Berthe Morisot

Ich dachte es heute bei zwei Bildern von Berthe Morisot: die sind um Manets willen gemalt, und die Bashkirsheff malte für Bastien Lepage aus ihm, um seinetwillen. Was wir um Gottes willen tun, tun die Frauen das immer für einen Mann? Aber Menschliches und Göttliches ist gleich unerreichbar: so könnte ihre Aufgabe darum doch weit und persönlich und eigen werden? schreibt Rilke im Jahre 1907. Ja, Mme Berthe Morisot, die heute vor 170 Jahren geboren wurde, wird diese Assoziation Manet nicht los. Zumal sie auch noch Manets Bruder Eugène geheiratet hat. Dies hier ist eins der Portraits, die Manet von ihr gemalt hat. Es ist sicherlich das schönste von den elf Bildern, die er von ihr malte.

Ich glaube nicht, dass es jemals einen Mann gegeben hat, der eine Frau als absolut gleichgestellt behandelt hat, und das war alles, was ich immer verlangt habe – denn ich weiß, ich bin genauso gut wie die Männer, hat Berthe Morisot gesagt. Frauen haben es schwer in der Kunst, obgleich sich immer einzelne Malerinnen durchgesetzt haben. Wie Artemisia Gentileschi, Rosalba Carriera oder ➱Angelika Kauffmann, die ➱Liste ist lang. Es ist ja nicht, dass malende Frauen von ihren Kollegen nicht anerkannt worden wären. Die Kritiker sind die Pest, denn das sind beinahe immer Männer. Können nicht malen, aber wissen alles. Wie die Literaturkritiker: können nicht schreiben, aber wissen alles besser. Kritiker sind wie einbeinige Weitspringer, die es immer wieder versuchen, hat Harold Pinter einmal gesagt.

Berthe Morisot ist die erste Frau, die sich dem neuen Impressionismus anschließt. Sie ist eine gute Malerin. Inzwischen sagen das auch die Kritiker. Sie sagten es auch schon zu ihren Lebzeiten, obgleich das doch ein klein wenig herablassend klingt: Madame Berthe Morisot ist Französin aufgrund ihrer vornehmen, eleganten, heiteren und unbeschwerten Art. Sie hat eine Vorliebe für erheiternde und rührende Malerei. Sie zerreibt Blütenblätter auf der Palette, um sie dann mit leichten, geschickten, flüchtigen Strichen auf der Leinwand zu verteilen. Die Elemente verbinden sich harmonisch und erzeugen schließlich eine subtile, lebendige und reizvolle Atmosphäre.

1881 hat es in Frankreich eine Union des femmes peintres et sculptures gegeben, die von der Bildhauerin Hélène Bertaux gegründet wurde. Sie war nach den Konventionen der Zeit natürlich nicht Madame Hélène Bertaux, sondern als Gattin des Bildhauers  Léon Bertaux natürlich Madame Léon Bertaux. Heute dürfen die Ehefrauen von Bildhauern ihren eigenen Namen haben. Ich weiß das, da mein Onkel Karl mit einer Bildhauerin verheiratet ist und sie ihren Namen behalten hat. Das ist doch mal ein Fortschritt.

Berthe Morisot hat als Künstlerin einen nicht zu unterschätzenden Vorteil gehabt: sie kommt aus einer wohlhabenden Familie. Als 1875 in einer finanziell verzweifelten Lage die Maler Renoir, Monet und Sisley beschließen, im Auktionshaus Drouot eine Verkaufsausstellung mit Auktion zu veranstalten, schließt sie sich ihnen aus Solidarität an. Das Geld hätte sie nicht nötig gehabt. Im Figaro wurde mit folgendem Text auf die Ausstellung hingewiesen: Es gäbe hier vielleicht für Spekulanten in Zukunfts-Kunst ein gutes Geschäft… Die Impression, die die Impressionisten erzielen, ist diejenige einer auf den Tasten des Klaviers herumspazierenden Katze oder eines Affen, der sich eines Farbkastens bemächtigt hat. Wenn das nun auch noch der gefürchtete Kritiker Albert Wolff schreibt, verfehlt das natürlich nicht seine Wirkung.

Die Auktion wurde eine Katastrophe, nie erlebte, tumultartige Szenen spielten sich im ➱Hôtel Drouot ab. Der Auktionator fühlte sich gezwungen, die Polizei herbeizurufen, um die Künstler zu schützen. Die Bilder, die unter lautem Gejohle verkauft werden, erzielen häufig nur Preise, die knapp über den Kosten für den Rahmen liegen. Berthe Morisot, die es eigentlich nicht nötig hat, erzielt mit ihren sieben Bildern noch die höchsten Preise. Renoir die niedrigsten, er muss seine eigenen Bilder aufkaufen, damit er wenigstens das Geld für die Rahmen wieder reinkriegt (der Kunsthändler Durand-Ruel, der die Impressionisten von Anfang an gefördert hatte, hatte den Malern zur Verwendung von teuren, eindrucksvollen Rahmen geraten).

Bei der nächsten Ausstellung der Impressionisten 1876 im Haus des Kunsthändlers Paul Durand-Ruel, schrieb wiederum Albert Wolff imFigaroDie Rue de Peletier ist eine Unglücksstrasse. Auf den Brand der Oper ist ein neues Unglück gefolgt. Soeben ist bei Durand-Ruel eine Ausstellung eröffnet worden, die angeblich Bilder enthalten soll. Ich trete ein, und meinen entsetzten Augen zeigt sich etwas Fürchterliches. Fünf oder sechs Wahnsinnige, darunter eine Frau, haben sich zusammengetan und ihre Werke ausgestellt. Ich sah Leute vor diesen Bildern sich vor Lachen wälzen. Mir blutete das Herz bei dem Anblick. Diese so genannten Künstler nennen sich Revolutionäre, ‘Impressionisten’. Sie nehmen ein Stück Leinwand, Farbe und Pinsel, werfen auf gut Glück einige Farbkleckse hin und setzten ihren Namen unter das Ganze. Es ist eine ähnliche Verblendung, als wenn die Insassen einer Irrenanstalt Kieselsteine aufheben und sich einbilden, sie hätten Diamanten gefunden.

Das sind so die Sätze, mit denen man sich einen Ruf für die Ewigkeit zementiert. Auf jeden Fall in der Kategorie der einbeinigen Weitspringer. Vielleicht hätte der Figaro mal eine Frau für die Ausstellungsbesprechung vorbei schicken sollen.

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