie können den gleich wieder vergessen, aber diese ➱tolle Giraffe sollten Sie sich eben noch ansehen.

Über den Besitzer des Bildes von Burnard weiß man eine ganze Menge. Der war Pferdeliebhaber, zur Kunst ist er erst viel später in seinem Leben gekommen. Er war auch Millionär, genauer gesagt wohl Milliardär – was immer ganz nützlich ist, wenn man Rennpferde züchtet. Oder Kunst sammelt. 1936 kaufte er sich sein erstes Bild von Stubbs, er zahlte damals tausend Pfund dafür. Es war das Bild eines Rennpferdes namens Pumpkin, und irgendwie war dieses Bild für einen Amerikaner, der ein Leben wie ein englischer Aristokrat des 18. Jahrhunderts führte, auch der passende Einstieg in das Sammeln von englischer Kunst. Denn unser Millionär ist eigentlich insgeheim ein Engländer, ein Studium in Yale war ihm nicht genug, es musste auch noch ein Zweitstudium am Clare College Cambridge sein.

Unser anglophiler Amerikaner, der übrigens Paul Mellon heißt, kauft erst einmal keine weiteren Engländer. Er kauft Rennpferde und die Sorte Bilder, die sein Pappi gekauft hat: was teuer ist, was einen Namen hat und was man einem Museum schenken kann. Sein Vater Andrew Mellon hatte auch nicht soviel Ahnung von Kunst, aber er hatte einen Berater namens Joseph Duveen. Wenn Sie alles über diesen Mann wissen wollen, der den Ausverkauf europäischer Kunst an banausenhafte amerikanische Millionäre managt, dass besorgen Sie sich doch antiquarisch den alten Rowohlt Band Duveen und die Millionäre von S. N. Behrmann. Es ist eine wunderbare Lektüre.

Paul Mellon hat keinen Joseph Duveen zur Seite, aber das wird sich ändern, als er 1959 in London Basil Taylor kennenlernt, einen Kunsthistoriker, der am Royal College of Art unterrichtet. Und der Englands George Stubbs Spezialist ist (sein Buch über Stubbs, das im damals berühmtesten englischen Kunstverlag Phaidon erschienen ist, kann man heute noch sehr preiswert antiquarisch finden). Mellon war nach London gekommen, weil man ihn gebeten hatte, den Vorsitz in einem Komitee einer anglo-amerikanischen Ausstellung mit dem Titel Sport and the Horse zu übernehmen. Den Katalog zu der Ausstellung hatte Basil Taylor gemacht, so haben sich die beiden kennengelernt. Taylor erklärt Mellon beim Mittagessen that British art was needlessly neglected and undervalued, and that somebody ought to do something about it. Und Paul Mellon schreibt weiter: By the time we were drinking our coffee, it had been more or less agreed that I was going to collect British art and that Basil would be my adviser. Für diese Tätigkeit will Basil Taylor kein Geld haben, eine Kiste Rotwein zu Weihnachten ist genug. Drei Jahre später macht Mellon ihn zum ersten Direktor des ➱Paul Mellon Centre for Studies of British Art.

None of the other nations of Europe has so abject an inferiority complex about its own aesthetic capabilities as England, hatte ➱Nikolaus Pevsner 1956 geschrieben. Auch die Engländer sind kulturelle Banausen, die ihre eigene Kunst nicht schätzen. Paul Mellon merkt das beim Kauf seiner Bilder, vieles kriegt er für ’nen Appel und ’nen Ei. Einen ➱Richard Dadd kauft er für hundert Pfund, einen kleinen Stubbs für dreihundert. Für dieses bezaubernde Zebra von George Stubbs hat er allerdings 1960 zwanzigtausend Pfund auf den Tisch legen müssen. Es war das teuerste Stück eines jumble sale bei Harrods. Der Rest der Auktion waren alte Möbelstücke und Waschmaschinen.

Paul Mellon wird noch viele andere Bilder von George Stubbs kaufen (insgesamt dreißig), aber jetzt wandert nichts mehr ins Wohnzimmer, alles geht in sein ➱Paul Mellon Centre for Studies of British Art, eine einmalige Organisation. Die englische Königin hat seine Tätigkeit mit der Verleihung des Titel Knight Commander of the Order of the British Empire gewürdigt, wahrscheinlich haben sich die beiden nach der Verleihung über Pferde unterhalten. Hambledonian hier auf dem Bild ist beinahe lebensgroß, Whistlejacket ist nur unwesentlich kleiner, schauen Sie doch mal eine Minute ➱hier hinein. Hambledonian undWhistlejacket sind natürlich Rennpferde. Ich mache an dieser Stelle keine unpassenden Bemerkungen über Pferde, ich habe ja schon einmal gestanden, dass sie mich nicht mögen. Ich gestehe aber auch gerne, dass ich jahrelang ein Plakat von Gimcrack on Newmarket Heath(viertes Bild von oben) in meiner Studentenbude an der Wand hatte. Obgleich ich beinahe jeden Grashalm darauf kenne, bleibt es – wie so vieles bei Stubbs – für mich ein geheimnisvolles Bild. Es ist übrigens im letzten Monat bei Christies in London für 25 Millionen Euro verkauft worden. Damit hat der Pferdemaler aus Liverpool, den man jahrhundertelang nur als ein englisches Kuriosum betrachtete, sogar Rembrandt auf dem Kunstmarkt geschlagen.

Basil Taylors Buch von 1971 ist nach vierzig Jahren immer noch gut zu lesen. Vor seinem Buch gab es nur einen Essay von Geoffrey Grigson aus dem Jahre 1938, der wohl die George Stubbs Renaissance in England eingeläutet hat (den können Sie ➱hier lesen). War Basil Taylor die George Stubbs Kapazität nach dem Zweiten Weltkrieg, so ist das Judy Egerton heute. Sie hat die beiden Ausstellungen der Tate Gallery 1976 und 1984/85 betreut und vor wenigen Jahren bei der Yale UP (natürlich in Verbindung mit dem Mellon Centre) der ersten Catalogue Raisonné herausgebracht, 655 Seiten dick, 148,99 € bei Amazon. Wenn Sie nicht so viel anlegen wollen, kann ich Martin Myrones Buch in der Reihe Tate British Artists für 10,99 € sehr empfehlen.

Das Zebra war das erste exotische Tier, das Stubbs gemalt hat. Wenig später schleppt Sir Joseph Banks ein Känguru an, das man in Australien geschossen hatte (genauer gesagt brachte er nur das Fell, den Rest hatte man verspeist). Je weiter die Engländer im 18. Jahrhundert herumkommen, desto mehr bringen sie an exotischen Dingen mit nach Hause. Im 19. Jahrhundert wird das noch schlimmer, dann sehen viktorianische Wohnzimmer aus wie Rumpelkammern voller Andenken an die Kolonien. Was man jetzt an Exotischem mitbringt, will man dann auch auf die Leinwand gebannt haben. Dieses Tier hier hatte Sir George Pigot, der englische Gouverneur von Madras, dem König mitgebracht. Bevor er George III das Tier schenkte, hat er es noch von George Stubbs malen lassen. Das Bild war bis zum Jahre 1970 im Familienbesitz. Es ist mit eine Größe von 81 x 107 inches das größte von Stubbs‘ exotischen Tierbildern, doppelt so groß wie das Zebra (kommt aber nicht an die Größe vonWhistlejacket heran)

Der König hat den Geparden gleich seinem Onkel, dem fetten ➱Herzog von Cumberland, geschenkt. Und der hatte nichts anderes zu tun, als zu testen, ob sich Geparden für die Hirschjagd eignen. In Indien macht man so was ja (der Bruder des Herzogs von Wellington hatte sich da auch einen Jagdgeparden malen lassen), aber im Park von Windsor? Wo bleibt da der englische Sportsgeist? Das fand im 19. Jahrhundert auch wohl jemand aus der Familie von Sir George Pigot und ließ den Hirschen einfach übermalen. Erst 1960 hat man die Übermalung wieder entfernt. Dabei ist der Hirsch der eigentliche Held auf dem Bild. Nachdem der Gepard zwei vergebliche Versuche gemacht hatte, dem Hirschen zu Leibe zu rücken, ging der Hirsch zum Angriff über und jagte den Geparden in den nächsten Wald.

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