Ludolf Bakhuizen

In Emden da kennt man ihn schon. Vor allem, seit Henri Nannen die erste große Ludolf Bakhuizen Ausstellung in sein ➱Museum geholt hat. ➱Bakhuizen wurde zwar heute vor 381 Jahren in Emden geboren, hat aber den größten Teil seines Lebens in Amsterdam verbracht. Wo er erst sein Geld als Zeichenlehrer und Schönschreiber verdiente. Und dann mit der Marinemalerei anfing. Und damit richtig berühmt wurde. Ausgewogene Bilder in milchigen Farben, und irgendwie kalt, tot und leer. Vielleicht hätte Rembrandt auch mal so etwas malen sollen. Kann man viel Geld mit verdienen.

Das Bild da oben zeigt das Kriegsschiff Gouden Leeuw, was holländisch für Goldener Löwe ist. Es gibt verhältnismäßig wenig Löwen in Holland – außer denen auf dem Staatswappen und dem hölzernen auf See. Natürlich kann man aus der Umrisskarte von den Niederlanden einen Löwen zeichnen, was man im 17. Jahrhundert gerne gemacht hat. Die Gouden Leeuw wird nicht etwa von einem Admiral befehligt, sondern von einem Herrn, der die Berufsbezeichnung Raadspensionaris hat. Der Ratspensionär, der dieGouden Leeuw – und ganz Holland – befehligt, heißt Jan de Witt. Er war ein außergewöhnlicher Mann. Unbestechlich, keine Vorteile annehmend. Das ist im 17. Jahrhundert selten. Über unsere Zeiten wollen wir lieber nicht reden. Also zum Beispiel über Wolfgang Schäuble oder Christian Wulff.

Auf diesem Bild übergibt Jan de Witt den Oberbefehl über die holländische Staatsflotte an den Lieutenant-Admiral Michiel de Ruyter. Die beiden Herren sitzen in der kleinen Schaluppe im Schatten des linken Schiffes (der Delftland) im Vordergrund. Die Yacht mit dem von der Sonne beleuchteten Segel hat sie zur Flotte gebracht. Es ist der 18. August 1665. Michiel de Ruyter ist zwar gerade eingesetzt worden, aber noch behält der Ratspensionär das Kommando. Und führt die Flotte aus der flachen Zuidersee heraus. Das ist ein gewagtes Manöver durch das spanjaardsgat, die Stelle heißt heute noch ➱Jan de Witt diep. Der Mann, der die Geschicke Hollands lenkt, will noch einmal zeigen, dass er immer noch eine Flotte lenken kann. Das Bild ist sechs Jahre nach dem Ereignis gemalt, da haben die Holländer den Zweiten Seekrieggegen die Engländer schon gewonnen. Da hängt man sich so ein patriotisches Bild schon gerne ins Wohnzimmer. Heute hängt es in Henri Nannens Museum in Emden.

Nachdem Ludolf Bakhuizen Jahrzehnte Seestücke in fein abgestufter Tonigkeit gemalt hat, auf denen die wässrige Malerei so wunderbar wässrig ist wie eine wässrige holländische Tomate, möchte er auch mal ein wenig dramatisch sein. Wie auf diesem Bild. Allerdings sind solche Szenen (die auch immer irgendeine allegorische oder emblematische Bedeutung haben sollen) schon lange zuvor gemalt worden. Von Spezialisten dieses Genres wie ➱Andries van Eertvelt oder ➱Matthieu van Plattenberg, die können das wahrscheinlich auch besser. Aber es ist völlig egal, was Bakhuizen malt, man kauft ihm alles ab. Seit dem Jahr, in dem Jan de Witt das Kommando über die Staatsflotte an Michiel de Ruyter übergeben hat, unterhält Bakhuizen ein Studio, in dem beinahe zehn Schüler arbeiten. Die malen schon mal auf Vorrat. Während sonst die Maler in diesem goldenen Zeitalter der niederländischen Malerei auf Bestellung eines Kunden malen, ist die Marinemalerei (neben den Stilleben) die erste Bildgattung, die man immer verkaufen kann. Die Werkstatt signiert ihre Bilder mit LB, während der Meister selbst mit L.BACKH. signiert. Und dann gibt es natürlich noch eine Vielzahl von Kleinmeistern, die im Stile von Bakhuizen malen: es gibt weniger echte Bakhuizens als Bakhuizen zugeschriebene Werke.

Als ich meinen ersten Bakhuizen in der Bremer Kunsthalle sah, dachte ich, man hätte den Vornamen falsch geschrieben. Ludolf hatte ich noch nie gehört. Aber es gibt diesen Namen, diesmal stimmte das Namensschild schon. Die stimmten in der Bremer Kunsthalle unter der Ägide von Günter Busch nicht immer. Vor allem nicht die kleinen goldfarbenen Tafeln, auf denen Rembrandt stand. Die kleinformatige (34,4 x 48,5 cm) Seestück (Niederländische Fregatte mit einem Nachen im Schlepptau) stammt aus dem Spätwerk. Wolken und Wellen stammen aus der Fabrik der Marinemalerei, irgendwie sind es bei ihm immer die gleichen Wolken, die gleichen Wellen. John Ruskin ist in seinem Urteil noch gehässiger: But the Dutch painters, while they attain considerably greater dexterity than the Italian in mere delineation of nautical incident, were by nature precluded from ever becoming aware of these common facts; and having, in reality, never in all their lives seen the sea, but only a shallow mixture of sea-water and sand; and also never in all their lives seen the sky, but only a lower element between them and it, composed of marsh exhalation and fog-bank; they are not to be with too great severity reproached for the dullness of their records of the nautical enterprise of Holland. We only are to be reproached, who, familiar with the Atlantic, are yet ready to accept with faith, as types of sea, the small waves en papillote, and peruke-like puffs of farinaceous foam, which were the delight of Backhuysen and his compeers. Was mir an dem Bremer Bild gefällt ist das Licht auf dem Segel vorn und die schattenhafte Figurengruppe davor. Das kann Bakhuizen schon, mit dem Licht umgehen – wenn Holländer in der Malerei eins können, dann ist es dieses licht en lucht. 

Ich mag Bakhuizen nicht besonders, eigentlich gar nicht. Wenn man seine Bilder mit ➱Willem van de Velde vergleicht, sieht man den Qualitätsunterschied. Von ➱van de Velde konnte Turner lernen, konnte ihn in dem ➱Komplementärbild für den Duke of Bridgewater sogar übertreffen. Von Bakhuizen hätte er nichts lernen können. Außer Wellen zu malen, die wie mit dem Lockenstab gedreht sind, um noch einmal Ruskin zu zitieren. Die malerische Qualität schlägt sich auch auf dem Kunstmarkt nieder, an die Preise von van de Velde (Senior und Junior) kommt Bakhuizen nicht annähernd heran. Aber für den Fall, dass Sie sich für das hier heute interessieren, hätte ich einige Literaturtipps: Für den historischen background gibt es wohl nichts Besseres als C.R. Boxers The Dutch Seaborne Empire (Pelican). Das Katalogbuch Ludolf Backhuysen: Emden 1630 – Amsterdam 1708 (Dt. Kunstverlag 2008) ist noch lieferbar. Den exzellenten Katalog Herren der Meere – Meister der Kunst (Berlin 1996), eine eindrucksvolle Übersicht über die holländische Marinemalerei, kann man antiquarisch noch finden. Und man ganz, ganz viele Kopien von Bakhuizens Bildern bei Amazon bestellen (das dramatische da oben natürlich auch). So etwas macht mir einen Maler immer ein wenig verdächtig.

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Eine Antwort zu Ludolf Bakhuizen

  1. Nils Pooker schreibt:

    Danke für den Beitrag und für die Literaturtipps. Ich teile Ihre Meinung: Alles ist verdächtig, was als Massendrucksache bei Amazon oder Ikea landet, diese als Tempel getarnten Dschungelcamps der Kunst.

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