William Etty

Frauen können Männern den Kopf verdrehen. Aber kann eine Frau ihren eigenen Kopf so verdrehen? Das Bild ist von dem englischen Maler William Etty, der heute vor 225 Jahren geboren wurde. Er hat von klein an gezeichnet: My first panels on which I drew were the boards of my father’s shop-floor; my first crayon a farthing’s worth of white chalk, but my pleasure amounted to ecstasy when my mother promised me next morning, if I were a good boy, I should use some colours, mixed with gum-water. I was so pleased I could scarcely sleep. Er hat Unterricht bei Henry Fuseli gehabt, der eigentlich in der Anatomie des menschlichen Körpers sehr versiert war, auch wenn er Figuren gerne in manieriert verdrehten ⇰Posen präsentiert. Was ihm allerdings manchmal großartig gelingt, wie in ⇰Achilles opfert sein Haar am Scheiterhaufen des Patroklos.

William Etty hat auch ein Jahr bei ⇰Thomas Lawrence gelernt. Sein Onkel William (der nach Lawrence a beautiful draughtsman in pen and ink war) hat für diese Ausbildung hundert guineas auf den Tisch gelegt. Hat aber alles nichts geholfen, die Royal Academy lehnt erst einmal alle Bilder ab, die Etty bei Ausstellungen einschickt. Objectionable and offensive with just a veneer of respectability, urteilt ein Kunstprofessor 1828. Thomas Lawrence hat seinem Schüler aber das Gemälde Pandora Crowned by the Seasons (oben ein Ausschnitt) abgekauft.

Das Bild, das er für sein bestes hält, The Combat, Woman Pleading for the Vanquished, kann er auch nicht verkaufen. Wieder einmal wird es von einem Maler gekauft. John Martin, der sich auf apokalyptische Visionen spezialisiert hat (dies ⇰hier sollten Sie unbedingt anklicken), kauft es ihm für dreihundert Pfund ab. John Martin hat imThames and Hudson Dictionary of British Art (einem wirklich empfehlenswerten Werk) einen Artikel, der dreimal so lang ist wie der zu William Etty. Das mag das Ansehen beleuchten, dass Etty heute genießt.

Die Dame mit dem verdrehten Kopf ganz oben heißt Eliza Louisa Rolls. Sie hat den Colonel John Francis Vaughan geheiratet, Offizier und Gentleman. Als er feststellen musste, dass sein Regiment nicht für den Krimkrieg vorgesehen war, verließ er die Royal Monmouthshire Light Infantry und trat in die Royal Welch Fuseliers ein. Wenn Sie das ⇰hier anklicken, können Sie ihn vor seinem Zelt während des Krimkriegs sehen.

Eliza Louisa Rolls ist kurz vor dem Hochzeit zum Katholizismus konvertiert, weil Vaughan ein prominentes Mitglied der katholischen Gemeinde in England war. Sie ist dann ein wenig überreligiös geworden, hat jeden Tag eine Stunde lang gebetet, dass ihre Kinder einst auch Gott dienen mögen. Die Gebete sind erhört worden: alle fünf Töchter werden Nonnen, sechs ihrer acht Söhne werden Priester. Ich glaube, dass ihr niemand einen Platz im Guinness Book of Recordstreitig machen wird. Ihre Söhne werden nicht nur einfache Priester. Mehrere werden Bischöfe, Herbert wird sogar Kardinal, die beiden Nichtkleriker werden Offizier wie ihr Vater.

Aber warum wählt eine prominente katholische Familie einen Maler für ein Porträt, der schon beinahe dafür verrufen ist, dass er nur nackte Frauen malt?  Und das auch so, dass es dem moralisierenden Publikum nicht gefällt? Auf jeden Fall sagt die Times 1822: but nakedness without purity is offensive and indecent, and in Mr. Etty’s canvas is mere dirty flesh. Ähnlich derSpectator 1837: a disgusting combination of voluptuousness and loathsome putridity — glowing in colour and wonderful in execution, but conceived in the worst possible taste. Und dann haben wir noch den Morning ChronicleNo decent family can hang such sights against their walls.

Einer der Gründe der Ablehnung Ettys durch seine Zeitgenossen, liegt sicherlich darin, dass seine Malerei definitiv nicht englisch ist. Sie hat eher etwas mit der italienischen Kunst vergangener Jahrhunderte gemein. So schreibt Herbert Read 1933 im ⇰Burlington Magazine: the case of William Etty… is almost pathological in its absolute denationalisation — its utter remoteness from any consciousness of an English tradition. Etty’s sensuous colour, and his very sensuous appreciation of the human figure, are qualities very rare in English painting; but they are rare precisely because they are not English.

Leonard Robinson sagt in dem neuesten Buch über Etty (⇰hier in Teilen bei Google Books zu lesen) im Vorwort, dass wenn Etty heute lebte he would undoubtedly be the subject of much amateur psycho-analysis and, of course, feminist outrage. His fondness for the nude … would be analyzed as the consequence of frustrated sexual longings, of a bachelor condition forced on him by sexual impotence, of a pathological shyness bordering upon paranoia, of deep-seated psychological disturbances, a possible “mother fixation,” even unsavory perversions. Very few men do not desire sexual experience and we have no reason to believe that Etty was abnormal.

William Etty ist kein rake, kein lüsterner Lebemann. Er ist ein untersetzter Herr mit groben Gesichtszügen (unglücklicherweise auch noch pockennarbig), aber von immer freundlichem Wesen. Er bleibt sein Leben lang ein Junggeselle, was natürlich alle Spekulationen befeuert, die Robinson skizziert. Peter Gay, immer geistvoll und witzig, spricht von einem aesthetic voyeurism und sagt über Etty als Maler „klassischer“ Gemälde: In addition to his canvases of solitary nude women contemplating bowls of fruit, deciding whether to risk a dip in the pond, or just lying there, he produced well-received neo-classical machines [i.e. history paintings] with their budgets of nude bodies engaged in animated action or frozen in contemplative postures, and pious — but naked — Magdalens. Etty professed to study nudes the better to do his classical compositions, but I am persuaded that he created classical compositions that he might study his nudes. Dies hier sind natürlich nicht Playboy’s Playmates beim Segeln, dies ist eine Allegorie der Jugend. Wenn nackte Frauen auf der Leinwand allegorisch sind, geht das beim Publikum vielleicht noch durch. Und es hilft auch immer, wenn man ein wenig Literatur wie Thomas Grays ⇰The Bard zitieren kann, wo es heißt:

Fair laughs the morn and soft the zephyr blows,
While proudly riding o’er the azure realm
In gallant trim the gilded vessel goes;
Youth on the prow, and Pleasure at the helm;
Regardless of the sweeping whirlwind’s sway,
That, hushed in grim repose, expects his evening prey

Ja, den unheilbringenden Sturm sehen wir schon im Hintergrund, während die allegorische Nudistengruppe noch versucht, Seifenblasen zu fangen. Für John Constable, der erstaunlicherweise mit Ettty befreundet war, bleibt Youth on the Prow, and Pleasure at the Helmschlicht ein bumboat. Kann man nicht richtig übersetzen, ist aber sehr komisch. Diese Musidora hat Etty in Thomsons ⇰Seasons gefunden; dafür sind Langgedichte ja gut, man kann in ihnen alles finden. Etty brauchte den Text aber kaum zu lesen, die Musidora war schon seit dem 18. Jahrhundert ein beliebtes Motiv, ⇰Gainsborough und ⇰John Opie hatten auch schon eine Musidora gemalt. Allerdings etwas bekleideter.
Aber ich schweife ab (Sie schweifen immer ab, sagte mir letztens eine Leserin), ich wollte eigentlich zu der Frage kommen, weshalb die erzkatholische Familie Vaughan bei William Etty ein Portrait bestellt. Diese grauenhaft kitschige Maria Magdalena wäre schon ein Hinweis. Die Gestalt der Maria Magdalena ist für Etty natürlich das ideale Sujet, die ⇰fallen woman (ob nun Heilige oder nicht) wird für die viktorianische Malerei ein Lieblingsthema. Wenn Sie John Fowles‘ The French Lieutenant’s Woman gelesen haben, wissen Sie mehr darüber.

Schauen Sie doch mal eben dies Bild von Augustus Egg an. Die verzweifelte Sünderin in diesem ⇰narrative painting auf dem Fußboden, die Kiddies im Hintergrund wissen nicht, was los ist, ihr Kartenhaus ist (wie ihr Leben) gerade am Zerbrechen. Aber der selbstgerechte Ehemann, was für eine Pose! Der zerschnittene Apfel ist natürlich auch von großer Symbolik, eine Hälfte liegt wie die Sünderin auf dem Boden. In der anderen Hälfte steckt ein Messer, so wie die Ehebrecherin dem viktorianischen Gentleman ein Messer in die Brust gerammt hat. Symbolisch gesprochen. Hach, wie ich diese billige melodramatische Symbolik liebe. Wir Modehistoriker interessieren uns natürlich eher für die gelbe Weste des Hausherrn und die Art, wie er seinen Zylinder plaziert hat. So stellt man in der feinen Welt den Zylinder hin, man könnte ihn ja auch anders herum hinstellen, bei Proust in derRecherche wird aber auch diese Methode empfohlen. Wahrscheinlich, damit jedermann die goldene Schrift des Herstellers auf der weißen Seide des Futters lesen kann.

Etty ist zwar Methodist gewesen (und ist auch sein ganzes Leben lang fleißig zur Kirche gegangen), aber er liebäugelt mit dem Katholizismus. Viele halten ihn für einen Katholiken, wahrscheinlich die Familie Vaughan auch. Etty bewundert den ganzen Pomp der katholischen Kirche, er besucht auch von Zeit zu Zeit die Messe. He now and again attended Mass for the music’s sake, sagt Alexander Gilchrist, der neben seiner großen William Blake Biographie auch eine Biographie von William Etty geschrieben hat.

Und in dieser Biographie erfahren wir auch, dass Etty sich im Schlafzimmer etwas Seltsames gebastelt hat:a dilettante … monkish altar: a pure white cloth with beautiful fringe; on it a splendid crucifix. Above that a drawing of the Entombment by Raphael and figures of Justice and Theology after Raphael on either side. Beneath the crucifix, a silvery butterfly, emblem of the Soul, enriched with a crown of thorns in wrought silver; a Chalice and Sacramental Cup, a row of Catholic Beads and cross; an hour glass, three ancient books (centuries old). On the right, look! and you’ll see a piece of deep black velvet, with border and tassels of gold; on it a cross of richest crimson velvet: lift up the corner and you will see — not what we are, but what we soon shall be.
Die reuige Maria Magdalena kann man sich als gläubiger Katholik wahrscheinlich ungestraft ins Schlafzimmer hängen – man kann auch heute noch eine Unzahl textilfreier religiöser und allegorischer Frauengestalten von Etty als Reproduktionen laufen. Aber wer würde das heute tun? Die Anerkennung der Öffentlichkeit ist spät gekommen, aber sie kommt. Auch die Royal Academy nimmt ihn irgendwann auf. Das Geld hat er nicht unbedingt gebraucht, da ihm sein Onkel (der ihm das Jahr Malunterricht bei Thomas Lawrence bezahlt hatte) ein schönes Vermögen hinterließ. Man könnte natürlich sagen, dass William Etty echte Avantgarde war, denn einige Jahrzehnte später sind bei aller Prüderie und Verlogenheit, die die Viktorianer auszeichnet, nackte Frauen – wenn sie nur allegorisch genug sind – ganz gewaltig en vogue. ⇰Alma-Tadema, Edward Poynter und Lord Leighton verdienen sich mit so etwas dumm und dösig.

Es gibt zu dem Thema der fallen woman, insbesondere der Maria Magdalena (und diese kleine Abschweifung muss noch gestattet sein) noch eine spezielle englische Variante. Und das ist das Bild mit dem Titel The Fallen Madonna with the Big Boobies des holländischen Malers Van Klomp. Den kennen Sie nicht? Seien Sie unbesorgt, Maler und ⇰Bild kommen nur in der BBC Serie ‚Allo, ‚Allo! vor. Für die freundlicherweise gewährte Unterstützung bei einigen Dreharbeiten hatte die BBC dem Marquess of Bath eine Kopie dieses als running gag auftauchenden Gemäldes geschenkt. Und was macht dieser Mann des Hochadels damit? Richtig, er hängt den kunsthistorischen joke in seinem Schloss zu den alten Meistern. Falls Sie den Marquess of Bath schon mal im Fernsehen gesehen haben, werden Sie sich nicht darüber wundern. Falls Sie ihn nicht kennen, klicken Sie doch mal eben ⇰hier.

In den fünfziger Jahren konnte man noch in deutschen Wohn- und Schlafzimmern nackte Zigeunerinnen an der Wand sehen – die echten Nachfolgerinnen der von William Etty initierten Kunst. Die nackten Zigeunerinnen sind rar geworden. Wenn man heute cool ist, hat man einen Helmut Newton (natürlich Handabzug des Meisters und handsigniert) an der Wand. Soll angeblich auch Kunst sein. Ich habe all so etwas nicht. Aber ich habe im Bad eine echte germanische deutsche Blondine, 1940 gemalt. Adolf Hitler hätte das bestimmt für große Kunst gehalten. Hat mich auf dem Flohmarkt mal zehn Euro gekostet. Meine Gäste lachen sich jedes Mal schlapp, wenn sie das Badezimmer aufsuchen. Ist nicht ganz so gut, wie der Gag mit der Fallen Madonna with the Big Boobies, ist aber auch witzig.
Und wenn Sie jetzt noch etwas Ernsthaftes zum Thema haben wollen: lesen Sie Kenneth Clark The Nude: A Study of Ideal Art und Alison Smith: Exposed: The Victorian Nude.

Über jay

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