Adolph Menzel

Meine Intention war, den Fürsten darzustellen, den die Fürsten haßten und die Völker verehrten, dieß war das Ergebnis dessen was Er war, mit einem Wort: den alten Fritz, der im Volke lebt, hat Adolph Menzel gesagt. Heute ist der dreihundertste Geburtstag von Friedrich II, und statt über ihn zu schreiben – was in den letzten Wochen jeder tut (sogar Thea Dorn in der Zeit) – schreibe ich lieber mal über Menzel. Nicht über den Menzel mit dem ➱Portrait seiner Schwester, nicht über den Menzel mit dem ➱Balkonzimmer. sondern über den Menzel der Friedrich Bilder. Wie zum Beispiel diesem Bild hier, Friedrich und die Seinen bei Hochkirch. Als ich klein war und mir die Welt der Bilder in den Kunstbänden anschaute, die ich zu Hause fand, begriff ich nicht, was dieses nachtdüsterne, beinahe dämonische Bild sollte. Ich begreife es heute immer noch nicht. Wenn wir nichts über die Schlacht vonHochkirch wissen, eines können wir mit einem Blick sehen: es war kein Sieg des ein Meter sechzig großen Friedrich. Wie langsam sich die beiden älteren Offiziere erschöpft vorne aus dem Graben quälen (auf den dem Bild vorausgehenden Skizzen sind sie etwas dynamischer)! Es ist ein ➱irritierendes Bild, das da am Anfang eines Jahrzehnts steht, in dem Menzel seine Friedrich Bilder malt. Es steht völlig im Gegensatz zu dem 1849 gemalten Gemälde ➱Die Bittschrift. Und es steht natürlich in noch größerem Gegensatz zu dem, was Menzel in den fünf Jahren zuvor an impressionistischen Skizzen gemalt hatte. Klicken Sie einmal diese ➱Seite an, dann wird dieser Gegensatz überdeutlich.

Irritierend war es auch für die zeitgenössischen Kritiker: Unserer Ansicht nach sollte man dem Volke die Glanzpunkte und nicht die Schattenseiten seiner historischen Vergangenheit auf diesem Wege vor Augen führen. Man war von Menzel anderes gewohnt. Denn der bis dahin unbekannte junge Maler war durch seine Illustrationen zu Franz Kuglers ➱Geschichte Friedrichs des Großen bekannt geworden, zu der er 398 Zeichnungen beigesteuert hatte. Vom Februar 1839 bis zum Juli 1842 hatte er an diesem Buch gearbeitet, dessen erster Band zur Hundertjahrfeier der Thronbesteigung Friedrichs 1840 erschien. Das Buch, in dem der Öffentlichkeit zum ersten Mal der Friedrich vorgestellt wird, der in seiner Jugend vom Vater gepeinigt wird, wird ein Bestseller. Es ist heute noch lieferbar, ist gerade vor Wochen wieder  neu aufgelegt worden. Das Werk von Kugler und Menzel verschafft ➱Friedrich II eine neue Popularität, eine Volkstümlichkeit, die er bis dahin nicht hatte. Vielleicht liegt es daran, dass Menzel den König in seiner Darstellung zu einem volksnahen Herrscher, beinahe zu einer Art Bürger macht, das ist etwas, dass das bürgerliche Publikum nach 1848 durchaus goutiert.

Kaum ist Menzel mit den Ilustrationen zu Kugers Geschichtswerk fertig, beginnt er mit den Illustrationen zu Die Armee Friedrichs des Großen in ihren UniformenDer Entschluß zu dem Unternehmen reifte an der Wahrnehmung, welch ein überschwenglich reiches Feld in derjenigen Geschichtsepoche, welche das Leben und die Thaten Friedrich’s des Großen erfüllen, unserer vaterländischen Kunst zu bearbeiten noch bevorstehe. Eine zeitraubende Arbeit, detailliert echte Uniformen (an lebenden Modellen) von jedem Regiment des Preußenkönigs zu zeichnen, bis 1857 wird es Menzel beschäftigen. Es ist jetzt von Vorteil, dass er weiß, wo er sein Material findet, denn schon während der Arbeit an dem Kugler-Buch hatte er geschrieben: Ich sitze jetzt an Vorstudien bis über die Ohren, ich habe mir Gelegenheit verschafft, alle Waffen und Kleider aus den Zeiten Friedrichs, die hier noch auf dem königlichen Muntierungs-Depot aufbewahrt werden auf dem Model nach der Natur studieren zu können, das ist mit ein großer Vortheil. Ich kann dadurch den Sachen die Authenticität geben. Authentizität ist eines seiner Lieblingsworte. Und während er sich verbissen durch die Dienstkleidung der preußischen Armee zeichnet, hat er natürlich den kleinen großen Friedrich nicht vergessen.

Friedrich über alles. Mich hat nicht so bald was so ergriffen. Der Stoff ist so reich, so interessant, so großartig, worüber Sie zwar den Kopf schütteln werden, wenn mans genauer kennen lernt, so malerisch, daß ich bloß einmal so glücklich werden möchte, aus dieser Zeit einen Cyklus großer histori­scher Bilder malen zu können. Und so malt er das Flötenkonzert, Friedrich mit der Tänzerin Barberina, Friedrich und Joseph II (der ja ein aufgeklärterer Fürst als er selbst war) und Friedrich bei Leuthen. Die ganze Fritzen-Welt, wie Fontane das so nett genannt hat. Das Bild (oben), das den Preußenkönig mit seinen Generälen zeigt, bleibt unvollendet (er mochte es nie), der Preußenkönig bleibt ein weißes Nichts.

Das malerisch schönste Bild ist sicherlich Bonsoir, Messieurs! Friedrich der Grosse in Lissa, das in der Hamburger Kunsthalle hängt. Menzel illustriert hier die Anekdote, wonach Friedrich und sein Kavalleriegeneral Ziethen nach der Schlacht von Leuthen das halbe Offiziercorps der Österreicher im Schloss von Lissa überraschen:  Erstarrt blieben sie stehen, als Friedrich mit seinem Adjutanten ganz ruhig vom Pferde stieg und sie mit den Worten bewillkommnete: „Bon soir, Messieurs! Gewiß werden Sie mich hier nicht vermuten. Kann man hier auch noch mit unterkommen?“ So schön die Geschichte ist, sie ist durch historische Fakten nicht wirklich gedeckt. Das unvollendete Bild lebt von der nervösen Dynamik der Personen und der Lichtführung in dem Chiaroscuro. War das Flötenkonzert noch ein Biedermeier Klein-Klein (oder gar ein malerischer Ausflug in die Welt des Rokoko?), wird Menzel jetzt freier, ungehemmter. Mit breitem pastosen Farbauftrag ist er jetzt ein Jahrzehnt später von einem Bild wie der Bittschrift weit entfernt. Es ist auch weit vom Zeitgeschmack entfernt, der Auftraggeber will es nicht haben, es bleibt erst einmal in Menzels Atelier.

Und er ist mit diesem Bild – wie auch solchen Bildern wie dem Mondschein über der Friedrichsgracht – wieder näher an seiner impressionistischen Phase von der Mitte der vierziger Jahre. Die Bilder vom König Friedrich verkaufen sich übrigens nicht wie geschnitten Brot, wie man heute glauben könnte. Als er die Illustrationen für Kuglers Buch übernahm, war er vierundzwanzig, die Geschichte Friedrichs des Großen war ein Auftragswerk, das eine gesicherte Bezahlung gewährleistete. Jetzt ist er ein freier Künstler, ist auf den bürgerlichen Kunstmarkt angewiesen, der damals in Berlin noch in Kinderschuhen steckt. Kunst sammelnde Bankiers und Industrielle wie Eduard Arnhold, Adolph Liebermann von Wahlendorf (der das Eisenwalzwerk kauft), Peter Louis RavenéCarl Justus Heckmann oder Magnus Herrmann wird es erst später geben. Die Aufträge vom Hofe (die ein ➱Franz Krüger hatte) sind noch nicht gekommen. Menzel überlegt sich ernsthaft, ob er nach Paris ziehen sollte.

Bevor er sein riesiges scheußliches ➱Gemälde von der Krönung Wilhelm I malt (und darin in vier Jahren 123 Einzelportraits unterbringt), schließt er seine Friedrich Bilder mit dem schönen Bild Kronprinz Friedrich besucht den französischen Maler Antoine Pesne auf dem Malgerüst in Schloss Rheinsberg ab. Wieder so eine vertrackte Perspektive mit der Treppe wie bei Bon soir, Messieurs!, aber diesmal herrscht hier keine nervöse Unruhe, sondern heitere Gelassenheit. Ein Augenblick der Unbeschwingheit in der Jugend Friedrichs, etwas ganz anderes als das nachtdunkle Hochkirch Gemälde, auf dem Friedrich beinahe isoliert von den Seinen auf den Betrachter zureitet. Ein Weg ohne Ausweg. Hier blickt er auf den Hofmaler Maler Antoine Pesne, hier ist er der Freund der schönen Künste, nicht der einsame Feldherr im Augenblick der Niederlage. Der junge Friedrich hat übrigens für den verehrten Maler auch ein Gedicht geschrieben:

Poëme adressé au sieur Antoine Pesne

Quel spectacle étonnant vient de frapper mes yeux!
Oui, Pesne, ton pinceau te place au rang des dieux;
Tout respire, tout rit, tout plaît en ta peinture,
Ton savoir et ton art surpassent la nature,
Et du fond du tableau tes ombres font sortir
L’objet que de clarté ta main sut revêtir.
Tel est l’effet de l’art, tels en sont les prestiges;
Tes dessins, tes portraits sont autant de prodiges.
Quand d’un vaillant héros, des peuples estimé,
Tu nous traces les traits et les yeux animés,
On le voit plein de feu, tel qu’entouré de gloire,
Jadis dans les combats il fixait la victoire.
Quand de la jeune Iris, brillante de santé,
Tu nous montres l’image et la rare beauté,
Je sens pour tes couleurs tout ce qu’à mon jeune âge

Und da ich bei Gedichten bin, mache ich doch gleich mit einem anderen weiter. Kennt Er Menzel? Wer ist Menzel? fragt Friedrich II in Theodor Fontanes Gedicht Auf der Treppe von Sanscouci den Dichter:

Ja, wer ist Menzel? Menzel ist sehr vieles,
Um nicht zu sagen alles; mind’stens ist er
Die ganze Arche Noäh, Thier und Menschen:
Putthühner, Gänse, Papagei’n und Enten,
Schwerin und Seydlitz, Leopold von Dessau,
Der alte Zieten, Ammen, Schlosserjungen,
Kathol’sche Kirchen, italiensche Plätze,
Schuhschnallen, Broncen, Walz- und Eisenwerke,
Stadträthe mit und ohne goldne Kette,
Minister, mißgestimmt in Cashmirhosen,
Straußfedern, Hofball, Hummer-Majonnaise,
Der Kaiser, Moltke, Gräfin Hacke, Bismarck –“
„Outrir’ Er nicht.“
„Ich spreche nur die Wahrheit.
Bescheidne Wahrheit nur. Er durchstudirte
Die groß’ und kleine Welt; was kreucht und fleucht,
Er giebt es uns im Spiegelbilde wieder.
Am liebsten aber (und mir schwoll der Kamm,
Ich war im Gang, ‚jetzt oder niemals‘ dacht’ ich)
Am liebsten aber giebt die Welt er wieder,
Die Fritzen-Welt, auf der wir just hier stehn!
Im Rundsaal, vom Plafond her, strahlt der Lustre,
Siebartig golden blinkt der Stühle Flechtwerk,
Biche („komm, mein Biche’chen“) streift die Tischtuch-Ecke,
Champagner perlt und auf der Meißner Schale
Liegt, schon zerpflückt, die Pontac-Apfelsine …“

Was Fontane hier in seiner Festgabe zum siebzigsten Geburtstag von Menzel beschreibt, ist die Bildwelt des späten Menzel. Was er nicht erwähnt, ist das Frühwerk – das kennt die Öffentlichkeit nicht. Er erwähnt neben der Fritzen-Welt auch das berühmte ➱Eisenwalzwerk. Aber was er nicht erwähnt, ist der Menzel, der es rigoros ablehnt, Bilder von den erfolgreichen Schlachten der Preußen zu malen. Germania braucht noch viel gute Maler etc: – gar nicht der vielen mediokren Schlachtbilder wegen – so ein beispielloses Ding wie unsere Armee darf nicht ihr Bestes allein bleiben, schreibt Menzel 1870 in einem Brief an seinen Freund, den Potsdamer Militärarzt Dr.Friedrich Wilhelm Anton Puhlmann. Ein Bild wie Moltke vor Paris, wie es ➱Anton von Werner malt, wird er nicht malen. Nach dem Krieg von 1866 wird er die Schlachtfelder besuchen und ➱tote Soldaten malen (oben). Jahre später wird er auf die Frage, warum er die Siege von 1866 und 1871 nicht gemalt habe, sagen: und über das Alles: muß denn der Greuel gemalt werden?!? Ich habe anno 66 (post festum) einen Ausflug nach Böhmen gemacht!– – –. Nach dem Krieg von 1871 wird er französische ➱Kriegsgefangene malen.

Und dennoch taugen diese Bilder nicht zu dem Beweis, dass Menzel ein politischer Revolutionär ist. Er hat die deutschen Siege in den Kriegen gegen Österreich und Frankreich begrüsst. Er steht treu zu dem Königshaus. Aber er malt im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen keine Propagandabilder. Er ist weder ein Jacques-Louis David noch ein Arno Breker, wie der Bremer Kunsthallendirektor Günter Busch 1981 bei der Eröffnung der Kieler Ausstellung Adolph Menzel, Realist, Historist, Maler des Hofes sagte.

Und er hatte auch niemals vor, Friedrich II zu einer mythischen Figur zu machen. Das werden andere tun, eine andere Zeit wird ihren Friedrich nicht über Menzel, sondern über Otto Gebühr kennenlernen. Und über einen Nazi-Historiker namens Karl Richard Ganzer: Als Adolf Menzel in Knabenjahren mit seinem Vater aus Breslau nach Berlin übersiedelt, muß schon die knappe Strenge, die seinem Leben ihr Zeichen aufdrückt, Herrscherin in seiner Seele gewesen sein. Menzel hat niemals Unterweisung im Zeichnen bekommen. Er ist sein eigener unbestechlicher Lehrer, er prüft und verwirft sein Werk nach eigenem unbestechlichem Urteil, er lernt Geradheit, Schärfe und Ehrlichkeit an seinem eigenen Schaffen zuerst. So wird er Meister, weil er als Suchender jede selbstgefällige Täuschung zu unterdrücken gelernt hat. Klar und streng wirft nun sein Stift, von einem schonungslosen Blick überwacht, die großen Gestalten Preußens aufs Blatt. Als ob ihn magischer Bann bezwinge, vertieft er sich in Friedrich den Großen, zeichnet ihn hundertmal, kerbt ihn in Holz, malt ihn in großen Bildern, spürt mit dem Stift seinen königlichen Geheimnis nach. So hat er Friedrichs Bild geschaffen, wie es für immer im deutschen Bewußtsein leben wird. Noch manches andere Werk ist ihm geglückt; doch daß er Friedrichs Züge zu mythischer Gestaltung geformt hat, bleibt sein unvergänglicher Ruhm.

Solche Ansichten, in dieser raunenden Sprache vorgetragen, halten sich lange bei uns. Große Teile unseres ➱Caspar David Friedrich Bildes stammen auch noch von den Nazis. Aber mit all dem hat Menzel nichts, aber auch gar nichts zu tun. Auch wenn die Besessenheit, mit der er sich der Fritzen-Welt zuwendet, schon ein wenig paradox ist. Aber er verherrlicht die aristokratische Gesellschaft nicht, häufig karikiert er sie. Diese schöne kleine Anekdote (von der verschiedene Fassungen existieren) mag das beleuchten: So fragte denn auch Kaiserin Augusta ihren Ältesten: »Fritz, sind wir denn wirklich so häßlich, wie der Menzel uns malt?« Der Kronprinz: »Ja, Mama, so häßlich sind wir!

Es ist eine kalt-objektive Nüchternheit – die Suche nach Authenticität – des Beobachters, die ihn bei der Aufbahrung der Märzgefallenen schreiben lässt: So oft nun ein neuer Zug Särge vorbeikam, trat der König barhaupt heraus und blieb stehen, bis die Särge vorüber waren. Sein Kopf leuchtete von ferne wie ein weißer Flecken. Es mag wohl der fürchterlichste Tag seines Lebens gewesen sein. Und er malt es. Und fängt als nächstes Bild die Tafelrunde von Sanssouci (oben) an. Das Bild ist, ebenso wie Friedrich und die Seinen bei Hochkirch, nicht erhalten. Es ist etwas Seltsames mit den Friedrich Bildern: manche nicht vollendet, andere Kriegsverluste. Menzels Friedrich bleibt letztlich rätselhaft, so rätselhaft wie die weiße Figur auf dem Bild Ansprache Friedrichs des Großen an seine Generale vor der Schlacht bei Leuthen.


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