Franz von Lenbach

Mein Opa hatte einen Lenbach. Natürlich keinen echten, es war ein Stich oder ein Druck von einem der zahlreichen Bismarck Portraits des Künstlers, unter Glas mit schwarzem Eichenrahmen. Ich nehme an, als mein Großvater dieses Bild kaufte, hing das in jedem deutschen Wohnzimmer. Lenbach hat den Reichskanzler beinahe hundert Mal gemalt, das muss ein einträgliches Geschäft gewesen sein. Es ist mehr als ein Jahrhundert her, dass sich Opa seinen Bismarck gekauft hat. Erstaunlicherweise kann man heute noch eine Vielzahl von Reproduktionen von verschiedenen Bismarck Bilder des während des Kaiserreichs geadelten Künstlers kaufen. Gibt es noch so viele Bismarck Verehrer? Bei meinem Opa war der Kunstkauf ja zu verstehen, er ist in der von Bismarck geprägten Zeit aufgewachsen, aber wer hängt sich heute noch eine Lenbach Kopie ins Wohnzimmer? Ich würde Opas Bismarck ja aufhängen, so aus schier Schandudel (wie der Bremer) sagt, aber ich habe keinen Platz mehr an den Wänden. Und so steht der eiserne Kanzler versonnen guckend im Keller.

Der zweite Lenbach, den ich kennenlernte (weil ich schon als Kind alle Kunstbände im Haus auswendig zu lernen begann) ist so schrecklich, dass ich ihn lieber nicht abbilden wollte. Aber ich muss diesen Hirtenknaben aus dem Jahre 1860 hier zeigen, weil man ihn tausendfach heute noch als Kunstkopie kaufen kann. Vielleicht hätte Lenbach gar nichts anderes mehr malen sollen als Bismarcks und Hirtenknaben. Für Kanzlerbilder und Genrekitsch gibt es in Deutschland immer einen Markt.

Dabei hatte der junge Franz Seraph Lenbach, der heute vor 175 Jahren geboren wurde, einmal ganz anders angefangen. Als Deutschlands erster plein air Maler, wie man auf diesem Bild aus dem Sommer 1859 sehen kann. Nimmt sozusagen den Impressionismus vorweg. Aber wenn man viel Geld verdienen will und ein Münchener Malerfürst werden will, ist Impressionismus nicht so gut. Da sind Reichskanzler und Hirtenknaben schon eine sichere Bank.

Wie malt man nun beinahe fabrikmäßig den Fürsten von Bismarck, wenn der nicht immer im Studio sitzen kann? Sie ahnen es schon: Lenbach arbeitet nach Photographien. Zum einen photographiert er selbst, zum anderen vertraut er auf die Künste des Portraitphotographen Carl Hahn, der ihm hunderte von Bismarck Photos anfertigt. Es ist das Verdienst des im letzten Jahr gestorbenen Kunsthistorikers Josef Adolf Schmoll genannt Eisenwerth dies detailliert bewiesen zu haben. Denn wenn ich diesen hochoriginellen Mann nicht gelesen hätte, wäre mir das nie aufgefallen, was es heute hier zum Schluss gibt. Was natürlich auch ein wenig daran liegt, dass mich der Malerkönig von München nun wirklich nicht interessiert.

Dies hier ist ein Familienbild, der Maler, die Ehefrau und zwei Töchter schauen uns an. Ihre Haltung ist angespannt, sie scheinen den Betrachter zu fixieren. Selbstbildnis mit Familie vor der Kamera hätte der korrekte Bildtitel sein müssen, hat von Eisenwerth gesagt. Denn jeder auf dem Bild, das blonde Engelchen (die auch irgendwie ein klein wenig Lolita ist) im Vordergrund und die Gruppe im Mittelgrund guckt natürlich dahin, wo gleich das kleine Vögelchen kommt. Oder was immer der Photograph seinen Objekten zu erzählen pflegt.

Das Ergebnis der photographischen Bemühungen hatte übrigens so ausgesehen. Wer sagt denn, dass die Amerikaner in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts den Photorealismus erfunden haben? Franz von Lenbach ist nicht der einzige, der in seiner Zeit mit der Photographie experimentiert. Degas macht das auch. Und in Amerika Thomas Eakins (über den ich irgendwann noch mal schreibe). Falls Sie dieses Thema interessiert, sollten Sie sich antiquarisch eins der letzten Exemplare von dem von Erika Billeter herausgegeben Katalog Malerei und Photographie im Dialog sichern (bei dem auch Schmoll von Eisenwerth mitgearbeitet hat). Es gibt keine bessere Einführung.

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Eine Antwort zu Franz von Lenbach

  1. Nils Pooker schreibt:

    Klasse Beitrag (und sowieso ein hervorragendes Blog). Zum Thema Portraitmalerei und Fotografie gibt es auch eine frei verfügbare Dissertation der Uni München als PDF, dort mit Fokus auf eine Malerin namens Tini Rupprecht (nie gehört).
    Der direkte Link: http://edoc.ub.uni-muenchen.de/1629/1/Greif_Milena.pdf

    Viele Grüße aus Kiel

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