Jens Peter Jacobsen

Jens Peter Jacobsen, liest den überhaupt noch jemand? Dieser dänische Botaniker und Darwin Anhänger (er übersetzte Darwins Werke ins Dänische) mit den feinsinnigen Gefühlsschilderungen scheint mir ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Ich will gerne bekennen, dass ich ihn mag, und es kann auch nicht schaden, heutzutage noch Romane wie Niels Lyhne, Frau Marie Grubbe und Novellen wie Mogens oder Hier sollten Rosen stehen zu lesen. Und natürlich Schönbergs Vertonung der Gurre Lieder zu hören. Jens Peter Jacobsen wurde heute vor 165 Jahren geboren, was liegt näher, als ein Gedicht von ihm hierher zu stellen? Das Gedicht, das ich mir ausgesucht habe, heißt Griechenland.

Nun werden Sie fragen, weshalb musste es dieses Wort sein, dass in unseren Tagen einen so schlechten Klang hat? In Jacobsens Roman Niels Lyhne kommt Griechenland nicht vor. Nur einmal, wenn es um das künstlerische Talent des jungen Eriks geht, heißt es: Eriks Aufenthalt auf Lönborggaard währte nur ein Jahr oder auch anderthalb, denn Lyhne hatte bei einem Besuch in Kopenhagen mit einem bedeutenden Bildhauer gesprochen und ihm die Skizzen des Knaben gezeigt, und Mikkelsen, der Bildhauer, hatte gesagt, daß sich in ihnen ein unverkennbares Talent zeige, und daß das Studieren Zeitverschwendung sei, es bedürfe keiner besonderen klassischen Bildung, um einen grieschischen Namen für einen nackten Menschen zu finden. Deswegen wurde verabredet, daß Erik gleich in die Hauptstadt geschickt werden sollte, um die Akademie zu besuchen und in Mikkelsens Atelier zu arbeiten. Ich glaube, den Satz daß das Studieren Zeitverschwendung sei, es bedürfe keiner besonderen klassischen Bildung, um einen griechischen Namen für einen nackten Menschen zu finden, sollten wir uns mal merken.

Und wir sollten uns auch immer daran erinnern, dass Winckelmann, dem wir diesen ganzen Klassikkram verdanken, nie in Griechenland war. Ich persönlich habe nichts gegenedle Einfalt, stille Größe und könnte auch stundenlang griechische Plastiken anschauen, solange mich niemand fragt, was sie darstellen. Oder mich bittet, doch einmal John Keats Gedicht On Seeing the Elgin Marbles aufzusagen. Ich zitiere das hier heute einmal, weil es ganz schön zu Jacobsens Griechenland Gedicht passt.

My spirit is too weak—mortality
Weighs heavily on me like unwilling sleep,
And each imagined pinnacle and steep
Of godlike hardship tells me I must die
Like a sick eagle looking at the sky.
Yet ’tis a gentle luxury to weep
That I have not the cloudy winds to keep
Fresh for the opening of the morning’s eye.
Such dim-conceived glories of the brain
Bring round the heart an undescribable feud;
So do these wonders a most dizzy pain,
That mingles Grecian grandeur with the rude
Wasting of old time—with a billowy main—
A sun—a shadow of a magnitude.

Ich habe Erich von Mendelsohns Übersetzung von JacobsensGriechenland genommen, nicht die von Rilke. Weil ich Rilke nicht mag und weil das bei ihm alles zu sehr nach Rilke und zu wenig nach Jacobsen klingt, aber für Rilke Liebhaber gibt es ➱hier seine Übersetzung. An vielen Stellen kann man lesen, dass Rilke die dänische Sprache beherrschte. Dänisch lernen will ich, schreibt er an Lou Andreas Salome. Er schreibt nicht: ich will Dänisch lernen, er stellt den Satz um, schließlich ist er Rilke. Und ein Buch will er schreiben über den von ihm verehrten Jens Peter Jacobsen. Und einen langen Essay über den Maler Vilhelm Hammershøi. Kriegt er auch nicht hin, ich nehme mal an, dass seine Dänischkenntnisse auf der Ebene von Røde Pølser und Smørrebrødsteckengeblieben sind. Falls Sie es genauer wissen wollen, lesen Sie doch den Professor aus Yale ➱George C. Schoolfield, der weiß es.

Aber nun Jens Peter Jacobsens Griechenland:

Weiß ist der Marmor,
Doch leuchtet er nicht.
Schlank sind die Säulen,
Doch ragen sie nicht.
Üppige Pracht der Kapitäle ist verschwunden.
Zusammengerollt ist das Akanthosblatt,
Ist welk und gefallen,
Mischt verwitternd seinen Staub mit dem des Sockels.
Leer sind die goldnen Schalen,
Ihr Erz führt keine Sprache.
Hebe hat nur Tränen,
Bacchos hat nur Weinlaub,
Schläfrig spielen die Panther mit dem Thyrsos.
Vor Alter zittert Zeus‘ lockenschweres Haupt,
Poseidon ficht mit seinem Dreizack seltsam in der Luft,
Und Phöbos sieht betrübt nach seiner Sonne;
Der ledigen Pferde Hufe
Trampeln auf strangloser Leier.
Es schlummern die Musen,
Getrennt sind die Grazien.

Doch alle seine Blätter hat der Lorbeer.

Zwischen den Säulen steht dort ein Lorbeer,
Starkstämmig, kurzstämmig, großkronig und breit.

An den Säulen herab, in ihnen wurzelnd.
Laufen die dornigen Ranken,
Spielt das flimmernde Laub
Der Pflanze, deren purpurgoldene Rosen
Von den Frauen des Südens geliebt sind.
Vieler Männer Wege gehn an den Säulen vorbei,
Aller Männer Blicke hüten die Rose,
Viele Blüten trägt sie,
Und hochgeborene.
Doch bevor der Tag gekommen,
Ist ihr Blütenflor geteilt.

Doch alle seine Blätter hat der Lorbeer.

Die klassizistischen Gebäude, die diesen Text verzieren, stehen natürlich in Griechenland. Gebaut wurden sie allerdings nicht von den alten Griechen, sondern von…einem DÄNEN! Er heißt Theophil von Hansen, ist nicht verwandt mit Christian Frederik Hansen, der die Palmaille in Hamburg gebaut hat. Theophil (von) Hansen war der Hofarchitekt von einem Bayern namens Otto Friedrich Ludwig von Wittelsbach. Den haben die Griechen gerade zu ihrem König gewählt. Und der fängt mit seinem Baumeister gleich an, den Griechen ihre eigene Kunst, sozusagen in der Vorwegnahme der Postmoderne, ins Land zu bringen. Nach wenigen Jahren mochten die Griechen ihn nicht mehr, obgleich er wahrscheinlich gar kein schlechter König gewesen war. Er soll sogar mal einen ausgeglichenen Staatshaushalt hingekriegt haben. Wenn er auf einem englischen Kriegsschiff Griechenland verlässt, nimmt er seine Kronjuwelen wieder mit. Die Bauten von Hansen bleiben natürlich in Athen, weil sie immobil sind. Als Otto 1867 starb, sollen seine letzten Worte Griechenland, mein Griechenland, mein liebes Griechenland gewesen sein.

Den nächsten König holten sich die Griechen dann – Sie ahnen das jetzt schon – aus Dänemark. Und die Bauten von Theophil von Hansen stehen immer noch, wenn vielleicht auch die üppige Pracht der Kapitäle verschwunden und das Akanthosblatt welk und gefallen ist. Das liegt an den Autoabgasen in Athen.

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