William Carlos Williams

William Carlos Williams hat heute Geburtstag. Seine Kollegen Pound und Eliot hat er nicht so gemocht. Aber dafür haben ganze Generationen von amerikanischen Dichtern ihn gemocht. Weil der gute Doktor Williams nicht nur Kranke heilte, sondern auch jungen Dichtern zuhörte und ihnen half. Er ist schon einmal hier vorgekommen, als ich über den deutschen Bootsbauer Max Oertz schrieb, deshalb kann ich das schöne Gedicht The Yachts nicht noch einmal präsentieren. Und This is just to say kam hier auch schon mal vor. Also gut, dachte ich mir, nehme ich Landscape With The Fall Of Icarus und illustriere es mit dem Bild von Brueghel. Fertig.

According to Brueghel 
when Icarus fell 
it was spring 
    a farmer was ploughing 
his field 
the whole pageantry 
    of the year was 
awake tingling 
near 
   the edge of the sea 
concerned 
with itself 
    sweating in the sun 
that melted 
the wings‘ wax 
    unsignificantly 
off the coast 
there was 
    a splash quite unnoticed 
this was 
Icarus drowning

Aber kaum war ich damit fertig, da fiel mir ein, dass ich das Bild von Brueghel, auf dem von Ikarus (im Gegensatz zu dem Rubens links) außer seinen Beinen im Wasser überhaupt nichts zu sehen ist, gar nicht wirklich mit dem Gedicht von Williams verbinde. Sondern mit einem ganz anderen Gedicht. Nämlich Musée des Beaux Arts von W.H. Auden:

About suffering they were never wrong, 
The Old Masters; how well, they understood 
Its human position; how it takes place 
While someone else is eating or opening a window or just walking dully along; 
How, when the aged are reverently, passionately waiting 
For the miraculous birth, there always must be 
Children who did not specially want it to happen, skating 
On a pond at the edge of the wood: 
They never forgot 
That even the dreadful martyrdom must run its course 
Anyhow in a corner, some untidy spot 
Where the dogs go on with their doggy life and the torturer’s horse 
Scratches its innocent behind on a tree. 
In Breughel’s Icarus, for instance: how everything turns away 
Quite leisurely from the disaster; the ploughman may 
Have heard the splash, the forsaken cry, 
But for him it was not an important failure; the sun shone 
As it had to on the white legs disappearing into the green 
Water; and the expensive delicate ship that must have seen 
Something amazing, a boy falling out of the sky, 
had somewhere to get to and sailed calmly on.

Schön, zwei Dichter, zwei Gedichte, dasselbe Thema. Rein gefühlsmäßig würde ich sagen, das Gedicht von Auden ist das bessere. Aber – und es gibt immer ein Aber – das Gedicht von Williams, Landscape with the Fall of Icarus, ist gar kein Einzelgedicht. Es gehört zu einem ➱Zyklus von Gedichten, die alle ein Gemälde von Brueghel kommentieren. Netter Einfall, könnte man sagen. Aber für William Carlos Williams ist diese Juxtaposition von Gemälde und Gedicht mehr als nur ein Gag. Mehr als jeder andere amerikanische Dichter hat er das Auge eines Malers. Seine Mutter hatte in Paris studiert, und Williams hatte in seinen ersten Semestern zu malen begonnen. Wenn irgendjemand die Verkörperung des ut pictura poesis ist, dann ist William Carlos Williams das.

Zwischen der Tätigkeit des Dichters und der des Malers (links ein Gemälde von Williams) sah er keine so großen Unterschiede. For poet read — artist, painter, pflegte er zu sagen. Der kreative Prozess des Schreibens war für ihn der gleiche wie der des Malers:There is no subject; it’s what you put on the canvas and how you put it on that makes the difference. Poems aren’t made of thoughts — they’re made of words, pigments… Und natürlich hat ihn die Malerei sein Leben lang interessiert, nicht nur in dem Gedichtband Pictures from Brueghel, für den er posthum den Pulitzerpreis erhielt.

All poems can be represented by
still lifes not to say
water-colors, the violence of the Illiad lends itself to an arrangement
of narcissi in a jar.
The slaughter of Hector by Achilles can well be shown by them
casually assembled yellow upon white
radiantly making a circle
sword strokes violently given

in more or less haphazard disarray.

Ich hätte da zum Schluss noch etwas Nettes, ein Gedicht von Williams, das The Great Figure heißt. Es beschreibt einen Feuerwehrwagen, gesehen mit den Augen eines Malers

Among the rain
and lights
I saw the figure 5
in gold
on a red
fire truck
moving
tense
unheeded
to gong clangs
siren howls
and wheels rumbling
through the dark city

Und nun schauen Sie sich doch mal eben dieses Bild von Charles Demuth an!
Wenn Sie unten auf den Bildrand blicken, können Sie neben den Initialen CD auch die Buchstaben WCW lesen, dieses Bild ist eine Hommage an das Gedicht von Williams. Aber, wenn auch etwas anders, haben wir hier wieder eine Beziehung zwischen Bild und Text. Und da wären wir bei etwas so Schwergewichtigem wie dem Buch von ➱Mario Praz Mnemosyne: The Parallel between Literature and the Visual Arts. Und deshalb höre ich jetzt lieber auf. Über Charles Demuth und Charles Sheeler, mit denen Williams befreundet war, würde ich gerne noch einmal schreiben. Aber ich muss erst einmal gucken, ob Kraftgenie in seinem ➱Blog da nicht schon alles abgeräumt hat.Und für Williams Carlos William Freunde hätte ich noch einen Tip, nämlich diese faszinierende ➱Audioseite der University of Pennsylvania.
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