Margaret Bourke-White

The South has always been shoved around like a country cousin. It buys mill-ends and it wears hand-me-downs. It sits at second-table and is fed short-rations. It is the place where the ordinary will do, where the makeshift is good enough. It is that dogtown on the other side of the railroad tracks that smells so badly every time the wind changes. It is the Southern Extremity of America, the Empire of the Sun, the Cotton States; it is the Deep South, Down South; it is The South. So beginnt You Have Seen Their Faces, eine Gemeinschaftsarbeit zwischen dem Schriftsteller Erskine Caldwell und der Photographin Margaret Bourke-White (die nach dieser gemeinsamen Arbeit auch noch heirateten). Diese Symbiose von Literatur und Photographie findet sich in der Great Depression noch mehrfach. Zum Beispiel in James Agees Let Us Now Praise Famous Men mit den Photographien von Walker Evans. Oder in Archibald MacLeishs Land of the Free, vom Dichter als the opposite of a book of poems illustrated by photographs. It is a book of photographs illustrated by a poem bezeichnet.

Die Photographie hat in den dreißiger Jahren eine neue Dimension bekommen. Zum einen durch eine Vielzahl von Magazinen, die voller Photographien sind. Von denen die Zeitschrift Life wohl das berühmteste Beispiel ist. Zum anderen durch die so genannte FSA Photographie, die von der Roosevelt Regierung geförderte Dokumentarphotographie. Die keine Propaganda produziert (obwohl die politischen Gegner ihr das vorwerfen), sondern eher Fragen stellt. So wie MacLeish in Land of the Free:

We wonder whether the great American dream
Was the singing of locusts out of the grass to the west and the
West is behind us now:
The west wind’s away from us
We wonder if the liberty is done:
The dreaming is finished

   We can’t say
We aren’t sure

Dieser Ton der Unsicherheit findet sich auch in Agees Let Us Now Praise Famous MenWho are you who will read these words and study these photographs, and through what cause, by what chance and for what purpose, and by what right do you qualify to, and what will you do about it. Das ist es, die Frage, die hinter all den Photographien steht: what will you do about it?

Walker Evans‘ Photographien (links) sind zurückhaltender und ehrlicher als die von Margaret Bourke-White. Was auch daran liegt, dass er nichts arrangiert. Bourke-White arbeitet dagegen like a motion picture director, wie Erskine Caldwell es einmal formulierte, sie arrangiert kleine Spielfilmszenen. Und ich habe den Verdacht, dass sie bei ihrem Photo At the Time of the Louisville Flood (ganz oben) die Leute ganz sorgfältig arrangiert und vor das Billboard gestellt hat. Die vielbeschworene Wahrheit der Photographie ist auch nur eine Chimäre. Ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte, aber auch Bilder wollen richtig gelesen werden. James Curtis hat in seinem Buch Mind’s Eye, Mind’s Truth: FSA Photography Reconsidered argumentiert, dass auch der scheinbare objektive Realismus der FSA Photographen eine Illusion ist (➱hier gibt es einen Essay von James Curtis). Das revisionistische Buch hat eine erregte Debatte ausgelöst, von der man in dem siebenteiligen Artikel in dem ➱Opinionator Blog noch einiges spüren kann.

Der amerikanische Kulturhistoriker Alan Trachtenberg hat in seinem Buch Reading American Photographs: Images as History gesagt: Just as the meaning of the past is the prerogative of the present to invent and choose, the meaning of an image does not come intact and whole. Indeed, what empowers an image to represent history is not just what it shows but the struggle for meaning we undergo before it, a struggle analogous to the historian’s effort to shape an intelligible and usable past. Representing the past, photographs serve the present’s need to understand itself and measure its future. Their history lies finally in the political visions they may help us realize. Seit Van Wyck Brooks den Begriff a usable past in die Diskussion geworfen hat, lässt er die amerikanischen Historiker nicht los.

Ich habe ein halbes Dutzend Walker Evans Photobände und Kataloge. Ich habe kein Buch mit Photographien von Bourke-White, und ich weiß auch warum. Sie ist schnell berühmt geworden, sie hat Life mitbegründet. Sie hat sensationelle Photos geliefert, sie war immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sie ist arrogant, kalt und berechnend und karrieregeil. Die Menschen, die sie photographierte, haben sie nicht gekümmert. Als sie hörte, dass Gandhi ermordet worden war (den sie gerade zuvor interviewt) hatte, rast sie zurück. Angeblich, um die Familie zu trösten. In Wirklichkeit will sie nur das Exklusivphoto haben, das macht sie auch, sogar mit Blitzlicht. Die Familie schmeißt sie raus. Sie kommt wieder zurück.  Wo hört der Photojournalist auf, wo fängt der sensationsgeile Paparazzi an?

Und sie ist eine Weltmeisterin der Selbstvermarktung. Vicky Goldberg (die nun wirklich eine seriöse Kennerin der amerikanischen Photographie ist) kann in ihrer Biographie nicht wirklich Nettes an Margaret Bourke-White finden. Ich weiß, das wäre jetzt ziemlich fies, wenn ich sagen würde, dass sie Amerikas Äquivalent zu Leni Riefenstahl ist, aber an dem Gedanken ist etwas dran.

Sie hat den amerikanischen Photojournalismus der dreißiger Jahre mit geprägt. Ja, gut, aber das hat Weegee auch getan. Und wenn man nun unbedingt die Leistung von photographierenden Frauen hervorheben will, wie das die neueren feministischen Margaret Bourke-White Hagiographien tun, dann gäbe es noch zahlreiche andere Frauen in Amerika. Wie Doris Ulmann, Berenice Abbott, Dorothea Lange. Und dann noch – etwas weniger bekannt – die Schriftstellerin Eudora Welty oder die immer unterschätzte Marion Post Wolcott. Deren Photo oben von dem Schwarzen, der den Hintereingang für das Kino in Belzoni (Mississippi) benutzen muss, ist still und unaufdringlich. Nicht so plakativ wie At the Time of the Louisville Flood. 

Walker Evans war einer der ersten amerikanischen Photographen, der alle Sorten Schilder photographiert hat, bei ihm war das noch eine zweckfreie Tätigkeit. Aber Roy Stryker, der Chef der FSA Photographieabteilung erkannte natürlich, welche verstärkte Symbolwirkung diese signsinnerhalb eines Bildes haben konnten. Ich stelle das Photo von einer Tankstelle von Dorothea Lange mal eben süffisant hier hin. Als kleine Botschaft an die Firma Shell, die für die Benutzung der Druckluftgeräte neuerdings Geld kassieren will.

Margaret Bourke-White ist heute vor vierzig Jahren gestorben. Das oberste Photo ist von ihr, mehr Bilder von ihr findet man bei Google Bilder. Die anderen Photos sind Dorothea Lange, Walker Evans (2), Marion Post Wolcott (2), Dorothea Lange. Über die alle schreibe ich gerne ein anderes Mal etwas länger, vielleicht ist dies heute ein Appetitanreger. Für Sie und für mich. Alan Trachtenbergs Buch Reading American Photographs: Images as History aus dem Jahre 1990 ist noch lieferbar. Miles Orvells American Photography (in der vorzüglichen Reihe Oxford History of Art) ist als Paperback preislich unschlagbar. Abgesehen davon, dass das Buch eine hervorragende Einführung in die amerikanische Photographie bietet. Margaret Bourke-White spielt bei Orvell keine größere Rolle, das finde ich sehr beruhigend.

Und da ich die Zeitlosigkeit von Dorothea Langes Photo mit der kostenlosen Luft illustriert habe, möchte ich noch eins ihrer Tankstellenphotos zeigen. Hier zeigt ein Tankstellenpächter in Santa Fe (New Mexiko) im Jahre 1938 den vorüberfahrenden Autofahrern, wie sich der Benzinpreis zusammensetzt. Das hat sich wohl bis heute nicht wesentlich geändert. Aber es gibt kaum noch Angebote von Würmern für Angler an der Tankstelle.

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