Claude

We are Diana’s Virgin-Train,
Descended of no Mortal Strain; 
Our Bows and Arrows are our Goods, 
Our Pallaces, the lofty Woods, 
The Hills and Dales, at early Morn, 
Resound and Eccho with our Horn; 
We chase the Hinde and Fallow-Deer, 
The Wolf and Boar both dread our Spear.
In Swiftness we out-strip the Wind,
An Eye and Thought we leave behind; 
We Fawns and Shaggy Satyrs awe; 
To Sylvan Pow’rs we give the Law:
Whatever does provoke our Hate, 
Our Javelins strike, as sure as Fate; 
We bathe in Springs, to cleanse the Soil, 
Contracted by our eager Toil; 
In which we shine like glittering Beams, 
Or Christal in the Christal Streams; 
Though Venus we transcend in Form,
No wanton Flames our Bosomes warm! 
If you ask where such Wights do dwell, 
In what Bless’t Clime, that so excel? 
The Poets onely that can tell.
On a Picture Painted by her self, representing two Nimphs of DIANA’s, one in a posture to Hunt, the other Batheing heißt das Gedicht von Anne Killigrew (1660-1685). Sie war nicht nur eine Dichterin, sie war auch Malerin (das Bild oben ist von ihr). Man wagt es sich gar nicht vorzustellen, was aus ihr hätte werden können, wenn sie länger gelebt oder mehr gemalt hätte (auf jeden Fall eine bessere Malerin). Tanzende Nymphen kann man in der Lyrik immer gebrauchen, vor allem im 17. Jahrhundert. Wo die da nun genau herumtanzen und baden (In what Bless’t Clime?), wird im Text nicht so ganz klar. Die englische Landschaftslyrik ist noch nicht erfunden.

Die Landschaftsmalerei ist allerdings schon erfunden, wenn auch nicht in England. Die Holländer sind die Meister der Landschaft, den Horizont flach gelegt, damit oben im Bild viel Platz für den Himmel ist. Das flache Land, wo man die Verwandten schon Ostern sehen kann, wenn sie Pfingsten zu Besuch kommen, verführt zu dieser Sehweise. Die Engländer, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wenig eigene Maler haben (sie müssen schon Leute aus Lübeck wie Gottfried Kniller als Hofmaler importierten), kaufen gerne Holländer. Am liebsten Holländer, die ein klein wenig italienisch sind. Wie diese Maler, die die Kunstgeschichte heute ➱Dutch Italianates nennt. Maler wie Jan Both oder der weniger bekannte (aber in England beliebte) Herman van Swanefelt. Dies Bild hier mit den badenden Nymphen ist von ihm. Ist natürlich schon glatter und routinierter gemalt als die Nymphen von Anne Killigrew.

Wenn Sie beim Betrachten des Bildes von Swanefelt angesichts des sanft goldenen Lichtes irgendwie an Claude Lorrain denken müssen, dann liegen Sie völlig richtig. Ich plaziere hier einmal zum Vergleich einen Claude. Auch mit Nymphen, wir wollen ja beim Thema bleiben. Ich glaube, dass jedem Betrachter die Unterschiede der malerischen Qualität deutlich werden. Wirkt Anne Killigrews Bild ein wenig wie Laienmalerei und Swanefelts Bild wie das eines routinierten Kopisten, so ist Claudes Bild sicher die höchste malerische Stufe dieser drei Bildern mit Nymphen in einer idyllischen Landschaft. Ich lasse jetzt einmal Sprüche wie Goethes Im Claude Lorrain erklärt sich die Natur für ewig weg, sie helfen uns nicht weiter. Wenn wir schon bei schönen Worten sind, dann gefällt mir John Constables all is lovely – all amiable – all is amenity and repose; the calm sunshine of the heart viel besser als Goethes apodiktisches Kunsturteil.

Aber ich möchte auf etwas ganz anderes hinaus. Auf die Frage: woher kommt das Licht? Und da ist ein zweitklassiger Maler wie Swanefelt unserem Claude in einer gewissen Phase seines Werkes sehr ähnlich. Er studirte unter Claude Lorrain, welcher als sein eigentlicher Lehrmeister anzusehen ist, und mit dem er gemeinschaftlich mahlte, schreibt Johann Kaspar Füssli in seinem Raisonirendes Verzeichniss der vornehmsten Kupferstecher und ihrer Werke 1771. Und beide beherrschen in der Zeit, da sie nebeneinander her leben und malen, einen Trick. Und der heißt: Nimm immer die auf- oder untergehende Sonne und versteck sie hinter Bäumen! Oder Felsen. Oder hinter was immer, was als Repoussoir im Vorder- und Mittelgrund herum steht. Es ist ein Trick mit weitreichenden Folgen, klicken Sie doch mal eben hier auf ➱Jan Both. Die ganzen Dutch Italianates in Rom machen eigentlich nichts anderes, als Claude Lorrain zu imitieren.

Es sind Gegenlichtbilder, contre lumière, die Claude malt. Nur ist die Lichtquelle selten zu sehen. Auf diesem Bild sehen wir sie natürlich. Es hängt in der National Gallery in London und zeigt die Königin von Saba, wie sie sich in einem Hafen einschifft, um den König Salomon zu besuchen. Das Bild ist das Komplementärbild zu einem Bild, das die Hochzeit von Isaak und Rebecca zeigt. Biblische Themen kann man den Kunden immer verkaufen, reine Landschaftsmalerei verkauft sich noch nicht. Erst ein Jahrhundert später wird man so etwas goutieren.

Neben biblischen Themen sind natürlich – wie in unseren Beispielen ganz oben – Themen aus der Mythologie der Götter und Helden angesagt. Hier hat Claude (der heute vor 329 Jahren starb) einige Probleme, er hat nicht die Bildung, die andere Maler haben. Wie zum Beispiel sein Freund Nicolas Poussin (über den gibt es hier morgen etwas). Als Claude nach Rom kommt, kann er weder lesen noch schreiben. Ist später wohl auch nicht viel besser. Es gibt nur drei Briefe von ihm, mit seltsamer Orthographie. Er konnte bis zehn zählen, aber nicht viel weiter (ich kenne Vierjährige, die schon bis 22 kommen). Er wird uns natürlich keine Theorie der Malerei liefern, wie Poussin das in vielen Schriften tut. Er ist auch nicht der Sohn eines Landedelmannes wie Poussin, er ist kein Multitalent wie Salvator Rosa. Er hat als Pastetenbäcker angefangen, aber er geht seinen Weg.

Und er kann malen (angeblich malt er sogar direkt in der Natur, wenn man Joachim von Sandrart glauben darf), und er malt Landschaften wegen der Landschaft. the most perfect landscape painter the world ever saw, hat John Constable über ihn gesagt. Die tanzenden Nymphen, die Königinnen von Saba sind für Claude nur Dekoration, weil das Publikum noch nicht reif für die reine Landschaftsmalerei ist. Bei Poussin ist es genau anders herum, für ihn ist die dargestellte Szene (meist aus der klassischen Mythologie) die Hauptsache. Die Landschaft ist nur Staffage.

And the whole fief, in right of poetry she claim’d.
The country open lay without defence:
For poets frequent inroads there had made,
And perfectly could represent
The shape, the face, with ev’ry lineament:
And all the large domains which the Dumb-sister sway’d,
All bow’d beneath her government,
Receiv’d in triumph wheresoe’er she went,
Her pencil drew, what e’er her soul design’d,

And oft the happy draught surpass’d the image in her mind.
The sylvan scenes of herds and flocks,

And fruitful plains and barren rocks,
Of shallow brooks that flow’d so clear,
The bottom did the top appear;
Of deeper too and ampler floods,
Which as in mirrors, show’d the woods;
Of lofty trees, with sacred shades,
And perspectives of pleasant glades,
Where nymphs of brightest form appear,
And shaggy satyrs standing near,
Which them at once admire and fear.
The ruins too of some majestic piece,
Boasting the pow’r of ancient Rome or Greece,
Whose statues, friezes, columns broken lie,
And tho‘ defac’d, the wonder of the eye,
What Nature, art, bold fiction e’er durst frame,
Her forming hand gave feature to the name.

So strange a concourse ne’er was seen before.

Das dichtet ➱John Dryden über Anne Killigrew in seinem Gedicht To the Pious Memory of the Accomplished Young Lady Mrs. Anne Killigrew Excellent In The Two Sister-Arts Of Poesy And Painting: An Ode. Hat er Bilder von ihr gesehen (sie soll fünfzehn gemalt haben) oder beschreibt er die Bildwelt von Claude Lorrain? Alles, was hier beschrieben wird, kommt in seinen Bildern vor. Ruinen nicht so häufig, das Motiv überlässt er anderen, die sich darauf spezialisieren.

Claude Gellée, den wir Claude Lorrain (oder Claude Le Lorrain) nennen – oder schlicht nur Claude – hat auf die Engländer des 18. Jahrhunderts einen Einfluss wie kaum ein anderer Maler. Die Royal Collection hat fünf Bilder von ihm (sechs von Rembrandt). Von Poussin hat hat die Königin die größte Sammlung von Zeichnungen aber kein Ölbild. Alan Bennett lässt das so beiläufig in seinem Theaterstück A Question of Attribution in den Dialog zwischen dem Landesverräter ➱Sir Anthony Blunt und der Königin einfliessen. Der Poussin-Spezialist Blunt besaß natürlich einen Poussin.

Die Geschmacksbildung der Engländer durch Claude Lorrain ist das Thema des Buches Italian Landscape in Eighteenth Century England: A Study Chiefly of the Influence of Claude Lorrain and Salvator Rosa on English Taste 1700-1800 von Elizabeth Wheeler Manwaring. Das 1925 erschienene Buch war die Doktorarbeit der späteren Professorin für Rhetoric and Composition am Wellesley College. Es ist ein phänomenales Buch, ganze Generationen von Kunst- und Literaturhistorikern haben sich davon ernährt.

Ich möchte mal eben daraus den Anfang des dritten Kapitels zitieren: The very ignorance of the English in matters of art, their tendency to judge of pictures by literature , or by names, as well as to follow artistic fashions sheeplike, helped to develop the taste for Italian landscape art. In the first place, that art represented the land which has always laid a spell over the English spirit; and in the second, these artists had, what the Dutch and Flemish had not – except those who, like the English favourites, Both and Swanevelt, had come under Italian influence — the classic tinge, the ruined fragments of that antique world which to the English was reverend.
Und nachdem sich der Engländer seinen Kunstgeschmack erarbeitet hat und weiß, dass er nie falsch liegt, wenn er Claude Lorrain ästhimiert, dann will er, dass auf seinen Italienreisen die ganze Welt so aussieht, als sei sie von Claude Lorrain gemalt. Was kann man da tun? Richtig, man kauft sich als sublime & beautifulsuchender Tourist ein ➱Claude glass. Es hat diese ➱Claude glasses auch in einer etwas einfacheren (und sicher billigerer) Version gegeben. Da war es nur eine in einem Goldton eingefärbte Glasplatte mit einem vergoldeten Blechrahmen. Wenn man sich das Glas mit der Umrahmung vor die Nase hielt, hatte man einen ähnlichen Effekt wie bei dem schwarzen Konvexspiegel: Alles, was man sieht, wird goldfarbener Claude Lorrain. Funktionierte natürlich nur in Italien. Im englischen Nebel kann man damit nix werden.Hamburg hat einen Claude Lorrain, Dresden hat zwei. Die meisten sind im Augenblick in Oxford zu sehen, weil das ➱Ashmolean eine große Claude Lorrain Ausstellung macht. Die im nächsten Jahr nach Frankfurt ins Städel wandert. Die haben auch einen Katalog, der 49,99 € kostet. Der reizt mich persönlich nicht so sehr, da ich alle Bände von ➱Marcel Roethlisbergers Werkverzeichnis und den hervorragenden Katalog von Helen Diane Russell (National Gallery of Art Washington 1982) habe. Aber vielleicht sollten Claude Lorrain Freunde den Katalog der Ausstellungen in Oxford und Frankfurt doch kaufen, weil es so gut wie keine vernünftige Literatur zu Claude auf dem Markt gibt. Die Deutsche Nationalbibliothek besitzt siebzehn Bücher über Claude (von denen dreiviertel irrelevant sind), die einführenden Bücher von Günther Bergmann (Prestel 1999) und Werner Schade (Schirmer/Mosel 2001) sind auf dem Markt leider vergriffen. Vergriffen ist natürlich auch das Buch von Elizabeth Wheeler Manwaring, obgleich man mit ein wenig Geduld noch die Neuauflage von 1965 (London: Frank Cass) finden kann. Alle Bilder von Claude kann man in etwas mickriger Qualität ➱hier sehen.

Über jay

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