Charles Wimar

Wie wird die Sache ausgehen? Wird der Ast halten, den der weiße Trapper mit dem rechten Arm ergriffen hat? Oder wird der böse Indianer noch mit seinem Messer zustossen können? Alle Beteiligten auf dem Bild haben einen leicht irren Blick, die Pferde inklusive. Der Maler dieses Bildes, der sich in Amerika Charles Wimar nennt, soll zu seinem Lebensende wahnsinnig geworden sein. Heute vor 184 Jahren wurde Karl Ferdinand Wimar in Siegburg geboren. Man weiß nicht so furchtbar viel über ihn, die Landkarte seines Lebens enthält viele weiße Flecken. Er ist als Jugendlicher mit seinen Eltern nach St Louis gekommen, war aber bald schon wieder zurück in Deutschland. In Düsseldorf, weil die Düsseldorfer Akademie damals führend in Landschafts- und Historienmalerei war. Und natürlich, weil er aus Siegburg kam, wo es noch Verwandte und Bekannte gab, da ist Düsseldorf nicht so weit weg.

Er hat zwar immer wieder geäußert, dass er in Paris oder München studieren wollte, aber er hatte kein Geld für solch hochfliegende Pläne. Er hatte auch nicht das Talent. In der Literatur wird zu Charles Wimar häufig gesagt, dass er in Düsseldorf ein Schüler Leutzes gewesen sei, doch das muss man cum grano salis betrachten. Leutze (den Wimar bewunderte) hat seine Arbeiten gesehen und ihm Ratschläge gegeben – und Wimar hat auch Leutzes Bilder imitiert – aber sein Schüler ist der junge Mann aus Siegburg nicht gewesen. Er wirkte auf die Düsseldorfer ein wenig wie ein Indianer, er hatte langes Haar und einen sehr dunklen Teint, wahrscheinlich inszenierte er sich auch so. Jetzt in Düsseldorf, wo man den Leuten alles über den wilden Westen erzählen konnte, findet er auch sein Thema: Indianer.

Die kamen nicht wie bei ➱Karl Bodmer oder ➱George Catlin aus der eigenen Beobachtung, die kamen aus der Lektüre von James Fenimore Cooper und Gabriel Ferry. Zwar hat er einmal eine Reise entlang des Mississippi mit dem französischen Maler Leon Pomarede gemacht (wenn Sie auf diesen ➱Link klicken, sehen Sie ein Bild von Pomarede), aber seine Kenntnisse von wirklichen Indianern sind doch sehr begrenzt. Insofern ist er ein wenig der Karl May der Indianermalerei. Und wie Karl May eines Tages die Orte besucht, die er beschrieb, ohne sie gesehen zu haben, wird Wimar nach seiner Rückkehr nach Amerika auch Indianerstämme besuchen.

Die Menge seiner Indianerdarstellungen (über drei Viertel seines Werks) ist jedoch in Düsseldorf gemalt – oder dort begonnen und in Amerika fertig gemalt worden. Die Bilder machen ihn in Deutschland berühmter als in der USA. Wenn er etwas anderes malt als Indianer, wie hier dieFlatboatmen on the Mississippi, dann kann er natürlich nur hoffen, dass niemand in Düsseldorf je ein Bild von George Caleb Bingham zu Gesicht bekommen hat. Und aus diesem Grund gibt es hier mal eben zum Vergleich ein Bild von Bingham.

Das ist nun sicherlich ein wenig ernüchternd. Es gibt zwar in Amerika Museen, die Bilder von Wimar haben (wie St Louis), aber kein Museum würde für einen Wimar das bezahlen, was man für einen Bingham bezahlen müsste. Wenn noch einer auf dem Markt auftauchen würde. Sagen Sie jetzt bitte nicht, dass die Atmosphäre des Mondlichts so schön getroffen ist. Das sind alles nur Versatzstücke aus dem Malkasten der Düsseldorfer Schule. Wenn Sie ein atmosphärisches Bild eines der großen amerikanischen Flüsse haben wollen, dann werfen Sie einmal einen Blick auf diesen ➱Bingham: Fur Traders Descending the Missouri.

Ich weiß nicht, was für ein Tier das da vorne im Boot ist  – ein Professor der Kunstgeschichte, der einen Vortrag über dies Bild hielt, hat mir einmal gesagt, dass es keine Katze sei – aber geheimnisvolles Tier hin oder her, dies ist ein Bild mit Atmosphäre. Charles Wimar ist nur drittklassig. Wenn’s nur das wäre, das wäre nicht weiter schlimm. Drittklassige Maler gibt es im 19. Jahrhundert genug. Aber es gibt etwas, was Wimar zu einem gefährlichen Maler macht.

Und das ist diese Sache mit der Verteufelung der Indianer. Woher haben wir denn unsere Bilder von den bösen Indianern, die nichts anderes zu tun haben, als die armen Siedler zu überfallen? Ja, die Antwort lautet leider: von Charles Wimar. Er ist nicht der einzige, aber in Deutschland hat er einen großen Einfluss auf das Indianerbild des 19. Jahrhunderts, da seine Bilder durch Stiche und Lithographien rasch Verbreitung finden. Unser deutsches Indianerbild – ob nun Karl May oder Karl Wimar – kommt aus der Retorte. Die Ideen zu Bildern wie denen von der Entführung der Töchter von Daniel Boone (oben oberhalb des Mondlicht Bildes) hat Wimar von dem damals ungeheuer populären Gabriel Ferry, den man auch den französischen Coopergenannt hat.

Dieser Indianer ist nicht von Charles Wimar, der ist von Emanuel Leutze. Der heißt Der letzte Mohikaner und wurde auch in Düsseldorf gemalt. Die Idee zu dem Bild hatte Leutze aus der Kölner Zeitung. Die hatte 1850 darüber berichtet, dass ein Indianerhäupting namens George Copway als Delegierter der christlichen Indianer Amerikas an dem dritten Weltfriedenskongress in Frankfurt teilgenommen hatte. Schwupps malt ihn Leutze als Edlen Wilden, ein Rückgriff auf ein Motiv, das zu Ende des 18. Jahrhunderts en voguewar. Zwischen Joseph Wright of Derbys ➱Bild von der trauernden Witwe eines Indianerhäuptlings und Leutzes idealisiertem Ojibwa Indianer namens Kah-ge-ga-gah-bow liegen 65 Jahre, aber der Geist ist der gleiche, Trauer und Untergang. Diese ganze Sache mit dem Noble Savage, die schon Goethe und Schiller begeisterte, ist natürlich eine gefährliche Geschichte. Romantische Titel wie Der letzte Mohikaner suggerieren uns, dass die Indianer längst untergegangen sind. Sind sie aber nicht, die Vernichtung der amerikanischen Ureinwohner steht noch bevor.

Und so wandelt sich jetzt das Bild des Indianers vom Edlen Wilden zur blutrünstigen Bestie. Und unser Karl Ferdinand Wimar aus Siegburg hat entscheidend dazu beigetragen. Zwar ist der Satz, dass nur ein toter Indianer ein guter Indianer ist, noch nicht gefallen, aber er wird kommen.

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