Rodin

Ich verstehe nichts davon, ich weiß, dass Rodin ein berühmter Bildhauer ist und diesen Denker modelliert hat. Und die Bürger von Calais und all diese Sachen. Ich wäre auch nicht auf die Idee gekommen, an seinem Todestag irgendetwas zu Rodin zu schreiben, wenn mir nicht vor Tagen beim Aufräumen eine Postkarte mit diesem Kunstwerk in die Hand gefallen wäre. Das soll Balzac sein. Nicht die bekannte Statue, an der Rodin jahrelang gearbeitet hatte. Angeblich sogar vom Schneider Balzacs einen Mantel gekauft hatte, um ihn dem Schriftststeller umzuhängen. Für die Presse damals sah das eher wie ein Kartoffelsack aus.

Auf der Rückseite der Karte standen noch einige anzügliche Bemerkungen des Absenders, zu anzüglichen Bemerkungen lädt dies Kunstwerk ja ein. Man fragt sich doch: Was hat er da zwischen den Beinen? Das lädt doch geradezu zu moralischer Entrüstung ein.

Da kann man doch einen Zeitgenossen verstehen, der schrieb: Es ist tief zu bedauern, daß wir im neuen Museum am Karlsplatz von Zeit zu Zeit in den Ausstellungen auf Bilder und Zeichnungen stoßen, die unser Gefühl aufs tiefste verletzen. Es zeugt von einem Tiefstand der Sittlichkeit der Künstler und von einer Laxheit der Auffassung des Ausstellungsvorstandes, daß solche Ausstellungen den Weimarer Kunstliebhabern geboten werden, und es herrscht in allen Kreisen darüber eine große Empörung. Ist das Gebotene doch so anstößig, daß wir unsere Frauen und Töchter warnen müssen, die Ausstellung zu besuchen. Daß gerade jetzt eine Reihe von Zeichnungen des französischen Bildhauers Rodin seit Wochen unter dem Bemerken als Widmung des Künstlers an Seine Königliche Hoheit unseren Großherzog ausgestellt werden, ist eine solche Schmach für uns Weimarer, daß wir unsere Stimme dagegen erheben. Es ist eine Frechheit des Ausländers, unserem hohen Herrn so etwas zu bieten, und unverantwortlich vom Vorstande, diese ekelhaften Zeichnungen auszustellen und eine solche Ausstellung zu dulden. Möge der Franzose aus seinem Künstlerkloakenleben sich ins Fäustchen lachen, so etwas in Deutschland an den Mann gebracht zu haben; wir wollen uns das nicht ruhig gefallen lassen und rufen Pfui und tausendmal Pfui über den Urheber und seine Helfershelfer, die solche Abscheulichkeiten uns vor Augen stellen.
H. Behmer, Professor


Die Unterschrift war nicht gefälscht, der Kunstmaler Hermann Behmer war wirklich Professor an der Weimarer Akademie. Über den Porträtmaler Behmer redet heute wohl keiner mehr, über seinen ➱Zwillingsbruder schon. Der hat nämlich etwas Nützliches in seinem Leben getan, weil er das Merinofleischschaf gezüchtet hat. Aber die Zuschrift, die die LandeszeitungDeutschland unter der Rubrik Eingesandt veröffentlichte (und die der preußische Gesandte in Sachsen mit dem Ausdruck des größten Wohlgefallens nach Berlin übermittelte), führte zu einem Kunstskandal. Und dem Ende von Harry Graf Kessler als Museumskurator. Wo kommen wir denn da hin, wenn man im Jahre 1906 in Weimar vierzehn Aktzeichnungen von einem Franzosen (den man in Jena immerhin ein Jahr zuvor zum Ehrendoktor gemacht hatte) ausstellt? Es ist eine kleine Ironie der Kunstgeschichte, dass Harry Graf Kessler später den Sohn Behmers, den Illustrator Marcus Behmer, mit dem Anfertigen von erotischen Illustrationen für Petronius‘ Satyriconbeauftragt.
Also, so etwas Anstössiges soll in diesem Blog natürlich nicht vorkommen, es gab ja schon bei dem Post ➱Cricket leise moralische Entrüstung. Deshalb sind die beiden Abbildungen da oben auch garantiert jugendfrei. Das mit den schwarzen Klecksen ist übrigens Kunst von dem koreanischen Künstler (?) ➱Yong-Chang Chung, der hundert Jahre nach dem Kunstskandal in Weimar einen Bildband mit Zeichnungen von Rodin mit schwarzer Farbe übermalt hat. Die Preise für die Kunstwerke finden Sie oben beim dem Yong-Chang Chung Link. Wenn ich mir das so anschaue, würde ich sagen, dass ich das in der Kita von dem kleinen Carlo (4) billiger kriegen würde, wenn ich denen einen Band mit Rodin Zeichnungen und einen Pott schwarzer Farbe vorbei brächte.
In Bremen hatten wir einen solchen Kunstskandal schon einige Jahre vor Weimar, da ging es nicht um Rodin sondern um Louis Tuaillon. Der war trotz des Namens kein Franzose sondern ein echter Preuße, und er hat die Bremer Wallanlagen mit seinem Rosselenkerverschönt. Der nackte Jüngling mit dem Pferd, ein Geschenk Petroleumkönigs Franz E. Schütte, empörte Bremens Kunstpapst Arthur FitgerAlle Achtung vor der unberührten Schönheit des menschlichen Körpers, es ist jedoch nicht unmöglich, ein bisschen Gürtel oder Schärpe oder dergleichen Nebenkram so zu arrangieren, dass der anatomische Reiz nirgends eine nennenswerte Einbuße leidet und dennoch das gutbürgerliche Gefühl einer norddeutschen Stadt geschont bleibt. Ohne dass wir gewusst hätten, wer Louis Tuaillon oder Arthur Fitger waren, haben wir als Pennäler vor mehr als einem halben Jahrhundert instinktiv das moralisch Richtige getan und der Statue am Theaterberg immer im Schutz der Dunkelheit etwas angezogen. Und wenn’s nur ein Verhüterli war. Da genügte eine kleine Größe. War ja kein Balzac.

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