Heinrich Vogeler

 

Mein Freund Peter in Hamburg hat mir letztes Jahr empfohlen, Moritz Rinkes Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel zu lesen. Er kommt aus dem gleichen Kaff wie ich, und wir sind alle irgendwie Worpswede geschädigt. Aber man darf in Bremen nie sagen, dass man Paula Becker-Modersohn nicht ausstehen kann. Oder Heinrich Vogeler (der heute vor 139 Jahren geboren wurde) nicht großartig findet. Ich habe mir den Rinke natürlich nicht gekauft, ich kaufe nie Bücher, die gerade aktuell sind, die Rezensionen waren auch so wischi-waschi. Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel kaufte ich mir vor Monaten für fünf Euro (Hardcover, ungelesenes Exemplar) in einem Antiquariat. Mehr als fünf Euro ist er auch nicht wert. Moritz Rinke hat auch einen Worpswede-Komplex. Was daran liegt, dass er aus Worpswede kommt. Und weil wir Buten-Bremer diese tiefe Verbundenheit zur Heimatstadt haben, kaufen wir selbst solch schrottige Bücher wie Rinkes Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Weil die Worpsweder ja unsere Bremer Künstler sind. Sonst hat man in Bremen ja nicht so viel Kunst. Wir kaufen auch immer Heinrich Vogeler Postkarten und verschicken die, für Postkarten ist er sehr gut.

Ein Kollege von mir, der nach dem Fall der Mauer mehr in Russland als in Kiel zu leben schien, hat mir einmal den Sohn von Heinrich Vogeler vorgestellt, der war Professor für Philosophie in Moskau. So genau ich Jan Vogeler betrachtete (soweit das die Höflichkeit erlaubte): ich konnte keinerlei Ähnlichkeiten zwischen dem reizenden älteren Herren in den schlechtsitzenden Klamotten und jenem geradezu ikonischen Jugendbildnis seines Vaters auf dem Photo von 1896 (oben) feststellen. Was musste das für ihn für ein Gefühl gewesen sein, in Berlin geboren, in der Roten Armee gekämpft, nun eines Tages den musealen Barkenhoff zu sehen, den sein Vater einstmals der Roten Hilfe geschenkt hatte? War damals gerade in den Besitz des Landes Niedersachsen gekommen und frisch renoviert, vorher war er so heruntergekommen, dass man vom Barackenhof sprach.

Das erste, was ich von Worpswede hörte, waren keine Künstlernamen. Worpswede war da, wo die Roten wohnen. Sagte mein Opa, der kaisertreue Hauptmann. Und er erzählte mir von den Kommunisten, die hier eine Schule für Arbeiterkinder aufgemacht hätten. Der Vogeler und seine Rote Marie, die seien auch dabei gewesen. Nach Opas Erzählungen tobten da halbnackte, schmutzige kleine Kommunistengören durch eine Holzbaracke. Ich war damals gerade erst zur Schule gekommen. Ob Opas militärisch geführte Volksschule, die er gerade seinem Nachfolger übergeben hatte, oder das utopische Worpweder Modell besser für einen kleinen Pöks waren, das wußte ich nicht. Ich stellte mir aber die halbnackten schmutzigen Kommunistengören wie kleine Huckleberry Finns vor. Die rote Marie kannte ich auch nicht, es klang ein wenig wie eine Figur aus Opas westfälischen Gruselgeschichten. Aber inzwischen weiß ich natürlich, dass es die Marie Griesbach wirklich gegeben hat.

Wie schnell hatte sich damals die Welt geändert, seit Vogeler als eleganter Weltmann bei der Nordwestdeutschen Kunstausstellung in Oldenburg 1905 zwischen Herren in Frack und großer Uniform saß. Ein Jahrzehnt später ist er selbst in Uniform, als Kriegsfreiwilliger bei den Oldenburger Dragonern. Das ist weniger Patriotismus als eine Flucht, seine Ehe ist gescheitert, sein bisheriges künstlerisches Werk als Graphiker und Designer erscheint dem Botticelli Verehrer als Irrweg. In Süddeutschland hatte er noch einmal Rilke gesehen, der eine Dame im Pelzmantel begleitete (wahrscheinlich eine der vielen Adligen, bei denen sich der Schnorrerkönig Rilke mal wieder durchschnorrte). Aber Rilke hatte sich abrupt weggedreht und so getan, als kenne er ihn nicht. Da wusste Vogeler, dass die Traumwelt von der Jahrhundertwende endgültig vorbei war.

Am Ende des Krieges wird der Unteroffizier Vogeler (Träger des EK II, des weinroten Hanseatenkreuzes und der österreichischen Tapferkeitsmedaille), gerade auf Heimaturlaub in Worpswede, dem Kaiser einen Brief in Form eines Märchens schreiben, in dem der liebe Gott in Berlin erscheint: Gott aber ging zum Kaiser: Du bist Sklave des Scheins. Werde Herr des Lichtes, indem du der Wahrheit dienst und die Lüge erkennst. Vernichte die Grenzen, sei der Menschheit Führer. Erkenne die Eitelkeit des Wirkens. Sei Friedensfürst, setze an die Stelle des Wortes die Tat, Demut an die Stelle der Siegereitelkeit, Wahrheit anstatt Lüge, Aufbau anstatt Zerstörung. In die Knie vor der Liebe Gottes, sei Erlöser, habe die Kraft des Dienens Kaiser! Er wird sofort verhaftet und in die Bremer Landesirrenanstalt Ellen gebracht werden und nach zwei Monaten wegen eines manisch-depressiven Irresein als in keiner Weise verantwortlich für seine Taten (mit dem Zusatz kriegsuntauglich) nach Worpswede entlassen. Dem Geheimrat Stövesand war er für diese Behandlung dankbar, er hätte ja auch erschossen werden können. Der Kaiser hat es nicht so gerne, wenn man ihm ein Friedensmärchen schickt.

Der Journalist David Erlay schreibt im Vorwort zu seinem Buch Künstler, Kinder, Kommunarden: Heinrich Vogeler und sein Barkenhoff, dass im Jahre 1972, als sein Buch Worpswede-Bremen-Moskau: Der Weg des Heinrich Vogeler bei Schünemann erschien, der Maler völlig vergessen gewesen sei. Erlay vergisst dabei, dass seine Biographie (die punktgenau zur Hundertjahrfeier Vogelers erschien) 1972 nicht das einzige Buch war. Heinrich Wiegand Petzets Buch Von Worpswede nach Moskau: Ein Künstler zwischen den Zeiten war da auch erschienen, ein sehr viel seriöseres Buch. Und die wirklich lesenswerten Erinnerungen von Vogeler, 1952 posthum erschienen, waren ja auch noch erhältlich.

Und in der DDR hatte es in den fünfziger und sechziger Jahren immer wieder Bücher über Overbeck gegeben. Aber richtig ist, das zeigt ein Blick in den Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, die Masse der Vogeler Literatur ist nach der Hundertjahrfeier und der Neueröffnung des Barkenhoffs erschienen. Seriöses wie von dem Kunsthistoriker Bernd Küster, eigenständige Forschungen über Vogeler im Russland wie von dem gelernten Maschinenbauer Werner Hohmann (Heinrich Vogeler in der Sowjetunion 1931-1942. Daten, Fakten, Dokumente). Bücher, die einen ganz anderen, weithin unbekannten Vogeler zeigen, aber leider auch vieles, das nur ein modisch gewordenes Phänomen vermarktet.

Das Bild Das Konzert, das jetzt meist Sommerabend auf dem Barkenhoff genannt wird (wahrscheinlich möchte man mit dem Titel die Bilder der blauen Stunde der Skagen Maler assoziieren), ist einssiebzig mal drei Meter groß. Es ist das bekannteste Bild Vogelers, eine Art Mittsommernacht in Worpswede, ein idyllisches Zusammensein junger Künstler. Die Figuren sind beinahe lebensgroß, und wenn der große Hund nicht wäre, könnte man die Stufen der Treppe hinaufgehen und sich zu den Personen setzen. 1901 hatten Vogeler, Modersohn und Rilke geheiratet, da war die Welt, die sie so schwärmerisch erneuern wollten, noch heil. Aber das Bild zeigt auch die Grenzen von Vogeler als Maler. So akzeptabel er in seinen Buchillustrationen und in der Gestaltung der Güldenkammer des Bremer Rathauses (oben) ist, malerisch toll ist das nicht. Die Figuren wirken letztlich wie tot, weil alles nur plakativ zweidimensional ist. Man vergleiche es nur einmal mit dieser Frühstücksszene von Peder Severin Kroyer oder mit Kroyers sommerlichem Gartenfest.

Als er das Bild malt, ist dies alles nur noch Erinnerung, in allen drei Ehen kriselt es. Die Künstler sind sich untereinander spinnefeind geworden. Und an den Festen, die Vogeler (der in dieser Welt seit seinen Studententagen den Spitznamen Mining trägt, bezeichnenderweise ein Frauenname) mit diesem Bild heraufbeschwört, hat er selbst kaum teilgenommen: Ich arrangierte alles so. dass die Gäste sich selbst als Träger des Festes fühlten. Aber ehe ein Fest seinen Höhepunkt erreichte, war ich verschwunden, grundlos böse mit mir selbst. Warum konnte ich keine Feste feiern? Ich habe es nie verstanden, warum ich, der Glückspilz, dieser Mensch, dem alles gelang, was er anfasste, nun dasaß, fern vom Fest am einsamen Berghang, ein Häufchen Elend, den Kopf in den Händen und auf den den blanken Wiesenfluss starrend.

Der Barkenhoff, die Insel, wie Vogeler ihn auch nannte, war ein Treffpunkt der künstlerischen Welt geworden. Und das zählt man in Bremen gerne auf, wer alles hier war: René Rilke, Martin Buber, Gerhart Hauptmann, Thomas Mann und so weiter. Wenn man diese Namen aufzählt, dann bleibt auch immer etwas vom Schein der Kultur an Bremen hängen, das haben Bremer gerne. Furtwängler soll in Worpswede Klavier gespielt haben, heute ermittelt da nur noch seine Großnichte Maria als Tatort Kommissarin. Und dass Diego Rivera in den zwanziger Jahren kommt, um die Wandmalerei des Barkenhoff anzuschauen, das lässt man in Bremen lieber unerwähnt.

Heute gibt es in Worpswede keine Moorbauern mehr, auch wohl keine wirklichen Künstler (obgleich noch 150 freischaffende Künstler im Ort tätig sein sollen), alles was hier in den Galerien ausgestellt wird, ist Kunstgewerbe für die Touristen. Der Ort vermarktet seinen kurzen großen Augenblick in der Geschichte der Kunst, und dafür ist Vogelers Sommerabend natürlich der perfekte eingefrorene Augenblick. Selbst auf der Briefmarke. Barkenhoff, Kaffee Verrückt und der von Vogeler gestaltete Bahnhof (Erste bis Dritte Klasse) sind dankenswerterweise restauriert.

Am schönsten ist es da im Winter, wenn weit und breit keine Touristen zu sehen sind und das schneebedeckte Denkmal auf dem Weyerberg aussieht wie ein Stonehenge en miniature. Ich war da mal mit einer Freundin im Winter, da waren wir die einzigen im Kaffee Verrückt und im Barkenhoff. Eigentlich war da ja zu, aber jemand, der murmelte, dass es jetzt auch nicht mehr drauf ankäme, hat uns reingelassen. Da konnten wir ungestört den Träumen von der Liebe um 1900 nachhängen. Ich probierte die unbequemen Stühle (Design Heinrich Vogeler) aus, meine Freundin stand mit hochgezogenen Schultern am Fenster. Da hatte Martha Vogeler auch einmal gestanden, aber meine Freundin sah nicht aus wie Martha, sie hatte etwas Russisches an sich mit ihrem Pelzbesatz an der Kapuze des Wintermantels (also diesem Zeug, das heute wieder modern ist).

Als der Spinner Rilke hier angekommen war, war er wie ein Phantasierusse verkleidet, mit blauem Russenhemd und roten Stiefeln (da war er gerade von seiner Russlandreise mit Lou Salomé zurückgekehrt). Draußen versank jetzt die Welt in Schnee und es war da diese feuchte Kälte, bei der die Autoheizung von meinem NSU immer versagte. Was wäre aus uns geworden, wenn wir hier gelebt hätten? fragte meine Freundin, während ich mir ganz prosaisch überlegte, wie die wohl damals die Räume warmgekriegt hatten. Nein, ich werde von dem Worpswede Mythos nie eingelullt. Aber Vogeler Postkarten verschicke ich noch immer.

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