Angelika Kauffmann

Benjamin West, by Angelica Kauffmann, 1763 - NPG  - © National Portrait Gallery, London
Das hier ist mit Liebe gezeichnet. Die Malerin Angelika Kauffmann ist gerade in Florenz Ehrenmitglied der Accademia Clementina di Bologna geworden und hat eine Woche später das Diplom der Accademia del Disegno erhalten. Sie ist zweiundzwanzig. Sie hat gerade diesen hübschen amerikanischen Quäker namens Benjamin West getroffen. Er sieht mit den Klamotten ein bisschen aus wie William Shakespeare. Kunsthistoriker nennen das einen Van Dyke suit, was er da trägt. Ähnliche Kleidung findet in dieser Zeit auch auf den Bildern der beiden führenden Portraisten in Italien, Pompeo Batoni und Anton Raphael Mengs (dem Lehrer von Benjamin West). Dieser Van Dyke suit findet sich natürlich auch bei Gainsboroughs The Blue Boy und in der Verfilmung von Little Lord Fauntleroy. Er wird später von Dandies immer mal wieder aus der Mottenkiste der Mode gezogen werden, Oscar Wilde hatte auch mal so etwas an.

Der junge Amerikaner Benjamin West hat gerade eine schwere Erkrankung überstanden, ein rheumatisches Fieber, das seine Beine lähmte. Aber der berühmteste italienische Chirurg Dr Angelo Nannoni konnte ihm helfen. An Nannoni war West durch die Empfehlung von dem Diplomaten und Kunstsammler Sir Horace Mann geraten. Noch hat die amerikanische Revolution nicht stattgefunden, noch ist West ein Engländer, und die Engländer in Italien helfen einander. Wenn Benjamin West Italien im nächsten Jahr verlässt, wird er nach London gehen und für den Rest seines Lebens in England bleiben. Zuvor hat er natürlich noch Angelika Kauffmann portraitiert (oben).

Er wird später sagen, dass er ihr den ersten Unterricht in the principles of composition, the importance of outline, and likewise the proper combinations and mixtures of coloursgegeben habe. Aber das kann nicht so ganz stimmen, Angelika Kauffmann stand zwar erst am Anfang ihrer Karriere und war mir ihrem Vater nach Italien gekommen, um sich zu vervollkommnen, aber malen konnte sie schon. Obgleich sie sich damals noch nicht sicher war, ob sie wirklich eine Malerin werden sollte. Sie hatte eine schöne Stimme und liebäugelte noch mit einer Karriere als Opernsängerin.

Die beiden sollen damals schwer ineinander verliebt gewesen sein. Hat Charles Willson Peale gesagt (der eines Tages seine Tochter Angelica Kauffman Peale nennen wird), doch der hat West erst vier Jahre nach dem Zusammentreffen der beiden in London kennen gelernt. Hat Benjamin West dem jüngeren Peale diese Geschichte erzählt? Wie immer es sei, aus der Romanze wird nichts, schließlich hat West noch seine Verlobte Betsy Shewell drüben in Amerika. Irgendwie scheinen es die Zeitgenossen, vor allem die zeitgenössischen Maler, darauf angelegt zu haben, die junge Schweizerin (hier ein Portrait von Nathaniel Dance) als ein Flittchen auf Männerjagd darzustellen.

She was ridiculously fond of displaying her person and being admired, for which purpose she one evening took her station in one of the most conspicuuous boxes of the theatre accompanied by Nathaniel Dance and another artist, both of whom as well as many others were desperately enamoured of her, while she was standing between her two beaux, and finding an arm of each most longingly embracing her waist, she contrived, whilst her arms were folded before her on the front of the box over which she was leaning, to squeeze the hand of both, so that each lover concluded himself beyond all doubt the man of her choice, schreibt John Thomas Smith, der zu der Zeit in Italien ist und später bei West studiert. Aber Smith (in den sie angeblich auch einmal verliebt gewesen sein soll) hat eine schnelle und böse Zunge, er ist zwar ein Kleinmeister der Verleumdung aber nicht unbedingt der zuverlässigste Zeitzeuge.

Und dann ist da noch die Geschichte mit der angeblichen Verlobung mit Nathaniel Dance, die sie gelöst haben soll, als sie Joshua Reynolds kennenlernte (den sie hier auch in einem Van Dyke suit malt). Das sagt Joseph Farington, allerdings beginnt er sein berühmtes Diary erst im Jahre 1793, alles was der da sagt, ist aus zweiter, meist dritter Hand. In einem Brief des schottischen Abbé Peter Grant, der mit vielen der englischen Romreisenden bekannt ist, heißt es 1765: Mr Dance if you remember him made strong love to her the whole of last winter, and was really so far gone in his tender passion that he was truly to be pitied, but all his address was not able to make the smallest impression upon her heart her whole raptures not having any other object than that of excelling in her profession. Das klingt nicht gerade nach bevorstehender Verlobung in London.

Vergessen wir bei all dem nicht: dies ist das Zeitalter der emphatischen Liebesschwüre, The Man of Feeling ist nicht nur ein Romantitel, es ist ein Programm für eine ganze Epoche. Natürlich kann man Selbstmord aus Liebe begehen, Goethes Werther wird dafür berühmt, die meisten behelfen sich aber mit sentimentalen Klagen. Und nachträglich bösem Klatsch. Gentlemen sind das nicht, das sind Künstler. Was Arnold Böcklin über seine Malerkollegen sagte, gilt sicher auch für die vielen liebeskranken Herren im London des 18. Jahrhunderts: Sie sind Streber, Affairisten, Jongleure: der eine will reich, der andere gesellschaftlich angesehen, der dritte berühmt oder berüchtigt, der vierte Akademiedirektor werden. Keiner denkt daran, ruhig ohne rechts und links zu blicken, das, was in ihm ist, auszubilden. Der Höhepunkt der Verleumdungsaktion ist vielleicht dieses Bild von Nathaniel Hone (oben), das Joshua Reynolds als eine Art Jahrmarktsmagier zeigt. Es ist der Gegenstand eines großen Kunstskandals. Angelika Kauffmann soll eine der tanzenden Nackten auf dem Bild oben links in der Ecke sein. Sie beklagt sich bei der Royal Academy, Hone muss die nackten Damen übermalen.

Es ist schwer für eine selbständige Frau, in dieser Zeit einen geraden Weg zu gehen, ruhig ohne rechts und links zu blicken. So pointiert übertrieben das Buch The obstacle race: the fortunes of women painters and their work von Germaine Greer häufig ist, in vielem kann man ihr bei dem Kapitel über Angelika Kauffmann nur zustimmen. Der größte Fehler ihres Lebens ist ihre heimliche Hochzeit mit dem schwedischen Grafen Frederick de Horn gewesen, einem Heiratsschwindler.  Germaine Greer sagt darüberit simply increased her notoriety and with it her vulnerability. Von nun an werden sich die Gerüchte und Verleumdungen jagen. Jean-Paul Marat wird behaupten, dass er sie verführt habe – es ist ja nur gerecht, dass er in einer Badewanne von einer Frau erstochen wird. Das wäre doch mal ein schönes Thema für die Malerin gewesen, das hätte sie nicht Jacques-Louis David überlassen sollen!
Wir stellen uns die englische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts immer gerne so vor wie auf dem Bild von Mr und Mrs Andrews (links) von Gainsborough. Wir sollten sie uns vielleicht besser so vorstellen, wie sie uns auf den Bildern von Hogarth entgegentritt: ordinär, lüstern, hinterlistig und verschlagen. Es ist für Angelika Kauffmann nur von Vorteil, wenn sie nach ihrer Heirat mit dem Maler Antonio Zucchi London verlässt und nach Venedig zieht. Der so schwer liebeskranke

Nathaniel Dance heiratet eine reiche Witwe, wird Baronet und kauft sich ein großes Landhaus. Und gibt das Malen auf. Er schenkt Gilbert Stuart seine ganzen Malutensilien.

Die Londoner Jahre, die unglückliche Heirat mit dem schwedischen Heiratsschwindler, die ständigen Verleumdungen (wie zum Beispiel diese Karikatur The Paintress of Macaronis), haben ihre Spuren hinterlassen. Die Malerin wird sich nicht mehr wirklich weiterentwickeln. Sie wird nicht einsam und verlassen sein wie diese von Theseus verlassene Ariadne, sie wird mit Goethe befreundet sein, aber in ihrer Kunst lebt sie von ihrem alten Ruhm. Ihre Begräbnis wird von Antonio Canova zu einem prunkvollen Staatsbegräbnis gestaltet, und man hat sie bis heute nicht vergessen.

Die letzte große Angelika Kauffmann Ausstellung fand 1998 in Düsseldorf statt, und da Götz damals aus Düsseldorf den Katalog mitgebracht hat, bin ich natürlich bestens informiert. Der sehr gute Katalog, den man noch antiquarisch finden kann, wurde von Bettina Baumgärtel herausgegeben, die zuvor mit der Dissertation Angelika Kauffmann (1741-1807): Bedingungen weiblicher Kreativität in der Malerei des 18. Jahrhunderts hervorgetreten war. Ich lese bei Katalogen zuerst immer die Fußnoten, zugegeben eine déformation professionnelle, und so ist mir ein kurioser kleiner Fehler nicht entgangen: Benjamin West war mit keiner Miss Sewel verlobt. Die Frau, die West zwei Jahre nach der Begegnung mit den jungen Angelika heirate, hieß Elizabeth Shewell.

Angelika Kauffmann wurde heute vor 270 Jahren geboren. Das Selbstbildnis oben zeigt sie am Scheideweg zwischen Musik und Malerei. Was wäre aus ihr geworden, wenn sie eine Operndiva geworden wäre?

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