William Turner

Er ist vor hundertsechzig Jahren gestorben, da muss in diesem Blog, in dem schon häufig englische Kunst präsentiert wurde, natürlich an William Turner erinnert werden. Das hier war das erste Bild, das er 1796 in der Royal Academy ausstellte. Sieht ein wenig nach dem dramatischen Himmel von Loutherbourg aus (dessen Coalbrookdale bei Nacht ➱hier schon einmal zu sehen war), ein wenig auch nach Willem van de Velde d.J. (der einen großen Einfluss auf Turners Meeresbilder hatte). Die Royal Academy wird ihn drei Jahre später als ordentliches Mitglied aufnehmen, sie ist für Turner, der von Beginn an von der Akademie gefördert wurde, immer eine Art Heimat gewesen.

Boote, Schiffe und das Meer, das ganze Inventar der holländischen Marinemalerei findet sich immer wieder bei Turner. So auch in dieser Studie der Themse bei Millbank, die er ein Jahr nach den Fishermen at Sea in der Royal Academy ausstellt. Nicht mehr dieser dramatische Himmel, der wie eine Theaterdekoration für den Auftritt der Königin der Nacht aussieht. Nein, das ist ein Himmel, der schon ein klein wenig nach dem Impressionismus aussieht.

Und ein Jahrzehnt weiter, da ist er der Malerei schon beinahe ein Jahrhundert voraus, wenn er die Fischerboote vor ➱Blythe Sand bei Sheerness malt. Aber natürlich dürfen wir nicht vergessen, dass ➱Bonington, Girtin oder John Sell Cotman auch längst das Licht des Himmels entdeckt haben. Nicht dass Turner sie imitierte, er ist einer von ihnen, seine erste Aquarelle hat er in der Royal Academy schon lange vor den Fishermen at Sea ausgestellt. Turner beginnt als Zeichner und kommt dann zum Aquarell, das ist die Basis seiner Malerei.

Er hat auch den Mut, die Bilder so zu lassen, wie sie in einer Aquarellskizze erscheinen. Er malt sie nicht feinpinselig pedantisch zu Ende. So wie bei dem kleinformatigen Bild von Walton Reach im Jahre 1807. Sie merken schon, dass ich mir den Turner vor seiner Italienreise herausgepickt habe, wenn er so richtig farbenprächtig und großartig wird. Da wird er mir denn auch schon ein wenig unheimlich.

Ist er mir sowieso mit seinem riesigen Werk, zwei Turner Ausstellungen mit ihren Katalogen und ein halbes Dutzend Bücher haben mich nicht schlauer gemacht. Die Lektüre von dem, was Ruskin über ihn gesagt hat erst recht nicht. Kann ich auch nicht empfehlen. Aber einige Empfehlungen möchte ich doch abgeben. Der beste Band, der großformatig Leben und Werk (plus Katalog der Gemälde) vorstellt, ist J.M.W. Turner: His Art and Life von Andrew Wilton, 527 Seiten stark. Es gibt von dem Autor, der der unumstrittene englische Turner Spezialist ist, auf Deutsch etwas Ähnliches, das William Turner: Leben und Werk heißt. Hat aber nur die Hälfte des Umfangs, ich nehme mal an, dass man den umfangreichen Katalog der Bilder und Zeichnungen hierbei weggelassen hat.

Gute Turner Biographien sind ein Problem. Für A.J. Finberg war Turner 1939 nichts als ein gewöhnlicher Mensch, ein eingefleischter Plebejer, das würde wohl heute kein Biograph mehr schreiben. Seine ➱Biographie (hier im Volltext) ist eher eine Lebenschronik, die sich gegen die fehlerhafte Biographie von ➱Thornbury (auch im Volltext im Net zu lesen) wendet – ein Buch, das großen Schaden für das Bild Turners angerichtet hat. Aber das macht natürlich Finberg auch. Noch Anfang der sechziger Jahre konnte Sir John Rothenstein, der Direktor der Tate Gallery, sagen: Astonishing as it is there is to this day not even a biography of him that is both reliable and organized as a readable Life.

Aber das ändert wenig später Jack Lindsays Buch Turner: His Life and Work. A Critical Biography, das sicher eins der originellsten Werke zu Turner ist – controversial war damals ein vielgebrauchtes Wort der Rezensenten. Aber es wird seinem Titel gerecht, es war die erste kritische Biographie, mehr als ein Jahrhundert nach Turners Tod. Vielleicht ist sie manchmal in ihrem psychologischen Ansatz ein wenig zu simplizistisch (das sagt auf jeden Fall Anthony Bailey), aber das Buch bleibt in der Geschichte der Turner Biographien ein Meilenstein. Die offensichtlich seit Finberg im dreißig Jahre Rhythmus erscheinen: Finberg 1939 (2. Auflage 1961), Lindsay 1966 und die nächste 1997. Das ist die von Anthony Bailey, Standing in the Sun: A Life of J.M.M. Turner. Es ist eine elegant geschriebene Biographie von Turner, doch der Titel ist A Life, nicht His Life and Work wie bei Lindsay. Das Werk überlässt Bailey den Kunsthistorikern.

Wenn Sie nun kein Kunsthistoriker sind, aber einen Zugang zu William Turner suchen, hätte ich auch einen Tipp: Besorgen Sie sich antiquarisch das kleine Buch William Turner. Die Entdeckung des Wetters von Heinz Ohff. Heinz Ohff ist immer gut, ob er nun über Schinkel, den Fürsten Pückler oder Fontane schreibt. Und dieser 150-seitige Essay ist eine schöne Einführung in Turners Werk. Wenn Sie sich dann noch für €24,90 Andrew Wiltons Wiliam Turner: Leben und Werk (2010) kaufen, werden Sie schnell zum Fachmann. Und wenn Sie dann noch den hervorragenden Katalog, den das Folkwang Museum Essen vor zehn Jahren zu Turners 150. Geburtstag auf den Markt brachte (J. M. William Turner. Licht und Farbe. DuMont 2001), antiquarisch finden, dann sind Sie wirklich fein heraus.

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Eine Antwort zu William Turner

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