Jack the Dripper

Ab 1946 entwickelte Pollock die Dripping-Technik (er lässt Farbe auf die auf dem Boden liegende Leinwand tropfen und fließen, schüttet, sprengt und spachtelt, so dass sich Strukturen, Rhythmen und Muster aus Farbspritzern und -flüssen bilden; er trägt die Farbe vielfach nicht mehr mit einem Pinsel auf, sondern lässt sie aus einem Loch im Boden einer Farbdose fließen). Mit diesen Gemälden schreibt sich Jackson Pollock in die Kunstgeschichte ein und wird zu einem der bedeutendsten amerikanischen Künstler der Moderne. Seine Bilder leben vom Kontrast und wollen damit den widersprüchlichen Gegensatz von Körper und Seele ausdrücken. Wie bei allen Künstlern des Action Painting steht der Fertigungsprozess des Kunstwerkes im Vordergrund.

Also, das ist jetzt nicht von mir, das steht im Wikipedia Artikel, das käme mir nicht über die Lippen. Jackson Pollock, der heute vor einhundert Jahren geboren wurde, hatte einmal ganz anders angefangen. Da war er Schüler von Thomas Hart Benton, einem interessanten Maler, der hier im Blog sicher noch einmal auftaucht. Beinahe alle amerikanischen Maler, die nach dem Zweiten Weltkrieg abstrakte Malerei produzieren, haben vorher anders gemalt. An dieser Stelle muss ich mal eben den kanadischen Kunsthistoriker  Serge Guilbaut zitieren. Der hat Kunstgeschichte und Philosophie in Bordeaux und Los Angeles studiert und ist nach seinem Studium Professor in Vancouver geworden. Sein Buch mit dem irritierenden Titel Wie New York die Idee der modernen Kunst gestohlen hat: Abstrakter Expressionismus, Freiheit und Kalter Krieg löste bei seinem Erscheinen 1983 ein mittleres Erdbeben in der New Yorker Kunstszene aus.

Diese Streitschrift großer Originalität war auch eine Attacke auf alle lieb gewordenen Ansichten der führenden amerikanischen Kunstkritiker. Deren Isolation beklagt Guilbaut sicher zu Recht (das ist in der Literaturwissenschaft übrigens nicht viel anders). Es läuft auf die relativ simple amerikanische Überzeugung hinaus, dass amerikanische Kunst nur von amerikanischen Kritikern verstanden werden kann. Und die am liebsten die amerikanische Kunst von der Geschichte und Sozialgeschichte abkoppeln möchten. Wir hier in Amerika haben den abstrakten Expressionismus erfunden, basta. Amerika den Amerikanern.

Wenn nun jemand die Zusammenhänge zwischen der amerikanischen Kunst von den dreißiger Jahren bis in die fünfziger Jahre an die Zeitgeschichte koppelt, dann mag man das in der New Yorker Kunstszene nicht so sehr. Die Künstler möchten sich als einsamer Schöpfer großer origineller Werke verstehen, nicht in den Zusammenhang mit Roosevelt, Stalin und McCarthy gestellt werden. Obgleich es schon etwas rätselhaft bleibt, weshalb so viele, die unter Roosevelt gesellschaftskritische Kunst produziert haben, plötzlich abstrakte Maler werden. Wenn ich Guilbauts These bösartig etwas vereinfache: wer sich in den dreißiger Jahren (zum Teil in den Förderungsprogrammen der Roosevelt Regierung) einer sozialistischen Malerei verschrieben hatte, malt jetzt im Kalten Krieg abstrakt. Dann kann einem keiner der Ausschüsse für Un-American Activities des Kongresses etwas anhaben. Dies Bild hier ist natürlich nicht von Pollock, es ist von David Alfaro Siqueiros. Der neben Diego Riviera und Jose Clemente Orozco der berühmteste politische Freskenmaler der dreißiger Jahre war. Jackson Pollock hat mit ihm zusammengearbeitet, als er noch nicht auf die Idee gekommen war, die Farbe auf die am Boden liegende Leinwand zu träufeln.

Ein Artikel im Life Magazin vom 8. August 1949 mit Photos von Hans Namuth (links) macht Jackson Pollock berühmt, heute würden wir sagen zum Superstar. Is he the greatest living painter in the United States? titelte Life. Die Preise für seine Farbverteilung auf Leinwand schnellten in die Höhe. Zum ersten Mal in seinem Leben bekam er mehr als tausend Dollar für ein Bild (fürGothic – zweites Bild von oben – erhält er 1.200 Dollar). Das steht zwar in keinem Verhältnis zu den Millionen, die man heute für einen Pollock auf den Tisch legen muss. Es sei denn, man kauft einen für fünf Dollar, wie die amerikanische Oma, die früher Lastwagen gefahren hat. Man hat die Einnahmen von Pollock in den Jahren nach dem Life Artikel von 1948 auf über 10.000 Dollar im Jahr berechnet. Wenn man bedenkt, dass 1948 zwei Drittel aller amerikanischen Familien von weniger als 4.000 Dollar im Jahr leben, und sich 1951 noch 55 Prozent unter dem Existenzminimum von 4.166 Dollar befinden, kann man Pollock nicht arm nennen. Dennoch hält sich der Mythos von den armen abstrakten Malern beharrlich.

Das hier ist Amerikas beliebtester Künstler. Nicht Jackson Pollock, das ist Norman Rockwell. Dies Bild ist sicher von großer Symbolik: ein Normalbürger vor einem Bild, das wie ein Pollock aussieht. The Connoisseurheißt es, wurde in Amerika auch schon mal als Puzzle angeboten. Ich nehme mal an, dass Puzzles von Jackson Pollock Bildern Puzzles für Fortgeschrittene sind. Aber ist es Kunst? Ich habe in meinem Post über Marcel Duchamp einer gewissen Ratlosigkeit gegenüber moderner Kunst Ausdruck verliehen. Ich hatte meinen Freund Uwe (einen pensionierten Kunstprofessor) zitiert, dass Kunst alles ist, was man verkaufen kann. Trifft auf Jackson Pollock unbedingt zu. Und dennoch bleibe ich skeptisch. Weil ich nicht glaube, das alles, was ich selbst mit Farbe und Leinwand an einem Tag hinkriege, wirklich Kunst ist. Und so einen Jackson Pollock male ich an einem Tag, no problem. Einen Yves Klein würde ich wahrscheinlich nicht so schnell hinkriegen, weil man dafür nicht nur Farbe und Leinwand braucht, sondern auch nackte Frauen, die sich in blauer Farbe wälzen.

Das hier ist kein Kunstwerk (obgleich es natürlich längst auch Automobile als Kunstwerke gibt), das ist ein Oldsmobile 88 Cabrio. So etwas hatte Pollock in grün, damit hat er sich nach einer mehrtätigen Sauftour zu Tode gefahren. Die Freundin seiner Geliebten, die auf den Rücksitzen stand und während er Fahrt schrie, dass sie hier raus wolle, ist dabei auch gestorben. Nur seine Geliebte auf dem Beifahrersitz hat den Unfall überlebt. Das grüne Jackson Pollock Oldsmobile Cabrio wird heute in Amerika als Kinderspielzeug angeboten. Und von einem Künstler namens Alasdair Macintyre zu einem „Kunstwerk“ gebastelt: Jackson Pollock’s Radio Controlled 1950 Oldsmobile Rocket 88 (with Ruth Kligman and Edith Metzger). Ich weiß jetzt nicht, ob das noch Kunst ist, oder ob das schon ein klein wenig pervers ist. Wenn man es verkaufen kann, ist es natürlich Kunst.

Der unvergessene Chas Addams (ja, der, dem wir die Addams Family verdanken) hat einmal bei einer Wohltätigkeitsauktion als Auktionator ein Bild von Jackson Pollock verkehrt herum gezeigt. Ist niemandem aufgefallen. Sie können jetzt mal eben schnell kontrollieren, ob Ihr Jackson Pollock richtig herum hängt. Wenn ich einen Jackson Pollock malen würde, würde ich natürlich auf die Rückseite this side upschreiben. Wenn man einen Jackson Pollock haben will und die Enttäuschung von dem hedge fond manager Pierre Lagrange vermeiden will, dem eine New Yorker Galerie für eine zweistellige Millionensumme einen gefälschten Pollock angedreht hatte, dann bleibt einem heute nur ein Jackson Pollock T-Shirt oder ein Jackson Pollock Turnschuh von Converse. Jackson Pollock Fans können natürlich auch für 7.99 € die DVD des Films Pollock kaufen.

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Eine Antwort zu Jack the Dripper

  1. Nils Pooker schreibt:

    Danke, herrlich subversiv geschrieben und ketzerisch argumentiert. Ich persönlich mag die Farbwirkung von Pollocks Bildern, aber die Farbwirkung von Granit mag ich auch. Eine wunderbar kurzweilige Lektüre am Samstag. Das Buch von Guilbaut ist natürlich schon bestellt.

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