Moltke

Da klebt er auf seinem Pferd an der Wand von der Bremer Liebfrauenkirche. Sein Kompagnon in all den Kriegen, die man ein wenig euphemistisch als Deutsche Einigungskriege bezeichnet, sitzt hundert Meter weiter auf einem Pferde neben dem Dom. Das Reiterstandbild von Bismarck ist von Adolf von Hildebrandt, der Moltke an der Kirchenmauer ist von seinem Schüler Hermann Hahn. Es gibt in Bremen auch eine Graf Moltke Straße, die mündet in die Bismarckstraße, da sind die beiden Herren wieder zusammen. Das Denkmal an der Liebfrauenkirche fällt nicht groß auf, Touristen schauen sich andere Denkmäler in dieser Ecke an. Wenige Meter weiter ist die Bronzeplastik der viel weniger militärischen ➱Bremer Stadtmusikanten von Gerhard Marcks, und noch ein paar Meter weiter steht der Roland mit de spitzen Knee. Viel interessanter für Touristen.

Der Moltke aus Muschelkalkstein war übrigens vor dem Bismarck da, der bronzene Kanzler kam erst ein Jahr später. Für den brauchte man ein ganzes Komitee, das das Kunstwerk bezahlte, den Moltke hat ein Bremer Bankier aus eigener Tasche bezahlt. Das tun Bankiers heute wohl nicht mehr, weil sie arm wie Kirchenmäuse sind, so arm, dass ihnen die Bundeskanzlerin die Geburtstagsfeier finanzieren muss.

Der Bankier, der das Moltke Denkmal bezahlte, hieß Bernhard Loose, er war der Sohn eines Bauern aus Walle. Auf dem Höhepunkt seiner Geschäfte gehörten ihm beinahe alle Häuser rund um den Domshof. 75.000 Goldmark hat er 1902 in seinem Testament für das Moltke Denkmal hinterlassen. Die steinerne Ehrung des Ehrenbürgers Moltke ist nicht ganz billig, wenn man die Summe mit sechs multipliziert, kommt man ungefähr auf den Euro-Wert. Nach Looses Tod kam das Bankhaus Loose in den Besitz der Darmstädter und Nationalbank, die später bei der Lahusen Pleite in einen spektakulären Konkurs gerissen wurde. Das zweitgrößte deutsche Bankhaus Pleite, so kann es gehen. Der Größenwahn der Lahusens hat sich auch architektonisch verewigt. Ihre Konzernzentrale hieß später Haus des Reiches (heute haust da das Finanzamt drin, das ist sicher passend). Ihre Sommerresidenz Gut Hohehorst beherbergt heute ein Drogentherapiezentrum. Nichts ist mehr übrig geblieben von all dem Geld der Lahusens und ihrer Nordwolle. Ein Lehrstück in Kapitalismus und Ausbeutung, Geiz und Frömmelei, Größenwahnsinn und Verschwendung.
Bernhard Loose hat auch die Gründung der Bremen-Vegesacker Fischerei Gesellschaft finanziert. In meiner Jugend war es die größte Loggerflotte Europas, die da in der Lesummündung lag, zwei Jahrzehnte später war nichts mehr davon übrig. Das Bankhaus Loose, das Imperium der Lahusens, die Loggerflotte – alles perdu. Nur der Moltke aus Muschelkalkstein, der klebt immer noch an der Kirchenwand. Und die Wurstbude von Keuneke zu seinen Füßen, die für mich als Kind immer interessanter war als der General, die ist auch nicht mehr da. Ist in die schrottige Lloydpassage umgezogen.
Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke, den man angeblich den großen Schweiger nannte (manche nannten ihn auch Molli), wurde heute vor 211 Jahren geboren. Mit elf Jahren war er als Kadett in der dänischen Armee, in der sein erfolgloser Vater auch eine Offiziersstelle gefunden hatte. Zehn Jahre später bittet er den dänischen König Frederik VI, um eine Entlassung aus der dänischen Armee, er möchte sich Europa anschauen. Er schreibt unterwürfig in seinem Brief: Möge es mir irgendwann in der Zukunft vergönnt sein, die Befähigungen, die ich zu erwerben trachte, zum Nutzen des Königs und Dänemarks einzusetzen. Man lässt ihn ziehen, hoffend, dass die Erfahrungen in Europa seinen Horizont erweiterten und er wieder nach Dänemark zurückkäme. Er kommt auch wieder. Allerdings erst vier Jahrzehnte später. Und dann hat er gleich alles an schimmernder Wehr bei sich, was Preußen aufbieten kann, um den Dänen mal zu zeigen, was eine Harke ist. Möge es mir irgendwann in der Zukunft vergönnt sein, die Befähigungen, die ich zu erwerben trachte, zum Nutzen des Königs und Dänemarks einzusetzen.
Die Moltkes singen das Lied dessen, des Brot sie essen. Im Jahre 1809 treffen zwei Moltkes in Stralsund aufeinander, der dänische Major Friedrich Philipp Victor von Moltke (die Dänen sind da ja noch auf der auf der Seite Napoleons) und der junge Leutnant Friedrich Franz Graf von Moltke, der im Schillschen Freikorps kämpft. Schill findet in Stralsund den Tod, viele seiner Offiziere werden standrechtlich erschossen. Aber nicht der junge Graf Moltke, der ist nämlich kurz darauf der Adjutant von Blücher. Er ertrinkt 1813 in der Elbe, auf dem Weg zum preußischen König, die Siegesmeldung von der Schlacht an der Katzbach in der Reitertasche. Sein Gegenüber von 1809, der dänische Major – der Vater unseres Bremer Muschelkalksteindenkmals – brachte es noch zum dänischen Generallieutenant. Er starb 1845, er brauchte nicht mehr mitanzusehen, wie sein Sohn Dänemark überfiel. Hätte sonst der Vater gegen Sohn kämpfen müssen, so wie die beiden entfernten Verwandten in Stralsund?
Hier sitzt Moltke auf seinem Pferd, umgeben von seinem Generalstab und guckt sich Paris an. Das große Bild (190 mal 316) wurde von Anton von Werner gemalt. Was die Amerikaner in den sechziger Jahren als Photorealismus praktizierten, ist hier längst von Anton von Werner erfunden. Photographisch genau (er arbeitete wie die amerikanischen Photorealisten ein Jahrhundert später auch gerne nach Photographien) und unsäglich tot und leer. Nichts an dem Bild ist originell, die Gesamtkomposition ist bei Meissoniers Bild ➱Napoleon III bei Solferino geklaut. Der Auftraggeber für das Bild war der Schleswig-Holsteinische Kunstverein, es hängt heute in der Kieler Kunsthalle (manchmal verbannt es ein Direktor auch für Jahre in den Keller). Es wurde 1874 zum ersten Mal in Berlin der Öffentlichkeit gezeigt und brachte von Werner sofort die Stellung eines Kgl. Akademiedirektors ein.
In München hängen meine Bilder im großen Entreesaal der Wernerei gegenüber. Der patriotische Hanswurst und der klassische Maler, schrieb ➱Anselm Feuerbach. Er soll sich nicht so haben, er produziert den gleichen Kitsch wie Anton von Werner. Aber dessen Bilder repräsentieren den Geschmack der Zeit. Hier bei der Kaiserproklamation aus dem Jahre 1885 (die dritte und kleinste Version des Bildes, 167 mal 202 groß) stehen die beiden Architekten, die das Deutsche Reich gebaut haben, Moltke und Bismarck, wieder nebeneinander. Es ist ein Bild, das Generationen von Deutschen für große Kunst hielten. Eigentlich ist es nur ein schwacher Abklatsch von Franz Krügers ➱Huldigung der preußischen Stände vor Friedrich Wilhelm IV.
Es ist eigentlich erstaunlich, dass Moltke auf dem Kieler Bild auf einem Pferd in der Nähe einer Schlacht sitzt, er ist kein Blücher. Er ist ein völlig neuer Typ von General, ein kalter Technokrat, der alle neuen Möglichkeiten der Technik vom Telegraphen bis zur Eisenbahn ausnutzt. Er ist Generalstabschef geworden, ohne jemals ein größeres Truppenkommando gehabt zu haben, auf seine Art und Weise ist er sogar ein Intellektueller. In der Jugend hatte er schriftstellerische Neigungen, jetzt liest er nur noch Karten und Aufmarschpläne. Als Generalstabschef arbeitete er häufig bis Mitternacht und entspannte sich dann, indem er seinen Töchtern Werke aus der Militärgeschichte vorlas, für die er sich fast ebenso leidenschaftlich interessierte wie für das Ausarbeiten von Operationsplänen. Bevor er Chef des Großen Generalstabs wurde, war er dessen Militärhistoriker. Er untersuchte die Geschichte jedoch unter rein technischen Aspekten. Ihn interessierte die Aufstellung von Armeen auf der Landkarte, nicht die Stimmung unter ihren Soldaten, auch nicht Argumente, mit denen Regierungen einen Krieg rechtfertigten. Was Schlieffen hier schreibt, klingt doch richtig nett. So mögen wir unsere adligen Preußen, die nur ein Ziel in ihrem Leben haben, dieses neue Deutschland mit einer militärischen Struktur zu überziehen. Kant gab uns den Kategorischen Imperativ, Moltke den Bellizismus.
Wenn ich für einen Augenblick den Engländer Garnet Wolseley dagegenhalte, über den Gilbert und Sullivan diese herrliche ➱ Arie geschrieben haben: der hat auch die englische Armee reformiert. Aber er hatte nicht die Idee, dass Großbritannien ein Militärstaat werden müsste, da wird man auch den Spott von der Bühne ertragen. Über einen Moltke singt man keine Gassenhauer, einen Moltke hämmert man als Denkmal in Stein oder gießt ihn in Bronze. Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte.
Hier sitzt Moltke mal nicht auf einem Pferd. Hier sitzt er in seinem Arbeitszimmer in Versailles (wahrscheinlich sucht er die Lektüre für seine Töchter aus), wiederum von Anton von Werner gemalt. Ohne den General sähe das Zimmer richtig nett aus, wie man auf dieser aquarellierten Zeichnung von Anton von Werner sehen kann.
Anton von Werner - Moltkes Arbeitszimmer in Versailles
Ja, vielleicht wäre die Welt ohne diese von Moltkes netter gewesen. Wir wissen es nicht, wir können die Geschichte leider nicht ändern.
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